Zeugen oder Schriftgelehrte? Über Anspruch und Grenze der akademischen Theologie als „wissenschaftliches Lehramt“

In Verschiedenes von Pressestelle1 Kommentar

Der Beitrag ist Teil des Bandes „Unabhängige Theologie. Gefahr für Glaube und Kirche?“ von Herausgeber B. Leven. Er ist im Herder-Verlag erschienen.

In München gab es im Dezember 2015 einen Kongress zum 50. Jahrestag nach Abschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils. Zahlreiche der beteiligten Theologen haben im Anschluss an den Kongress eine gemeinsame Erklärung unterschrieben, in der sie versuchen, die Rolle der Theologie für heute und im Anschluss an das Konzil zu deuten – in ihrem eigenen Selbstverständnis, in der Welt von heute, und auch im Blick auf das Lehramt des Papstes und der Bischöfe. Nun ist darüber eine Debatte entstanden: Bischof Rudolf Voderholzer aus Regensburg hat sich in einer sehr lesenswerten Replik mit dem Text auseinandergesetzt. Eine seiner Überlegungen zielte auf die Frage nach dem Verhältnis von kirchlichem Lehramt und Theologie. Darauf haben die Professoren Eberhard Schockenhoff (Universität Freiburg, Moraltheologie) und Magnus Striet (Universität Freiburg, Fundamentaltheologie) in einem Zeitungsbeitrag geantwortet und die Freiheit der theologischen Forschung akzentuiert. Sie machen darin aus meiner Sicht auch noch einmal deutlich, was die hauptsächliche Stoßrichtung dieser Münchener Erklärung ist, nämlich eben die Emanzipation theologischen Lehrens und Forschens mit dem Anspruch, als Theologie selbst „unverzichtbares wissenschaftliches Lehramt“ in der Kirche zu sein, verbunden mit der gleichzeitigen Forderung nach der „Selbstrelativierung des bischöflichen Lehramtes“.

Freilich, mit der Forderung nach einem eigenen „Lehramt“ könnte der Text der Erklärung suggerieren, dass Theologie als akademische Disziplin insgesamt wie eine Art einheitliche Größe wahrzunehmen sei; eine Größe, die in dem Bestreben, selbst ein „Lehramt“ auszuüben, auch tatsächlich so etwas wie einvernehmliche und von einem breiten Konsens getragene wissenschaftlich fundierte Ergebnisse hervorbringen könnte.

Mich beschäftigt dabei zunächst einmal die Frage nach dem, was im Blick auf die Theologie Wissenschaft heißt und welchen grundlegenden Prinzipien Theologen der verschiedenen Einzeldisziplinen folgen, mit dem Anspruch die Wahrheit zu erforschen und zu sagen. Sofern christliche Theologie an einer katholischen Fakultät betrieben wird, handelt es sich der Natur der Sache nach um „katholische Theologie“. Es gibt für sie also wenigstens die Identitätsmarker christlich und katholisch. Deshalb findet Theologie in Forschung und Lehre auch im Rahmen eines kirchlichen Auftrages statt und damit im Kontext kirchlichen Lebens. Kirche lebt und vollzieht sich nun in Welt und Gesellschaft, aber sie geht nicht in beiden auf. Es gibt nach dem Zeugnis des Evangeliums bisweilen sogar einen dramatischen Unterschied zwischen Welt und Kirche – je nachdem mit welcher Konnotation dort der Begriff Welt in den neutestamentlichen Texten gebraucht wird. Aber wenn es den Unterschied gibt, dann gibt es ihn auch zwischen einem nur weltlichen und einem kirchlichen Nachdenken über Gott und die Welt – auch dann, wenn beides mit dem Anspruch einhergeht, systematisch und wissenschaftlich zu sein.

1. Grundlagenverlust als maßgebliches Problem

Eine grundlegendes Problem entsteht aus meiner Sicht daher aus der nach dem Konzil keineswegs einheitlich geklärten Frage nach eben diesem Verhältnis von Kirche und Welt und dem daraus folgenden Verständnis einer kirchlichen Theologie im Unterschied zu einer allgemeinen Rede von Gott, die in jedem anderen Kontext auch stattfinden könnte. Dass es Schnittpunkte oder Überschneidungen gibt, ist selbstverständlich. Besonders die Fundamentaltheologie geht traditionell den Weg von der Frage nach der Möglichkeit des Gottesglaubens überhaupt zur Frage nach der Möglichkeit des Christusglaubens hin zur Frage nach dem ausdrücklich katholischen Bekenntnis. Nun stellen aber Fachvertreter gerade dieser Disziplin immer wieder fest, dass sich ausgerechnet die Fundamentaltheologie in einer spezifischen Krise befinde, weil sie insgesamt nicht mehr genau wisse, welche Fragen sie beschäftigen sollen, die nicht auch in anderen Disziplinen, etwa der Philosophie, der Dogmatik, aber auch der Pastoral- oder der Moraltheologie oder gar den Bibelwissenschaften verhandelt würden. Ist dem aber so, das heißt versuchen die Einzeldisziplinen tatsächlich immer wieder ihre eigenen Voraussetzungen zu klären – und zwar jene, die vormals in der Fundamentaltheologie oder zuvor noch in der Philosophie verhandelt waren –, dann verschärft sich das Pluralitätsproblem, dann verschärft sich das Problem des Verhältnisses Kirche-Welt und insbesondere verschärft sich die Frage, ob denn in der Theologie insgesamt immer noch von einem halbwegs gemeinsam geteilten Menschen- und Weltbild ausgegangen werde. Die von einzelnen Fachvertretern gewählten und für sie jeweils passend erscheinenden philosophischen, soziologischen, historischen, psychologischen oder anderen Grundvoraussetzungen sind ja ihrerseits nicht noch einmal in einer von allen geteilten Wirklichkeitsauffassung gegründet, obgleich eine Art Gesamtverständnis von Kirche und Welt so etwas wäre; und obwohl ja jeder denkende Mensch eine solche „Metaphysik“ als Welt- und Kirchenauffassung hat, ob ausdrücklich bewusst und ausbuchstabiert oder nicht.

Der weitgehende Verlust dieser grundlegenden Dimension im theologisch-wissenschaftlichen Diskurs führt dann aber dazu, dass andere Disziplinen, wie die oben genannten, die die Voraussetzungen bereitstellen sollen, eher subjektiv gewählt werden und an die Stelle von Metaphysik als Wirklichkeitsauffassung von Welt und Kirche treten. In einem solchen Fall neigen dann aber Einzeldisziplinen als Grundlagen dazu, sich als Voraussetzungen zu verabsolutieren, das heißt sich an die Stelle der Metaphysik zu setzen, häufig im Hintergrund und unausdrücklich. Und das führt dann häufig in den vordergründigen Diskursen zur schon erwähnten Verunmöglichung von Verständigung. Der eine ist geprägt von einem tiefenpsychologischen Ansatz, die andere von einem strukturalistischen, der dritte von einer spezifischen Deutung von Geschichtlichkeit, die vierte nimmt einen soziologischen Zugang als Grundlage und so fort. Alle Zugänge sind ja in sich nicht einfach negativ, aber jeweils nicht umfassend genug für die hier verhandelten Fragen. Sie können das, was ehedem die philosophische Frage nach dem Sein leistete, nicht einfach ersetzen. Daher hat bereits Papst Johannes Paul II. in seiner Enzyklika „Fides et ratio“ von 1998 geschrieben: „Erforderlich ist eine Philosophie von wahrhaft metaphysischer Tragweite; sie muss imstande sein, das empirisch Gegebene zu transzendieren, um bei ihrer Suche nach der Wahrheit zu etwas Absolutem, Letztem und Grundlegendem zu gelangen (…). So verstanden, darf die Metaphysik nicht als Alternative zur Anthropologie gesehen werden, gestattet es doch gerade die Metaphysik, dem Begriff von der Würde der Person, die auf ihrer geistigen Verfasstheit fußt, eine Grundlage zu geben. Besonders die Person stellt einen bevorzugten Bereich dar für die Begegnung mit dem Sein und daher mit dem metaphysischen Denken.“

2. Verlust der Einheit?

Aufgrund meiner eigenen Studienerfahrung und akademischen Lehrtätigkeit würde ich an diesem Schnittpunkt das Hauptproblem heutiger theologischer Arbeit ausmachen. War ehedem noch so etwas wie ein halbwegs geteilter Gesamtblick auf Mensch und Wirklichkeit insgesamt vorhanden, ist dieser untergründig geteilte Konsens sowohl in der Ausdifferenzierung philosophischer und anderer Ansätze wie auch in den darauf aufbauenden und sich darauf beziehenden Theologien weitgehend verschwunden. Die Krise der Theologie ist also tatsächlich eine Krise der philosophischen Grundlagen. Es ist aus meiner Sicht in der akademischen Theologie beinahe schon so wie in der Politik: Man bezieht sich ohne Scham auf das sogenannte christliche Menschenbild und ein damit einhergehendes Weltbild, ohne je gemeinsam zu klären, was genauer darunter zu verstehen sei. Eher wird der Begriff als oberflächlicher Gemeinplatz verwendet, womöglich um Einheitlichkeit zu suggerieren und gerade nicht nach den gemeinsamen Voraussetzungen fragen zu müssen.

Dass sich dann die Theologie vielfach in Fachspezialistentum ausdifferenziert, mag ja noch gut sein, aber wenn sich ein solches Phänomen derart auswächst, dass die Fachvertreter nur noch marginal in der Lage sind, miteinander zu kommunizieren und obendrein die Studierenden mit der Frage allein gelassen werden, wie denn die verschiedenen Ansätze und Ergebnisse in eine theologisch-gläubige Gesamterfahrung integriert werden können, dann wird es schwierig. Ohne ein abschließendes Urteil über die Bologna-Reform abgeben zu können und zu wollen, scheinen mir einige eigene Eindrücke und Erfahrungen deutlich zu machen, dass gerade eine die Fächer und Ansätze integrierende Interdisziplinarität – obwohl intendiert – nicht generell, sondern eher vereinzelt erreicht worden ist. Vielmehr scheint mir unter dem Zauberwort „Modul“ am Ende nun doch wieder jeder Lehrende soviel wie möglich von den eigenen Inhalten retten und einbringen zu wollen, ohne die Inhalte der jeweils anderen am Modul Beteiligten wirklich zur Kenntnis zu nehmen. Und wenn dem so ist, dann hat das wohl weniger mit einer grundsätzlichen Unfähigkeit der Dozierenden zu tun als mit dem Strukturproblem der schon in den philosophischen Grundlagen so weit ausdifferenzierten Theologien, dass ein aussichtsreiches Ringen um eine gemeinsame Basis kaum mehr möglich ist.

Einige wenige Fragen sollen noch kurz vertiefen, worum es bei diesem inhaltlichen Problem geht – dem aus meiner Sicht kaum noch geteilten Menschen- und Weltbild – und warum es so zentral ist. Wie verstehen wir etwa als Theologinnen und Theologen das Verhältnis von menschlicher Natur einerseits und Gnade oder Glaube andererseits, wenn heute in den unterschiedlichen Disziplinen ziemlich verschieden beantwortet wird, was menschliche Natur und Gnade überhaupt sind und wie dann auch noch beide ineinander wirken? Unter dem Einfluss von Gendertheorien oder anderen humanwissenschaftlichen Disziplinen wird die Rede von der „Natur“ des Menschen ohnehin radikal in Frage gestellt. Andererseits spricht das Neue Testament ausdrücklich oder unausdrücklich beständig davon, dass der Mensch durch Gottes Gnade und sein erlösendes Handeln an uns ein neuer Mensch werden kann. Wie also wäre das systematisch-theologisch vermittelbar? Welches Verständnis von Mensch und Gnade wäre hier zugrunde gelegt? Was heißt hier eigentlich Erlösung schon im Hier und Jetzt? Und daran schließt sich die nächste fundamentale Frage unmittelbar an: Untrennbar hängt das Menschenbild zusammen mit dem Problem, wie denn „Reich Gottes“, der Kerninhalt der jesuanischen Verkündigung, zu verstehen sei. Wie also wäre das komplexe Ineinander von Mensch, Welt, Reich Gottes und dann noch der Wirklichkeit der Kirche zu begreifen, wenn es für alle diese Aspekte allzu verschiedene Ansätze, Zugänge und Voraussetzungen gibt, insbesondere im Menschenbild?

Für Paulus oder die Evangelisten scheinen diese Fragen jedenfalls kaum Fragen, sondern als Inhalt ihrer Glaubenserfahrung schon gemeinsam getragene Voraussetzungen gewesen zu sein. Andernfalls wäre etwa die Rede von dem einen Evangelium, der einen frohen Botschaft, dem einen Geist und dem einen Leib und dem einen Glauben wenig plausibel. Die Frage ist also sehr grundsätzlich: Ist das Bemühen um eine einigermaßen einheitliche Gesprächsbasis dieser Begriffe noch sinnvoll oder ist der Zug schon in Richtung einer Pluralität abgefahren, die nicht mehr vielstimmig aus der einen Mitte lebt, sondern in Richtung einer Pluralität geht, die Einheit gerade zersetzt – und damit eher in Richtung babylonische Sprachverwirrung? Mir geht jedenfalls im theologischen Diskurs das selbstkritische Problembewusstsein um diese und ähnliche Fragen ab, die ich indes für Überlebensfragen der katholischen Theologie halte.

3. Das kirchliche Lehramt als Garant von Einheit

Ist diese Diagnose aber richtig, dann halte ich den erhobenen Anspruch, die Theologie sei das „unverzichtbare wissenschaftliche Lehramt“, wogegen sich das „bischöfliche Lehramt“ zu relativieren habe, von der Formulierung her für anmaßend. Dass Theologie notwendig ist, dass sie auch kritisch sein darf und muss, dass sie seit vielen Jahrhunderten den Glauben erklärt, klärt, herausfordert, vertieft, bereichert und anderes mehr, ist selbstverständlich. Dass sie lehrt, ist ohnehin der Fall, dass sie aber „Lehramt“ zu sein beansprucht mit der gleichzeitigen Forderung der Relativierung des bischöflichen Lehramtes, ist nicht nur, aber gerade in der derzeitigen Situation von Kirche und Theologie hoch problematisch. Die Selbstverpflichtung zum bleibenden, kritisch-loyalen Bezug zum kirchlichen, vor allem auch päpstlichen Lehramt für alle Beteiligten wäre nämlich aus meiner Sicht gerade diejenige Qualität theologischen Arbeitens, die überhaupt noch so etwas wie Einheit gewährleisten könnte. Und die Mitsorge darum, dass eine solche Einheit nicht nur äußerlich zusammen gehaltene Struktur, sondern auch inhaltlich gefüllt und geteilt ist, wäre heute aus meiner Sicht dringender denn je.

Schließlich: Wenn in dieser pluralen Welt, Gesellschaft und Kirche junge Menschen in „katholischer Theologie“ ausgebildet werden, dann erwarte ich mir von einer solchen Ausbildung nicht nur ein kritisches Auseinandernehmen von tradierten, manchmal allzu naiven Glaubensvorstellungen, sondern grundsätzlich auch die Hilfestellung, den Glauben wieder zu einer einheitlichen theologischen Gesamterfahrung und daraus erwachsenden Gesprächsfähigkeit zusammenbringen zu können. Es braucht aus meiner Sicht kaum erwähnt zu werden, dass die Studierenden, die damit alleine gelassen werden, häufig überfordert sind – zumal es den Dozierenden selbst nicht immer zu gelingen scheint. Und wenn nun jemand meint, eine solche Erwartung einer „theologischen Gesamterfahrung“ sei doch heute angesichts der Vielgestalt der Diskurse auch in der Theologie geradezu naiv, dann würde ich antworten wollen: Es geht aber doch im Grunde in allen Disziplinen immer um die Frage nach dem einen Wort Gottes, dem einen Christus und seiner Offenbarung und deren Relevanz für die verschiedenen Vollzüge und Lebensbereiche in Kirche und Welt. Das kaum zu integrierende Spezialistentum führt für viele Studierende eher dazu, dass sie verschiedenste theoretische und praktische Mittel an die Hand bekommen haben, um sich die notwendige persönliche Beziehung zu Christus gleichsam vom Leib zu halten – vor allem dann, wenn sich Theologen oft so dramatisch und auf breiter Front gegenseitig widersprechen.

4. Theologie und Anbetung

Weiterhin wäre für unser Problem die Frage zu stellen: Wie unterscheidet sich ein theologisches Nachdenken, das von existenziellen gläubigen Grundvollzügen getragen ist, von einem eher losgelösten, nur professionell reflektierenden Umgang mit Christus und seiner Offenbarung? Letztere Haltung, die vor allem in der wissenschaftlichen Distanz bleiben will, behält ihren „Gegenstand“ notwendig in der eigenen Verfügung, in der eigenen Kontrolle, führt aber nicht in die Anbetung, in das Lob Gottes. Wenn es aber umgekehrt in der Theologie tatsächlich um so etwas wie Erkenntnis Gottes geht, wenn es diese wirklich gibt und ihr folgend auch angemessene Rede von Gott, dann wird das Einmünden theologischer Reflexion in die Anbetung im Grunde der einzig angemessene Umgang mit Gott sein können, weil dann der bloße „Gegenstand“ meiner theologischen Erkenntnis mir zum absoluten Gegenüber wird, den nicht nur ich selbst meine, sondern von dem ich unvordenklich selbst gemeint und angesprochen bin.

Und das hieße wiederum: Dank und Anbetung müssten und müssen der theologischen Reflexion nicht nur folgen, sondern ihr im Grunde auch vorausgehen. Einfach weil wir denkend und antwortend immer mehr verstehen lernen (wollen), wer er ist! Und weil die Eucharistie, die große Danksagung, Quelle und Höhepunkt des gesamten kirchlichen Lebens ist (vgl. LG 11). Gerade die Eucharistie als Ausdruck des Glaubensvollzuges der Kirche lebt auch aus geteilter, gläubiger Erkenntnis, weil die lex orandi und die lex credendi immer aufeinander bezogen bleiben und einander entsprechen. Die Kirche betet, wie sie glaubt, und ihr Glaube führt ins Gebet. Die Forderung nach der Kirchlichkeit von Theologie würde aus meiner Sicht daher als Minimum voraussetzen, dass das, was in der Eucharistie passiert, gefeiert, gesagt und geglaubt wird, geteilte Grundlage und geteilter Horizont christlicher und katholischer theologischer Reflexion ist und bleibt. Und diese Form gelebter gläubiger Erkenntnis ist wiederum nicht sinnvoll denkbar ohne die konkrete persönliche Beziehung des Einzelnen zu Christus und zur Gemeinschaft derer, die diese Feier begehen, also zur Kirche und zum Verstehen dessen, was Kirche jenseits bloß soziologischer oder geschichtlicher Kategorien ist.

Ist dem aber grundsätzlich so, gründet unser gläubiges Leben in diesem Vollzug, dann verändert eine solche Perspektive immer auch unsere theologische Erkenntnis und ihre Darstellung. Ein Leben in realer Beziehung mit Gott, mit Christus verändert das Denken. Und mehr noch, es verändert das Leben und vermehrt die Fähigkeit, Gott und den anderen Menschen um ihrer selbst willen zu lieben; den anderen Menschen deshalb, weil ich auch in ihm die Gegenwart Christi erkenne. Paulus jedenfalls – als großer Theologe – ist der Ansicht, dass es eine Disziplin des Denkens gibt, die sich gänzlich in die „Gefangenschaft des Gehorsams auf Christus hin“ begibt (2 Kor 10,5). Ich bin sehr froh und dankbar darum, dass ich selbst akademischen Lehrern begegnen durfte, die demütig und dennoch auf hohem Niveau und auch einer kritischen Fragestellung verpflichtet Theologie mit diesem für sie unverrückbaren Bezugspunkt gelehrt haben. Aber um ehrlich zu sein: Sie waren keineswegs die Mehrheit. Und täuschen wir uns nicht, die Studierenden spüren, ob Lehrende nicht nur Wissenschaftler, sondern auch gläubige Zeugen und Zeuginnen sind oder nicht. Ich fand es jedenfalls zu meiner Studienzeit schon bedenklich, wenn Studierende es für besonders beachtenswert hielten, wenn etwa Laien im Professorendienst regelmäßig die Heilige Messe besuchten; beachtenswert, weil so etwas von den Studierenden eher als bemerkenswerte Ausnahme und nicht als die Regel wahrgenommen wurde.

Aber dass nun eine solche Erkenntnis (Christus an ihm selbst – aus dem eucharistischen Geheimnis) möglich und sogar notwendig ist, bezeugen die Evangelien – und bezeugt die ganze Tradition der Kirche. Diese erneuerte Erkenntnis ist als Metanoia sogar die Grundstruktur von Bekehrung: Gott verändert mein Denken und nicht: Ich denke solange über Gott nach, bis er sich mir und meinem Denken anpasst. Daher ist Theologie, die nicht ursprünglich von Dank, von Anbetung aus dieser Quelle getragen ist, im Grunde ein sehr geeignetes Instrument dafür, der existenziellen Glaubenserfahrung gerade ausweichen zu können. Ich kenne jedenfalls auch nicht wenige Studierende der akademischen Theologie, die sich nach ihrem Studium tatsächlich von Glaube und Kirche verabschiedet haben.

Theologie erhebt für sich den Anspruch, Wissenschaft zu sein und nach Wahrheit über Gott zu forschen und sie zu sagen. Diesen Anspruch will ich nicht abstreiten, gleichwohl müsste erst geklärt werden und vor allem immer neu verständlich gemacht werden, in welchem Sinn Theologie auch im Verhältnis zu anderen Wissenschaften, insbesondere anderen Geistes- und Humanwissenschaften, aber auch im Sinne der Humanwissenschaften von Wahrheit reden kann. Mich beschäftigt jedenfalls sehr, dass es in der wissenschaftlichen Theologie dieselben Lager gibt, wie in den anderen Handlungs- und Vollzugsformen von Kirche auch, insbesondere zwischen den sogenannten Liberalen und Konservativen, vielleicht sogar mit dem Unterschied, dass deren Gegeneinander im Raum der akademischen Theologie noch profilierter und mit noch härteren Bandagen ausgefochten wird. Wenn sich aber Wahrheit in der Theologie ebenfalls dialogisch vermittelt, müsste es doch gerade hier eher konsensorientierte als den Dissens betonende Forschung und Lehre geben. Aber ganz offenbar ist auch Theologie an der Universität nicht ideologiefrei. Da hilft es dann auch umgekehrt nicht, dem kirchlichen Lehramt insgesamt zu unterstellen, es sei ideologisch, um sich nachher nicht minder ideologisch davon absetzen zu können. Denn wenn es eine Instanz gäbe, die Ideologien als solche enttarnt, dann bislang noch immer die gesamte kirchliche und vom Lehramt gewährleistete kirchliche Überlieferung: Katholisch als der Glaube, der seit jeher, synchron und diachron, von allen geteilt worden ist.

5. Wozu also Theologie studieren?

Vier Fragen und die fünfte außerhalb der Klammer! Ich würde daher die Debatte gerne noch ergänzen und der Frage nach dem Sinn und Ziel von katholischer Theologie überhaupt nachgehen wollen. Ohne Frage ist Gott selbst, oder besser die vernünftige Rede über Gott, primäres Anliegen und Ziel der Theologie: die Frage danach, ob und wie wir ihn erkennen können, wie wir über ihn reden können, wie sich solche Erkenntnis im Leben des Einzelnen, der Kirche und der uns umgebenden Gesellschaft niederschlägt. Immanuel Kant hat einmal versucht, das Anliegen der Philosophie als Suche nach Antworten auf vier Fragen zusammenzufassen: Was können wir wissen, was sollen wir tun, was können wir hoffen? Und diese drei würden wiederum im Grunde Antworten suchen auf die eine Grundfrage: Was ist der Mensch?

Die Theologie kann sich diese Fragen aneignen und ihr ein ganz eigenes Vorzeichen geben, wie in einer Art Klammer, die als Vorzeichen ein Plus oder ein Minus hat, das dann den Inhalt der ganzen Klammer beeinflusst. Vor der Klammer dieser Frage nach dem Menschen steht die Frage: Wer ist Gott? Und je nachdem, welche Antwort wir darauf geben, ändert sich auch der Inhalt in der Klammer, ändert sich die Antwort auf die Frage: Wer oder was ist der Mensch? Und damit ändern sich z. B. die Zugangsweisen zu vielen moraltheologischen Fragen, um die wir derzeit öffentlich so intensiv ringen.

6. Vernunft und Offenbarung

Als Theologen stellen wir also die Frage: Wer ist Gott? Und wir fragen in der Konsequenz nach dem Menschen als seinem Geschöpf. Natürlich können beide Fragen nicht unabhängig voneinander und auch nicht einfach nacheinander beantwortet werden, sondern nur ineinander verschränkt. Wir erkennen Gott überhaupt nur mit unseren Möglichkeiten und Mitteln als Menschen, das heißt also auch auf spezifisch menschliche Weise. Nun gibt es die Möglichkeit, aus der Perspektive bloßen vernünftigen Menschseins schon etwas über Gott zu erkennen und zu sagen. Paulus etwa oder der Verfasser des Buches der Weisheit sind überzeugt, dass die Schöpfung alleine schon genügend Spuren in sich trägt, um über Gott etwas mit Gewissheit zu sagen (Röm 1,19–20). Dennoch gibt es noch einmal eine unüberbietbare zusätzliche Qualität, nämlich die Offenbarung Gottes über sich selbst, eine Möglichkeit der Erkenntnis, die er uns schenkt und die wir aus uns selbst nicht haben könnten. In Christus ist Gott Mensch geworden und hat uns damit nicht nur in tiefster Weise gezeigt, wer und wie Gott ist, sondern zugleich, wer und wie der Mensch ist und vor allem: sein kann. Wenn das stimmt, dann ist uns also in dieser Offenbarung nicht nur die tiefste Möglichkeit geschenkt zu erkennen, wer Gott ist, und zwar tiefer als in jeder anderen Religion oder Weltanschauung, sondern mehr noch: Uns ist damit zugleich Einsicht in das Wesen des Menschen geschenkt, ebenfalls tiefer als bei jedem anderen. Warum? Weil wir Maß nehmen dürfen am Menschsein und Gottsein Christi.

Primäre Orientierung findet dieses Maßnehmen aus den Quellen der Offenbarung selbst, insbesondere aus der Heiligen Schrift. Die Heilige Schrift besteht aus Worten von Menschen, geschrieben unter dem Einfluss des Geistes Gottes. Innerer Maßstab der Auslegung dieser Worte für uns als Christen ist letztlich das einzige Wort, ist Christus selbst. Er selbst ist der Interpretationsschlüssel für die ganze Schrift schlechthin – sagt das Konzil, sagt die Schrift selbst (vgl. etwa Lk 24,44) und hat die Kirche immer gesagt. Und er ist als Wort des Vaters in der Kirche Fleisch geworden. Wir glauben daher, dass er in der Kirche und ihren Vollzügen real gegenwärtig ist und deshalb auch im Grunde nur in ihr als seinem „Wohnort“ (Eph 2,22, Offb 21,3) real und in der rechten Weise erkannt werden kann. Wir glauben aber folglich, dass von ihm her auch der Mensch und sein Leben vor Gott je tiefer erkannt werden können.

7. Theologie und das reine Herz

Wir glauben zudem, dass Gott seiner Kirche geschenkt hat, im rechten Glauben bewahrt zu bleiben. Durch die Schrift, durch den Strom der Überlieferung, durch das theologische Nachdenken über den Inhalt des Glaubens und seine Bedeutung für die jeweilige Zeit und ihre Zeichen, durch das Lehramt, durch die Liturgie, durch den Glaubenssinn der Christen und anderes mehr. Es gibt also so etwas wie ein Richtig und Falsch im Glauben, über das auch die Kirche als Ganze, vor allem aber das Lehramt, entscheiden kann. Freilich ist der eigentliche Maßstab für dieses Richtig und Falsch nicht einfach eine bloß losgelöste Wahrheit theologischer Erkenntnis, sondern letztlich das Maß der Liebe, mit der die bloß theologische Rede bezeugt wird, also die reale Kraft des Heiligen Geistes.

Und wenn es stimmt, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Erkenntnis Gottes und dem, was die Schrift oder auch der Herr selbst ein „reines Herz“ (Mt 5,8; Ps 51,12) nennen, dann wäre mir auch noch recht, wenn diejenige Disziplin, die um Gotteserkenntnis ringt, auch noch diese Voraussetzung mit in ihre grundsätzlichen Überlegungen einbeziehen würde. Mich beschäftigt jedenfalls sehr, dass in der Schrift zweimal dieselbe theologische Wahrheit gesagt werden kann, aber einmal ist sie dämonisch losgelöst vom Liebesvollzug und einmal ist sie eingebunden in die Zusage der existenziellen Nachfolge: In Lk 4,34 schreit nämlich der Dämon: „Ich weiß wer du bist: der Heilige Gottes“ und befürchtet, von eben diesem ins Verderben gestürzt zu werden. In Joh 6,69 bekennt Petrus im Namen der anderen, die noch beim Herrn verblieben sind, mit demselben Wortlaut wie der Dämon: „Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes“!

Es gibt also offenbar verschiedene Weisen des Zugangs zu theologischer Erkenntnis und vor allem des daraus folgenden Umgangs mit dieser. Wenn für uns alle aber die theologische Erkenntnis des Petrus und seine Konsequenzen daraus die entscheidendere Relevanz haben, dann folgt für mich daraus, dass Theologie auch sehr viel entscheidendere Ziele hat, als sie etwa in der Schlusserklärung der Theologen zur Konzilsveranstaltung in München formuliert worden sind. Ob diese Ziele hintergründig von den Theologen ohnehin mitgedacht werden, vermag ich nicht zu beurteilen, hielte es aber für möglich.

8. Skeptische Fragen

Skeptisch macht mich dahingehend freilich, dass weder die Schrift noch das letzte Konzil im Text wirklich zitiert werden. Skeptisch macht mich, dass im Text nirgends die Rede davon ist, dass es im Grunde in allem darum geht, Jesus selbst tiefer zu erkennen und aus dieser Erkenntnis ihn je mehr lieben zu lernen. Im Johannesevangelium (Joh 14,15–16) ist die Liebe zum Herrn Voraussetzung für das immer neue Kommen des Geistes und unser Erfülltwerden von ihm. Im selben Evangelium ist die Erkenntnis Gottes und seines Sohnes sogar identisch mit dem ewigen Lebens selbst (Joh 17,3). Welche Erkenntnis wäre da gemeint? Und wie unterschiede sich theologisch-akademische Gottesrede und -erkenntnis von dieser im Evangelium gemeinten Erkenntnis?

Skeptisch macht mich, dass es in der Erklärung vor allem um so etwas wie Selbstbehauptung und Abgrenzung der Theologie gegenüber dem Lehramt zu gehen scheint. Skeptisch macht mich, dass die Berufung des Menschen zur Gottebenbildlichkeit und Heiligkeit überhaupt keine Rolle spielt. Skeptisch macht mich, dass das Ineinander von geistlichem Leben und theologischer Erkenntnis nirgendwo thematisiert wird. Skeptisch macht mich, dass unter dem Stichwort „Reform kirchlicher Strukturen“ ekklesiologische Implikationen in die Konzilstexte hineingelesen werden, die aus meiner Sicht deutlich mehr mit den Wünschen der Verfasser zu tun haben als mit dem, was tatsächlich etwa in „Lumen gentium“ oder „Gaudium et spes“ über die Kirche formuliert ist.

9. Gottesdienst oder Götzendienst?

Es gibt einen Anfang und ein Ziel theologischer Erkenntnis: den dreifaltigen Gott. Wenn Theologie nicht dahin führt, diesen Gott tiefer zu erkennen – damit Menschen ihm auch aufgrund der je tieferen Erkenntnis je mehr die Ehre geben können, wird sie nahezu notwendig eher zum Götzendienst. Das heißt, sie wird zum Dienst an einem Gottesbild, das ich mir primär selbst mache, über das ich selbst verfüge und das ich dann vor allem als „mein“ Ergebnis in den Diskurs einbringe, um möglichst anschlussfähig zu sein für diejenigen Diskurse, die ich gerade für wichtig halte. Nicht ich lasse dann den erkannten und verehrten Gott über mein Leben und meinen Weg verfügen, sondern ich verfüge (vermeintlich!) in meinen theologischen Begriffen über seinen Weg mit mir. Anders gefragt: Wäre nicht Bekehrung auch eine notwendige Kategorie für Wissenschaftler der Theologie? Und wenn ja, wo und wie schlüge sich das nieder im Prozess wissenschaftlichen theologischen Erkenntnisgewinnes?

Denn wenn Theologie heute nicht mehr deutlich machen kann, dass es eine Erkenntnis des Glaubens und der Theologie auch als Wissenschaft gibt, die es dem Menschen ermöglicht, in die je authentischere Nachfolge Jesu zu finden; eine Disziplin, die dem suchenden Menschen auch deutlich macht, dass er letztlich zur Heiligkeit in Christus und seiner Kirche berufen ist, dann hat sie keinen Sinn und erst recht keine Relevanz mehr für eine erlösungsbedürftige Welt. Sie bleibt dann nur mehr ein austauschbares, den Moden der Zeit unterworfenes Glasperlenspiel im vielgestaltigen Diskurs der Moderne. Aber sie ist dann keine echte Herausforderung mehr, schon gar nicht für andere Wissenschaften des Humanen, und auch nicht für den echten Dialog der Religionen.

Wenn also akademische Theologie nach alledem den Anspruch erhebt, gegenüber dem bischöflichen Lehramt selbst „unverzichtbares wissenschaftliches Lehramt“ zu sein, dann frage ich mich, auf welchen der vielen wissenschaftlichen Dozenten in den vielen wissenschaftlichen Fächern sollte ich denn als Bischof unter diesem Anspruch hören wollen? Und was wären denn die Kriterien dafür, dass ausgerechnet dieser Theologe oder jene Theologin diesem Anspruch Genüge tun würde? Oder etwas polemischer gefragt: Wie ließe sich vermeiden, dass jeder Theologietreibende sein eigener Papst sein möchte? Einige (nicht alle) dieser Kriterien, die jedenfalls bei mir nachhaltig Eindruck hinterlassen, sind oben ausgeführt. Ich bin froh, dass es in diesem Sinne ernsthafte, tiefe und kritische Theologie auch an unseren Fakultäten und theologischen Instituten gibt.

Thesen von Hans-Joachim Höhn und Antwortversuche

Auf das oben Vorgebrachte kam von Hans-Joachim Höhn eine größere Replik in thesenartiger Form. Ich habe diese Thesen aufgegriffen und jeweils einzeln kommentiert.

These Höhn: (1) „Die Wissenschaftlichkeit der Theologie muss Schaden nehmen, wenn die Auswahl ihrer Methoden und ihr erkenntnisleitendes Interesse von etwas anderem abhängig gemacht wird als von dem Motiv, das, was Christen glauben, auch widerspruchsfrei denken und vor der Vernunft mit den Mitteln der Vernunft verantworten zu wollen. Was es mit dem Glauben auf sich hat und welche Wahrheit in ihm steckt, wird umso deutlicher sichtbar, je intensiver er dem Licht der Vernunft ausgesetzt wird.“

Antwort Oster: Grundsätzlich einverstanden, wenn nur mitberücksichtigt wird, dass der Glaube die Vernunft als Vernunft zu verändern vermag. Thomas von Aquin und andere vor und nach ihm haben intensiv begründet, dass die Gnade die Natur voraussetze und nicht zerstöre, sondern vollende. Meine Frage: Gilt das auch für das, was hier die „Mittel der Vernunft“ genannt wird? Gibt es also eine natürliche Vernunft, die durch die Gnade vom Zustand einer „erbsündig gebrochenen Vernunft“ in den Zustand einer „heileren, mehr vollendeten“ und damit für den Inhalt des Glaubens selbst offeneren Vernunft überführt wird? Ich meine ja – und daher ist Vernunft nicht gleich Vernunft. Höhn scheint dieses Merkmal selbst zu sehen, indem er eine theologische Vernunft proklamiert, die kein anderes Motiv haben soll, als das, was Christen glauben, auch widerspruchsfrei zu denken. Wie findet denn eine Vernunft in dieses „kein anderes Motiv“, es sei denn durch zuvorkommende Gnade? Andernfalls wäre die Proklamation einer solchen Vernunft schon selbst wieder Ideologie. Das heißt: Die Vernunft muss im Grunde schon im Glauben stehen, um wirklich im obigen guten Sinn interesselos zu sein.

Andernfalls widerspräche das der aus meiner Sicht allzu häufig beobachteten Praxis, andere, vornehmlich kirchenpolitische Interessen zum Ausgangspunkt theologischen Fragens zu machen und echte oder vermeintliche theologische Erkenntnisse für eigene oder kirchenpolitische Interessen zu instrumentalisieren.

These Höhn: (2) „Wer Theologie studiert, muss lernen, dass Frömmigkeit nicht vor Leichtgläubigkeit schützt. Wer nur etwas bezeugt, ohne davon auch überzeugen zu können, hat ein Glaubwürdigkeitsdefizit. Den Glauben zu festigen vermag keine Theologie, der die Frömmigkeit ihres Anstrichs wichtiger ist als ihre wissenschaftliche Redlichkeit.“

Antwort Oster: Einverstanden, aber das war selbstverständlich nicht mein Punkt. Wenn ich als Ausgang und Ziel theologischen Denkens und Fragens die „Anbetung“ ins Spiel gebracht habe, dann vor dem einzigen Hintergrund, dass Ausgang (Quelle) und Ziel (Höhepunkt) allen kirchlichen Lebens laut Zweitem Vatikanischem Konzil die Eucharistia ist, die Feier der Danksagung dafür, dass wir durch Tod und Auferstehung Jesu in ein neues, erlöstes Leben gefunden haben. Und ja, ich sehe die Theologie als wesentlichen Teil kirchlichen Lebens und Handelns. Wenn Theologie also um diesen Inhalt des Glaubens kreist und substantiell etwas sagen will, dann lebt sie ja im Grunde schon aus dem christlichen Geheimnis und – wenn es echt ist – schon aus der Ehrfurcht vor dem, „was Christen glauben“ (wie Höhn oben sagt) und führt im gelingenden Fall tiefer in diese Ehrfurcht hinein – weil sich Erkenntnis auch durch Fragen und Zweifel hindurch – vertieft. Das heißt aber keineswegs, dass der intellectus vor der pietas schlicht zu kapitulieren habe. Im Gegenteil: Sie verweisen aufeinander und ineinander. Aber Gebet – verstanden als existenzieller Vollzug der Beziehung mit dem Herrn – hat letztlich den Vorrang vor dem Nachdenken über den Herrn.

These Höhn: (3) „Wie alle anderen universitären Wissenschaften ist die Theologie dazu da, Probleme anzusprechen, die zwar präsent, aber oft nicht bewusst sind oder verdrängt werden. Viele Studierende wollen in dem, was sie glauben, professionell und professoral bestätigt werden. Anfechtungen gibt es in der Tat genug. Im Studium erwarten sie daher primär eine Bestärkung des Glaubens – und keine Provokation durch Zweifel und Kritik. Die willfährige Erfüllung dieser Erwartung bedeutet aber das Ende jeder Theologie als Wissenschaft. Sie darf es ihren Adressaten nicht ersparen wollen, sich auch jenen Problemen zu stellen, welche Zweifel und Kritik am Glauben provozieren. Andernfalls betreibt sie das Geschäft der frommen Ignoranz. Eine solche intellektuelle Bequemlichkeit kommt dem Glauben nicht zugute, sondern vermehrt seine Probleme. Nichts kann als Glaubenswahrheit behauptet werden, das nicht auch der Gegenperspektive des Unglaubens, der Skepsis und Kritik ausgesetzt wird – und sich darin bewährt.“

Antwort Oster: Völlig einverstanden, nirgendwo habe ich von der „willfährigen Erfüllung“ von studentischen Erwartungen gesprochen und auch nicht von einer naiven Bestätigung erwarteter Glaubensinhalte. Aber wenn ich erwarte, dass Lehrende auch Zeugen sind, dann gerade darin, dass sie selbst durch den Durchgang durch vielerlei Fragen, Zweifel, Herausforderungen hindurchgegangen sind – und gerade deshalb immer noch in der Lage sind, den Glauben in seinen Inhalten wieder neu zu bezeugen. Die Theologie ist eben nicht nur eine Instanz, die in Frage stellt, sondern auch eine, die wiederherstellt – und so den Glauben der Christen umfassend als glaubwürdig erweist.

These Höhn: (4) „Wie man durch das Medizinstudium nicht gesünder wird, sondern am Ende weiß, was Gesundheit und Krankheit sind – wie man durch ein Jurastudium nicht gerechter wird, sondern am Ende Recht und Unrecht zu unterscheiden weiß, so wird man durch ein Theologiestudium nicht gottesfürchtiger, sondern lernt zu unterscheiden, wer oder was es in Wahrheit verdient, nicht ,Gott‘ genannt zu werden und auf wen man sich stattdessen im Leben und Sterben verlassen sollte.“

Antwort Oster: Diese Formulierung ist aus meiner Sicht ein Widerspruch in sich. Einerseits behauptet Höhn, ein Theologiestudium mache nicht gottesfürchtiger, sondern man lerne zu unterscheiden. Aber das, was bei der Unterscheidung herauskommt, ist dann nach ihm die Erkenntnis von dem, auf den „man sich stattdessen in Leben und Sterben verlassen sollte“. Entschuldigung, wenn diese Erkenntnis nicht gottesfürchtiger macht, dann weiß ich nicht welche sonst! Daher: sehr vielen Dank! Genau das ist Ziel der Theologie und führt genau deshalb in die Gottesfurcht.

These Höhn: (5) „Nur wer allein auf den Wegen der Theologie zum Glauben gelangt ist, kann allein über die Abwege und Irrwege der Theologie zur Aufgabe des Glaubens gebracht werden. Aber gerade dort, wo existenzielle Glaubens- qua Beglaubigungserfahrungen ausbleiben, vermag die Theologie eine Deutung und eine Bewältigung dieses Ausbleibens anzubieten – etwa im Stile einer ,theologia negativa‘ bei der Erfahrung des Gottvermissens.“

Antwort Oster: Einverstanden. Aber auch hier gilt: theologia negativa als Erklärungsmodell für „Erfahrung des Gottvermissens“ kann aus meiner Sicht nur der glaubwürdig lehren und anbieten, der selbst die „Erfahrung des Gottvermissens“ gemacht hat (und damit zugleich auch die des Gott-bei-sich-habens); bei dem also seine theologia in der eigenen existenziellen Gottesbeziehung (= Frömmigkeit, nicht wahr?) verwurzelt ist.

These Höhn: (6) „Kirchenaustritte aus Gründen des Theologieversagens sind weitaus seltener als Austritte aus Gründen des Fehlverhaltens kirchlicher Amtsträger.“

Antwort Oster: Ja, vermutlich. Aber das ist ein wenig legitimer Vergleich nach dem Motto „schlecht wird mit noch schlechter verglichen“ und nicht schlecht mit gut. Das eine Versagen rechtfertigt das andere nicht mit.

These Höhn: (7) „Das innerkirchliche Krisenpotential, das von provokanten oder „irritierenden“ theologischen Positionen ausgeht, ist weitaus geringer als der Schaden, der entsteht, wenn spirituelle Gängelei oder moralisierende Einschüchterung seitens des kirchlichen Lehramtes der Weite und Freiheit des Evangeliums widersprechen.“

Antwort Oster: Die „Weite und Freiheit des Evangeliums“ erlebe ich auch. Aber wir sollten aus meiner Sicht nicht allzu leichtfertig und schnell davon sprechen – und vor allem nicht, ohne die Voraussetzungen für diese Erfahrung zu benennen. Diese „Weite und Freiheit“ ereignen sich biblisch nämlich erst nach der Bekehrung, oder nach dem Sterben des alten Adam, oder nach der Kapitulation des Ego, oder nach der Taufe auf den Tod Jesu. Kind Gottes wird erst der, der „neu geboren“ (Joh 3,3) ist, oder der, der durch „die enge Tür“ (Mt 7,13) gegangen ist, oder der, der „sein Leben um Jesu willen verliert“ (Mk 8,35), oder der, der „nicht mehr zurückschaut“, nachdem er „die Hand an dem Pflug gelegt hat“ (Lk 9,62), oder der, der sich bekehrt hat, oder der, der Jesus „mehr liebt als Vater und Mutter, Sohn oder Tochter“ (Mt 10,37), oder der, der bereit ist, „auf seinen ganzen Besitz zu verzichten“ (Lk 14,33) und anderes mehr. Das Angebot der Gnade durch Christus ist universal und unbegrenzt, aber die Rettung in die Freiheit und Weite des neuen Lebens hängt biblisch letztlich davon ab, ob ich dem Herrn wirklich mein Leben übergebe – oder es wenigstens wirklich will. Und ich bin überzeugt, dass auch erst derjenige Theologe ein Zeuge ist, der wenigstens aus der persönlichen Sehnsucht lebt, diese Übergabe immer neu zu vollziehen und vollzogen zu haben. Andernfalls kann er der Versuchung nicht entgehen, in aller Klugheit des theologischen Wissens, eben dieses nur für die eigene Selbstdarstellung zu benutzen – und damit den Blick auf den Herrn gerade zu versperren. Der Sündenfall fängt jedenfalls mit dem Essen vom Baum der Erkenntnis an und im biblischen Zeugnis tritt selbst der Teufel als einer auf, der als Theologe argumentiert: Mt 4,6. Wie gesagt, ich plädiere dafür neu zu fragen, inwiefern es nicht zum Berufsethos des Theologen gehören müsste, selbst eben nicht nur Theologe (= Schriftgelehrter), sondern Zeuge (= Jünger) sein zu wollen.

These Höhn: (8) „Aufgabe des kirchlichen Lehramtes angesichts des heutigen religiösen und theologischen Pluralismus ist das Bemühen um die Feststellung einer Übereinstimmung im Glauben und nicht die Beseitigung theologischer Vielstimmigkeit.“

Antwort Oster: Völlig einverstanden. Aber die Frage muss erlaubt und wohl auch prüfbar sein, wo Vielstimmigkeit die Schönheit des Ganzen wirklich zur Geltung bringt – oder wo sie als bloß sich gegenseitig widersprechende Pluralität den Glauben letztlich zersetzt. Es gibt einen Unterschied zwischen diesen Formen von Pluralität.

These Höhn: (9) „Die universitäre Theologie steht auch im Dienst jener, die von Christen verlangen, dass sie ,Rechenschaft geben von der Hoffnung, die in ihnen ist‘ (1 Petr 3,14). Insofern ist die Theologie in erster Linie nicht dazu da, diese Adressaten gläubiger zu machen. Sie hat vielmehr jenes Wissen über und vom christlichen Glauben zu vermitteln, das zugleich nachdenklich und hoffnungsvoll macht. Sie hat zu zeigen, dass man nicht an Gott glauben kann, ohne dabei auf neue Weise ins Nachdenken zu kommen, und dass man beim Nachdenken über erste und letzte Fragen mit guten Gründen auf den Gedanken kommen kann, dabei an Gott zu denken.“

Antwort Oster: Auch hier sehe ich wieder einen Widerspruch bei Professor Höhn: Wenn mich mein theologisches Nachdenken tatsächlich „hoffnungsvoll“ macht, also voller Hoffnung, wie er hier selbst sagt – dann sehe ich nicht, wie genau das nicht zugleich „gläubiger machen“ soll. Im Grunde wären ja bei dem zitierten Petrus-Wort die Begriffe „Hoffnung“ und „Glaube“ austauschbar: Wir sollen und dürfen genau so Rechenschaft ablegen von dem Glauben, der uns erfüllt. Selbstverständlich also steht auch hier die Theologie wieder im Dienst des Glaubens. Denn der Glaube allein ist es letztlich, der uns und andere rettet (1 Joh 5,4; Gal 3,1 u.v.m).

These Höhn: (10) „Theologie ist in der Tat nicht bloß eine Kopf-, sondern auch eine Herzenssache. Entscheidend ist, dass jemand beherzt Fragen angeht, deren Antwort jedoch ohne Kopfarbeit nicht gefunden werden kann. Dies ist bereits das entscheidende „Berufscharisma“, ohne dass man nicht Theologie treiben kann. Mehr braucht nicht verlangt zu werden als ein existenzielles Engagement im Dienst an der Intelligenz des Glaubens. Ein guter Arzt muss nicht selbst kerngesund sein, um seine Patienten zu heilen. Aber er muss wissen, was am besten für deren Gesundheit ist. Dieses Wissen erweitern und anwenden zu können, muss primär sein Handeln leiten und – im Idealfall – auch sein Herzensanliegen sein.“

Antwort Oster: Hier sehe ich in dem Medizinvergleich eher ein technizistisches Verständnis einer Art „anwendbaren Glaubenswissens“. Wenn aber schon von Professor Höhn selbst ein „existenzielles Engagement“ im Dienst an der Intelligenz des Glaubens gefordert wird, dann ist eben dieses Engagement ohne Herz nicht zu haben. Und anders als beim Wissen des Arztes ist das Wissen des Glaubens als durch das Herz gegangenes und dann bezeugtes Wissen von völlig anderer Qualität als das Wissen eines Stubengelehrten, der bestenfalls „beherzt“ Fragen angehen will. Wissen, das in den Glauben führt, und Glauben, der nach Wissen sucht, beanspruchen ernst genommen immer den ganzen Menschen. Und wirken zeugnishaft nach meiner Erfahrung nur in diesem Ineinander. Im Übrigen wird bei der Reduktion des Themas „Herz“ auf nur mehr „beherztes“ Herangehen an die Fragen der Theologie der biblische Begriff des Herzens, den ich ins Spiel gebracht hatte, und der sowohl im Alten wie im Neuen Testament überaus zentral ist, enorm verkürzt.

These Höhn: (11) „Die Theologie steht nur so lange im Dienst des Glaubens und seiner Freiheit, wie sie es nicht aus dem falschen Respekt vor der vermeintlichen Intimität religiöser Überzeugungen unterlässt, den Streit um die Verantwortbarkeit religiöser Überzeugungen auch öffentlich zu führen. Theologie zu treiben und dafür einzutreten, dass die Glaubenden auch Vernunft annehmen, ist vor diesem Hintergrund eine Maßnahme der Vorbeugung. Sie dient der Verhinderung von negativen Folgen gedankenloser religiöser Praxis. Eine Theologie, die sich nicht in Frontstellung zu allen Formen der religiösen Bedenkenlosigkeit begibt, wird zur Ideologie.“

Antwort Oster: Sehr einverstanden. Deshalb streiten wir hier auch öffentlich um diese Fragen.

Kommentare

  1. Johannes Schäfer

    Die Argumente von Hr. Bischof Oster finde durchaus treffend. Allerdings mich hat ein wenig irritiert die Überschrift. Denn: Nach meiner festen Überzeugung – wenn es um christlichen Theologie geht – ohne ein Zeuge des Evangeliums zu sein kann man nicht einen Schriftgelehrten (Theologen) zu werden. Im besten Fall wird daraus ein Fabeleienerzähler. Um das zu verstehen sollte man sich mit dem Evangelium befassen und es dabei ernst nehmen.

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