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Leere füllen? – Über den Dienst des Lehrers im Fach Religion

In Predigten von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Predigt bei der Verleihung der Missio Canonica für Religionslehrer/innen an Gymnasien

Liebe Schwestern und Brüder, vor allem liebe Referendarinnen un Referendare des Faches Religionslehre,

„Lehren – Leere füllen“: So steht es auf dem Liedblatt, das Ihr für die heutige Feier gestaltet habt. Und es soll wohl – wenn ich es recht verstehe – eine Art Erläuterung sein von dem, was die Lehre, die Lehre des Religionsunterrichtes für Euch ist. Es ist das Füllen von einer Leere – von einer Situation des Mangels also. Es klingt auch nach Geber und Empfänger: Der Geber, der Lehrer, gibt etwas, der Schüler empfängt, was er noch nicht hat. Darauf weist auch der Vers aus dem 2. Korintherbrief hin, der Euch für heute bedeutsam geworden ist und auf dem Liedblatt erscheint. Ich lese ihn noch einmal: Paulus schreibt hier im Zusammenhang mit Spenden, die er für die Gemeinde in Jerusalem von den Korinthern erbittet. Er sagt: „Euer Dienst und eure Opfergabe füllen nicht nur die leeren Hände … , sondern werden weiterwirken als vielfältiger Dank an Gott.“

Das Wort als Gabe

Diese Hinweise verleiten mich dazu, mit Euch ein wenig darüber nachzudenken, was eigentlich eine Gabe ist und was der Vorgang des Gebens und Empfangens eigentlich ist. Und ich möchte es tun mit dem Vorgang des Sprechens, den man auch als Gabe deuten kann. Als Lehrerinnen und Lehrer werdet Ihr das, was Ihr zu geben habt, in einem überwiegenden Maß durch Worte geben. Am intensivsten geben wir alle durch unser Sprechen dann, wenn wir zum Beispiel einen Satz sagen wie: „Ich gebe Dir mein Wort“. Mit so einem Satz geben Sie ein Wort, meinen aber zusätzlich eine sehr persönliche Verpflichtung. Sie legen sich da als Person selbst mit hinein. Sie geben ein Versprechen und binden es an Ihre eigene Glaubwürdigkeit. Der Mensch kann also solche Worte geben, die wirklich Gewicht haben, in denen er sich gleichsam selbst mitgibt. Aber er kann auch – das andere Extrem – Worte geben, die Lüge sind oder solche, die oberflächliches Geschwätz sind, die gar kein Gewicht haben.

Worte mit Gewicht

Aber, so können wir fragen, wann hat denn ein Wort Gewicht? Wann ist es voller Substanz, wie wir auch manchmal sagen: Das, was dieser Mensch sagt, das hat Substanz. Nun ich glaube, es hat mit zwei Dingen zu tun: Erstens mit dem, wie ich eine Sache wirklich erkannt habe, wie sie mir zugewachsen ist, wie sie in mir und meiner Erkenntnis Form angenommen hat. Ein Beispiel, das ich schon oft erzählt habe: Als Hochschullehrer hatte ich mit Studierenden in mündlichen Prüfungen zu tun – und dabei immer wieder wahrgenommen, dass zwei Studierende nahezu dasselbe sagen konnten. Und bei einem hat man gespürt, der hat etwas verstanden – und der andere hat mehr oder weniger auswendig Gelerntes nachgesprochen, um nicht zu sagen geplappert. Derjenige, der etwas verstanden hat, dessen Worte hatten für mich als dem Angesprochenen mehr Gewicht als beim Auswendiglerner. Hier hatte einer etwas über eine Sache gesagt, die er sich wirklich angeeignet hat, die er durchdacht hat, zu der er dann auch notwendig ein persönliches Verhältnis gewonnen hat. Die Sache hatte also in ihm selbst Gewicht gewonnen, sie ist für ihn wirklich geworden, Teil seiner inneren Auseinandersetzung und nicht nur ein schneller Gedanke geblieben – und so haben seine Worte ebenfalls Gewicht bekommen, Substanz bekommen.

Der Lehrer muss selbst ein Leerer sein können!

Das gilt im Grunde für jeden von uns: Um substanziell zu sprechen, muss die Sache, über die ich spreche, in mir selbst Gewicht bekommen, lebendig werden. Aber, meine Lieben, damit das geschieht, dafür muss ich selbst ein Offener sein, nicht einer, der ganz schnell über irgendwas drüber geht, sondern einer, der sich auf die Sache einlässt; der sich von der Sache selbst berühren lässt. Das heißt aber: Er muss zunächst selbst einer sein, der leer ist, der empfangsbereit ist, der hörbereit ist. Und nicht einer, der mit dem ersten Hinschauen schon alles zu wissen scheint. Und auch nicht einer, der gar nicht verstehen will, um nicht denken zu müssen, um wenig Plage zu haben. Das heißt für uns alle: Die Qualität der Aneignung einer Sache, die Qualität meiner Beziehung zur Sache, entscheidet darüber, ob mein Wort Gewicht bekommt. Man kann auch sagen: Wenn sie das, worüber Sie sprechen, auch irgendwie mögen; wenn Sie Freude daran haben, dann werden Sie es besser verstehen und zugleich werden Ihre Worte darüber mehr Gewicht haben. Auch deshalb, weil Sie dann einen Teil Ihrer selbst mit zum Ausdruck bringen. In den tieferen Worten, teilt man nicht nur die Sache mit, sondern viel von sich selbst.

 Den Hörer mithören

Aber nun ein Zweites: Nehmen wir an, Sie sprechen tatsächlich Worte mit Substanz, weil Sie wirklich was verstanden haben, dann kann es immer noch sein, dass Ihr Zuhörer dasitzt und nichts hören will. Das wird Ihnen als Lehrer oft so gehen. Und wir werden dann trotzdem versuchen müssen, den Hörenden irgendwie mitzunehmen. Das heißt, es gibt noch eine zweite Dimension im Sprechen, im Lehren, im Füllen der Leere des Anderen. Es gibt die Dimension, dass mein Sprechen im gelingenden Fall so ist, dass es zugleich ein Hören ist. Ein Mithören, ein Mitspüren, ob der Hörende wirklich mitgehen, wirklich nachvollziehen kann, was ich sage. Meine ich wirklich im Sprechen auch den Anderen? Oder will ich nur so sprechen, dass ich mich vor allem selbst höre und großartig finde? Ich habe mich das in meiner eigenen Studentenzeit oft gefragt, wenn ich Professoren hatte, bei denen ich den Eindruck hatte, sie waren große Monologisierer! Meint der wirklich uns Studenten? Oder geht es ihm doch mehr um den eigenen Glanz? Ist sein Wort wirklich eine Gabe? Oder ist es nur Ausdruck seiner Selbstdemonstration? Sie dürfen mir glauben, liebe Schwestern und Brüder, dass das auch immer neu eine Frage an mich selbst in meiner und unserer kirchlichen Verkündigung ist. Sprechen wir so, dass wir im Sprechen auch Hörende sind, Menschen, die achtsam sind auf die, die sie vor sich haben – so dass man mitgehen und mithören kann?

 Diener der Sache und des Hörers

Und wenn ich das nun sage, fällt Ihnen vielleicht das Folgende auf: In einem wirklichen Sprechen wird mein Sprechen immer zugleich zum Hören und zum Dienst. Ich will ja in meinem Sprechen wirklich die Sache selbst zur Sprache bringen und nicht mich selbst. Das heißt: Ich muss auch im Sprechen immer noch achtsam, immer noch gewissermaßen hörend sein auf das, was ich da sage, worüber ich spreche. Und ich muss zugleich achtsam sein auf meine Hörer, ich muss verstehen wollen, ob sie auch verstehen. Ich muss sie schätzen als diejenigen, die wirklich mein Wort empfangen wollen und ich muss ihnen helfen es zu empfangen. Das heißt, auch im Gegenüber bin ich im Sprechen selbst nicht nur ein Geber, sondern immer zugleich ein Empfänger. Nicht nur ein Lehrer mit H, sondern auch einer, der innerlich leer sein muss, mit zwei EE, damit sich die Sache in mir wirklich zeigen kann und damit ich auch den anderen, den Hörer in mir wahrnehmen kann, so dass er wirklich mithören, mitgehen, mitvollziehen kann.

 Maria und Martha – und die Fortsetzung der Geschichte

Das heißt nun, in Bezug auf Ihr Motto: Lehren – Leere füllen: Ich finde es wunderbar, dass Sie füllen wollen, dass Sie Reichtum verschenken wollen. Aber das setzt immer voraus, dass sie selbst ein Empfangender sind und ein Empfangender bleiben – und damit auch ein Leerer mit zwei E. Wir haben das im Evangelium sehr schön verdeutlicht in der berühmten Geschichte von Maria und Martha: Die umtriebige Martha will für den hohen Gast sorgen, macht sich allerhand Mühen und ist sogar eifersüchtig auf ihre Schwester, dass sie ihr nicht hilft bei der vielen Arbeit, während Maria nur da sitzt und hört, ihm zu Füßen zuhört. Aber, meine Lieben, stellen Sie sich diese Erzählung mit einer kleinen Fortsetzung vor: Jesus ist wieder weg und nun kommen die Verwandten der beiden Schwestern und wollen hören, wie er denn so ist, derjenige, von dem alle so viel reden, der berühmte Rabbi aus Galiläa. Wer von beiden Schwestern könnte tiefer, gehaltvoller, aufrichtiger sagen, wer Jesus ist und was sein innerstes Anliegen ist? Doch wohl eher Maria, die zuerst die Empfangende war, die Leere, die Offene – die dann hinausgehen und erzählen kann und ihre Worte werden vermutlich mehr Gewicht haben als die ihrer Schwester.

 Das Wort des Vaters, das sich radikal ausleert

Liebe Schwestern und Brüder: Jesus ist selbst das Wort des Vaters. Er heißt im Johannes-Evangelium das Wort, das Wort des Lebens. Aber er kommt an Weihnachten als ein Baby, das kein Wort sprechen kann. Und er sagt am Kreuz alles, restlos alles, indem er verstummt, leer wird, sich ausleert aus Liebe für uns. Er ist das Wort Gottes, in dem Gott uns alles gesagt hat. Er leert sich selbst aus im Geben, er füllt unsere Leere, unsere Sehnsucht nach Sinn, nach Tiefe, nach Liebe und Vergebung. Wenn wir vor ihm arm sind, leer in unserer Empfangsbereitschaft, dann wird er uns mit dem Reichtum seiner Liebe erfüllen, dann werden wir etwas zu sagen haben, was wir nicht aus uns selbst haben. Dann werden wir aus einem Reichtum sprechen, der selbst arm sein kann, der sich selbst verschenken kann, der aber im Sich-verschenken nicht weniger wird. Er wird gegründet sein in der Liebe Christi und wird deshalb nicht nur leere Herzen füllen, sondern den Dank vervielfachen, wie es Paulus in eurem Leitwort sagt – und Ihr werde den verherrlichen, an den Ihr glaubt.

 Zeit und Liebe für den Herrn

Aber, liebe Lehrerinnen und Lehrer, ich sagte vorhin, dass die Frage ob unsere Worte Gewicht haben, ob sie Zeugnischarakter haben, das hängt an der Qualität unserer Beziehung zu der Sache, die im Wort ausgesagt ist. Wenn Sie also zukünftig im Fach Religion über Gott, über Jesus sprechen, werden Ihre Worte dann Gewicht haben, wenn Sie ihn lieben, wenn man spürt, dass Ihre Erkenntnis, Ihre Worte von Liebe erfüllt sind – weil Sie viel Zeit mit Ihm verbracht haben, betend, in seiner Gegenwart und mit seinem Wort. Das wird Ihnen Gewicht geben und das wird zu seiner Verherrlichung gereichen. Das wünsche ich Ihnen sehr. Amen.

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