Wie geht Mission heute? Der Glaube als Gabe!

In Predigten von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Predigt anlässlich des Festes unseres ersten Diözesanpatrons, des Hl. Valentin

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

der heilige Valentin lebte in einer Zeit, in der die Welt in Bewegung war; so sehr, dass die Geschichtsschreibung später sagen wird: Es war die Zeit der Völkerwanderung. Viele Völker, Volksstämme, Gruppen von Menschen sind unterwegs, um neue Territorien im Raum des römischen Reiches zu erobern, überwiegend ging es um so genannte germanische Stämme. In Rom war das Christentum unter Kaiser Konstantin schon über 100 Jahre Staatsreligion, aber längst nicht alle germanischen Stämme waren durchgehend christlich geworden. In so eine Zeit hinein wurde der Hl. Valentin Bischof von Passau, oder historisch wohl genauer von der römischen Provinz Rätien. Mit einiger Wahrscheinlichkeit war er auch ein Wanderbischof, der phasenweise auch hier in Passau residierte. Wir wissen ehrlich gesagt sehr wenig über ihn, nur dass es seit dem frühen Mittelalter eine große Verehrung für ihn gab,  sein Grab ist in Mais bei Meran in Südtirol gewesen, ehe im 8. Jahrhundert seine Gebeine nach Passau übertragen wurden.

Der Missionsbefehl: Menschen zu Jüngern Jesu machen

Im Blick auf das heutige Evangelium möchte ich mit Ihnen über etwas nachdenken, was für Valentin, den wandernden Bischof sicher noch präsenter war, als es das für uns heute ist: den so genannten Missionsbefehl Jesu. Das Evangelium von heute bilden die letzten Verse im gesamten Matthäus Evangelium. Darin sagt der Auferstandene den Jüngern: „Geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ Wenn man den Text im griechischen Original liest und seine Grammatik berücksichtigt, dann wird deutlich, dass der Kern dieses Missionsbefehls ist, die Menschen zu Jüngern Jesu zu machen, und zwar indem man sie tauft und lehrt, alles zu befolgen, was er gelehrt hat. Liebe Schwestern, liebe Brüder, in einer Zeit, in der es viel weniger selbstverständlich war, dass die Menschen Christen waren, war für einen umherziehenden Bischof wie Valentin ein solcher Befehl Verpflichtung: Den Menschen helfen, Jünger Jesu zu werden. Und zwar allen Menschen.

Glaube ist nicht zuerst: Du sollst!

Wenn wir so etwas hören, sträubt sich in dem meisten von uns etwas: Der moderne, aufgeklärte Mensch will weder missionieren und schon gar nicht missioniert werden. Wie also ließe sich Mission heute recht verstehen? Meines Erachtens ist das besonders gut möglich über den Begriff des Geschenkes, der Gabe. Dafür müssten wir zunächst einmal aufhören, den Glauben an Christus unter der Kategorie des „Du sollst“ zu verstehen: Du sollst gut sein, du sollst in die Kirche gehen, du sollst die Zehn Gebote halten, du sollst keusch sein und ein reines Herz haben und so fort. Wenn der Glaube zuerst unter der Kategorie des „Du sollst“ daherkommt, ohne dass verständlich würde, was der innere Sinn von allem ist, dann will ich auch nicht missioniert werden, von niemandem. Niemand soll mir vorschreiben, wie ich lebe.

Der Glaube als Gabe!

Aber stellen Sie sich einfach vor: Ein Mensch lebt in der tiefen Dankbarkeit, dass er wirklich Christus erkannt hat. Er spürt, dass er von innen her Frieden hat, dass er neu Kraft und Freude hat, dass er sich befreien kann aus schlechten Angewohnheiten. Er spürt, dass er neuen Sinn und neue Tiefe hat, dass er Vergebung all seiner Sünden erfährt und dass er wirklich durch Christus Zugang und Gemeinschaft mit Gott dem Vater hat.  Wenn ein Mensch all das in seinem Herzen spüren darf, und wenn das der Grund seines Glaubens ist, wenn es eine Wirklichkeit seines Herzens ist, wie sollte einer dann nicht wünschen, dass jeder Mensch auf der Welt nicht auch diese befreiende Erfahrung machen darf. Der Glaube ist in der Tiefe unseres Herzens eine Gabe, Christus ist für uns Gabe geworden, Eucharistie geworden, das Geschenk unseres Lebens. Wie sollten wir das anderen Menschen nicht gönnen wollen? Die Lebensregeln, das „Du sollst“ kommt immer erst danach. Das „Du sollst“ entsteht aus der Frage: Wir haben etwas im Herzen erfahren, wie können wir also leben, dass wir dem gerecht werden? Jetzt erst kommen die zehn Gebote, jetzt erst kommt der Kirchgang: Du hast etwas im Herzen erfahren – und das will gepflegt werden, will gelebt werden. Das „Du sollst“ ist Beziehungspflege, damit Du im Geschenk Deines Lebens bleiben kannst.

Liebe ohne Vereinnahmung

Nun gut, vorausgesetzt, ich habe das Geschenk des Glaubens wirklich bekommen und bin dankbar dafür, wie machen wir das jetzt, dass der andere davon erfährt? Dass der andere Mensch den Glauben als Gabe erfährt, so wie ich? Soll ich ihm das Glaubensbekenntnis und den Katechismus vorsagen? Nein, wohl meistens nicht zuerst. Ich bin der Überzeugung, dass der Glaube, der aus der Dankbarkeit lebt, einen Menschen zur Liebe befähigt, zu einer Liebe, die den anderen meint, ohne ihn vereinnahmen zu wollen; zu einer Liebe, die dem anderen die Füße waschen kann, wie Jesus den Seinen. Wenn wir so mit den Menschen umgehen können, weil wir mit Jesus leben, weil wir aus seinem Frieden leben, dann lernen wir auch sprechen über den Glauben an Ihn. Dann werden uns die Leute vielleicht auch fragen, warum wir anders leben als die anderen. Dann wird unser Glaube attraktiv, dann spüren die Leute an uns: Die oder der hat etwas in sich, wonach ich mich auch sehne. Diese Person ist frei und tief und voller Freude. Woher hat sie das? Und jetzt ist die Antwort: Aus Jesus! Wir sind Geschwister Jesu, wir wollen seine Jüngerinnen und Jünger sein, weil wir ihn lieben. Wir lieben das Kind in der Krippe und wir sind dankbar, dass er sich für uns hat kreuzigen lassen. Für unsere Sünden. Und wir freuen uns unwahrscheinlich an seiner Auferstehung und daran, dass er uns wirklich seinen Geist ins Herz gelegt hat. Wir sind von seiner Art. Wir sind seines Geistes Kind.

Wir können den anderen nur dorthin führen, wo wir selbst sind

Liebe Schwestern und Brüder, so würde Mission gehen: Aus der Gabe, aus dem Geschenk Jesu leben und es einfach weiterschenken, als Liebe, manchmal ohne Worte, manchmal mit Worten. Freilich ist die Voraussetzung unser Vertrauen zu Jesus und unsere Liebe zu Ihm. Wir wollen Menschen zu Jesus führen? Wir können einen anderen nur dorthin führen, wo wir selbst sind, innerlich. Wo wir daheim sind. „Kommt und seht“, sagt Jesus zu den ersten Jüngern, „kommt und seht, wo ich daheim bin, beim Vater. Immer, in ihm lebe ich, für ihn gehe ich“, sagt er. Und wir, können wir Missionare sein, indem wir den Menschen sagen: Kommt und seht: So ist unser Gott, so ist unser Jesus, bei Ihm bin ich daheim? Und könnten wir sagen: „Ich möchte Dir etwas von dem schenken, aus dem ich selbst lebe.“?

Er ist da bis ans Ende der Welt!

Der so genannte Missionsbefehl Jesu, den wir gehört haben, er hat am Ende noch einen Zusatz: Zuerst sagt Jesus, wir sollen hinausgehen zu den Völkern und die Menschen zu Jüngern machen – und dann sagt er so unglaublich tröstlich dazu: „Seid gewiss, ich bin bei euch bis zum Ende der Welt.“ Liebe Schwestern und Brüder, er ist bei uns, er bleibt bei uns. Die entscheidende Frage für uns alle – und dafür, ob wir als Kirche wieder wirklich missionarische Kraft entfalten ist deshalb: Sind wir auch wirklich bei Ihm? Sind wir bei und in Jesus zuhause? Ist die Eucharistie, die wir gleich empfangen, die Nahrung für unser inneres Leben? Eucharistia heißt Danksagung: Wir sagen Dank, weil wir seine Kinder sein dürfen und Ihn immer neu empfangen. Am Ende der Messe hieß es früher: Ite, missa est. Das bedeutet: Ihr seid gesandt. Oder im Sinne dessen, was ich versucht habe zu sagen: Geht und verschenkt Euch, verschenkt Jesus, teilt Liebe aus. Heiliger Bischof Valentin, bitte für uns.

 

Kommentieren