Das alte Ego – und das neue Herz. Über Maria, die Hilfe der Christen

In Predigten von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Predigt am Fest Maria, Hilfe der Christen, Passau Mariahilf, 24. Mai 2018

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

in der ersten Lesung haben wir einen Ausschnitt aus der geheimnisvollen Erzählung vom Sündenfall gleich am Anfang der Bibel gehört. Der Text passt nicht in Kategorien, die wir gewohnt sind. Er ist weder ein genaues historisches Protokoll und noch viel weniger eine naturwissenschaftliche Erklärung und er ist aber auch nicht einfach ein Märchen in dem Sinn, dass hier eben nur ein Märchen und keine Wahrheit erzählt würde.

Weisheit und Tiefe

Aus meiner Sicht wird in diesem Text sehr tief und weise in bildlicher Sprache etwas erzählt vom Verhältnis Gottes zu den Menschen und vom Verhältnis der Menschen untereinander – und davon, wie dieses Verhältnis zerbrochen ist. Es wird erzählt, wie der Mensch sich verführen lässt, wie er aus dem Vertrauensverhältnis zu Gott herausfällt – und wie er so ein anderer wird als er vorher war. Er wird einer, der nicht mehr zuerst auf Gott, sondern zuerst auf sich selbst vertraut. Er wird einer, der sich durch den Mangel an Vertrauen immer weiter entfernt von Gott. Und es wird im Fortgang der biblischen Erzählung deutlich, dass diese Entfernung von Gott auch die Menschen untereinander ins Missverhältnis bringt. Der Adam, der von Gott überführt wird, schiebt die Schuld auf die Eva – und die schiebt sie auf die Schlange: Keiner will es gewesen sein, aber irgendwie waren alle dabei.

Die eigene und die böse Tat des anderen

Jeder, liebe Schwestern und Brüder, jeder Mensch, der mit sich ehrlich ist, kennt solche inneren Vorgänge auch in sich. Ist es nicht so, dass wir im negativen Urteil über andere in der Regel viel schneller und härter sind, als im negativen Urteil über uns selbst. Fallen uns zu unserer eigenen schlechten Tat nicht ganz schnell, ganz viele Entschuldigungen ein, aber für die böse Tat des Nachbarn fällt uns ganz wenig an Entschuldigung ein. Einfach weil wir ihn ja gerne darauf festnageln wollen, dass er böse ist. Und zwar – und das ist wichtig – ich möchte mich dabei bestätigen, dass er in jedem Fall viel böser ist als ich selbst? Kennen Sie nicht den inneren Mechanismus, von sich selbst abzulenken, dafür umso schärfer beim anderen zu urteilen? Vor allem dann, wenn man den anderen eh nicht so leiden kann? Warum ist das so? Nun, normalerweise, weil wir eben doch nicht so sehr in uns ruhen, dass wir selber keine Bestätigung mehr bräuchten. Unser Ich-Bewusstsein ist oft so losgelöst von unserer inneren Herzmitte und oft noch losgelöster von einer Herzmitte, die in Gott ruht. Und daher ist unser losgelöstes Ich niemals so sicher oder gelassen, dass es schon von selbst wüsste, dass es gut ist.

Das losgelöste Ich braucht Komplizen

Ein auf sich alleine gestelltes Ich braucht Bestätigung, es braucht Anerkennung, es braucht auch Komplizen. Denn wie gut tut es scheinbar, sich mit einem Komplizen darüber verständigen zu können, dass der Nachbar tatsächlich ein Idiot ist. Wenn es der andere auch sagt, kann ich ja nicht so falsch liegen – und kann mich wirklich gleich besser fühlen. Liebe Schwestern und Brüder, fragen Sie sich einmal, wie gut Sie es fänden, wenn wir hier in der Kirche eine Leinwand hätten, auf der heute vor allen anderen Gläubigen alle Ihre Gedanken und Herzensregungen sagen wir auch nur des heutigen Tages vor allen anderen sichtbar würden. Ganz ehrlich!? Wär das nicht unfassbar peinlich für uns? Weil andere sehen würden, dass wir oft gar nicht so gut sind, wie wir gerne wären und wie wir uns zeigen?

Das unschuldige Kind und der liebende Vater

Und warum fänden wir denselben Gedanken bei einem sagen wir dreijährigen Kind gar nicht peinlich? Wenn wir die Gedanken und Gefühle eines Kindes hier vor uns ablaufen lassen könnten? Einfach weil Kinder im besten Sinn des Wortes noch unschuldiger sind. Natürlich wissen wir, dass sie es nie ganz sind – und wir wissen auch, dass Kinder z.B. untereinander ziemlich grausam sein können – aber trotzdem fänden wir es nicht peinlich, weil Kinder viel häufiger, selbstverständlicher ihr Herz auf der Zunge tragen und auch nach außen sind und zeigen, was sie von innen her bewegt.

Wir sind nicht mehr unschuldig, liebe Schwestern und Brüder, als Erwachsene, wir wollen auch nicht naiv sein und sollen es auch nicht. Aber wir können uns von diesem Gedankenexperiment her vielleicht besser vorstellen, was es heißt, ein reines, ein freies, ein tiefes Herz zu haben. Was es heißt: Gedanken zu denken, die zuerst das Gute in einem Menschen sehen, ehe sie urteilen oder gar verurteilen. Was es heißt: wirklich Einfühlungsvermögen zu haben für andere Menschen, vor allem für solche in Not. Wir können uns vielleicht sogar vorstellen, was es heißt, wirklich aus der inneren Erfahrung leben zu können, dass wir getragen, geliebt, gehalten sind – von Gott unserem Vater. Von einem Vater, der uns jeden Augenblick im Leben erhält, der jedes Haar auf meinem Kopf und jeden Gedanken meines Herzens kennt, der mich wirklich liebt, weil er mich geschaffen hat. Wie schön wäre das, nicht wahr, aus solchem Vertrauen und solcher Freiheit leben zu können? So dass ich das ganze andere Selbstbestätigungsspiel nicht mehr bräuchte, das Spiel von Selbstaufwertung und Abwertung oder gar Verachtung anderer, das Spiel der schlechten Komplizenschaft, das Spiel des bloßen Scheins nach außen?

Jesus will uns neue Herzen schenken

Wäre das möglich? Ja, liebe Schwestern und Brüder, es ist möglich – mehr noch: diese Wirklichkeit gehört sogar in den Kern unseres Glaubens. Jesus will, dass wir neu werden, neu im Herzen, er will uns alles vergeben, jeden schlechten Gedanken, jede schlechte Tat und jede schlechte Eigenschaft, die wir je hatten. Und er will es immer wieder neu tun, in jeder Messe, in jeder Beichte, in jedem Gebet – und will uns zum Vater zurückführen. Und er will uns immer neu einladen, das Wunder der Verwandlung in uns zu wirken. Er lädt uns in jeder Hl. Messe ein, ihm alles hinzulegen, alles offenzulegen, alles auf den Tisch, auf den Opfertisch des Altars zu legen – damit er es wandeln kann. Damit er unser Herz neu und reiner machen kann.

Wir brauchen die Hilfe der Christen

Aber, ehrlich gesagt, es ist auch schwer für uns, so offen, so wahrhaftig zu sein, so tief, dass wir es selbst wirklich können oder wollen. Wir brauchen Hilfe. Wir brauchen die Hilfe der Christen. Liebe Schwestern und Brüder, ich bin sicher, wenn wir Maria in unser Gedankenexperiment hineinnehmen könnten und wir könnten auch nur einen kleinen Ausschnitt ihrer Gedanken und Herzensregungen hier projiziert und veröffentlicht sehen, dann würden wir womöglich vor Ehrfurcht in die Knie gehen vor soviel Schönheit. Wir würden einen Herzensraum wahrnehmen, der so klar und wahrhaftig, so liebevoll wäre und so gottbezogen, dass wir kaum glauben könnten, dass es das gibt. Wir würden im Grunde ein glasklares, erfülltes Ja sehen zu allem, was Gott selbst in ihr tun und wirken will. Sie ist mit ihrer ganzen Existenz nichts anderes als ein lauteres Ja zu Gott – und deshalb auch zu den anderen Menschen, zu uns hin. Sie ruht in Gott und ist deshalb in völliger Freiheit und Offenheit den Menschen zugewandt. So hätte sich das Gott für Eva auch gewünscht. Hier ist die neue Eva, die Hilfe der Christen. Sie ist die Mutter der neu Geborenen, die Mutter der Kirche – Papst Franziskus hat ja jüngst erst zu diesem Marientitel einen neuen Gedenktag eingeführt.

Wie schön wäre es, beim Vater daheim zu sein?

Wie kann man sich diese Mutterschaft vorstellen? Ich glaube, je mehr wir innerlich in ihre Nähe kommen, je mehr wir uns auch als ihre Kinder begreifen, desto mehr hilft sie uns ihr Ja zu sagen, zu allem, was Gott in jedem von uns wirken will. Mit ihr und bei ihr lernen wir Jesus in uns zu empfangen und als Liebe zur Welt zu bringen. Mit ihr und in ihr lernen wir in die Ordnung Gottes zurückzufinden, aus der wir alle am Anfang der Schöpfung herausgefallen sind. Sie ist die heile Schöpfung, die Hilfe der Christen. Mit ihr und von ihr lernen wir tiefer bei Gott zu wohnen, in ihm auszuruhen und ihm wirklich als unserem Vater zu vertrauen. Wie wenig, liebe Schwestern und Brüder, wie wenig müsste einer den anderen verurteilen, wie wenig sich vergleichen, wie wenig nur den äußeren Schein wahren müssen, wenn er einfach daheim beim Vater sein könnte.

Maria und die neue Evangelisierung

Liebe Schwestern, liebe Brüder, ich habe diese Maria-Hilf-Woche vor drei Jahren angeregt, weil ich zutiefst überzeugt bin, dass wir neu die Inhalte unseres Glaubens entdecken und auch existenziell lernen und erfahren müssen. Ohne wirklich zu wissen, wem wir glauben, was wir glauben, warum wir glauben werden wir dem anhaltenden Druck der Säkularisierung nichts entgegenzusetzen haben. Aber das Wissen allein macht es auch noch nicht: Es muss auch getragen sein von einer wahrhaft kirchlichen Erfahrung, von einer existenziellen Erfahrung, die da heißt: Wir gehören zum Vater, wir gehören zu Jesus, wir leben in seinem Geist – und wir haben eine Mutter, Maria, die Hilfe der Christen. Sie ist die Kirche im Innersten. Sie ist das reine Herz, die neue Schöpfung, sie ist unser Königsweg zu Gott und zum Geheimnis der Erlösung durch das Kreuz – unter dem sie selbst mit gestanden ist. Ohne sie wird es keine wirksame neue Evangelisierung geben.

Das Zeugnis für Christus reifen lassen

Ich freue mich sehr, dass diese kommende Maria-Hilf-Woche, die wir dann im Juni feiern werden, wieder viele Gelegenheiten bieten wird, dem Geheimnis unseres Glaubens tiefer auf die Spur zu kommen und ich möchte einmal mehr unser ganzes schönes Bistum Passau, alle Menschen, die hier leben, ob gläubig oder nicht, unter den Schutz und Schirm der Helferin der Christen stellen. Ich sehne mich danach, dass bei uns das Zeugnis für Christus reift, sich vertieft – vor allem auch im Liebesdienst für die Menschen in Not. Ich sehne mich danach, dass wir alle immer auskunftsfähiger werden für Christus, auch weil wir etwas erfahren haben in unserem Herzen. Weil wir auch um das Geheimnis der Umkehr und der Erneuerung wissen, weil wir um das Geheimnis der Kirche wissen, unserer Mutter, die in Maria ihr Urbild hat. Und daher weihe ich Dir, geliebte Mutter unseres Herrn, Dir, der Helferin der Christen auch in diesem Jahr wieder unser Bistum. Erweise Dich als unsere Helferin in Zeiten der Veränderung und stärke unseren Glauben, unsere Hoffnung und unsere Liebe. Amen.

Kommentieren