Zwischen ‚Hosanna und Kreuzige Ihn‘ – Wo beginnt der Verrat in mir selbst?

In Predigten von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Predigt am Palmsonntag, 2020 in der Andreaskapelle am Passauer Dom (live übertragen)

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

wir haben heute zwei verschiedene Ausschnitte aus dem Matthäus-Evangelium gehört, die diese kommende Woche bis zum Karsamstag einrahmen: Der umjubelte Einzug Jesu in Jerusalem, den wir in unseren Pfarreien normalerweise in Prozessionen betend und singend nachempfinden. Und einen Teil der Passion, die Erzählung vom Leiden und Sterben Jesu. In der Leidensgeschichte Jesu verdichtet sich im Grunde alles, wofür Jesus gekommen ist. Alles kulminiert in dieser Extremsituation, alles kommt in ihr zum Vorschein. Die unfassbar klare, tiefe, wahrhaftige innere Haltung Jesu einerseits. Aber ebenso klar die Bosheit, die Feigheit und die Verlorenheit derer, für die er gekommen ist, um sie zu heilen und zu retten, andererseits. Deshalb, liebe Schwestern und Brüder, interessiert mich heute auch das Dazwischen. Was passiert eigentlich zwischen diesem Jubel der Menge beim Einzug Jesu und dem Hass gegen ihn am Karfreitag, der sich auch wieder im Geschrei der aufgeputschten Menge entlädt? Was passiert dazwischen – und ich möchte Sie einladen, sich selbst zu fragen: Auf welcher Seite wäre ich damals eigentlich gestanden? Hätte ich auch zuerst gejubelt und dann gehasst? Hätte ich mich auch aufputschen und manipulieren lassen? Oder wäre ich als sein Jünger auch feige gewesen und im entscheidenden Moment davon gelaufen? Hätte ich ihn auch verleugnet oder verraten? Oder wäre er mir egal gewesen? Was passiert dazwischen? Zwischen Jubel und Hass? Was passiert gewissermaßen in den nächsten Tagen?

Der Tempel und die Identität des Gottesvolkes

Nun, wenn Sie das Evangelium sorgfältig lesen, dann fällt Ihnen vielleicht auf, dass drei von vier Evangelien berichten, dass Jesus nach seinem triumphalen Einzug in Jerusalem sogleich in den Tempel geht. Der Tempel, meine Lieben, der Tempel war natürlich der Mittelpunkt in Jerusalem schlechthin. Religiös, gesellschaftlich, politisch, kulturell. Es war der Ort, den sich Gott ausgesucht hatte, um für sein Volk zugänglich zu sein, um unter seinem Volk zu wohnen. Es war der Ort, an dem deutlich wurde, was die innerste Identität des jüdischen Volkes ist, es ist das Volk Gottes. Es ist das Volk, das an der Seite Gottes durch die Geschichte geht, es ist das Volk, dessen Schicksal sich immer neu daran misst und entscheidet, in welchem Verhältnis es zu diesem Gott steht. Immer wieder in der Geschichte Israels, zwischen Aufs und Abs, zwischen blühenden Friedenszeiten und Katastrophen, geht es letztlich immer wieder um die Frage, wie ernst das Volk diese Gottesbeziehung nimmt . Und damit den Tempel und den Gottesdienst und das Opfer und das Angebot der Versöhnung. Jesu erster Gang ist also in den Tempel. Und er setzt sofort genau hier an, an diesem Verhältnis: Mein Haus, so zitiert er den Propheten Jesaja, mein Haus soll ein Haus des Gebets für alle Völker sein – und ihr macht daraus eine Markthalle oder gar eine Räuberhöhle! Geht es euch wirklich um Gott – oder benutzt ihr am Ende das Gotteshaus doch wieder nur für den eigenen Vorteil? Für das eigene Geschäft oder gar den Betrug? Im Grunde ist es das einzige Mal, wo wir einen Jesus sehen, der handgreiflich, fast gewalttätig wird. Er stößt die Tische der Händler und Geldwechsler um, er treibt sie mit einer Art Peitsche hinaus. Man hört ihn förmlich sagen: „Hier ist das Haus meines Vaters – und Ihr interessiert euch null für ihn, sondern nur für euch selbst!“

Was erwarte ich vom Erlöser? Und was er von mir?

Liebe Schwestern, liebe Brüder, hier ist der Beginn der Trennung von Spreu und Weizen: Hier geht es für uns alle um die Frage: Wie erwarte ich mir eigentlich den Erlöser? Müsste er einer sein, der mich zuerst in meinen persönlichen Interessen bestätigt – und der dann auch noch gut findet, dass ich ja doch ein wenig religiös bin und immerhin hin und wieder in die Kirche gehe? Oder würde ich wollen, dass er mir wirklich ins Herz schaut und mich fragt: Geht es Dir wirklich um mich? Und interessiert es Dich wirklich, wie ich von Dir denke und Dich sehe? Dürfte er mir wirklich mit all seiner Erkenntnis und Wahrhaftigkeit und Liebe ins Herz schauen – und die Motive meines inneren Tempels überprüfen? Darf er in mir Gott sein? Oder bleibe ich selbst Gott und mache mir mein Jesusbild zurecht, bis er so ist, wie ich ihn gerne hätte? Oder aber: Lasse ich tatsächlich zu, dass er so anders ist als erwartet?

Könnte ich ihn nah an mich selbst heranlassen?

Wie war er denn anders für die damaligen Juden? Viele waren sicher voller Erwartung: Er hat doch immer vom Reich Gottes gesprochen und bestimmt beginnt jetzt in Jerusalem der große Aufstand gegen die Römer, damit sein Reich ankommen kann. Und ja, bestimmt beginnt es im Tempel, hier in Jerusalem, wo wir alle ja schon beieinander sind! Aber was tut er da? Und was erzählt er da?! Wir hören, dass er ab seinem Einzug in Jerusalem dauernd im Tempel ist und lehrt; er lehrt, dass der Tempel und Jerusalem zerstört werden wird; er lehrt, dass die Verwalter des Weinbergs Gottes den Erben, seinen Sohn, umbringen werden. Er lehrt, dass eine arme Witwe, die ihr armseliges, aber ganzes Vermögen in den Opferkasten wirft, mehr verstanden hat als alle anderen; er lehrt, dass der Größte unter seinen Anhängern der Diener aller sein soll. Er lehrt, dass ich ihn mehr lieben soll als alles andere und jeden anderen in der Welt. Und er wird zeigen, dass sein Königtum eine andere Krone aufhaben wird, als die der Mächtigen in dieser Welt – seine Krone wird aus Dornen sein, sein Thron die Erhöhung am Kreuz. Wollen wir so einen Messias, will ich ihn? Einen, der mich so herausfordert? Einen, der mein Herz, meine Motive so sehr anfragt? Und einen, von dem ich wüsste: Würde ich ihn wirklich nah an mich heranlassen, dann könnte ich so nicht einfach weiterleben? Würde ich so einen wollen?

Wo der Verrat beginnt – und der Götzendienst

Oder würde ich genau an dieser Stelle, an der er auch in meinen inneren Tempel eintreten will, vielleicht doch lieber den anderen Recht geben, die sagen: „So haben wir uns das nicht vorgestellt. Der Messias muss unsere Erwartungen erfüllen. Er soll so sein, wie wir ihn gerne hätten. Er muss meinem Bild von Gott und dem Erlöser entsprechen. Aber der, der soll mich in Ruhe lassen.“ Liebe Schwestern, liebe Brüder, hier beginnt der Verrat bei denen, die sich von ihm verraten fühlen – in ihren Erwartungen, im Grunde bei uns allen. So haben wir doch nicht gewettet. Ein bisschen Christ sein, ist schon ok!? Aber gleich so ernsthaft? Ja, liebe Schwestern, liebe Brüder, es ist ernst. Die Passion ist tödlicher Ernst. Aber es ist auch der Weg ins Freie, ins Neue, ins Leben. Wenn wir nicht mit Ihm gehen, wenn wir Ihn nicht für uns die Tür aufsperren lassen – und mit Ihm hindurch gehen lernen, dann bleiben wir im Alten. Und das Alte ist im Verhältnis zum Neuen wie eine dreckige Pfütze im Verhältnis zur Weite und Klarheit des Meeres. Das alte Leben ist totgeweiht – wir kriegen den Schmutz, den inneren Schmutz nicht von selbst los: Unseren Hang zum Egoismus, unseren Neid, unser Getratsche, unsere Ängste, unsere schlechten Angewohnheiten, unsere Süchte, unsere psychischen Abhängigkeiten, unsere Bitterkeit, unsere Untreue und mehr – was eben alles auch in uns ist. Wir können uns nicht am eigenen Schopf aus unserem Schmutz ziehen. Und es hilft auch nicht, wenn wir uns dazu ein Gottesbild machen, das uns halt passt, einen kleinen Götzen also, in dem wir am Ende doch nur uns selbst anbeten. ER aber kann es. Er allein ist der Weg in die Freiheit, die Wahrhaftigkeit, in die Fähigkeit zu lieben. Er ist wie ein Arzt, der uns vielleicht weh tun muss, die Wunde aufschneiden muss, damit der Eiter ablaufen kann – aber dann kann er endlich anfangen in der Herzenswunde zu wohnen und nach und nach auszumisten, Licht hineinzulassen und Leben und Liebe. Und dann spüren wir vielleicht auch, dass die tödliche Bedrohung für unser aller Leben nicht zuerst das Corona-Virus ist, sondern die Gleichgültigkeit gegen den, der uns ein Leben schenken will, das nie mehr aufhört.

Lesen Sie die Passion

Liebe Schwestern, liebe Brüder, ich möchte Sie einladen in dieser heiligen Woche, lesen Sie die Passion. Lesen Sie langsam, bleiben Sie innerlich dabei, wo Sie etwas betrifft. Beten Sie mit dem Text – und bitten Sie unseren Erlöser, dass er in Ihnen anfangen kann, Ihren inneren Tempel zu säubern. Bereuen Sie vor Ihm auch im ehrlichen Blick auf sich selbst. Vielleicht nehmen Sie sich vor mal wieder zu beichten. Vielleicht rufen Sie einen Priester an, oder Sie gehen wenn es wieder einfacher möglich ist, in einen Beichtstuhl. Gott sieht den ernsthaften Vorsatz und vergibt auch dann schon. Und so können wir in den Frieden finde, in die Freude. Und dann laufen wir am Ende der Woche auch vor dem Karfreitag nicht davon, dann bleiben wir bei Ihm und staunen in Dankbarkeit und trauriger Betroffenheit über seine unfassbare Liebe und darüber, was Ihn meine Erlösung gekostet hat. Amen.

 

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