Das Öl der Salbung und das tägliche Kreuz

In Maria-Hilf-Woche 2017, Predigten von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Predigt zur Priesterweihe 2017 im Dom zu Passau – unten zum Nachlesen und hier zum Nachhören.

Liebe Weihekandidaten, Schwestern und Brüder im Glauben,

vor wenigen Monaten haben sich die Deutschen Bischöfe bei ihrer Vollversammlung auch über den Dienst des Priesters unter heutigen Bedingungen ausgetauscht. Einer der Weihbischöfe, der auch einmal der Leiter eines Priesterseminars war, hat dabei sehr intensiv darauf hingewiesen, wie sehr sich auch in unserem Land die Rahmenbedingungen für junge Priester geändert haben. Im Grunde, so sagte er, gebe es kaum noch ein Umfeld von Menschen, die so eine Entscheidung mittragen, die sie begrüßen, unterstützen und positiv begleiten. Vielmehr gehen junge Priesteramtskandidaten heute oft einen eher einsamen Weg gerade gegen viele Vorbehalte und Vorurteile der Menschen.

Wer trägt heute den Priester noch mit?

Der Priester in Deutschland oder auch im Gebiet unseres Bistums im 21. Jahrhundert ist nicht mehr der, über dessen Weg sich die meisten Menschen freuen. Die Wahl seiner Lebensform wird oft nicht mehr verstanden. Auch der Glaube der Kirche, so wie ihn die Priester als Verkündiger versprechen, wird kaum noch verstanden oder geteilt. Gut, könnte man sagen, in unserem eher ländlich und überwiegend katholisch geprägten Bistum Passau ist das noch ein wenig anders. Sicher. Aber jeder von Euch Dreien wird auch von Erfahrungen wissen, die Euren Weg radikal anfragen. Und es ist eine Herausforderung, mit solchen Anfragen richtig umzugehen. Ihr sollt ja offen sein für Anfragen, aber eben zugleich auch innerlich treu und verwurzelt. Wie geht das? Wie findet man so eine Haltung zwischen ehrlicher Offenheit für die Fragen von heute und innerem Verurzeltsein, das nicht so leicht aus der Bahn geworfen wird?

Gebet ist: Gott in sich wohnen lassen

Ich bin überzeugt, es geht zunächst nur mit Gebet. Und nun wisst Ihr selbst, dass auch das Gebet eine Lebensaufgabe ist, dass wir mal oberflächlicher beten, mal inniger, mal zerstreuter, mal wirklich mit Herz. Und das Wesentliche beim Gebet sind tatsächlich das Herz und die Treue. Unser Herz ist dafür geschaffen, dass Gott in ihm wohnt. Und Gebet ist: Ihn dort wohnen lassen, es in uns immer wieder zu öffnen für Ihn, es zurückzuführen, wenn wir abgelenkt und banal werden. Gebet ist auch Einübung in das Schweigen vor Ihm, damit Er reden kann. Es ist Stundengebet beten vor Ihm und mit Ihm, es ist sein Wort betrachten in seiner Gegenwart. Und es ist auch Alltagsdinge tun für ihn und kleine oder größere Dienste der Liebe und des Opfers tun – weil sie für Ihn sind. Gerade solche Dinge, die in Eurem Lebensalltag vielleicht mühsam sind oder unangenehm, beginnt sie mit einem: „Herr, für Dich!“ Oder wenn Euch unangenehme Menschen begegnen, die Euch eigentlich auf die Nerven fallen. Seid gut zu Ihnen und sagt: „Herr mit Dir und Herr für Dich.“ Kurz: Gebet ist das Leben in wirklicher Beziehung und Freundschaft mit Jesus. Wenn Er auf diese Art immer mehr Euer ständiger Begleiter werden darf, wenn Ihr Ihn immer dabei habt, dann wächst in Eurer Seele, das, wovon die Lesung gesprochen hat. Dann hat die Seele Heimat, dann ist sie genährt und getragen, dann ist sie auch gut geschützt vor Burnout und dann hat sie das, wovon in der ersten Lesung die Rede war: die Salbung. Der Prophet sagt dort: „Der Geist des Herrn ruht auf mir, denn der Herr hat mich gesalbt“. Ihr werdet auch heute gesalbt. Ihr seid bei Taufe und Firmung gesalbt worden. Immer als Zeichen der Zugehörigkeit zu Jesus.

Mitarbeiter der Freude

Und wenn Ihr diese Freundschaft einlöst, wenn Ihr mit Ihm in der Treue der Beziehung lebt, dann geht von Euch etwas aus, wie ein heilsamer Duft, wie ein Friede, oder echte, tiefe Freude. Dann werdet Ihr anziehend für die Menschen, die sich nach Christus sehnen. Dann werdet Ihr „Mitarbeiter der Freude“ für sie, wie der Primizspruch von Peter Kunz lautet. Aber von einer Freude, die tiefer reicht, die den Geschmack hat von Himmel hat. Dann geht durch euch eine Tür auf, die die Menschen hoffen lässt und aufatmen lässt, weil sie spüren dürfen: Es gibt mehr als nur diese Welt, und vor allem auch mehr als das, was diese Welt schwer macht und leidvoll. Es gibt ein Leben mit Jesus, der uns die Freude bringt. Boten der Freude seid Ihr, Boten der Schönheit und Herrlichkeit Gottes dürft Ihr sein. Menschen, die mit dem Schlüssel, den Ihr heute bekommt, noch mehr die Tür aufschließen könnt zu diesem Mehr, zu diesem Tiefer, zur echten Begegnung mit Christus. Ihr seid Gesalbte und sollt es immer mehr werden: Euer Beten und Predigen, Eure Spendung der Sakramente, Euer Sprechen und Handeln, Euer Liebesdienst an den Menschen soll die Salbung spürbar machen, das Öl der Freude. Es soll erfahrbar machen, dass Ihr zu Christus gehört.

Das tägliche Kreuz

Freilich, Michael Klug hat den Primizspruch vom Jünger und vom Kreuz gewählt: „Wer mein Jünger sein will, der nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ Das bedeutet: Hier kommt zur Freude eine andere, sperrige Dimension in unseren Dienst. Ja, ein Diener der Freude, ein Diener Jesu ist einer, der auch das Kreuz kennt und trägt. Es ist der Hinweis, dass es für den Priester nie zuerst um sich geht, sondern zuerst um Jesus und um den Dienst an den Menschen, zu denen er uns sendet. „Er muss wachsen, ich muss kleiner werden“, sagt Johannes der Täufer über sein Verhältnis zu Jesus. Und das „Kleiner-werden“ des eigenen Ego ist die Herausforderung des Kreuzes für uns. Ja, wenn wir wirkliche Jünger sind, anerkennen wir auch, dass wir Sünder sind, die der Herr verwandeln will. Und das ist manchmal schmerzhaft. Priester zum Beispiel, die gerne ein allzu üppiges und weltliches Leben führen, schaden der Kirche, den Menschen und sich selbst. Ich meine damit nicht eine auch für Euch wichtige gesunde Sorge um das Wohlergehen des Leiblichen. Ich meine eher einen allzu bürgerlichen oder gar luxuriösen Lebensstil, bei dem es um immer um „Ich zuerst“ geht. Denn ein Priester, der das Kleiner-werden, der die wirkliche Demut nicht geübt hat, der wird auch nicht allzu gut in der Lage sein, das Kreuz der anderen mitzutragen, die ihm anvertraut sind. Aber gerade das gehört auch in die Mitte unseres Dienstes: Tröster zu sein, befreiend zu wirken, ein Dienender, ein Begleiter, einfach ein Liebender. Und das muss uns klar sein: Es gibt in dieser Welt keine wirkliche Liebe, die diesen Namen verdient, ohne Opfer, ohne das Kreuz. Christus ist unser Beispiel: Aus seiner Lebenshingabe geht die Erlösung der Welt hervor.

 Was kann schon passieren?

Und drittens das Wort, das Marco Stangl gewählt hat: Es ist wieder das Wort der Zuversicht. „Seid gewiss, ich bin bei Euch alle Tage bis zum Ende der Welt“. Was kann uns passieren, liebe Brüder, wenn Er mitgeht, wenn wir wirklich im Vertrauen gewachsen sind, dass Er da ist, dass Er uns nie verlässt, dass Er uns immer neu umarmt mit zärtlicher Liebe, mit Hingabe, dass er uns Kraft schenkt und Freude, dass er uns Erkenntnis schenkt und Offenbarung und eben die Fähigkeit zur Liebe? Er wird es tun – oft oder gerade auch dann, wenn wir nichts spüren, sondern einfach nur weitergehen im gläubigen Vertrauen.

Sucht Euch gute Gemeinschaft

Was hilft uns, in der Treue zu bleiben? Das Gebet ist das Wichtigste, das Ausruhen-Können bei Christus. Zusätzlich wichtig ist auch, dass Ihr Gemeinschaft von Menschen habt, wo Ihr ausruhen könnt, wo Ihr Euch mitteilen könnt, wo Ihr auch ernsthaft Krisen des Lebens und Glaubens besprechen könnt. Sucht Euch gläubige, freundschaftliche Gemeinschaft und wenn Ihr sie schon habt, dann pflegt sie auch. Wir können nicht alleine Christen sein, wir sind alle miteinander Leib Christi, seine Brüder und Schwestern und wir brauchen einander, um uns im Glauben zu stärken. Und deshalb möchte ich Sie alle, liebe Schwestern und Brüder, die Sie heute mitfeiern, auch ermutigen, für diese drei, aber auch für alle unsere Priester zu beten. Wir brauchen es, wir brauchen das Mitgetragen-sein in einer Welt, die unsere Lebensform immer weniger mitträgt. Vielen Dank an alle, die schon längst für die Priester beten und auch für die, die es vielleicht von heute an tun werden.

 Ehrfurcht, Gehorsam und Brüderlichkeit

Ihr versprecht heute auch mir als Eurem Bischof Ehrfurcht und Gehorsam. Und ich möchte Euch zusagen, dass ich Euch zuerst ein Bruder sein will, der möglichst ohne Umschweife erreichbar ist für alles, was Ihr mit mir teilen wollt. Ich bitte Euch auch: Legt die theologischen und geistlichen Bücher nicht weg und werdet nicht nur so genannte Praktiker. Die Kirche ist groß und Gott ist noch viel größer – und um Gott und seine Kirche immer mehr zu verstehen und gut zu verkündigen, braucht man Nahrung für Herz und Gehirn. Gute geistliche Literatur – mit Liebe aufgenommen – verstärkt die Salbung.

Der Priester schenkt, was er nicht aus sich hat

Liebe Schwestern und Brüder, mit jedem Neupriester erhält unsere Kirche ein großes Geschenk: Einen Mann, der in der Lage ist, etwas zu schenken, was er selbst nicht aus sich hat: zum Beispiel den lebendigen Christus in der Eucharistie, die Vergebung der Sünden im Sakrament der Versöhnung, oder die Stärkung mit der Salbung im Dienst an den Kranken. Die Kirche bekommt einen von Jesus ausdrücklich in Besitz Genommenen und von Ihm Gesandten, einen Mann, der aus dem Wort Gottes lebt und es der Gemeinde verkündigen kann. Freilich ist es zugleich ein Mann, der auch ein Sünder ist, wie wir alle, der Schwächen hat, wie wir alle. Aber es ist jemand, der heute nach jahrelanger Vorbereitung zu Jesus sein tiefes Ja spricht, und damit bezeugt, dass er wirklich sein Jünger und sein Gesandter sein will, wie es im Evangelium hieß. Das ist fortan sein Lebensinhalt. Und dafür sind wir von ganzem Herzen dankbar. Euch und allen, die Euch bis hierher begleitet haben durch die lange Zeit der Ausbildung.

Es gibt kaum einen erfüllenderen Beruf

Und schließlich möchte ich noch mit einem persönlichen Bekenntnis schließen vielleicht auch für diejenigen, die unter uns sind und sich vielleicht schon einmal überlegt haben, ob sie auch zu diesem Dienst berufen sind. Ja, der Priesterberuf ist eine Herausforderung, und immer wieder auch verbunden mit Kampf, mit Ringen, mit Versuchungen. Aber meine Lieben, ist es nicht oft im Leben so, dass das Große, das Schöne und Wertvolle auch errungen, erkämpft werden muss? Und ich darf bezeugen, dass der Kampf nicht das Erste ist und auch nicht das Eigentliche. Das Eigentliche ist die Freundschaft mit Christus in seiner Kirche. Wenn wir das wirklich glauben dürfen, dass Er an unserer Seite geht und dass die Kirche wirklich unsere Heimat ist, dann kann ich mir kaum einen sinnvolleren und erfüllenderen Dienst denken als diesen – den ich auch voll Dankbarkeit tun darf. Euch drei Weihekandidaten wünsche ich von Herzen, dass Ihr immer neu davon kosten dürft für wen Ihr geht: Für unseren Herrn, für den Herrn der Welt, in dem Gott wirklich einer von uns geworden ist. Und aus Ihm für die Menschen und mit den Menschen. Maria, die Helferin der Christen, der wir uns in dieser Woche besonders anvertraut haben, sei Euch darin treue Begleiterin. Amen.

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