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Mit Paulus nachdenken über Innenrenovierung einer Kirche

In Predigten von Bischof Stefan Oster SDB1 Kommentar

Predigt anlässlich der Wiedereröffnung der Tettenweiser Pfarrkirche St. Martin. Texte: 1 Kor 2,1-5 und Mt 5, 13-16

(Im Bild: Tettenweiser Minis mit Gemeindereferentin Regina Rossmadl (li.), Kaplan Michael Vogt (re. nb. Bischof); Pater Augustinus OSB (re. nb. Kaplan) und Dekan Josef Tiefenböck (re.)

Liebe Schwestern, liebe Brüder hier in Tettenweis,

es ist schon bemerkenswert, was in einer Dorfgemeinde wie Tettenweis geleistet wird und was wir uns noch leisten können: Diese altehrwürdige Martinskirche strahlt in neuem Glanz. Zahllose haupt- und ehrenamtliche Stunden wurden an Arbeit hineingesteckt, 700 000 Euro hat man in drei Jahren verbaut und es ist wirklich schön geworden. Eine bemerkenswerte Leistung von vielen, vor allem aber auch von der Dorfgemeinschaft, von Pfarrei und Kirchenverwaltung unter der Leitung von Robert Stiglmayr. Das ist sehr schön, sehr ermutigend, eine wunderbare Leistung, für die ich sehr dankbar bin. Und hier wie andernorts bin ich auch stolz darauf, was unsere Landgemeinden an Zusammenhalt und Gemeinschaftsleistung aufbringen. Deshalb: Wir alle dürfen dankbar und froh sein, dass dieses altehrwürdige Gotteshaus nun wieder so da steht, dass wir Freude daran haben.

Ist es nächsten Sonntag schon wieder anders?

Nun ist es aber auch oft so, dass ich bei Gelegenheiten wie dieser zu hören bekomme: „Freilich, Herr Bischof, heute, wenn Sie da sind und groß gefeiert wird, ist die neue Kirche voll. Aber schon nächsten Sonntag schaut es wieder ganz anders aus.“ Auch das, liebe Schwestern und Brüder, ist Realität und ich sage das ganz ohne Groll oder Anklage. Es ist wie es ist, hier wie an so vielen anderen Orten auch: Die Gläubigen werden älter, sie werden weniger. Es ist eine riesige Herausforderung, junge Menschen mitzunehmen ins Leben der Gemeinde – und mit junge Menschen meine ich durchaus auch die Elterngeneration heutiger Kinder und Jugendlicher. Deshalb freut es mich besonders, dass heute so viel Jugend da ist, besonders bei den Ministranten. Aber es ist so, wir leben in Zeiten, in denen der Glaube stark herausgefordert ist. Wir müssen damit umgehen lernen und dürfen froh sein, dass wir uns so etwas wie hier tatsächlich noch so leisten können und auch gemeinschaftlich zustande bringen.

Paulus kann uns helfen: Was heißt Innenrenovierung einer Kirche?

Aber genau deshalb, liebe Schwestern und Brüder, frage ich so gerne: Was bedeutet heute eigentlich Renovierung einer Kirche – für uns als Gemeinde? Vielleicht sollten wir die Frage noch präzisieren: Was bedeutet Innenrenovierung einer Kirche, wenn es uns doch nicht nur um die Fassade, nicht nur um das Äußere gehen soll? Die zweite Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Korinther hat mich schon oft beeindruckt – und kann uns helfen, diese Frage zu beantworten. Paulus war wirklich ein Gelehrter, ein sehr studierter Mann, der bei Gamaliel, einem damals berühmten Lehrer ausgebildet wurde. Offenbar war Paulus auch versiert in Griechisch, Latein, Hebräisch. Er kannte das jüdische Gesetz, also unser Altes Testament sehr, sehr gut. Und er hat sich nach eigenen Aussagen an alles im Gesetz gehalten. Er war offenbar auch eine richtige Autorität unter seinen jüdischen Landsleuten; zudem hatte er im damaligen römischen Reich das Privileg des römischen Bürgerrechts. Und dieser gebildete Paulus vornehmer Herkunft hatte nun voller Zorn zunächst die Christen, die Anhänger Jesu, als jüdische Sekte verfolgt und war unter anderem für die Steinigung des Stephanus verantwortlich. Aber diesem Paulus, diesem Eiferer, diesem leidenschaftlichen Mann begegnet Jesus in einer Vision. Paulus bekehrt sich, er geht zu den Christen, er versucht fortan für Jesus zu leben. Und er wird mit Abstand zum wichtigsten Missionar der frühen Kirche.

Paulus geht es in allem nur um Christus

Von diesem Mann nun haben wir heute einen Abschnitt seines Briefes an die Gemeinde in Korinth gehört. Er macht ein Geständnis: Ich kam in Schwäche und Furcht zu euch. Und ich wollte nicht überreden durch Rhetorik, auch nicht glänzen durch studierte Weisheit. Ich wollte einzig und allein das Zeugnis von Gott selbst verkündigen. Und wer ist dieses Zeugnis? Paulus sagt: Christus, und zwar als der Gekreuzigte. Liebe Schwestern und Brüder, Paulus sagt: Mir geht es überhaupt nicht um mich, mir geht es nicht ums kluge Reden, ich hab sogar Ängste, vor euch zu reden und will auch gar nicht glänzen. Ich habe nur dies zu verkündigen: Jesus Christus als den Gekreuzigten. Er ist das Zeugnis Gottes. Er ist der, für den ich lebe, der in mir lebt, sagt Paulus. Und wenn ich nichts anderes will als ihn verkündigen, dann zeigt sich trotz meiner Furcht und Schwäche plötzlich, dass diese Verkündigung wirklich voll Geist und voll Kraft ist. Warum dann? Weil sie dann wirklich auf Gottes Kraft gestützt ist und nicht nur auf Menschenweisheit, sagt Paulus.

Wir sind Leib Christi

Liebe Schwestern, liebe Brüder Paulus berührt das, was das Innerste der Kirche ist. Wir glauben an den Gottmenschen, der gekreuzigt wurde und auferstanden ist. Wir glauben, dass er unter uns und in uns lebt – und wir glauben, dass er unser Leben, unser Herz verwandeln will und kann. Das ist die Mitte von allem, das ist Kirche. So sehr, dass Paulus sagen wir: Kirche, das ist sein Leib, das ist Leib Christi. Wir leben von der Zugehörigkeit zu Ihm. Wir nehmen ihn nachher in der Eucharistie in uns auf. Wir feiern seine Gegenwart, er will unser Herz, er will, dass wir auf ihn vertrauen und dass wir ihn lieben. Und die Kirche aller Zeiten hat erfahren dürfen: Wo Menschen wirklich mit Ihm gehen und Ihn verkündigen, und mit ihm leben, wo Menschen ihn kennen und lieben, dort hat Kirche Kraft, dort wächst Kirche, dort sind die Gläubigen Salz der Erde und Licht der Welt, wie Jesus es im heutigen Evangelium sagt. Und er mahnt zugleich: Was wird wohl sein, wenn das Salz seinen Geschmack verliert? Also: Was wird sein, wenn den Gläubigen die Mitte abhanden kommt, Jesus, der Gekreuzigte und Auferstandene? Was wird sein, wenn wir Glauben reduzieren auf bloße Moral oder auf Miteinander gut umgehen oder auf Wellness, auf Sich-gut-fühlen? Oder auf den Satz: Irgendwas Höheres wird es schon geben?

Kennen wir ihn wirklich?

Liebe Schwestern und Brüder, wir tragen seinen Namen, wir sind Christen – und unsere Gemeinschaft lebt von der jahrtausendealten Erfahrung: Er lebt! Er liebt uns, und Er führt uns in ein neues, in ein größeres Leben. Und meine Frage an uns alle, auch an mich natürlich, ist die: Kennen wir Ihn wirklich? Lesen wir das Buch, in dem steht, wie er ist und wer er ist? Haben wir Sehnsucht nach dem Brot des Lebens, das er selber ist – und das er uns heute wieder reicht? Ich stelle diese Fragen nicht als Vorwurf, liebe Schwestern und Brüder, sondern weil ich Sehnsucht wecken will, Sehnsucht nach einem Leben, das gesalzen ist, Salz der Erde. Sehnsucht nach einem Leben, das seinen Erlöser kennt. Sehnsucht nach einem Leben, das vom tiefsten Sinn des Lebens schon berührt worden ist, Sehnsucht nach einem Glauben, der in der Lage ist, voller Leidenschaft und Liebe davon zu erzählen; Sehnsucht nach einem Leben, das auch dort noch lieben kann, wo sonst niemand mehr hingeht – auch zu den Ausgestoßenen und Verachteten, zu den Leidenden und Einsamen.

Haben wir Freude an IHM?

Liebe Schwestern und Brüder: wir haben diese Quelle schon, wir kennen sie schon, wir dürfen uns nur immer wieder neu vergewissern, dass sie wirklich da ist. Wir dürfen uns wieder zu ihm hinwenden und sagen: Herr, wenn Du wirklich da bist, dann lass es mich spüren, dann lass mich umkehren zu Dir, dann hilf meinem Glauben, Dich neu zu bekennen? Dann hilf mir auch zu bekennen, dass ich oft nicht wie ein Christ gelebt habe, so dass ich Dich oft vergessen habe. Wir leben ja als Kirche von diesem Grund, von Jesus, wir zehren immer noch von dieser Substanz, von der Eucharistie. Sie ist auch heute wieder unsere verbindende Grundlage, wenn wir die Messe feiern. Aber stärkt die Messe uns so, dass wir tatsächlich auch in der Lage wären, anderen davon zu erzählen, andere zu uns einzuladen, weil wir Freude haben an Jesus, dem Brot des Lebens? Sie sehen, liebe Schwestern und Brüder, beim Thema Innenrenovierung von Kirche geht es immer neu ums Zentrum, ums Herz. Es geht um denjenigen, der Ihren Kirchenpatron St. Martin zum großen Glaubenszeugen des frühen Mittelalters gemacht hat. Es geht um den, den Mutter Teresa bewegt hat, sich in Indien um die Ärmsten und die Sterbenden zu kümmern, es geht um den, der Papst Johannes Paul II. die Kraft gegeben hat, die Welt zu verändern und den Kommunismus zu Fall zu bringen. Es geht um Jesus in unserem Herzen und in unserer Gemeinschaft, um den, dessen Namen wir tragen.

Machen wir uns neu auf die Suche

Ich möchte Sie einladen, liebe Schwestern, liebe Brüder, suchen Sie immer neu miteinander Gelegenheit zum gemeinschaftlichen Gebet zum Herrn, aber auch zum Austausch über Ihn. Erzählen Sie einander in kleinen Gruppen, was Ihnen der Glaube an Jesus bedeutet; wo Sie ihn vielleicht schon erlebt haben, wo Sie der Glaube an Ihn schon getragen und erneuert hat. Viele von Ihnen haben Erfahrungen mit Ihm, andere haben sie vielleicht auch, ohne es so genau zu wissen oder zu glauben. Aber wenn wir miteinander nach und nach neu lernen, uns auf Ihn zu beziehen, ihn neu kennen zu lernen und aus Ihm zu leben, dann müssen wir uns vor nichts und niemandem fürchten, nicht vor den Veränderungen unserer Zeit, nicht vor Überfremdung durch andere, die anderes glauben, nicht vor Bedrängnis durch Krankheit und Leid. Wer bei Jesus ist, ist ja in gewisser Weise schon angekommen, er ist schon daheim, schon im neuen Leben, das hier und heute und immer wieder beginnt. Und so ein Leben aus so einer Überzeugung, das schmeckt nach Salz, das leuchtet wie das Licht der Welt. Es ist anziehend, es ist wie diese großartige neue Kirche, die strahlt aus. Sie lädt ein, hierherzukommen und dem zu begegnen, den die Menschen kennen, die hier Gottesdienst feiern.

Danke für das gemeinschaftliche Zeugnis

Liebe Schwestern und Brüder in Christus: Noch einmal möchte ich von ganzem Herzen danken für alles, was schon passiert. Was schon da ist und was noch da ist an tiefem Glauben, an Gebet, an Kraft aus dem Geist und vor allem auch möchte ich danken für dieses große gemeinschaftliche Zeugnis dieser Kirche. Gebe unser Herr, dass wir alle, im Bistum Passau und hier in der Pfarrei Tettenweis wieder neu in die innere Erfahrung hineinwachsen: Er ist der Herr. Wir gehören zu Ihm – voller Freude und voller Dankbarkeit. Amen.

Kommentare

  1. Ludger Schmidt

    Die Kernaussage, über die ich mich sehr gefreut habe, möchte ich gerne unterstreichen: Das Kirchengebäude ist nur die „Verpackung“, aber es bekommt eine ganz besondere Bedeutung durch „das“, was darin stattfindet, nämlich die feiernde, betende Gemeinde und den Gottesdienst und die Verkündigung. Ich habe als Architekt gerne mit der baulichen Kirchengestaltung zu tun, aber der Kirchenbau macht nur Sinn, wenn der Inhalt stimmt. – Und mir ist der Gedanke wichtig, dass „Kirche aus Tradition modern ist“. Es geht darum, dass die Botschaft immer wieder neu und lebendig weitergegeben wird. Da haben wir so wunderbare Möglichkeiten!

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