50 Jahre Unitatis Redintegratio

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Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

wir sind gerecht gemacht aus Glauben. Ein Satz, des heiligen Paulus, der für Martin Luther zentrale Bedeutung hatte. Es war für ihn ein Satz, an dem die gesamte Grundausrichtung des Glaubens hängt, das Kriterium schlechthin dafür, ob unser Glaube recht ist und recht verstanden und vollzogen wird oder nicht. „Gerecht gemacht aus Glauben“. Gott will, dass der Mensch recht ist vor ihm, er will ihn deshalb recht machen, er will ihn rechtfertigen. Und eine der Hauptversuchungen des gläubigen Menschen ist es nun, unsere eigene Leistung, unsere eigenen guten Werke, unser Gebet für so wichtig zu halten, dass wir meinen, wir würden Gott damit beeindrucken – und nun würde er uns als Belohnung lieben und sagen: „Brav hast Du es gemacht, und jetzt schenke ich Dir dafür Gnade.“ Kurz gesagt, wir wollen uns unser Rechtsein verdienen, wir wollen es als eigene Leistung gewürdigt wissen. Ist es nicht oft so, dass wir in gläubigen Kreisen dazu neigen, uns offen oder hintergründig zu rühmen für das, was wir tun und wie wir unseren Glauben vollziehen? Man erzählt von der eigenen Praxis und spürt gar nicht mehr, wie viel „Ich“ da drin ist und letztlich wie wenig Gott, obwohl ich vielleicht sogar klug von Ihm rede. Aber etwas in uns neigt dann immer noch dazu, von Ihm insgeheim so zu reden, als würde ich Ihm vorschreiben können, wann und wie er mich zu lieben hat, weil ich doch vermeintlich so großartig bin.

Nur: die Schrift und die großen geistlichen Lehrer stellen uns immer wieder Menschen vor Augen, die buchstäblich alles von Gott erwartet und ihm alles verdankt haben. Diese sind die, die Gott bevorzugt erwählt, die die arm sind vor ihm und die deshalb wissen, dass sie sich des Herrn rühmen sollen und nicht ihrer eigenen Leistungen.

Das ist eine Perspektive, liebe Schwestern und Brüder, die wir auch unter dem Einfluss des Denkens der Reformatoren neu gewonnen und vertieft haben. Auch wir als Katholiken. Luther hat diese Einsicht seinem intensiven Schriftstudium verdankt, seinem Ringen und Suchen nach einem gnädigen Gott, seinem ernsthaften Wunsch, als Christ wahrhaftig zu leben. Dass das insgesamt zu einer Kirchentrennung geführt hat, hat auch Martin Luther nicht gewollt. Freilich ist später in der Tiefe deutlich geworden, dass er selbst, die anderen Hauptgestalten der Reformation und damit auch die inzwischen ebenfalls gewachsene protestantische Tradition eine insgesamt andere Kirchenauffassung haben und formulieren als sie in der katholischen Tradition weiter festgehalten und gelebt wurde. Und dies ist aus meiner Sicht dann auch das ökumenisch am intensivsten zu diskutierende und derzeit noch am stärksten trennende Problem. Unsere verschiedenen Antworten darauf, wer oder was das eigentlich ist: die Kirche. Hier gibt es Gemeinsamkeiten, auf die wir uns gut beziehen können, aber es gibt auch Unterschiede, von denen wir hoffen, dass der Hl. Geist uns Wege zeigt, sie zu überwinden.

Denn vor genau 50 Jahren hat das II. Vatikanische Konzil nun sehr deutlich erklärt, dass zum wahrhaftigen Leben in unserer Kirche, gemäß der Schrift und ihrer Überlieferung auch das Bemühen um die Einheit unter allen gehört, die an Christus glauben. Wir sind dankbar für diese unmissverständliche Position und feiern daher mit vollem Recht diese Erinnerung, die mit dem Dekret „Unitatis redintegratio“ verbunden ist. Es gibt keinen anderen Weg als diesen, um Einheit zu ringen, zu beten und nicht aufzuhören, sie zu suchen.

Heute, 50 Jahre nach der Erklärung dieses Dekrets zur Ökumene auf dem II. Vatikanischen Konzil, ist in unseren Bemühungen um die Einheit vieles gewachsen. Wir denken an die Erleichterungen bei konfessionsverschiedenen Ehen und die Selbstverständlichkeit, mit der sie heute geschlossen werden können. Ohne dabei natürlich verhehlen zu wollen, dass eine konfessionsverschiedene Ehe ein anspruchsvoller und nicht immer leichter Weg bleibt. Wir denken dankbar an gemeinsame Gebete und Wortgottesfeiern, die allenthalben und überall möglich und selbstverständlich geworden sind. Wir denken dankbar an Initiativen, in denen wir miteinander auch theologisch zurück schauen auf das, was war und was seither gewachsen ist. Und zwar nach Möglichkeit ohne den gegenseitigen Verdacht der Irrlehre anzubringen, sondern unter der Perspektive des gegenseitigen Wohlwollens und Verstehenwollens. Die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre von 1999 und die gegenseitige Anerkennung der Taufe in Magdeburg im Jahr 2007 waren Meilensteine auf diesem Weg. Wir denken dankbar auch an viele gemeinsame Worte und Initiativen zu gesellschaftspolitischen Themen, die uns alle betreffen. Schon bald wird es von evangelischer und katholischer Seite der Kirchen in Bayern eine Initiative geben, bei der wir mehr Aufmerksamkeit auf die Situation in der Pflege von Menschen lenken wollen – und hoffentlich auch politische Bewegung da hinein bringen. Auf all das und vieles mehr schauen wir dankbar.

Übrigens ist in unseren Breiten die Ökumene mit der Orthodoxie weniger im Blick, aber dennoch spricht das Dekret des Konzils auch hier eine schöne und deutliche Sprache. Sind uns doch die Kirchen der Orthodoxie mit ihrem Verständnis von Kirche, Amt und Sakramenten insgesamt auch nahe an unserer eigenen Auffassung. Die gegenseitige Aufhebung der Exkommunikation, vollzogen zwischen Papst Paul VI. und dem Patriarchen Athenagoras im letzten Konzilsjahr 1965 war ein Höhepunkt und Meilenstein auch auf diesem Weg der Versöhnung zwischen Orthodoxie und römisch-katholischer Kirche.

Es ist auch wahr, der Weg der Ökumene ist noch lange nicht am Ende, aber in der Rückschau ist es aus meiner Sicht schlicht wunderbar, was seit dem Konzil gelungen ist, was eben einige Jahrhunderte lang vorher nicht möglich war.

Ich persönlich möchte dankbar erwähnen, dass mir Christinnen und Christen, die aus den Kirchen der Reformation hervorgegangen sind, mehrfach schon Beispiel geworden sind, besonders in ihrer Liebe zur Hl. Schrift und zum Umgang mit ihr. Wir Katholiken hinken da in der Breite des Kirchenvolkes nach meiner Beobachtung um einiges hinterher und dürfen hier auch gerne lernen von unseren Brüdern und Schwestern. Aber auch im Blick auf die Schrift hat uns das Konzil mit der Konstitution über das Wort Gottes und die Offenbarung ein sehr, sehr wichtiges Dokument geschenkt, das jedes Studium wert ist.

Ich bin insgesamt sehr zuversichtlich: Wenn wir miteinander im Gespräch bleiben, aber vor allem auch im Gebet; wenn wir uns miteinander immer wieder vergewissern, dass Christus selbst Weg, Wahrheit und Ziel und die Mitte von allem ist; wenn wir um seinen Heiligen Geist bitten, uns zu führen und immer wieder auch zu korrigieren, dann werden wir auch weitere Schritte zur Einheit finden und gehen. Einheit heißt nicht einfach Gleichmacherei. Aber unsere Welt braucht es, dass die Menschen, die an Christus glauben, mit geeinter Stimme sprechen und ein geeintes Zeugnis geben. Und ich bin sicher: Je mehr Er wirklich die Mitte unseres kirchlichen Denkens, Sprechens und Handelns ist, desto mehr werden wir realisieren, dass wir alle miteinander sein Leib sind, und desto mehr wird Er selbst uns die Wege zeigen, die unsere Trennung in bestimmten Bereichen unseres gläubigen Lebens noch überwinden helfen. Ich danke allen, die bereit sind, diesen oft mühseligen aber dennoch unbedingt notwendigen Weg miteinander zu gehen. Und ich bitte den Herrn für uns alle um seinen Segen und seinen Geist, der uns eint. Amen.

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