Weihnachten macht schön! Dieses Jahr auch?

Predigt in der (vorgezogenen) Christmette am Hl. Abend im Passauer Dom – hier im Video und darunter folgt der Text zum Nachlesen:

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Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

war das Weihnachten vor 2000 Jahren eigentlich schön? Oder war es hässlich, voll Not und Armut und Leid? Beides! So würden wir vermutlich antworten. Das Hässliche war, dass Josef und seine hochschwangere Frau nach langer Reise keinen Platz bei der Verwandtschaft oder in der Herberge bekamen; und dass die Umstände bei der Geburt Jesu so ärmlich waren, schmutzig und kalt. Sie waren ausgestoßen und ziemlich verloren dafür, dass der Evangelist Lukas hier zugleich etwas Unfassbares ankündigt: Mitten in dieser Armut ereignet sich etwas, von dem wir glauben, dass es letztlich die ganze Welt verändert und auch das Leben jedes einzelnen Menschen verändern kann. Hier kommt nicht nur einfach etwas Schönes in die Welt, eben ein Baby bei armen Leuten. Sondern hier kommt die Quelle, der Ursprung aller Schönheit und Herrlichkeit neu in unsere Welt. Hier kommt der, der alles, was ist, schön macht, schöner macht.  Auch uns Menschen. Denn an Ihm, an Jesus, können wir lernen, dass ein Mensch auch noch mitten in der Armut der Krippe oder sogar in der Qual und der Todesnacht des Kreuzes – immer noch schön sein kann. Das steht zumindest im Evangelium bei Johannes: Am Kreuz, so sagt er uns, erscheint die Herrlichkeit der Liebe Gottes.

Die ganz, ganz Schönen waren plötzlich weniger schön

Ein erläuterndes Beispiel dafür: Als junger Kerl habe ich mich wie die meisten anderen für Mädels interessiert. Und natürlich haben mich besonders die besonders Schönen interessiert. Aber dann habe ich auch festgestellt, dass diejenigen unter ihnen, die am meisten Mühe und Geld und Interesse in ihre eigene äußere Schönheit investiert haben, dass ich gerade die dann gar nicht mehr so schön fand. Sondern manchmal eher wie eine schön hergeputzte Fassade, aber innerlich blass, ichbezogen, uninteressiert und deshalb auch uninteressant. Das, was uns Menschen wirklich schön macht, kommt von tief innen. Und liebe Schwestern und Brüder, manchmal erkennt eine innere Schönheit eines Menschen auch nur der, der selbst von der Schönheit berührt ist. Und zwar von der, die an Weihnachten bei uns angekommen ist. Liebe macht sehend. Und das Berührtsein durch die göttliche Liebe lässt alles neu sehen.

An Weihnachten ist der Himmel offen

Wir dekorieren an Weihnachten Tannenbäume mit vielen Lichtern, bunten Kugeln, schönem Schmuck – als wollten wir sagen: Siehst du nicht, dass diese göttliche Schönheit die ganze Natur, die ganze Schöpfung neu zum Leuchten bringt? Siehst Du nicht, dass die Melancholie, die sonst über der ganzen Schöpfung liegt, die Vergänglichkeit, das Leid, die Bedrohung mit dem Tod, siehst Du nicht, dass all das jetzt nicht mehr das letzte Wort haben wird? Die Welt leuchtet heute Nacht, die Schöpfung leuchtet neu, der Mensch leuchtet neu, er kann aufatmen. Die Menschen kommen zusammen, umarmen sich, beschenken sich, freuen sich aneinander. Alle finden sich gegenseitig schöner, liebenswerter als sonst im Jahr. An Weihnachten ist der Himmel offener als sonst! Hört ihr nicht die leise Schönheit der Himmelslieder auch in unsere Welt hinein klingen?

Aber dieses Jahr fallen die Umarmungen aus

Und dennoch, liebe Schwestern und Brüder, fällt es uns dieses Jahr schwerer als sonst, die Atmosphäre des offenen Himmels auch in uns und unter uns erfahrbar werden zu lassen. Die himmlischen Lieder hörbar werden zu lassen und zum Klingen zu bringen, seine Schönheit auch dieses Jahr zu entdecken. Ein Virus scheint sich zwischen uns und dem Himmel wie eine dunkle Wolkendecke ausgebreitet zu haben. Das Wort Pandemie klingt ja schon so wie eine flächendeckende Düsternis, die sich über die Erde legt. Wer mag da noch feiern? Und vor allem, wer kann da noch feiern – wenn es so viele nicht gemeinsam können? In unseren Heimen, Krankenhäusern oder in den Wohnungen der Einsamen? Umarmungen fallen flächendeckend aus.

Das Virus verschärft die Krisen – auch die der Kirche

Und das Virus verschärft auf der ganzen Welt bestehende Krisen, die Umweltkrise, die Krise die durch weltweite Migrationsbewegungen ausgelöst wird, die Krise der Demokratie, die Krise der Kirche. Und wenn in allen Krisen eben auch die Kirche in der Krise ist, glauben die Menschen dann noch an Weihnachten, an die Geburt des Gottessohnes? Wird es dann in dieser Weihacht trotzdem noch hell, oder bleibt es dunkel? Krise, liebe Schwestern und Brüder, bedeutet wörtlich Entscheidung oder Unterscheidung oder auch Gericht. In Krisen entscheidet sich also etwas. Papst Franziskus sagt, die Krise zeigt, dass die Guten besser und die Schlechten oft noch schlechter werden. Wir sehen zum Beispiel zur Zeit, dass mancherorts die Solidarität der Menschen untereinander so viel größer wird aber andernorts die Ausbeutung und Marginalisierung der Schwachen ebenfalls. Und mir scheint auch manchmal, dass die Dummheit nicht weniger wird. Wie kommt hier Weihnachten ins Spiel?

Weihnachten diesmal? Noch mehr Fassade – oder der Weg zurück?

Nun, wenn Krisen etwas unterscheiden und entscheiden lassen, dann im Blick auf Weihnachten und seine Schönheit vielleicht dieses: Kann es sein, dass wir uns in den letzten Jahrzehnten an Weihnachten immer mehr vor allem um den äußeren Putz des Festes bemüht haben? Dass wir also immer noch mehr künstliche Lichter angezündet haben? Noch mehr Kommerz gelebt haben? Noch mehr äußere Umtriebigkeit haben walten lassen? Vielleicht um zu verdecken, dass da von innen gar nicht mehr so viel vom ursprünglichen Weihnachten in uns leuchtet? Von der Hoffnung, die von diesem Kind ausgeht? Und das in uns Glaube, Vertrauen, Liebe aufleuchten lässt? Und kann es sein, dass wir gerade jetzt, wo vieles von dem wegfällt, neu vor die Frage gestellt werden: Was bedeutet Weihnachten eigentlich wirklich für mich? Sind wir nicht neu in der Krise vor eine Entscheidung in der Frage gestellt: Kann oder will ich wirklich an Jesus, den Christus, glauben? Macht diese Krise also meinen Glauben stärker oder lässt sie ihn erst recht verdunsten?

Das Kind in der Krippe macht schön

Liebe Schwestern und Brüder, eben habe ich schon gesagt, dass wirkliche Schönheit von innen leuchtet. Und die christliche Erfahrung ist, sie leuchtet in denen besonders, die sich vom Licht des Kindes anstrahlen, erleuchten lassen; die auf ihn vertrauen lernen. In denen geht ein inneres Leuchten auf, das schön macht. Und das Schöne hat seine Berechtigung in sich selbst. Vom Schönen sagen wir: Es ist gut, dass es das gibt, weil es schön ist. Wenn wir aber nun als Menschen die Berührung durch die Schönheit des Christuskindes verlieren, dann sind wir alle gefährdet, uns permanent auch selbst äußerlich schön machen zu wollen, attraktiv, erfolgreich, mächtig, reich, anziehend für andere. Wir brauchen dann ständig die Bestätigung von den anderen, weil wir innerlich nicht mehr so recht glauben können, dass wir wirklich aus uns selbst von Jesus her als wirklich schön gemeint und gemacht und geliebt sind. Wir tun uns dann schwer zu glauben, dass uns wirklich irgendjemand um unserer selbst willen liebt. Und dann neigen wir deshalb dazu, Weihnachten vor allem selbst zu inszenieren – und machen es nur mehr zu einer weiteren Form unseres eigenen Aktionismus, der uns bestätigen soll.

Es braucht keine Inszenierung mehr

Liebe Schwestern und Brüder, die von vielen erfahrene Armut an diesem Weihnachten, aber auch die Freiheit von allen möglichen Aktionismen, kann uns also in diesem Jahr in eine neue innere Bewegung führen. Sie kann uns helfen zu verstehen: Ob wir selbst nun Weihnachten machen oder inszenieren ist eigentlich belanglos! Denn Gott kommt von selbst durch Jesus in die Welt und lässt von sich aus Weihnachten werden. Er ist schon da – und will uns in eine Umkehr führen, die lernt zu verstehen: „Ehe ich selbst noch irgendetwas gemacht oder geleistet oder inszeniert habe – bin ich von Dir, Gott, schon schön gemacht und gemeint und geliebt.“ Und er, Gott, will, dass wir gerade an Weihnachten diese Quelle in uns neu entdecken, er will, dass wir zu ihr zurückkehren. Er will, dass wir unsere Selbstinszenierungen hinter uns lassen, und dass wir sie uns von ihm vergeben lassen. Und er will, dass wir so in unserem Inneren Jesus wirken lassen, indem wir ihn in uns ankommen und immer wichtiger werden lassen. So kehren wir innerlich zu der Quelle zurück, die uns alle schön macht und von innen her leuchten lässt – die uns zu Christen macht, weil wir zu Christus gehören. Und die uns befähigt, zuerst aus Dank zu leben und aus der Freude, zu Ihm zu gehören.

„Du bist der schönste von allen Menschen“

Liebe Schwestern und Brüder, ich möchte Ihnen an diesem Weihnachten besonders sagen: Jeder und jede von Ihnen hat in sich etwas Schönes – einzigartig, unersetzbar und unwiederbringlich. Und es kommt von dem, von dem es im Psalm heißt: „Du bist der Schönste von allen Menschen“ (Ps 45,3). Er, der Christus, hat Sie gemacht. Und er sehnt sich jeden Tag danach – und besonders an Weihnachten, dass dieses Schöne immer neu und immer mehr zum Leuchten kommt. So wird Weihnachten wirklich schön – und kein Corona und keine sonstige Not können es verdunkeln. Diese Erfahrung wünsche ich Ihnen allen. Amen.