Ordensleute bezeugen: Ganz dem Herrn gehören macht frei

In Predigten von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Predigt am Tag des geweihten Lebens 2017 zu Mal 3,1-4 und Lk 2,22-40

Liebe Geschwister im Glauben, vor allem liebe Ordensleute,

Gott kommt überraschend! Die erste Lesung aus dem Prophetenbuch Maleachi hat das angedeutet: Plötzlich kommt der Herr, den ihr sucht, zu seinem Tempel! Und die Zusammenstellung von Lesung und Evangelium will zeigen, dass hier Verheißung und Erfüllung gegeben werden. Maria und Joseph kommen mit dem Jesuskind plötzlich in den Tempel. Plötzlich ist der Herr da, in seinem Tempel. Und die beiden treuen Alten, die Hannah und der Simeon, die dürfen das wahrnehmen und erkennen. Der Herr ist da. In diesem Kind.

Was ist mit dem Rest der Prophetie?

Aber was ist mit der anderen Prophezeiung aus Maleachi. Der Prophet sagt: Wer kann denn den Tag ertragen, wenn der Herr in seinen Tempel kommt? Er sagt, der Herr wird wie ein Feuer im Schmelzofen sein, wie eine Lauge im Waschtrog. Er wird reinigen, vor allem die Priester, die Söhne Levis, wie es heißt, damit sie die rechten Opfer darbringen, aus reinem Herzen. Und dann wird das Opfer Judas und Jerusalems dem Herrn gefallen. Was ist mit dieser Prophezeiung? Der Herr kommt zwar plötzlich in den Tempel, aber er kommt als Kind, als Baby, das keinem was zuleide tun kann; das hilflos ist, das seinen Hunger nicht alleine stillen kann, das nicht sprechen kann, sondern nur schreien, wenn es Not hat. Was heißt hier: Reinigung, Schmelzofen, Lauge, Erneuerung des Herzens?

 Das Kind kommt ins Elend

Nun, es heißt wohl: Wenn wir den weihnachtlichen Jesus annehmen, das Kind in der Krippe, das wir so gern haben; den Gottessohn, der sich für uns zur Gabe gemacht hat, zum Geschenk der Liebe, wenn wir also dieses Kind annehmen, dann kommen wir nicht darum herum, auch den erwachsenen Jesus anzunehmen. Es geht um den ganzen Jesus. Das Kind tut uns zuerst mal gar nicht weh, es weckt eher Zuneigung. Es tut uns erst weh, wenn wir glauben können, dass das Kind tatsächlich der Messias ist – und dann darüber nachdenken, unter welchen Umständen er hier zur Welt kam. Die absolute, die schöpferische, die göttliche Liebe kommt ins Elend, in die Verfolgung, in den Dreck eines Viehstalles, in die Not keine anständige Herberge zu haben, in die Bedrohung durch den Tod durch seine Verfolger.

 So klein und darin so groß!

Das soll Gott sein? Der Retter, der im Tempel erscheint und dann wie ein Feuerofen wirkt, wie Lauge, die das Saubere vom Schmutzigen abscheidet? Ja, das ist Gott. So ist Gott, so klein in seiner unfassbaren Größe und so groß in seiner unfassbaren Liebe. Aber dieser Jesus, der Gottmensch wird erwachsen und fängt an, vom Reich Gottes zu predigen, zu heilen, Dämonen auszutreiben, Wunder zu wirken. Und er spricht oft so klar, so wahrhaftig, so tief, aber eben auch so herausfordernd, dass wir uns oft schwertun, das an uns heranzulassen. Wir tun uns oft nicht leicht, uns wirklich auf die Nachfolge Jesu einzulassen, ihn anzunehmen für uns? Als Menschen, die gerne Weihnachten feiern, denken wir vielleicht, es sei schon sehr christlich, wenn wir manchmal etwas spenden und nicht allzu viel Ärger mit dem Nachbarn haben. Aber, liebe Schwestern und Brüder, genau hier setzt Jesus an. Wenn er wirklich Gott ist und wirklich auf die Erde gekommen ist, um unser Leben zu retten, dann will er genau dieses: Er will unser Leben, er will unser Herz, er will uns ganz! Er will, dass wir Ihm gehören – wenn nötig auch mit den Konsequenzen, die die Zugehörigkeit zu Ihm mit sich bringt.

 Jesus ist nicht harmlos

Es gibt in mir und vermutlich in uns allen eine Seite, die die Intensität dieser Herausforderung nicht so gerne hören, nicht so gerne annehmen will. Es könnte ja tatsächlich sein, dass wir unser Leben ändern müssten, wenn wir Ihm zu nahe kämen. Und das will ich doch eigentlich gar nicht. Da halte ich ihn vielleicht doch lieber auf Abstand – und halte mich schon für irgendwie christlich, aber das Maß der Hingabe will ich selbst bestimmen. Aber, liebe Schwestern, liebe Brüder, Jesus ist eben nicht harmlos. Er ist tatsächlich derjenige, der in den Tempel kommt, zwar als Baby, aber immerhin schon als Baby, das dem alten Simeon die Worte entlockt: „Dieser ist dazu bestimmt, das in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden. Er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird.“

Er will uns ganz

Das heißt, liebe Schwestern, liebe Brüder, an Jesus werden sich die Geister scheiden. Und die Herzen. Er ist die Liebe und das Leben, er ist barmherzig ohne Ende. Aber Er will uns einen Geist, eine Liebe schenken, die nicht einfach in dem aufgeht, was unsere Umgebung für moralisch richtig oder nett hält. Jesus will unser Herz, unser Leben. Er will, dass ihm unser Leben geweiht ist, ganz. Und im Grunde sind wir ja alle seit unserer Taufe Ihm geweiht, geweiht von Ihm – für Ihn. Aber er will, dass alle unsere Lebensbereiche unter seinen Einfluss und seinen Segen kommen. Er will aber auch, dass das in Freiheit geschieht. Niemand wird gezwungen, jeder wird eingeladen. „Folge mir nach“, sagt Jesus zu jedem von uns. „Und Du wirst das Leben haben und die Freude in Fülle“.

 Der alte Adam kämpft auch in uns

Liebe Schwestern und Brüder, wir feiern heute an Maria Lichtmess den Tag des geweihten Lebens; ich bin so dankbar für die vielen Frauen und Männer in unserem Bistum, die ihr Leben ganz dem Herrn geschenkt haben – ihm geweiht haben, auf dass er es verwandle. Freilich, als Ordensleute wissen wir alle, dass der Tag der Profess, der Tag unserer Ordensweihe nicht das Ende eines Weges ist, sondern im Grunde erst ein Anfang. Wir alle bleiben ja auch Sünder, bleiben auch Menschen, in denen der alte Adam und die alte Eva auch kämpfen und bleiben wollen. Sie wollen Jesus in unserem Herzen nicht weichen. Und sie wollen uns immer neu einreden, Kompromisse zu machen – in Bezug auf Armut, Keuschheit, Gehorsam. In Bezug auf viele kleinere oder größere Bedürfnisse, die wir so gerne pflegen.

Ja, Herr, mit Dir – für Dich!

Aber als Ordensleute haben wir einmal einen Schritt gemacht, ein Zeichen gesetzt, an das wir uns immer neu erinnern dürfen: Wir gehören Jesus. Wir wollen uns Ihm aussetzen, unter seinem Licht leben. Er hat uns an sich gezogen, er hat uns gerufen und hat uns die Antwort ermöglicht. Und nun wollen wir sie jeden Tag neu leben: „Ja, Herr. Mit Dir, für Dich.“ Je mehr wir in dieser inneren, antwortenden Haltung unterwegs sind, desto mehr verwirklicht sich diese Maleachi-Prophezeiung. Der Herr kommt, er kommt in unseren Tempel. Er kommt in unser Herz: Und er fängt an darin aufzuräumen, zu säubern. Er scheidet die Schlacke im Schmelzofen ab, sein Geist wohnt dort, wo wir ihn lassen, wo er Wohnung nehmen kann, die für ihn bereitet ist.

 Oben scheint immer die Sonne

Liebe Schwestern und Brüder, wie froh bin ich, dass es gottgeweihtes Leben in unserem Bistum gibt. Wie dankbar bin ich für Sie alle, die Sie ein Zeugnis dafür geben, dass es sich lohnt, diese Antwort zu geben und sein Leben Jesus zur Verfügung zu stellen! Ja, er ist der, der in uns auch scheidet und unterscheidet. Aber er tut es immer nur zum Guten, zum Besseren, zur Freude. Er will, dass wir wirklich lernen, aus Ihm zu leben, aus Ihm zu lieben, aus Ihm an den Vater zu glauben. Und dass wir wie Er hinaus gehen in die Welt und Zeugnis geben von der heilenden Gegenwart Gottes. Danke von Herzen an alle, die den Weg mit Christus gehen und in der täglichen Treue, oftmals in der Treue im Kleinen, im Unbeachteten und als nebensächlich erachteten Dienst einfach ihre Frau, ihren Mann stehen. Ordensleute halten in den suchenden Menschen die innere Wahrnehmung, die Frage am Leben: „Ja, kann es sein, dass es diesen Gott wirklich gibt?“ Ordensleute lassen die anderen fragen: „Diese Schwester da, oder dieser Ordensbruder, die wirken so zufrieden, so ausgeglichen, so innerlich reif und tief! Kann es sein, dass die etwas gefunden haben, was sie wirklich glücklich macht?“ Mitten in dieser Welt, die oft so dunkel, so egoistisch, so leidbringend scheint? Oder die so viele Glücksversprechen zu geben scheint aber am Ende doch nicht halten kann. Und unsere Antwort heißt: „Ja, wir haben es gefunden. Wir haben Ihn gefunden. Wir kennen Jesus. Er ist unser Leben. Er ist die Wahrheit, er ist gut. Und er bleibt es. Egal, wie es hier unter den Wolken ausschaut. Wir haben unser Herz oben, wir sehen, dass oben immer die Sonne scheint, über den Wolken. Wir sind Zeuginnen und Zeugen der Sonne.“ Wer in der bleibenden Beziehung zu Ihm lebt, hat alles. Er schenkt die Freude, die Zufriedenheit, den beständigen Wunsch immer wieder neu zu Ihm umzukehren. Und immer neu das Dunkel hier unten zu durchbrechen, in die Tiefe und in die Höhe, weil da unser Herz eigentlich zuhause ist.

 Beten wir um gute Berufungen

Liebe Schwestern und Brüder, ich bitte Sie von Herzen: Beten wir miteinander um gute und authentische Berufungen zum gottgeweihten Leben, um Menschen, denen Gott alleine genügt, wie Theresa von Avila gesagt hat. Und er genügt nicht so, dass sie gerne ihren Gott für sich alleine haben und sich zurückziehen. Nein, Gott alleine genügt so, dass wir das, was wir selbst empfangen haben verschenken müssen – als Liebe, als Güte, als Freude, als Zeugen des ewig leuchtenden Lichtes – auch für die Anderen. Gott erfülle Sie alle, liebe Schwestern und Brüder, mit seinem Geist und überschütte Sie mit allem Segen des Himmels. Amen.

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