Wer kann gesegnet werden? Und was ist dazu die Lehre der Kirche?

In Glauben erklärt, Texte/Präsentationen, Wortmeldungen von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Reflexionen über den Menschen und die Werte, über Sexualität, Liebe und Erlösung

Wer kann aus Sicht der katholischen Kirche gesegnet werden? Jeder Mensch, ohne Ausnahme! In jeder Hl. Messe etwa erhält jeder der teilnehmenden Gläubigen am Ende der Feier den Segen des Priesters. Ohne Ausnahme und ohne zu fragen, in welcher Lebensform eine Person lebt und welche geschlechtliche Orientierung sie hat. Derzeit wird aber immer intensiver diskutiert, ob die Kirche nicht endlich auch Beziehungen segnen soll, die ausdrücklich das sexuelle Verhältnis einschließen – ohne zugleich eine Ehe im kirchlichen Verständnis zu sein. Die Frage betrifft nicht nur die Verbindung zwischen Menschen in gleichgeschlechtlichen Beziehungen, sondern zum Beispiel auch Menschen, die nach der Scheidung einer sakramental gültigen Ehe erneut in Beziehungen leben. Oder auch solche, die sexuelle Beziehungen leben, ohne sakramental verheiratet zu sein oder ohne in diesem Sinn heiraten zu wollen. Ich möchte im Folgenden zunächst mit Hilfe von derzeit gängigen Fragen schlicht das darlegen und begründen, was diesbezüglich und aus meiner Sicht unsere geltende kirchliche Lehre ist – welche Implikationen die Forderungen nach Veränderung in sich tragen –  und warum eine erneuerte Seelsorge im Sinne von Papst Franziskus notwendig ist.

  1. Warum der Segen die sexuelle Verbindung nicht aussparen kann
  2. Ehrlicher Sex ist exklusiv
  3. Gott und mein besseres Selbst
  4. Gebrochene Sexualität
  5. Werte und Wertungen
  6. Der zentrale Punkt: Die Begegnung mit Christus verändert real
  7. Eine erneuerte Lehre vom Menschen?
  8. Und die seelsorgliche Praxis?
    1. Warum der Segen die sexuelle Verbindung nicht aussparen kann
Was heißt segnen?

Segnen heißt lateinisch: bene-dicere, gutheißen, etwas bejahen. Und wenn es kirchenamtlich geschieht, dann heißt es: Einen verheißenden, bejahenden Zuspruch im Auftrag Gottes geben, im Auftrag Jesu, der die Apostel und ihre Nachfolger beauftragt hat, an seiner statt zu binden und zu lösen (Mt 18,18) – und zu segnen (Lk 6,28). Und weil Gott der Schöpfer jedes Einzelnen ist, kann jeder Einzelne und jedes Einzelne, zumal jedes Lebendige gesegnet werden. Auch dann noch, wenn etwa der zu segnende Mensch an Leib und Seele nicht heil ist. Aber er ist und bleibt Gottes geliebtes Geschöpf – wie verloren einer auch scheinen oder sein mag. Anders sieht das für Beziehungen aus: Beziehungsformen sind Ausdrucksformen menschlichen Handelns – und nicht jedes Handeln ist richtig und gut, daher auch nicht jede Beziehung. Und daher kann auch nicht einfach jede Beziehung gesegnet werden. Wie also sieht es mit Beziehungen aus, die die sexuelle Aktivität einschließen?

Der Segen und die sexuelle Verbindung

Der Segen, so sagen die Befürworter der Segnung von nicht-ehelichen Beziehungen, würde zuallererst auf Werte zielen, wie zum Beispiel auf die gelebte Treue, die gegenseitige Übernahme von Verantwortung und Fürsorge. Das Sexuelle dürfe man dabei eben nicht so in den Vordergrund stellen, die anderen Werte und das viele Gute in solchen Beziehungen seien wichtiger und daher segenswürdig – so argumentieren auch nicht wenige. Warum aber schließt die Lehre der Kirche in ihre bisherige Betrachtung der Dinge die sexuelle Dimension so ausdrücklich ein? Oder vielmehr: Warum wird die sexuelle Beziehung sogar zu einem wesentlichen Kriterium über die Frage, ob eine Verbindung gesegnet werden kann oder nicht?

Ein wesentlicher Punkt ist: Weil aus Sicht des Glaubens der Kirche eine Ehe erst durch den sexuellen Akt vollständig geschlossen wird. Ohne diesen wäre sie nicht „vollzogen“, wie es das Kirchenrecht formuliert – und könnte zum Beispiel auch nach einer gültigen Trauungszeremonie immer noch vom Papst wieder aufgelöst werden (in kirchenrechtlicher Sprache hieße das: Die Ehe wäre ratifiziert, aber nicht vollzogen). Das heißt umgekehrt: Jede Beziehung, die keine Ehe ist, aber die sexuelle Begegnung einschließt, vollzieht also einen Akt, der eine Ehe zur Ehe macht, obgleich es keine Ehe ist. Dieser Widerspruch wäre so gesehen ein Ja und ein Nein zugleich – und nicht einfach ein Ja, das so tief reicht, dass es den lebensspendenden Akt einschließt. Ein widersprüchliches Handeln kann nicht gut gesegnet werden.

2. Ehrlicher Sex ist exklusiv
Warum nur „für zwei“ und nicht wirklich „für alle“?

Dazu kommt, dass der sexuelle Akt auch schon in bloß anthropologischer Hinsicht einen exklusiven Charakter hat. Bei den allermeisten Menschen ist das Bewusstsein vorhanden, dass Sex als Akt tiefster Intimität eigentlich nur mit einer bestimmten, am besten einer einzigen Person geteilt werden soll: der Eine, die Eine. Mehrere Sexualpartner gleichzeitig zu haben, ist oft verletzend – zumindest zumeist für die, die nur einer unter mehreren Sexualpartnern eines einzelnen sind.

Wenn daher gesellschaftlich oder bisweilen auch innerkirchlich die so genannte „Ehe für alle“ diskutiert wird, geht man wie selbstverständlich davon aus, dass es bei dem, was hier mit „Ehe“ gemeint ist, auch nur um zwei Menschen geht – welchen Geschlechts auch immer. Und der jüngste Akt in der deutschen Gesetzgebung für dieses Recht auf die „Ehe für alle“ war nun eben der, auch das Recht auf Adoption für genau zwei Menschen geltend zu machen, gleich welchen Geschlechts die beiden sind, wenn sie nur zu zweit füreinander sorgen und sich einander versprechen.

Sex impliziert Ausschließlichkeit

Meines Erachtens liegt der tiefere Grund für diese Einschränkung der „Ehe für alle“ auf eine „Ehe für genau zwei“ in diesem grundsätzlich und von vielen tatsächlich mitgewussten Ausschließlichkeitsanspruch der sexuellen Begegnung von eben genau zwei Personen füreinander zu einer bestimmten Zeit. Gemeinsamer Sex übt Bindungskraft aus – in der Regel eben zwischen Zweien. Auch wenn wir Menschen allzu oft nicht allzu gut darin sind, in eben dieser Zweierbeziehung treu zu bleiben – und manche immer wieder ausbrechen, also diese eigentlich exklusiv gedachte Beziehung verletzen. Und weil nicht unwahrscheinlich ist, dass solches Fremdgehen passiert, erhoffen sich manche dann auch den Segen, den Zuspruch Gottes, das Gut-heißen der Zweierbeziehung, um dann in eben dieser Beziehung in der erhofften Fähigkeit zur Treue bleiben oder wachsen zu können.

Jedes Kind hat genau einen Vater und eine Mutter

Freilich aber: Eine aus der bisherigen Tradition unseres Kulturkreises verstandene Ehe zwischen Mann und Frau leitet ihren exklusiven „Zweierstatus“ für die sexuelle Begegnung und deren Bindungskraft zwischen den Zweien ganz besonders von der (wenigstens bislang noch) weitestgehend unbestreitbaren Tatsache ab, dass jedes Kind genau einen leiblichen Vater und eine leibliche Mutter hat. Eine Ehe ist daher normalerweise auch der wichtigste personale „Beziehungsraum“ für das Aufwachsen der Kinder – sie wachsen in der Geborgenheit des „Zwischenraumes“ von Vater und Mutter auf, der von beiden durch ihre Liebe zueinander und zum Kind eröffnet worden ist. Diese Wahrnehmung schließt also die Herkunft aus dem lebensspendenden Sexualakt und seine Folgen ausdrücklich ein.

Wir verstehen, wie Vater- und Mutter-Sein nicht einfach lösbar ist von der liebenden Begegnung der Eltern füreinander und in ihrer Öffnung für das Kind und sein Menschwerden im personalen Sinn. Von hier erklärt sich auch die bleibend gültige Wahrnehmung, dass die ursprüngliche Elterngemeinschaft grundsätzlich die beste ist für das Aufwachsen eines Kindes, auch wenn wir natürlich alle solche Fälle kennen, bei denen z.B. ein Versagen der Eltern zur Erkenntnis führt, dass das Kind besser woanders aufwachsen sollte. Und wenn das der Fall ist, dann eben dort, wo das Kind bestmöglich Liebe und Zuwendung erfährt.

Aber einmal losgelöst aus dem ursprünglichen Elternverbund erklärt sich schon nicht mehr so leicht, warum für Werte wie „Liebe und Zuwendung“ oder „Verantwortung“ auch wieder nur eine exklusive Zweierbeziehung notwendig wäre. Es sei denn, man erkennt, dass eine möglichst große Ähnlichkeit des ursprünglichen Elternverhältnisses auch wiederum am besten für die Entwicklung eines adoptierten Kindes und seine Identitätsfindung wäre, also wiederum eine Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau. Letzteres ist aus meiner Sicht intuitiv richtig, ist aber als ideologieverdächtig massiv unter Druck. Wobei gerade der Druck ein Zeichen dafür ist, dass der Ideologieverdacht auch auf der anderen Seite erhoben werden kann – bei denen, die ihn ausüben. Wenn aber dieses Argument hinfällig würde – nämlich dass für das Aufwachsen eines Kindes die stabile Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau am besten ist (und hinfällig ist es aus meiner Sicht zumindest für die meinungsbildenden Kräfte in unserem Land) und man sich vor allem auf die Werte wie „Liebe, Verlässlichkeit und Zuwendung“ beruft, warum ist dann nicht auch gleich Adoption in einer „Ehe für drei“ oder „für mehrere“ möglich?  Denn zu überprüfen wäre dann im Falle einer Adoption auch nicht zuerst die Stabilität einer Zweierbeziehung (warum auch?), sondern eben die Qualität der „gelebten Werte“ – von wem und zwischen wem und wie vielen auch immer. Und tatsächlich gibt es ja auch schon Vorstöße in diese Richtung, die nicht nur die klassische Ehe zwischen genau einem Mann und einer Frau als überkommen werten, sondern für die eine „Ehe für alle“ als Zweiermodell immer noch reaktionär ist, weil sie sich eben immer noch zu eng am vermeintlich Überkommenen orientiert. Für mich wird an dieser Stelle deutlich, dass die Loslösung des Verstehens von Ehe aus dem natürlich Vorgegebenen (ein Mann, eine Frau und ihr(e) Kind(er)) letztlich zu Formen führen kann, die dann auch das Wort „Ehe“ der Konturlosigkeit preisgeben.

3. Gott und mein besseres Selbst
Hat mich Gott „so“ geschaffen?

Wenn aber nun von einem „Recht“ auf die „Ehe für alle“ gesprochen wird und darin dann auch von der Kirche ein Segen für diese Beziehungen eingefordert wird, dann werden etwa von gläubigen Menschen mit gleichgeschlechtlicher Orientierung auch folgende Argumente angeführt: „Gott hat mich so geschaffen – und daher wird er mir die Möglichkeit in einer liebenden Zweierbeziehung zu leben, nicht vorenthalten. Es geht ja vor allem um die Liebe und um die Werte, die wir als Partner teilen und leben.“

Das erste Argument: „Gott hat mich so geschaffen“ stimmt aus der Sicht des Glaubens der Kirche, von der man den Segen wünscht, so nicht. Vielmehr sieht der Glaube, dass der Mensch gerade nicht mehr einfach so ist, wie ihn Gott geschaffen oder gedacht hat – und zwar keiner von uns. Vielmehr ist ausschließlich jeder Mensch in eine gebrochene, oder in gläubiger Sprache ausgedrückt, in eine sündige Welt hinein geschaffen und geboren worden. Dabei sind auch die Eltern bereits Teil dieser korrumpierten Welt, und eben jeder andere Mensch ebenso. Die Welt und der Mensch sind zwar ursprünglich schön und gut – aber sie tragen die Signatur der Entfernung von Gott in sich. Und korrumpiert oder gebrochen bedeutet aus der Sicht des Glaubens vor allem: Der Mensch ist grundsätzlich gestört in seiner Liebesfähigkeit und desintegriert in seinem Verhältnis von Leib, Seele und Geist. Ausschließlich jeder Mensch steht in dieser Welt gerade nicht von Anfang an im heilen Zustand der Gottesliebe – und daher zugleich auch nicht im heilen Selbstverhältnis und damit ebenso wenig im heilen Verhältnis der Liebesfähigkeit zum anderen.

Wir haben das Paradies längst verlassen: Beziehungen, zumal Beziehungen auf Dauer, sind anstrengend geworden, Liebe muss auch gelernt, geübt, bewahrt werden; Selbstannahme sowieso. Und Selbstannahme ist ihrerseits immer schon eine der Voraussetzungen für angemessene Annahme der anderen Person zwischen Besitzergreifung und Gleichgültigkeit. Der Umgang mit den eigenen Wünschen und Egoismen und denen des Partners, die Praxis von Vergeben und Verzeihen, die Treue auch über das bloß körperliche Bedürfnis hinaus, die tiefe, offene Kommunikation im Miteinander und anderes mehr, das sind alles Praktiken, die der Mensch in einem diesseitigen Zustand nicht immer schon und automatisch von selbst kann, sondern immer neu lernen und einüben muss. Liebesbeziehungen sind wunderbar, aber eben auch anstrengend und anspruchsvoll.

Wirkliche Liebe oder nur Inszenierung von Liebe?

Der gebrochene Mensch ist aus der Sicht des Glaubens innerlich heimatlos, er wohnt nicht mehr selbstverständlich und vertrauensvoll in Gott und dessen liebender Zuwendung. Aber dennoch weiß oder ahnt er zumindest, dass es in diesem Leben um Liebe geht. Daher ist er in der Regel beständig und in zahllosen Varianten versucht, sich über das Festhalten am anderen auch selbst „Liebe“ zu sichern oder auch sich selbst zu verlieren, sich selbst zu überschreiten oder endlich bei sich selbst anzukommen. Fast alles sieht irgendwie nach Liebe aus, ist aber oftmals doch nur Inszenierung eines gebrochenen Egos, das das wirkliche Lieben-können eben aus eigener Kraft kaum vollbringt. Weder im Blick auf sich selbst, noch auf den anderen, noch auf Gott. Die vielfältigen Formen leibseelischer Desintegration und ebenso viele Variationen von Beziehungskämpfen oder -störungen mit anderen prägen das Dasein im Grunde jedes Menschen – existenziell – und unabhängig von seiner geschlechtlichen Orientierung. Wer also zur Begründung seines „So-seins“ allzu schnell vom „christlichen Menschenbild“ spricht und dabei aber zugleich von dieser prinzipiellen Gebrochenheit und Erlösungsbedürftigkeit des Menschen absieht, hat dann zwar ein womöglich positives humanistisches, aber tatsächlich eben kein christliches Menschenbild.

4. Gebrochene Sexualität
Der Mensch ist nicht heil und seine Sexualität ebenfalls nicht

Der sexuelle Akt ist nach dem Zeugnis des Glaubens von Gott dafür erdacht, Ausdruck ganzheitlicher, leibseelischer gegenseitiger Hingabe der komplementär aufeinander bezogenen Liebenden füreinander und der Freude aneinander zu sein und eben mitten darin die Möglichkeit zu eröffnen, neues Leben weiter zu schenken – ein heiliger Akt. Aber gerade am Thema Sexualität führt uns unser gesellschaftliches Leben täglich vor Augen, dass wir normale Menschen eben darin gerade nicht einfach heil, geschweige denn heilig, sondern ebenfalls erlösungsbedürftig sind. Die erotischen Beziehungen der Menschen zueinander erweisen sich augenscheinlich in nicht wenigen Varianten als pathologisch.

Die (sehr berechtigte!) Me-too-Debatte ist nur ein kleiner Ausläufer einer Gesellschaft, die zwischen Prüderie und Pornographisierung, zwischen sexueller Liberalisierung in allen Varianten einerseits und einer hochgradig sensibilisierten Wahrnehmung für sexuelle Übergriffe anderseits hin und her schwankt. Wir leben in einer Gesellschaft, die es zulässt – Me-too hin oder her –, dass zugunsten der anonymen Gier von Erwachsenen jedes Kind sich erschreckend leicht einer unfassbaren Flut von Bildern härtester Sexualpraktiken aussetzen kann und damit auch Opfer beständiger Übergriffigkeit wird, weil es solchen Konsum gar nicht recht kontrollieren oder verarbeiten kann. Und wir leben in einer Gesellschaft, in der Jahr für Jahr die Zahl der essgestörten und/oder sich selbst verletzenden Jugendlichen, besonders der Mädchen, zunimmt; also die Zahl Jugendlicher, die nur mehr schwer in ein angemessenes Körperverhältnis finden. Nicht wenige „hassen“ ihren Leib, wie sie selbst sagen.

So vieles kommt als „Wert“ oder „Liebe“ daher…

Wenn daher gefordert wird, doch bitte die „Werte“ oder auch die „Liebe“ oder die „Verantwortung“ in den verschiedenen Beziehungsformen wahrzunehmen und sie deshalb zu segnen, dann scheint das natürlich einerseits legitim und völlig verständlich, andererseits kann man sich damit um die Frage, wie denn mitten darin der sexuelle Akt be-wert-et werden soll, herumdrücken. Denn „Werte“ allein – ohne den Blick auf sexuelle Verhältnisse – werden buchstäblich in allen Formen menschlichen Zusammenseins gelebt, seien sie gut oder schlecht oder irgendetwas dazwischen. Jede Form menschlicher Vergemeinschaftung hält irgendwelche „Werte“ hoch. Aber wer wird feststellen wollen, ob ein „Wert“ wirklich einer ist – und was er überhaupt ist. Und ob dann nicht hinter vermeintlicher Loyalität eher Abhängigkeit steckt, oder ob nicht hinter gegenseitiger Hingabe heimliche Helfersyndrome stecken – und vieles mehr? So vieles kommt im Leben von uns allen als Wert oder Liebe daher – und kaschiert doch allzu häufig wieder nur hintergründige Egozentrik.

5. Werte und Wertungen
Kommen unsere Werte von Wertungen – oder setzen Wertungen schon Werte voraus?

Daher ist die aus meiner Sicht wesentliche und grundsätzliche philosophisch und theologisch relevante Frage: Bringen wir selbst „Werte“ aus uns und unseren Vorstellungen vom Leben zustande? Oder liegen unserem Leben „Werte“ voraus, in die wir hineinfinden und die wir dann unsererseits mitgestaltend leben? Leben Wertungen von (objektiven?) Werten, die es schon gibt? Oder sind alleine unsere unterschiedlichen Wertungen in allen möglichen Gesellschaften die eigentlichen Produktionsstätten von „Werten“? Menschen „produzieren“ ja selbstverständlich auch dann noch „Werte“ im vor allem subjektiv verstandenen Sinn, wenn sie etwa zum vierten, fünften oder xten Mal „verheiratet“ sind – oder auch die „Ehe für alle“ zugleich als „Ehe immer wieder“ eingehen, in welcher Geschlechterkonstellation auch immer. Irgendjemand, der das gutheißt (= bene-dicere = segnen), wird sich immer finden. Sollen oder können wir aber auch im Namen Gottes solche Beziehungen segnen, also auch von unserem Verstehen der Offenbarung her gutheißen? Warum dann zum Beispiel eine „zweite Ehe“ schon segnen und eine dritte oder vierte nicht mehr – darin würden ja auch „Werte“ gelebt? Auch solche Fragen gehören in das Gesamtthema.

Was ein Staat gutheißt, muss ein Christ nicht ebenfalls gutheißen

Wenn aber „Werte“ tatsächlich nur mehr von unserer eigenen „Bewertung“ abhängen würden – und von sonst nichts, dann wird es am Ende womöglich gleichgültig, wer hier segnet, wer hier also gut-heißt. Denn Menschen heißen zumeist gut oder wert-voll, was sie gerade einzeln oder vor allem kollektiv oder mehrheitlich für gut befinden – und sei es bisweilen auch nur pragmatisch oder etwa kollektiver Egoismus. Für das politische Alltagsgeschäft mag das genügen. Aber die großen Linien, das grundlegende Verständnis des Menschen, seiner Würde und seiner Natur und die grundlegenden Weisen unseres Zusammenlebens, die speisen sich aus dem kulturellen Erbe Europas, vor allem aus der jüdisch-christlichen gläubigen Erfahrung und Überlieferung, aus ihrer intensiven Begegnung mit dem griechischen und römischen Denken und aus der europäischen Aufklärung.

Dieses Erbe stellt ein grundsätzliches Verstehen des Menschen bereit, aus dem wir schöpfen – und das daher nicht einfach übergangen werden kann – ohne es selbst zu gefährden. Daher kann ein säkularer Staat zwar auch mehrheitlich beschließen, dass man ab jetzt mit dem Wort und Wert „Ehe“ etwas neu benennt und als „Ehe für alle“ auch gut-heißt (bene-dicere), obgleich es diese Institution „Ehe“ als für eine Gesellschaft genuinen Wert zuvor nur für einen Mann und eine Frau in einer möglichst lebenslangen Zweierbeziehung gab.

Paulus und die liberale Gesellschaft

Aber eine Gesellschaft, die insgesamt die religiöse Rückbindung (re-ligio) verliert, und kraft Mehrheit dennoch etwas in den Stand dessen erhebt, was aus der Sicht ihrer Überlieferung eigentlich sakralen Charakter hat (die Ehe), läuft Gefahr ihr kulturelles Erbe zu negieren, aus dem aber nach meiner Überzeugung auch unsere westlichen Demokratien insgesamt leben. Sie leben von und gründen auf Werten und Grundüberzeugungen, die ihr vorausliegen und sie im Grunde mit ermöglichen. Sie gründen auf Werten, die Menschen dann ihrerseits miteinander immer neu hervorbringen und leben – aber aus der Bezugnahme auf dieses unverfügbare und ursprüngliche Voraus. Und die Einehe zwischen einem Mann und einer Frau als möglichst lebenslang haltende und Nachwuchs ermöglichende Keimzelle einer Gesellschaft gehört in dieses Erbe aus meiner Sicht fundamental hinein. Die Ehe ist früher als der Staat, ebenso wie die Glaubensüberzeugungen der Menschen oder ihre Intuition und Erkenntnis von dem, was Wahrheit heißt. Zu überprüfen wäre in dieser Hinsicht auch das paulinische Argument im Römerbrief (1,20-32), dass es einen Zusammenhang gibt zwischen einem Mangel an Ehrfurcht vor Gott und einem sexuell in vielerlei Hinsicht freizügigem Lebensstil. Mich beschäftigt jedenfalls intensiv die Frage, warum es gerade diejenigen Gesellschaften sind, in denen die Säkularisierung am stärksten spürbar ist und in denen die Kirchen- und Glaubensbindung am stärksten zurückgeht – in denen zugleich die Rufe in und außerhalb der Kirche am lautesten sind  nach einer Änderung der moralischen Normen im Blick auf die menschliche Sexualität. Solche Gesellschaften tolerieren dann merheitlich insgesamt bestenfalls noch einen Gott, der gütig alles absegnet, und im Namen von Freiheit und Barmherzigkeit alles toleriert – der aber mit dem biblischen Gott nur mehr wenig gemein hat. Ein herausfordernder und herausrufender Gott, der zur Lebensveränderung befähigt und einlädt, der Sünde hasst, auch wenn er den Sünder über alles liebt – so ein Gott ist liberalen Gesellschaften kaum mehr erträglich.

Geht es also wirklich nur um „Werte“?

Damit ist natürlich der zweite Teil des obigen Arguments, es ginge doch um Werte und um Liebe, ebenso in Frage gestellt. Es braucht also aus meiner Sicht eine „objektive Instanz“, eine von persönlichen oder kollektiven geschichtlich bedingten Vorlieben weniger abhängige Instanz, die der Bezugspunkt unseres Urteilens ist von wert-voll und liebe-voll. Christen glauben, dass dies Gott ist, zumal ein Gott, den wir als Gläubige der Kirche verstehen lernen können, weil er sich uns offenbart hat als der Gute, Wahre und als die Liebe schlechthin; als der Gekreuzigte, der uns retten und in dieser Liebe immer neu sich selbst schenkt. Und sie glauben, dass alles, was wirklich gut ist und wert-voll und wahr – in ihm seinen Ursprung hat.

Grundlegende Werte, die sich also augenscheinlich nicht aus dem Bezugspunkt Gott und seiner Offenbarung verstehen, laufen Gefahr am Ende wert-los, weil bodenlos zu sein – weil womöglich auch wieder nur Produkte subtiler ichhafter Interessen, gegebenenfalls auch kollektiv ichhafter Interessen, die als wertvoll möglichst gut präsentiert werden. Wir brauchen beispielsweise nur Umfragen etwa nach der Rechtmäßigkeit der Todesstrafe betrachten: Sie hängen in ihren Mehrheitsverhältnissen heute jeweils sehr stark davon ab, ob eine Gesellschaft gerade unter dem Eindruck eines Terroranschlages oder eines Gewaltverbrechens steht oder schon länger frei von solchen Erfahrungen ist. Oder – um in einen anderen Kulturkreis zu gehen: Hätte man in den Südstaaten der USA noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts eine Umfrage über die Rechtmäßigkeit von Sklaverei gemacht, wäre vermutlich eine überwiegende Mehrheit zustimmend gewesen.

6. Der zentrale Punkt: Die Begegnung mit Christus verändert real
Inwiefern ist Sexualität ein Lernfeld für die Kirche?

Das soll nur zeigen: Es gibt sehr grundlegende Entscheidungen über das Menschsein und seine Würde, die nicht ohne weiteres durch bloße Mehrheitsentscheidungen zu klären sind. Freilich soll das nicht heißen, dass nicht auch die Kirche lernt ihren Glauben tiefer zu erschließen: Das Thema Todesstrafe etwa gehört hierher – hier hat auch die Kirche gelernt, weil sie das Evangelium von der Personwürde jedes Menschen tiefer verstanden hat. Daher kommt auch die innerkirchliche Debatte um Formen außerehelicher Sexualität im Kern eben immer wieder genau zu diesem Punkt: Ist er ein Lernfeld für die Kirche, in dem es analog etwa zum Erkenntnisprozess bei der Todesstrafe tatsächlich auch um die Würde jedes Einzelnen geht und um den Respekt vor seinen Lebensentscheidungen, die auf Voraussetzungen fußen, die einer nicht verändern kann – etwa die sexuelle Orientierung? Oder muss die Kirche hier nicht vielmehr etwas bewahren, gerade weil es auch um die Würde personaler Sexualität des Menschen geht?

An dieser Frage scheiden sich im Grunde die Geister. Aber sie scheiden sich daran nicht erst heute: Die Schrift und die gläubige Überlieferung sind voll davon, dass sich gerade im Punkt Sexualität die Gebrochenheit des Menschen und seine Heilsbedürftigkeit so deutlich zeigen. Und Jesus legt in seinem Sprechen über Ehe und Sexualität gerade in einem antiken, oft libertären Umfeld eine Strenge an den Tag, verbunden mit Forderungen, die auch das weit übertreffen, was seine eigene jüdische Tradition ebenfalls nicht ohne Strenge formuliert hat: „Nur weil ihr so hartherzig seid, hat Mose euch erlaubt, eure Frauen aus der Ehe zu entlassen. Am Anfang war das nicht so“. (Mt 19,18) „Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen.“ (Mt 19,6)

Sich daran orientieren heißt aus gläubiger, christlicher Sicht für die Kirche: Nicht wir können festlegen, was Gott für wertvoll zu halten und insofern zu segnen hat. Sondern Gott lädt uns ein, uns an Ihm zu orientieren und alle unsere Suche nach Werten an Ihm auszurichten: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“, sagt Jesus im Johannes-Evangelium. Und der Apostel Paulus schreibt im Ersten Korintherbrief: „Verherrlicht also Gott in eurem Leib“ (1Kor 6, 20)  Nicht umsonst ist das Kreuz das Zeichen des Christlichen schlechthin, ein Zeichen für einen Gott, der als Erlöser erst wirklich zeigt, was Liebe ist – und damit viele unserer vordergründigen Vorstellungen genau davon durchkreuzt.

Die Voraussetzung für alles Verstehen: Die Begegnung mit Christus verändert

Nein, der Mensch ist also nach dieser gläubigen Überzeugung in seiner Liebesfähigkeit nicht einfach so, wie ihn Gott gedacht hat. Keiner von uns. Aber Christen glauben, dass in Jesus ihr Erlöser gekommen ist, um sie von Neuem in die Liebesgemeinschaft mit Gott zurück zu führen – und sie dadurch zumindest beginnend auch in ein neues, freieres Verhältnis zu sich selbst und zum anderen Menschen zu führen. Dieses neue Verhältnis schließt Sexualität zutiefst mit ein und nicht aus – weil es um die Erlösung des ganzen Menschen geht, also um Leib, Seele und Geist – und vor allem um unsere Beziehungsfähigkeit.

Es ist diese Voraussetzung, die die kirchliche Lehre über Menschsein und Sexualität erst verständlich macht und ohne die im Grunde alles nur von gestern erscheinen muss: Die Überzeugung der Kirche, dass die gläubige Begegnung eines Menschen mit dem Auferstandenen den ganzen Menschen, das heißt auch unsere strukturelle Unfähigkeit zu authentischer Liebe und Hingabe, zu innerer Freiheit und Treue in der Tiefe tatsächlich zu einer neuen Freiheit befreien (Gal 5,1) und damit wirklich verwandeln kann, auch zur Befähigung einer Liebe, die im besten Sinn des Wortes keusch, weil lauter oder absichtslos ist. Für einen Menschen, der diesen Ausgangspunkt nicht wenigstens ansatzweise mitvollziehen kann, muss im Grunde fast alles, was Kirche in dieser Zeit und Gesellschaft über Sexualität, Liebe und Ehe von sich gibt, unrettbar überholt erscheinen. Eben deshalb entsteht der dramatische Eindruck, dass sich die Kirche von der viel zitierten „Lebenswelt“ der Menschen so weit entfernt habe. Aus der Sicht des Glaubens ist es aber eher umgekehrt: die säkulare Gesellschaft hat sich von diesen Grundlagen des Glaubens mehr und mehr verabschiedet – und als Christen in säkularer Gesellschaft atmen auch wir ebenfalls täglich alle diese Luft. Und freilich: Gerade im Angesicht der Debatte um den sexuellen Missbrauch in der Kirche wird eine solche Rede und Lehre für so viele verständlicherweise noch unglaubwürdiger: Wenn selbst die „Berufschristen“ fähig sind, gerade im sexuellen Bereich zu übergriffigen Verbrechern zu werden, wer sollte ihnen da noch glauben?

Neuer Mensch – neue Liebesfähigkeit

Aber wird durch die Existenz von Sünde in der Kirche schon das Evangelium verkehrt? „Wer in Christus ist, ist eine neue Schöpfung“ (2 Kor 5,17), sagt Paulus. Und in einer Metapher aus dem Johannes-Evangelium geht es für den gläubigen Christen darum, „von neuem geboren“ zu werden (Joh 3,3). Aus diesem Glauben versteht die Kirche, dass der „neue Mensch“ in und durch Christus zu einer Gottes- und Selbsterfahrung geführt werden kann und soll, in der er lernt, sich selbst zu bejahen und anzunehmen und den anderen Menschen um seiner selbst willen zu lieben; das heißt letztlich auch den begierlichen Drang zu Macht und Besitzergreifung und/oder zu bloßem Lustgewinn zu überwinden oder zumindest in sein Personsein zu integrieren.

Der Glaube, das Vertrauen auf die Gegenwart Jesu, vermag die Desintegration zwischen Kopf und Bauch, zwischen Geist und Gefühl, zwischen Trieb und Verstand in der Wurzel zu heilen – auch wenn der Kampf um diese Integration lebenslang bleibt und die Heilung in dieser Welt nie vollständig sein wird. Aber der Mensch, der sich und seine Kraft, seine Sehnsucht, seine Freude und zugleich seine Gebrochenheit aus dem Glauben an Christus erfährt, kann deshalb und soll deshalb auch seine Sexualität in einer Weise leben, die die ganze Kirche auf ihrem Glaubensweg seit jeher als angemessen für einen Christen erfahren hat. Und das bedeutet in aller Klarheit: Entweder in einer Ehe zwischen Mann und Frau oder enthaltsam.

Und die Frage nach der Wissenschaft?

Die Kirche wird nun in aktuellen Debatten sehr häufig damit konfrontiert, sie müsse doch in der Bewertung von Sexualität neuere wissenschaftliche Einsichten zur Kenntnis nehmen. Dem stimme ich gerne zu. Allerdings sind gerade die sogenannten Humanwissenschaften in der Regel  immer schon von dem Menschenbild mitgeprägt, das der Forschende in seine Wissenschaft mitbringt. Der Mensch forscht über sich selbst von dem Blickwinkel her, von dem er sich selbst sieht und nicht selten: sehen will.

Daher verwundert es nicht, dass gerade dieser Bereich nicht selten ideologieanfällig ist und die Ergebnisse hervorbringt, die der oder die Forschende gerne hätte, und zwar gleichgültig, ob einer liberal oder konservativ ist. Das gilt aus meiner Sicht besonders für das Phänomen der menschlichen Sexualität und ihrer Entwicklung. Das Phänomen ist aber aus christlicher Sicht nicht zu lösen von der Tiefeneinsicht, dass der Mensch mehr ist als allein das Produkt der biologischen Evolution. Er ist Person, also einzigartiges, leibhaftes und geistbegabtes Beziehungswesen – und hat anders als jedes andere wissenschaftlich beobachtete „Objekt“ oder Lebewesen die Aufgabe, sein Personwerden als Drama eines Reifungsprozesses mitzuvollziehen und damit zugleich die leibliche und sexuelle Dimension zu integrieren. Und gerade in strenger Naturwissenschaft kommt das Phänomen „Person-sein“ und personale Integration qua Forschungsansatz nicht vor. Allerdings wäre es auch einer wissenschaftlichen Einsicht grundsätzlich zugänglich, dass der Mensch selbst durch und durch ein Beziehungswesen ist, dessen Beziehungen und Beziehungsfähigkeit, dessen Selbst- und Leibverhältnis im Drama seines geschichtlichen Lebens in Welt immer im Werden, immer in Entwicklung ist – und damit eben auch nicht ein für allemal fixiert ist, auch dann, wenn konkrete etwa biologisch-naturgesetzliche Grundbedingungen nicht veränderbar sind. Aber Sexualität ist als leibseelische Ausdrucksmöglichkeit Beziehung zu leben immer einbegriffen in dieses geschichtliche Werden, in diese Reifungsaufgabe, zwischen Integration und Desintegration, zwischen Identitätsfindung und -entfremdung. Keiner und keine ist je damit fertig. (vgl. dazu auch die folgenden Texte auf diesem Blog: https://stefan-oster.de/gottesvergessenheit-und-sexualitaet/ und https://stefan-oster.de/christliches-menschenbild-und-das-verhaeltnis-von-sex-und-gender/)

Und wenn schon in der naturwissenschaftlichen Forschung das Thema Person-sein nicht zum Tragen kommt, dann kommt dort noch weniger die  gläubige Erfahrung vor, dass einer sogar neu werden kann als Person, neu geboren in Christus. Für das christliche Verständnis von Person-sein ist dieser Blick auf den Menschen aber der Wesentliche, nicht der naturwissenschaftliche, der diese Sicht exkludiert. Freilich kann man uns nun vorwerfen: Ihr seid darin selbst Ideologen, denn die Rede von der Person oder gar dem gläubigen Neuwerden der Person ist doch ebenfalls Ideologie – und gerade nicht „wissenschaftlich“ fassbar (was auch immer hier wissenschaftlich heißt). Ja, auch diesen Vorwurf muss man erwarten – und an diesem Punkt findet eine nur rationale Antwortmöglichkeit tatsächlich auch ihre Grenzen. Die Antwort kann letztlich nur durch das Zeugnis eines frohen, erfüllten, gläubig gelebten Lebens gegeben werden  – das die innere Wahrheit dieses Menschenbildes greifbar veranschaulicht.

Die Ehe als exklusiver Ort des sexuellen Aktes

Die Kirche ermutigt also Paare, die sich gefunden und gegenseitig geprüft haben, zu heiraten – und im Glauben die Ehe als Abbild zwischen Christus und seiner Braut, der Kirche, verstehen und leben zu lernen (vgl. Eph 5,32): In der unauflöslichen Treue, in der gegenseitigen Hingabe, in der Offenheit auf Fruchtbarkeit für neues Leben. Der ganzheitliche, leibseelisch vollzogene sexuelle Akt gehört dann exklusiv genau hier hinein. In jeder anderen Lebensform sieht der Glaube den sexuellen Akt bleibend verkürzt oder bleibend desintegriert, weil er dann entweder nicht mehr Zeichen der lebenslangen Treue oder nicht mehr der Ganzhingabe oder nicht mehr Zeichen der grundsätzlichen Offenheit für neues Leben ist, weshalb er schließlich als „sündig“ qualifiziert ist.

Die Zweideutigkeit bleibt

Und weil auch in einer gläubigen, erlösten Daseinsweise die Zweideutigkeit menschlicher Liebesbemühungen nie ganz verschwindet, deshalb ist dieser „Ort“ der ganzheitlichen menschlichen Vereinigung, die Ehe, zugleich so deutlich mit einem „Gesetz“ belegt: Lebenslang, unverbrüchlich, unauflösbar. All dem gilt der Segen! Denn der sexuelle Akt ist eine Handlung zwischen Zweien, die den schöpferischen Akt Gottes zur Erschaffung des Menschen begleitet. Und sie steht sowohl in ihrer Freude und Kraft wie auch in ihrer bleibenden Gebrochenheit und Versuchbarkeit in dem schon erlösten „Raum“, in dem Christus in seiner Kirche die Menschen und mit ihm die ganze Schöpfung erneuert, das heißt heimgeholt hat und erneut in rechter Weise zur Liebesfähigkeit befreien will.

Der Segen über die heiratenden oder verheirateten Gläubigen ist daher auch eine Bitte um Befähigung zu einer heileren, verbindlicheren und zugleich (!) befreiteren Form gelebter Liebe und Sexualität. Aber eben dies ist zugleich ein beständiges Lernfeld innerhalb der ehelichen Beziehung: ein Lernfeld der Reifung zur je größeren Liebesfähigkeit unter dem begleitenden Segen Gottes. Mutter Teresa von Kalkutta hat in diesem Lernfeld einen markanten Aspekt besonders hervorgehoben, als sie sagte: Eheleute, die miteinander beten, bleiben zusammen. Sie meint damit Eheleute, die sich bewusst und ausdrücklich und immer wieder miteinander im intimen Akt des Betens vor ihren Gott stellen und sich dankend, lobend, preisend, klagend, schweigend, liebend auf seine von ihm selbst zugesagte sakramentale Gegenwart beziehen und diese Beziehung kontinuierlich pflegen.

Die Ermutigung zu sexueller Enthaltsamkeit

Alle Menschen aber, die aus welchem Grund auch immer, nicht heiraten können oder wollen, ermutigt die Kirche zu einem Leben der sexuellen Enthaltsamkeit; übrigens auch solche, die in ihrer Ehe erleben, dass der sexuelle Akt nicht mehr möglich ist, etwa durch Krankheit oder lange Abwesenheit des Partners. Oder auch solche, die noch nicht oder manche, die nicht mehr verheiratet sind. Und die Kirche ist der Überzeugung, dass der Glaube selbst, das Vertrauen auf Christus, die Sakramente und das Leben in einer kirchlichen Gemeinschaft die wichtigsten Hilfen sind, um diesen herausfordernden Weg gehen zu können.

Ein anspruchsvoller Gott, der voll Liebe den Menschen anspricht

Das ist nun knapp und dicht gesagt, die Lehre vom Menschen, die die Kirche in ihrem Glauben dazu führt, alleine die Ehe zwischen Mann und Frau zu segnen. Mir ist sehr bewusst, dass diese Lehre und der mit ihr verbundene Weg anspruchsvoll ist – weil wir von einem Gott dazu eingeladen werden, der uns voller Liebe an-spricht. Voller Liebe, die herausfordert, mit unserer ganzen Existenz vertrauen und je tiefer verstehen zu lernen, wer Er ist; voller Liebe, die in ihrem innersten Wesen absichtslos und in diesem Sinne „keusch“ ist: Sie meint und bejaht den anderen Menschen in seiner Andersheit und Bedürftigkeit ohne Besitzanspruch oder begehrliche Besitzergreifung.

Die Abwesenheit der Gotteserfahrung

Freilich: Wir leben in einer Kultur, die jeden Tag jedem Kind, jedem Jugendlichen und jedem Erwachsenen suggeriert, dass menschliches Leben erst dann zur Erfüllung kommt, wenn einem die große romantische Liebe einschließlich erfüllten sexuellen Lebens widerfährt. Einer solchen Kultur ist zugleich weitestgehend die Erfahrung abhandengekommen, dass das Gelingen menschlichen Lebens im Grunde zutiefst davon abhängt, ob ein Mensch zu dem Gott heimfindet, der von sich sagt, dass er selbst Liebe ist und Weg und Wahrheit und Leben.

Diese Zusage, so glaube ich als Christ, macht er ausnahmslos jedem Menschen und die glaubende Annahme dieser Heilszusage ist der Anfang jedes gelingenden Lebens aus christlicher Sicht. Und das Bleiben in ihr führt zur Erfüllung, egal ob ein Mensch in dieser Welt alleine bleibt oder heiratet und unabhängig davon, welche geschlechtliche Orientierung er hat.

7. Eine erneuerte Lehre vom Menschen?
Versuche neuer Anthropologien

Diese vorstehende Skizze eines christlichen Menschenbildes auch im Blick auf seine Beziehungsfähigkeit und Sexualität steht aus meiner Sicht an der Basis für die bisherige Glaubens- und Segenspraxis der Kirche. Wenn aber nun bisweilen und oft unter großem gesellschaftlichem und medialem Druck gesagt wird, die Kirche könne oder müsse auch anderen Lebensformen ihren Segen geben, dann wäre es für mich notwendig, zuerst diese oben skizzierten anthropologischen Grundlagen zu befragen.

Es müsste also eine für die ganze Kirche stimmige und aus meiner Sicht dann auch neuere Lehre vom Menschen vorgebracht werden als die hier skizzierte, ehe wir andenken können, ob und unter welchen Umständen außerhalb der Ehe Beziehungen mit gelebter Sexualität von Gott und seiner Offenbarung her für gut befunden, also gesegnet werden könnten. Welche Voraussetzungen müssen von der Erkenntnis der Schrift, der Theologie, der Tradition und der Wissenschaften her gegeben, erkannt, geprüft sein, ehe die Kirche das bejahen kann, was sie bislang noch ungeordnet oder sündig nennt, nämlich letztlich jeden sexuellen Akt außerhalb einer Ehe im oben beschriebenen Sinn.

Vielleicht sehe ich zu schlecht oder zu wenig genau, aber ich sehe diese neue Anthropologie (noch?) nicht und auch nicht eine überzeugende neue Lehre von den „Werten“. Mancher Versuch dazu, den ich wahrgenommen habe, überzeugt mich bislang nicht. Mir scheinen solche Versuche bislang allzu häufig davon geprägt, die Kraft der Offenbarung verkürzen zu wollen, um mehr „Freiraum“ für die subjektive Freiheit des Einzelnen zu erreichen. Dabei wird dieser vermeintliche Freiraum aber oft wie von selbst ein Freiraum nicht vor und mit dem Gott der Offenbarung, sondern ein Freiraum von Gott – und der Mensch schließlich doch wieder nur auf seine gebrochene Verfassung zurückgeworfen.

Zudem wird in solchen Versuchen aus meiner Sicht nicht selten von fragwürdigen philosophischen und anthropologischen Voraussetzungen ausgegangen, etwa von der angeblichen Nichthaltbarkeit der Lehre von der so genannten Erbsünde bei gleichzeitiger Hervorhebung der Freiheit des Menschen. Gegen solche Versuche würde ich grundsätzlich – wenn auch etwas pauschal – sagen: Eine Freiheit, die sich vom Kreuz Christi losgesagt hat, um endlich frei zu sein , unterliegt in der Regel ebenso leicht der Selbsttäuschung wie eine Liebeserklärung, die hintergründig doch wieder nur getarnte Egozentrik ist.

„Theologie des Leibes“

Gott ist aber in Christus nicht gekommen, damit wir seinen Segen für all unsere frei sich regenden Wünsche und Bedürfnisse bekommen – er ist gekommen, damit er uns als Menschen erneuert und sich ähnlich macht; damit also unsere Freiheit der Seinen ähnelt. Und damit auch unsere Bedürfnisse den Seinen ähnlicher werden. Deshalb überzeugt mich in seiner Breite und Tiefe etwa die sogenannte „Theologie des Leibes“ von Papst Johannes Paul II. – die anders als in vielen anderen Ländern – in unserem Land kaum oder erst langsam rezipiert wird. Meines Erachtens hängt die mangelnde Rezeptionslage primär damit zusammen, dass diese Theologie einfach nicht gewollt wird: Sie wäre ja geeignet, einen liberalen theologischen Meinungsmainstream zu durchbrechen, der endlich Veränderung will.

Dabei ist es eine Theologie, die zugleich mit ihrem phänomenologischen Charakter durchaus ins Gespräch mit der Philosophie der Zeit treten kann, die aber zugleich in der großen Tradition unseres Glaubens steht – und die Schönheit und Größe von Leiblichkeit und Sexualität feiert. Aber sie erneuert und vertieft eben im Grunde das oben nur knapp skizzierte Verständnis des Menschen. Was sich aus dieser Tiefenschau des Menschen und seiner Beziehungen zu sich, zu den anderen und zu Gott aber zeigt, erneuert und vertieft im Grunde, was die Kirche seit ihrem Anfang sagt, nämlich, dass Beziehungen, die den sexuellen Akt einschließen ohne eine Ehe zu sein, aus der Sicht der Offenbarung und des Glaubens nicht einfach gut geheißen, also nicht gesegnet werden können; vor allem nicht offiziell im Namen einer Kirche, die diesen Glauben zu verkünden und ihm zu dienen hat.

8. Und die seelsorgliche Praxis?
„Unterscheiden, begleiten, eingliedern“

Dass wir als Frauen und Männer der Kirche dennoch gerufen sind, mit ausnahmslos jedem Menschen mitzugehen, ihn willkommen zu heißen, zu begleiten, wie heil oder gebrochen auch immer seine Lebensverhältnisse sich uns darstellen, das ist aus meiner Sicht vom Evangelium her evident – auch wenn wir ehrlich einräumen müssen, dass das nicht immer als selbstverständlich wahrgenommen wurde und wird oder gelingt. Und dass wir mit Papst Franziskus die unterschiedlichen Situationen, Lebenskonzepte und Prozesse „unterscheiden, begleiten, eingliedern“ sollen, ist uns bleibende Herausforderung.

Dass wir dabei auch schließlich in den unterschiedlichen Begleitungssituationen zu unterschiedlichen, differenzierten Bewertungen von einzelnen, konkreten Lebensstilen, Orientierungen und Lebenssituationen kommen werden – mit all ihren guten und schlechten Seiten, mit ihren Schönheiten und nicht selten mit ihren dramatischen Verwundungen – , ergibt ist aus der Verschiedenheit und Komplexität jedes Lebensweges. Denn tatsächlich ist ja kein Mensch einfach nur gebrochen, sondern in jedem von uns allen gibt es notwendig und immer bleibend Gutes – auch von Gott her. Und dass es dann im Begleiten auch ehrliche Ermutigung geben kann für Lebenssituationen, die nicht einfach oder ausschließlich von einem Standpunkt des Glaubensgesetzes her beurteilt oder gar verurteilt werden können, bedeutet auch ein Ernstnehmen komplexer Lebensumstände; freilich ohne dass dabei der Anspruch und die Lehre des Glaubens und die Orientierung daran einfach preisgegeben werden dürfen. Wesentlich bleiben immer Achtung, Liebe und ehrlicher Dienst an den Menschen und ohne dabei den Blick auf das zu vernachlässigen, was wir das Heil nennen.

Die Kirche ist für uns Sünder da

Deshalb bedeutet die Absage an offizielle Segnungen für Lebensformen außerhalb dessen, was wir als Ehe verstehen, dennoch umso mehr Verpflichtung und Herausforderung für uns als Kirche auch die Vielen aufrichtig zu begleiten, die sich schwer damit tun, ihr eigenes Leben mit der Lehre des Glaubens in Übereinstimmung zu bringen. Und wenn wir auf den hohen Anspruch Jesu in Sachen Sexualität blicken, gehören wir mit einiger Sicherheit nahezu alle zu denen, die eben mit diesem Anspruch selber ringen: „Wer eine Frau nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon die Ehe mit ihr gebrochen…. Und: Selig, die ein reines Herz haben, sie werden Gott schauen“, heißt es etwa aus dem Mund Jesu in der Bergpredigt (Mt 5,8.28). Wer dürfte sich hier mit den Worten des Paulus selbst der eigenen Klarheit oder Reinheit des Herzens „rühmen“ (2 Kor 10,17)?

Aber eben dafür ist die Kirche da: Für uns alle, die wir erlösungsbedürftige Sünder sind, die wir hoffen und glauben, dass wir in der Kirche vom Herrn auf unseren gebrochenen Wegen begleitet werden und die wir hoffen, dass wir darin wachsen können, dass wir auch immer wieder umkehren und etwas von dem Segen erfahren können, den Er jedem einzelnen von uns schenken will – und im Grunde schon geschenkt hat.

 

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