Das Leben oder die Hölle! Warum Jesus in der Bergpredigt so radikal ist

In Predigten von Bischof Stefan Oster SDB1 Kommentar

Predigt am 6. Sonntag im Jahreskreis, anlässlich der Einführung des neuen Domkapellmeisters Andreas Unterguggenberger (Text: Mt 5, 17-37)

Liebe Schwestern, liebe Brüder im Glauben,

was für ein Evangelium! Wenn je ein Mensch gedacht hat, Jesus wäre ein harmloser Wanderprediger gewesen, der vor allem nett war – und nicht mehr – , dann hat er diesen Abschnitt aus der Bergpredigt, den wir heute gehört haben, noch nicht gelesen! Unsere Gerechtigkeit soll weit größer sein als die der Frommen von damals, der Schriftgelehrten und Pharisäer, andernfalls kommen wir nicht in sein Reich, ins Reich Jesu – sagt er! Und wer seinem Bruder auch nur zürnt, der soll dem Gericht verfallen sein, und wer zu ihm sagt: Du gottloser Narr, der soll dem Feuer der Hölle verfallen sein, sagt Jesus! Oder wer eine Frau nur lüstern ansieht, hat schon die Ehe mit ihr gebrochen, sagt Jesus! Und wer sich scheiden lässt, begeht Ehebruch, sagt Jesus! Und wer eine Geschiedene heiratet, begeht Ehebruch, das haben wir von ihm gehört. Und von wegen Schwören: Du sollst einfach gar nicht schwören: Dein Ja sei ein Ja, dein Nein ein Nein. Alles andere ist vom Bösen, sagt Jesus! Alles das sagt Jesus in der wichtigsten, in der berühmtesten und prominentesten Rede, die uns die Evangelisten aufgeschrieben haben, in der Bergpredigt. Was machen wir damit, liebe Schwestern und Brüder, wie gehen wir mit diesem ungeheuren Anspruch um, wir alle in unserer Durchschnittlichkeit, in unserer eigenen Fehlerhaftigkeit, in unserer Not wirklich zu glauben?

 Hier ist einer, der mehr ist als Mose

Der Text von heute beginnt ja mit der Warnung, nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes, nicht das kleinste Gebot dürfe aufgehoben werden, ehe nicht alles erfüllt sei. Und gleichzeitig zitiert Jesus mehrfach eben dieses Gesetz, das Alte Testament, um es dann gleich trotzdem auf seine Weise aufzuheben. Immer wenn er sagt: „Euch ist gesagt worden“, dann zitiert er das Gesetz des Alten Bundes. Und wenn er hinzufügt: „Ich aber sage euch“, dann gibt er seine eigene Lehre, die das Gesetz entweder neu auslegt oder überbietet. Jesus tritt hier übrigens mit einem göttlichen Anspruch auf. Denn kaum etwas war damals von so heiliger Autorität wie das Gesetz des Mose. Aber hier ist einer, der mehr ist als Mose! Aber wie bringen wir diese beiden Dinge zusammen: Die Warnung, das Gesetz dürfe nicht aufgehoben werden und gleichzeitig Jesu eigene Auslegung und Veränderung des Gesetzes?

 Er selbst erfüllt das ganze Gesetz

Nun, Jesus selbst ist der Erfüller des Gesetzes! In Ihm, in seiner Person, in seiner Autorität, in seiner Liebe, in seiner Integrität kommt zum Ausdruck, was das ganze Gesetz eigentlich in der Tiefe bedeutet: Im Grunde geht es in allem darum, dass der Mensch ein anderes, ein neues Herz bekommt, so dass er wirklich ein neuer Mensch wird, einer der in der tiefen Liebesgemeinschaft mit Gott lebt und deshalb auch die Menschen und die Welt wirklich lieben kann – ohne Egoismus! Im Grunde kann man deshalb sagen: Jesus spricht hier in allem auch von seinem eigenen Herzen, so wie er das in der Bergpredigt  beschreibt, so ist er selbst, von innerster Integrität, von innerster Tiefe, Klarheit, Reinheit und Liebe.

 Was heißt: Echt-sein?

Daher aber noch einmal die Frage: Was machen wir damit? Was bleibt da für uns übrig, außer unerfüllbaren Forderungen und  furchteinflößenden Warnungen vor der Hölle? Ich möchte einen Zugang versuchen über das Thema: „Echt-sein“, über „Authentisch-sein“. Denken Sie sich einen Menschen, der wirklich eine Leidenschaft für eine Sache, für eine Tätigkeit hat. Und wenn er sie schon länger hat, ist er zumeist auch ganz gut in der Sache. Um das zu verdeutlichen: Denken Sie sich zum Beispiel einen Musiker, eine Musikerin. Wir haben ja heute einen besonderen Tag, da wir auch unseren neuen Domkapellmeister, Andreas Unterguggenberger, in sein Amt einführen können. Und Herr Unterguggenberger hat in einem schönen Interview in der Heimatzeitung sinngemäß auch gesagt, dass es Unterschiede gibt, zwischen Kirchenmusiker und Kirchenmusiker: Es gibt solche, die das gut gelernt haben und technisch sauber spielen. Und es gibt solche, die neben der technischen Sauberkeit auch wissen, was sie inhaltlich spielen oder singen, die glauben auch das, was in der Kirchenmusik zum Ausdruck kommt und teilen es musikalisch mit. Und diese innere Verbundenheit von Musik und Inhalt werde so zum Glaubenszeugnis! Hier, liebe Schwestern, liebe Brüder, sind wir auf der Spur von dem, was ich mit Echtheit sagen möchte. Ein Mensch, der in seiner Sache ganz aufgeht, ein Mensch, von dem wir sagen: „Da ist einer ganz in seinem Element“  – so ein Mensch ist ein Diener der Sache, der Tätigkeit selbst. Er will, dass es gut ist, dass die Sache selbst und der Sinn seines Tuns voll sichtbar wird. Und das Interessante ist: Wenn einer wirklich in der Sache ist, wenn er ganz in seinem Element ist, dann ist er meistens auch ganz echt, ganz authentisch und in einer gewissen Weise ganz frei! Und zwar obwohl er der Sache selbst gehorcht, obwohl er in unserem Beispiel, wirklich die Musik und ihren Inhalt zur Geltung bringen will. So ein Mensch hat in Bezug auf diese Tätigkeit, sein Herz dabei. Er ist frei und echt und authentisch und ist eben  viel mehr als nur ein Erfüller des Gesetzes. Er ist – in unserem Beispiel von der Musik – viel mehr als ein braver, technisch guter Nachspieler von Noten. Er ist leidenschaftlicher Musiker.

 Brave Gesetzeserfüller oder mit ganzem Herzen

Und dieses Beispiel würde ich nun gerne auf die Bergpredigt anwenden. Wenn Eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, sagt Jesus, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen. Warum? Die Pharisäer waren sehr gute Gesetzeserfüller, aber – das hat Jesus immer wieder gesagt – sie hatten ihr Herz nicht dabei. Und deshalb wollten sie selber glänzen und nicht den verherrlichen, der ihnen das Gesetz gegeben hat. Sie waren darin selbstgerecht: alles perfekt machen, ohne Herz, ohne den inneren Sinn verstanden zu haben. Und Jesus sagt uns: Das Herz muss dabei sein, und wenn möglich ganz!

 Entweder ER ist es wirklich – oder wir zerbrechen an den Forderungen der Bergpredigt

Die Schwierigkeit, die wir nun aber haben, ist, dass es Jesus nicht nur um einen Ausschnitt in unserem Leben geht. Nicht nur um ein Hobby, wie die Musik, die wir sehr gern haben, auch nicht nur um einen Menschen, den wir sehr gerne mögen. Sondern ihm geht es in der Tiefe um den ganzen Menschen, um unser ganzes Herz. Ihm geht es um unsere tiefsten Überzeugungen, dort, wo wir der Wahrheit verpflichtet sind, wo es um Entscheidung von gut und böse geht. Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein – immer. Dort, wo es um wirkliche Liebe und nicht nur um schnelle Begierde geht. Jesus will uns deutlich machen: „Ich bin gekommen, damit Ihr ein Leben in Fülle habt“, ein Leben in Freude, ein Leben in der Liebe, in der Wahrheit – aber er sagt dazu: „Ihr habt das nicht aus Euch selbst, Ihr könnt das nicht ohne mich. Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Ich, sagt Jesus, bin für Euch gestorben und auferstanden, ich hole euch aus der Neigung zur egoistischen Selbstbehauptung raus, ich gebe euch ein neues Herz, einen neuen Geist. Ich bin der einzige Weg zum Vater.“ Wenn wir das nicht ernst nehmen, dass Er es ist, meine Lieben, dann zerbrechen wir an den Forderungen der Bergpredigt, an den Forderungen des Evangeliums.

 Wer vertraut, dass Er es ist, der spürt: die Trennung von Ihm ist der Tod

Liebe Schwestern, liebe Brüder, vielleicht spüren Sie nun auch das Gewicht, die Bedeutung des Kommens Jesu für uns alle und vielleicht erahnen Sie nun auch den Weg, wie wir aus unserem Dilemma herauskommen: Der Weg, der uns neu werden lässt, der wirklich unser Herz meint, ist nicht zuerst die möglichst genaue Befolgung aller religiösen Vorschriften, es ist der Glaube an Jesus, es ist das Vertrauen auf Jesus, es ist die Liebe zu Ihm. Ich sagte, wenn Sie für eine Sache, eine Tätigkeit Leidenschaft haben, wenn sie sie lieben, dann sind Sie darin in Ihrem Element, dann sind Sie darin frei und tief und lebendig. Analog ist es mit dem Glauben: Wenn Sie lernen, für Jesu Liebe und Leidenschaft zu leben, wenn Sie Ihn immer besser kennenlernen wollen, wenn Sie Ihm Zeit schenken und Sein Wort immer neu in sich aufnehmen, wenn Sie wirklich vertrauen, dass Er und sonst niemand wirklich der Weg zum Vater ist, dann werden Sie darin als Mensch neu, dann wandelt er nach und nach Ihr Herz: Es wird seinem ähnlich. Dann werden Sie innerlich frei und tief und lebendig, dann lernen Sie plötzlich jeden Satz der Bergpredigt von innen her zu verstehen und spüren: Ja, das was er sagt ist Leben. Und Sie spüren auch: der Gegensatz dazu ist Trennung von Leben, ist Tod.

 Pharisäer oder wirkliche Christen?

Vielleicht fragen Sie sich, Schwestern und Brüder, wieso ich das mit solcher Deutlichkeit sagen kann: Nun, weil er es selbst gesagt hat: „Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig. Wer sein Leben gewinnen will, wird es verlieren, wer es um meinetwillen verliert, wird es gewinnen. Hier ist einer, der größer ist als der Tempel, größer als der Sabbath.“ Alles seine Worte.  Liebe Schwestern, liebe Brüder, und wir sind die, die glauben, dass er lebt, wir glauben, dass er sich uns gleich in der Eucharistie schenkt; wir glauben, dass wir darin sein Lebensopfer feiern, seine Hingabe für uns. Wenn uns das wirklich nahe geht, wenn es uns innerlich wird, wie sollten wir ihn nicht lieben wollen? Wie sollten wir nicht im Vertrauen wachsen? Und es wird so sein: Im Maß, in dem wir im Vertrauen und in der Liebe wachsen, werden wir spüren, dass es wahr ist, dass uns ein unberechtigter Zorn gegen den Bruder von der Liebe ausschließt und vom Leben. Dann werden wir spüren, dass Verführung zum Bösen wirklich gefährlich ist, dann werden wir spüren, dass die Ehe heilig ist vor Gott. Und wir werden dennoch Menschen voll innerer Freiheit und Freude sein, weil wir bei Ihm innerlich schon daheim sind. Wir werden darin eben nicht nur religiöse Pharisäer, sondern eben wirkliche Christen, die immer neu aus seiner Liebe und seiner Vergebung leben.

 Ist es schwer oder leicht? Beides!

Ist es schwer? Einerseits ja, andererseits nein. Schwer ist in der Tiefe zu verstehen und zu vollziehen: Ja, er will unser Leben, und er will es ganz. Er will auf dem inneren Thron unseres Herzens sitzen, wo wir doch so gerne selbst Platz nehmen. Leicht ist: Wenn wir einmal wirklich anfangen, unser Leben ihm jeden Tag zu übergeben, wirklich aus ihm zu leben, dann verliert so vieles an Gewicht, dann werden uns so viele Lasten und Ängste genommen, dann sind wir bei Ihm schon daheim und können nach jedem Hinfallen wieder aufstehen und weitergehen. Weil wir glauben dürfen, dass wir einen Herrn haben, der uns niemals verlässt. In diese Erfahrung, immer mehr hineinwachsen zu dürfen, und so auch immer mehr wirklich zu verstehen, was es heißt, ein Christ zu sein, seinen Namen zu tragen, das wünsche ich Ihnen und uns allen von Herzen. Amen.

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