Wozu welche Theologie? – Einige Gedanken zu einer aktuellen Debatte zum Thema „Akademische Theologie als wischenschaftliches Lehramt“

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In München gab es im Dezember einen Kongress zum 50. Jahrestag nach Abschluss des II. Vatikanischen Konzils. Zahlreiche der beteiligten Theologen haben im Anschluss an den Kongress eine gemeinsame Erklärung heraus gegeben, in der sie versuchen, die Rolle der Theologie für heute und im Anschluss an das Konzil zu deuten – in ihrem eigenen Selbstverständnis, in der Welt von heute, und vor allem im Blick auf das Lehramt des Papstes und der Bischöfe.

Akademische Theologie als „wissenschaftliches Lehramt“?

Nun ist darüber eine Debatte entstanden: Bischof Rudolf Voderholzer aus Regensburg hat sich in einer sehr lesenswerten Replik mit dem Text auseinander gesetzt. Eine seiner Überlegungen zielte auf die Frage nach dem Verhältnis von kirchlichem Lehramt und Theologie. Darauf haben die Professoren Schockenhoff (Uni Freiburg, Moraltheologie) und Magnus Striet (Uni Freiburg, Fundamentaltheologie) noch einmal geantwortet und die Freiheit der theologischen Forschung akzentuiert. Sie machen darin aus meiner Sicht auch noch einmal deutlich, was die eigentliche Stoßrichtung dieser Münchner Erklärung ist, nämlich eben die Emanzipation theologischen Lehrens und Forschens mit dem Anspruch, als Theologie selbst „unverzichtbares wissenschaftliches Lehramt“ in der Kirche zu sein, mit der gleichzeitigen Forderung nach der „Selbstrelativierung des bischöflichen Lehramtes“. (Links zu den Texten/Berichten: siehe unten)

Freilich mit der Forderung nach einem eigenen „Lehramt“ suggeriert der Text der Erklärung, dass Theologie als akademische Disziplin insgesamt wie eine Art einheitliche Größe wahrzunehmen sei; eine Größe, die in dem Bestreben, selbst dieses „Lehramt“ auszuüben, auch tatsächlich so etwas wie einvernehmliche und von einem breiten Konsens getragene Ergebnisse hervorbringen könnte. Mich beschäftigt dabei die fehlende Selbstkritik der Autoren der Erklärung: In meinem eigenen Studium und weit darüber hinaus auch in der eigenen akademischen Lehrtätigkeit, habe ich feststellen müssen, dass im Grunde die Vertreter der verschiedenen Disziplinen also etwa der Moraltheologie, der Dogmatik, der Exegese, der Pastoraltheologie, des Kirchenrechts, der Liturgie, der Fundamentaltheologie, der Kirchengeschichte etc. mit den jeweils anderen Fachvertretern in der Regel nur eher selten wirklich zu kommunizieren in der Lage gewesen wären. Und soweit ich die Sache übersehe, ist es heute wenig anders. Frag zum Beispiel drei Theologen derselben oder auch verschiedener Fachrichtungen zur Bedeutung einer einzigen Bibelstelle und du bekommst in der Regel wenigstens sechs verschiedene Ansichten dazu! Lehramt der Theologie?! Und als ich für eine einfache Einführungsveranstaltung in die Glaubenslehre als Basistext für die Diskussion schlicht den Katechismus der Kirche benutzte, galt das anderen Kollegen selbstverständlich als der Unwissenschaftlichkeit verdächtig. Lehramt der akademischen Theologie?

Akademische Theologie als Paradies für Fachspezialisten

Ich habe jedenfalls die theologischen Fakultäten in unseren Breiten sehr viel stärker als Paradiese für Fachspezialistentum wahrgenommen, deren überwiegende Mehrzahl der Dozierenden es daher auch weitgehend den Studierenden überlassen haben, wie sie all die verschiedenen „Ergebnisse“ (?) in eine einigermaßen einheitliche theologisches Gesamterfahrung für sich selbst integrieren konnten. Braucht nicht erwähnt zu werden, dass die Studierenden damit häufig überfordert werden – zumal es den Dozierenden selbst nicht immer zu gelingen scheint. Und wenn nun jemand meint, eine solche Erwartung einer „theologischen Gesamterfahrung“ sei doch heute angesichts der Vielgestalt der Diskurse auch in der Theologie geradezu naiv, dann würde ich antworten wollen: Es geht aber doch im Grunde in allen Disziplinen immer um die Frage nach dem einen Wort Gottes, dem einen Christus und seine Offenbarung und seine Relevanz für die verschiedenen Vollzüge und Lebensbereiche in Kirche und Welt.

Das kaum zu integrierende Spezialistentum hat aber für viele Studierende eher dazu geführt (und führt heute noch dazu), dass sie verschiedenste theoretische und praktische Mittel an die Hand bekommen haben, um sich die notwendige persönliche Beziehung zu Christus gleichsam vom Leib zu halten – vor allem dann, wenn sich Theologen oft so dramatisch gegenseitig widersprechen.

Theologie und Anbetung

Das liegt aus meiner Einschätzung an Folgendem: Ein von existenziellen gläubigen Grundvollzügen eher losgelöster, nur reflektierender Umgang mit Christus und seiner Offenbarung behält seinen „Gegenstand“ notwendig in der eigenen Verfügung, führt aber nicht in die Anbetung. Anbetung ist aber im Grunde der einzig angemessene Umgang mit dem Herrn, wenn wir ihn tatsächlich an ihm selbst erkannt haben. Dank und Anbetung müssten und müssen damit der theologischen Reflexion vorausgehen und letztlich ihr auch folgen. Einfach weil wir denkend und antwortend immer mehr verstehen lernen, wer er ist! Wäre dem so, würde das aber auch unsere theologische Erkenntnis und ihre Darstellung wiederum verändern. Ein Leben in realer Beziehung mit Gott verändert das Denken – und mehr noch: es verändert das Leben und vermehrt die Fähigkeit, Gott und den anderen Menschen um ihrer selbst willen zu lieben; den anderen Menschen deshalb, weil ich auch in ihm die Gegenwart Gottes erkenne. Paulus jedenfalls – als großer Theologe – ist der Ansicht, dass es eine Disziplin des Denkens gibt, die sich gänzlich in die „Gefangenschaft des Gehorsams auf Christus hin“ begibt (2 Kor 10,5). Ich durfte Gott sei Dank auch solchen akademischen Lehrern begegnen, die demütig und dennoch auf hohem Niveau in der hier gemeinten Weise Theologie gelernt und gelehrt haben. Aber um ehrlich zu sein: Sie waren keineswegs die Mehrheit.

Und täuschen wir uns nicht: Die Studierenden spüren, ob Lehrende nicht nur Wissenschaftler, sondern auch gläubige Zeugen und Zeuginnen sind oder nicht. Und dass eine solche Erkenntnis (Christus an ihm selbst) möglich und sogar notwendig ist, bezeugen die Evangelien – und bezeugt die ganze Tradition der Kirche. Daher ist Theologie, die nicht ursprünglich von Dank, von Anbetung getragen ist, im Grunde ein sehr geeignetes Instrument dafür, der existenziellen Glaubenserfahrung gerade ausweichen zu können. Ich kenne jedenfalls auch nicht wenige Studierende der akademischen Theologie, die sich nach ihrem Studium tatsächlich von der Kirche verabschiedet haben.

Warum gibt es in „wissenschaftlicher Theologie“ dieselben Lager wie überall auch?

Was mich dann im selben Zusammenhang noch beschäftigt, ist dass die meisten der Unterzeichnenden der Münchner Erklärung aus einer Richtung kommen, die insgesamt eher als liberal und daher wie selbstverständlich als lehramtskritisch wahrgenommen wird. Von den so genannten Konservativen hat aus meiner Sicht niemand unterzeichnet und ich würde die Unterzeichner daher gerne fragen, ob diejenigen aus dem „anderen Lager“ denn auch zum erwünschten „Lehramt der Theologie“ gehören würden – oder ob „Lehramt der Theologie“ nur das sein dürfte, was in der Erklärung von den Unterzeichnern als Stoßrichtung formuliert worden ist? Wer wäre der Regulator eines solchen Lehramtes? Und würden aus Sicht der Unterzeichner auch diejenigen zum „Lehramt der Theologie“ gehören sollen, die theologisch fundiert eine deutlich enger auf das Lehramt und vor allem auf die Erkenntnis Christi bezogene Dienstfunktion ihrer Disziplin vertreten würden? Und wo wäre die kritische Selbstreflektion auf Theologie als Wissenschaft, wenn es so einfach sein kann und seit Jahren so ist, dass dieselben Fachkollegen zu identischen Fragen zu gänzlich unterschiedlichen Urteilen kommen? Wie wird hier Wissenschaft überhaupt verstanden. Und wie ist hier Wissenschaft überhaupt möglich, wenn heute der Eindruck überwiegt, dass sich auch die als Wissenschaft sich verstehende Theologie in dieselben Lager aufspaltet wie die übrige Landschaft der katholischen Gläubigen; wobei die Bandagen, mit denen gerade in der akademischen Theologie gekämpft wird, oft noch härter scheinen als in anderen kirchlichen Lebenswelten. Wer erhellt erkenntnistheoretisch die Voraussetzungen für Lagerbildung gerade in einer sich als Wissenschaft verstehenden Disziplin?

Wozu also Theologie studieren? Vier Fragen und die fünfte außerhalb der Klammer!

Ich würde daher die Debatte gerne noch ergänzen und der Frage nach dem Sinn und Ziel von katholischer Theologie überhaupt nachgehen wollen. Ohne Frage ist Gott selbst, oder besser die vernünftige Rede über Gott, primäres Anliegen und Ziel der Theologie. Die Frage danach, ob und wie wir ihn erkennen können, wie wir über ihn reden können, wie sich solche Erkenntnis im Leben des Einzelnen, der Kirche und der uns umgebenden Gesellschaft niederschlägt. Immanuel Kant hat einmal versucht, das Anliegen der Philosophie als Suche nach Antworten auf vier Fragen zusammengefasst: Was können wir wissen, was sollen wir tun, was können wir hoffen? Und diese drei würden wiederum im Grunde Antworten suchen auf die eine Grundfrage: Was ist der Mensch?

Die Theologie kann sich diese Fragen aneignen und ihr ein ganz eigenes Vorzeichen geben, wie in einer Art Klammer, die als Vorzeichen ein Plus oder ein Minus hat, das dann den Inhalt der ganzen Klammer beeinflusst. Vor der Klammer dieser Frage nach dem Menschen steht die Frage: Wer ist Gott. Und je nachdem, welche Antwort wir darauf geben, ändert sich auch der Inhalt in der Klammer, ändert sich die Antwort auf die Frage: Wer oder was ist der Mensch? Und damit ändern sich z.B. die Zugangsweisen zu vielen moraltheologischen Fragen, um die wir derzeit öffentlich so intensiv ringen.

Vernunft und Offenbarung

Als Theologen stellen wir also die Frage: Wer ist Gott und fragen uns in der Konsequenz nach dem Menschen als seinem Geschöpf. Natürlich können beide Fragen nicht völlig unabhängig und auch nicht einfach nacheinander beantwortet werden, sondern nur ineinander verschränkt. Wir erkennen Gott überhaupt nur mit unseren Möglichkeiten und Mitteln als Menschen, das heißt also auch auf spezifisch menschliche Weise.

Nun gibt es die Möglichkeit, aus der Perspektive bloßen vernünftigen Menschseins schon etwas über Gott zu erkennen und zu sagen. Paulus etwa oder der Verfasser des Buches der Weisheit, sind überzeugt, dass die Schöpfung alleine schon genügend Spuren in sich trägt, um über Gott etwas mit Gewissheit zu sagen (Röm 1,19-20). Dennoch gibt es noch einmal eine unüberbietbare zusätzliche Qualität, nämlich die Offenbarung Gottes über sich selbst, eine Möglichkeit der Erkenntnis, die er uns schenkt und die wir aus uns selbst nicht haben könnten. In Christus ist Gott Mensch geworden und hat uns damit nicht nur in tiefster Weise gezeigt, wer und wie Gott ist, sondern zugleich, wer und wie der Mensch ist und vor allem: sein kann. Wenn das stimmt, dann ist uns also in dieser Offenbarung nicht nur die tiefste Möglichkeit geschenkt zu erkennen, wer Gott ist, und zwar tiefer als in jeder anderen Religion oder Weltanschauung, sondern mehr noch: Uns ist zugleich damit Einsicht in das Wesen des Menschen geschenkt, ebenfalls tiefer als bei jedem anderen. Warum? Weil wir Maß nehmen dürfen am Menschsein und Gottsein Christi.

Primäre Orientierung findet dieses Maßnehmen aus den Quellen der Offenbarung selbst, insbesondere aus der Hl. Schrift. Die heilige Schrift besteht aus Worten von Menschen, geschrieben unter dem Einfluss des Geistes Gottes. Innerer Maßstab der Auslegung dieser Worte für uns als Christen ist letztlich das einzige Wort, ist Christus selbst. Er selbst ist der Interpretationsschlüssel für die ganze Schrift schlechthin – sagt das Konzil und hat die Kirche immer gesagt. Und er ist als Wort des Vaters in der Kirche Fleisch geworden. Wir glauben daher, dass er in der Kirche und ihren Vollzügen real gegenwärtig ist und deshalb auch im Grunde nur in ihr als seinem „Wohnort“ (Eph 2,22, Offb 21,3) real und in der rechten Weise erkannt werden kann. Wir glauben aber folglich, dass von ihm her auch der Mensch und sein Leben vor Gott je tiefer erkannt werden können.

Theologie und das reine Herz

Wir glauben zudem, dass Gott seiner Kirche geschenkt hat, im rechten Glauben bewahrt zu bleiben. Durch die Schrift, durch den Strom der Überlieferung, durch das theologische Nachdenken über den Inhalt des Glaubens und seiner Bedeutung für die jeweilige Zeit und ihre Zeichen, im Lehramt, in der Liturgie, durch den Glaubenssinn der Christen und anderes mehr. Es gibt also so etwas wie ein Richtig und Falsch im Glauben, über das auch die Kirche als Ganze, vor allem aber das Lehramt, entscheiden kann. Freilich ist der eigentliche Maßstab für dieses Richtig und Falsch nicht einfach eine bloß losgelöste Wahrheit theologischer Erkenntnis, sondern letztlich das Maß der Liebe, mit der die bloß theologische Rede bezeugt wird, also die reale Kraft des Heiligen Geistes.

Und wenn es stimmt, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Erkenntnis Gottes und dem, was die Schrift oder auch der Herr selbst ein „reines Herz“ (Mt 5,8; Ps 51,12) nennen, dann wäre mir auch noch recht, wenn diejenige Disziplin, die um Gotteserkenntnis ringt, auch noch diese Voraussetzung mit in ihre grundsätzlichen Überlegungen einbeziehen würde.

Mich beschäftigt jedenfalls sehr, dass in der Schrift zweimal dieselbe theologische Wahrheit gesagt werden kann, aber einmal ist sie dämonisch losgelöst vom Liebesvollzug und einmal ist sie eingebunden in die Zusage der existenziellen Nachfolge: In Lk 4,34 schreit nämlich der Dämon: „Ich weiß wer du bist: der Heilige Gottes“ und befürchtet von eben diesem ins Verderben gestürzt zu werden. In Joh 6,69 bekennt Petrus im Namen der anderen, die noch beim Herrn verblieben sind mit demselben Wortlaut wie der Dämon: „Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes“!

Es gibt also offenbar verschiedene Weisen des Zugangs zu theologischer Erkenntnis und vor allem des daraus folgenden Umgangs mit dieser. Wenn für uns alle aber die theologische Erkenntnis des Petrus und seine Konsequenzen daraus die entscheidendere Relevanz hat, dann folgt für mich daraus, dass Theologie auch sehr viel entscheidendere Ziele hat als sie etwa in der Schlusserklärung der Theologen zur Konzilsveranstaltung in München formuliert worden sind. Ob diese Ziele hintergründig von den Theologen ohnehin mitgedacht werden, vermag ich nicht zu beurteilen, hielte es aber für möglich.

Skeptische Fragen

Skeptisch macht mich dahingehend freilich, dass weder die Schrift noch das letzte Konzil im Text wirklich zitiert werden. Skeptisch macht mich, dass im Text nirgends die Rede davon ist, dass es im Grunde in allem darum geht, Jesus selbst tiefer zu erkennen und aus dieser Erkenntnis ihn je mehr lieben zu lernen. Im Johannes-Evangelium (Joh 14,15-16) ist die Liebe zum Herrn Voraussetzung für das immer neue Kommen des Geistes und unser Erfüllt-werden von ihm. Im selben Evangelium ist die Erkenntnis Gottes und seines Sohnes sogar identisch mit dem ewigen Lebens selbst (Joh 17,3). Welche Erkenntnis wäre da gemeint? Und wie unterschiede sich theologisch-akademische Gottesrede und –erkenntnis von dieser im Evangelium gemeinten Erkenntnis?

Skeptisch macht mich, dass es in der Erklärung vor allem um so etwas wie Selbstbehauptung und Abgrenzung der Theologie gegenüber dem Lehramt zu gehen scheint. Skeptisch macht mich, dass die Berufung des Menschen zur Gottebenbildlichkeit und Heiligkeit überhaupt keine Rolle spielt. Skeptisch macht mich, dass das Ineinander von geistlichem Leben und theologischer Erkenntnis nirgendwo thematisiert wird. Skeptisch macht mich, dass unter dem Stichwort „Reform kirchlicher Strukturen“ ekklesiologische Implikationen in die Konzilstexte hinein gelesen werden, die aus meiner Sicht deutlich mehr mit den Wünschen der Verfasser zu tun haben, als mit dem, was tatsächlich etwa in „Lumen gentium“ oder „Gaudium et spes“ über die Kirche formuliert ist.

In der Welt meines Ordens, der Salesianer Don Boscos, gab es einen theologischen Lehrer in Turin, Don Giuseppe Quadrio. Er ist im Oktober 1963, also während des Konzils gestorben. Bei seiner ersten Vorlesung in Dogmatik hat er sich bei den Studenten dafür entschuldigt, dass er kein Heiliger ist, denn im Grunde müsste man das ja sein, um gute Theologie lehren zu können. Don Quadrio ist auf dem Weg zur Seligsprechung.

Gottesdienst oder Götzendienst?

Warum also und zu welchem Ziel studieren wir Theologie? Um Antworten auf die Fragen Kants zu bekommen! Was können wir wissen, was sollen wir tun, worauf dürfen wir hoffen? Und was ist der Mensch? Und diese philosophischen Antworten sind eingebunden in die Klammer, die eine viel größere theologische Frage zu ihrem Vorzeichen hat: Wer ist unser Gott? Es gibt einen Anfang und ein Ziel theologischer Erkenntnis: Den dreifaltigen Gott. Wenn Theologie nicht dahin führt, diesen Gott tiefer zu erkennen – damit Menschen ihm auch aufgrund der je tieferen Erkenntnis je mehr die Ehre geben können, wird sie nahezu notwendig eher zum Götzendienst. Das heißt, sie wird zum Dienst an einem Gottesbild, das ich mir primär selbst mache, über das ich selbst verfüge und das ich dann vor allem als „mein“ Ergebnis in den Diskurs einbringe, um möglichst anschlussfähig zu sein für diejenigen Diskurse, die ich gerade für wichtig halte. Nicht ich lasse dann den erkannten und verehrten Gott über mein Leben und meinen Weg verfügen, sondern ich verfüge (vermeintlich!) in meinen theologischen Begriffen über seinen Weg mit mir. Anders gefragt: Wäre nicht Bekehrung auch eine notwendige Kategorie für Wissenschaftler der Theologie? Und wenn ja, wo und wie schlüge sich das nieder im Prozess wissenschaftlichen theologischen Erkenntnisgewinnes?

Denn wenn Theologie heute nicht mehr deutlich machen kann, dass es eine Erkenntnis des Glaubens und der Theologie auch als Wissenschaft gibt, die es dem Menschen ermöglicht, in die je authentischere Nachfolge Jesu zu finden; eine Disziplin, die dem suchenden Menschen auch deutlich macht, dass er letztlich zur Heiligkeit in Christus und seiner Kirche berufen ist, dann hat sie keinen Sinn und erst recht keine Relevanz mehr für eine erlösungsbedürftige Welt. Sie bleibt dann nur mehr ein austauschbares, den Moden der Zeit unterworfenes Glasperlenspiel im vielgestaltigen Diskurs der Moderne. Aber sie ist dann keine echte Herausforderung mehr, schon gar nicht für andere Wissenschaften des Humanen, und auch nicht für den echten Dialog der Religionen.


Bezugstexte:

Schlusserklärung des Internationalen Kongresses „Das Konzil ‚eröffnen‘ “

Sind die Gedanken frei?

Bemerkungen von Bischof Rudolf Voderholzer zur Schlusserklärung des Internationalen Kongresses „Das Konzil ‚eröffnen‘ “

Theologieprofessoren pochen auf Freiheit der Forschung

 

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