Der Mann aus Samaria: Falscher Glaube, aber richtiges Handeln?

In Predigten von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Predigt bei der Pontifikalvesper zur Amtseinführung des neuen Caritasdirektors Michael Endres

Lk 10, 25-37

Lieber Herr Endres, lieber Herr Diakon Niederländer, verehrte Angehörige unserer beiden Vorstände, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Caritas, verehrte Ehrengäste, Schwestern und Brüder im Glauben,

das Evangelium, das wir gehört haben, ist ein Klassiker, ist wohl der Klassiker schlechthin, wenn es um die Frage nach der Begründung barmherzigen Handelns geht. Warum und wann sollten wir barmherzig sein? Wenn ein Mensch in Not ist, ist die schlichteste Antwort. Und der Mann aus Samarien im Evangelium ist dafür ein Beispiel. Und nicht die beiden Glaubensvertreter von Berufs wegen, also nicht der Levit und auch nicht der Priester im damaligen Judentum.

Verkehrter Glaube, also schlechte Menschen?

Eine der Pointen der Erzählung Jeus ist die: Der Mann aus Samarien kommt von außen, er ist kein rechtgläubiger Jude. Die Samariter hatten sich abgespalten und fühlten sich zum Beispiel zum damals einige Jahrhunderte zuvor errichteten Tempel in Jerusalem nicht zugehörig, sondern hatten ihr eigenes Heiligtum auf dem Berg Garzim errichtet. Zur Zeit Jesu war das Verhältnis von Juden und Samaritern wohl vergleichbar mit dem zwischen Katholiken und Evangelischen in der Zeit intensiver konfessioneller Auseinandersetzung hierzulande. Es war also mit dem Vorurteil besetzt: Die anderen glauben verkehrt, also müssen sie wohl auch die schlechteren Menschen sein. Und nun kommt dieser Samariter und man könnte aus jüdischer Sicht sagen: Der glaubt verkehrt, handelt laut Jesus aber richtig. Und von den rechtgläubigen Juden, dem Priester und dem Leviten muss man sagen: Sie glauben richtig, handeln aber verkehrt. Zumindest provoziert Jesus mit seiner Erzählung ein Denken, das so schematisch und so besetzt von Vorurteilen ist.

Ein gottvolles Herz hat Platz für die Vielen

Freilich wäre aber umgekehrt eine Schlussfolgerung verkehrt, die aus dem Gleichnis gerne und schnell gezogen wird: Im Grunde ist es egal, was einer glaubt, Hauptsache, er handelt menschlich. Wenn wir so argumentieren, vergessen wir, dass Jesus das Gleichnis ausdrücklich im Kontext einer Lehre über Gottes- und Nächstenliebe erzählt. Gott mit ganzem Herzen, ganzer Kraft und ganzer Seele zu lieben und den Nächsten wie sich selbst, ist der Weg zur Gewinnung des ewigen Lebens, sagt Jesus zu seinem Gesprächspartner. Und das Gleichnis erläutert dann, die weitere Frage: Wer ist mein Nächster? Jesus erzählt auf diese Frage, wie ein Mensch dem anderen eben nicht automatisch Nächster ist, sondern wie er es wird: Indem er sich anrühren lässt von der Not, indem er auf diese Not angemessen antwortet und sich dann so sorgt, als wäre der andere wirklich ein enger Angehöriger oder sogar er selbst. Den Nächsten wie sich selbst lieben, gehört zu diesem Weg. Und der Weg ist wirklich herausfordernd. Denn mal ehrlich: Wer von uns wäre in dieser Situation bereit gewesen, so viel zu investieren und zu riskieren wie der barmherzige Samariter?  Es ist ein Handeln, das weit über das damals Gängige und Erwartete hinausging. Und der Schlüssel zum Verständnis dieser Befähigung ist im Evangelium die Gottesliebe: Die Hl. Schrift lehrt uns und zeigt uns: Wessen Herz gottvoll ist, in dessen Herz haben sehr viele Menschen Platz, dessen Herz brennt für Gott und die Menschen, besonders die in Not.

Christus kommt uns entgegen – und wartet auf unsere Antwort

Und das Erstaunliche an unserem christlichen Glauben ist: Es ist nicht zuerst so, dass wir uns wahnsinnig anstrengen müssten, um Gott zu gefallen, damit er uns Antwort gibt. Wir müssen nicht zuerst auf den dornenreichen Berg der Askese aufsteigen, damit er sich uns endlich huldvoll zuwendet. Christen haben die genau umgekehrte Erfahrung gemacht: Gott ist in Christus in dramatischer Weise zu uns herabgestiegen, um uns an sich zu ziehen, um uns seine abgründige Liebe zu uns deutlich zu machen. Er handelt zuerst. Er kommt uns zuerst entgegen. Wir sind diejenigen, die nur antworten müssen. Und genau das ist wohl der Unterschied zum Priester und Leviten, die Jesus uns schildert, und wohl auch zu der Gläubigkeit, die er in seinem Umfeld so oft erlebt hat. So oft ging und geht es den Religiösen wohl darum, sich selbst vor Gott recht zu machen, sich selbst zu rechtfertigen. Es ging darum, das religiöse Gesetz so zu erfüllen, dass man sich selbst im Recht fühlte. Und wenn man diese Gesetzesleistung erbracht hat, dann schuldet Gott einem ja wohl gefälligst seine Huld. Jesus erlebt und bekämpft eine solche Religiosität; eine Religiosität der selbstgemachten und selbstgerechten Selbstbestätigung. Und er erhebt immer wieder den Vorwurf: Ihr erfüllt vielleicht das Gesetz, aber euer Herz ist weit weg von Gott!

Das Caritas-Kreuz: Die Flammen der Liebe

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Festgäste, das ist eine Frage, die mich heute im Grunde für alle Bereiche unserer Kirche bewegt und nicht nur für die Caritas: Kennen wir Gott? Kennen wir Christus? Gibt es in uns echte Gottesliebe, Christusliebe? Antworten wir auf seine Erlösungstat mit dem Herzen? Und zwar so, dass man uns das anmerkt; und so, dass es uns zu mehr Liebe befähigt, als zu dem, was wir durchschnittlich für Nächstenliebe halten? Oder zu mehr als zu professioneller Sozialarbeit? Oder auch zur Feier von Gottesdiensten, in denen es uns wirklich um Gottes Ehre geht und nicht auch noch einmal zuerst um uns und unsere Selbstbestätigung? Was bedeutet das wunderbare Logo der Caritas, das Flammenkreuz wirklich? Das Kreuz ist das Symbol für Jesu Hingabe an uns und unsere Welt, für seinen Tod für uns und seinen Sieg über den Tod  – aus reiner Liebe. Und die Flammen, die aus dem Caritas-Kreuz hervorbrechen, sind Symbol für das Feuer der Liebe in unserer Sorge um den Menschen, vor allem um die Menschen in Not.

Christen sind für alle da

Freilich gilt: Ich bin sehr, sehr dankbar für alles das, was die Caritas in unserem Bistum leistet. Wie sie wirklich an so vielen Stellen und Einrichtungen da ist für Menschen jeden Alters, jeden Bekenntnisses, jeglicher Herkunft. Christen fragen nicht, ob der Mensch in Not genau so gläubig ist, wie sie oder ob er überhaupt irgend etwas glaubt. Sie fragen nicht nach sozialem Status, Hautfarbe oder geschlechtlicher Orientierung. Christen glauben und bezeugen mit ihrem Dienst am anderen, dass Gott ein Vater ist, der durch Christus jeden Menschen mit seiner Liebe berühren will; und der jedem Menschen deutlich machen will, dass er Kind Gottes ist, Bruder oder Schwester Jesu in der einen Menschheitsfamilie. Und natürlich weiß ich, dass ein solches ausdrückliches Zeugnis in einer säkularer werdenden Gesellschaft seltener wird, und dass wir alle miteinander mithelfen müssen, dass es nicht verschwindet, so dass unsere Caritas nicht nur unterschiedslos einer von vielen Sozialanbietern wird, selbst dann, wenn die Arbeit noch so professionell ist. Für unsere Einrichtungen wünsche ich mir, dass die Menschen, die zu uns kommen berührt werden und Geschmack bekommen von diesem Leben und der Liebe, die das Flammenkreuz bezeugt.

Ein Franke in Niederbayern

Lieber Herr Endres, ich bin versucht, einen Vergleich zu wagen zwischen dem Samariter von damals, der im Herzen Judäas den Juden gezeigt hat, was Nächstenliebe ist. Und Ihnen, der aus dem fränkischen Bamberg nun ins niederbayerische Kernland gekommen ist, um uns zu zeigen, wie Caritas geht, also ebenfalls Liebe, mithin Nächstenliebe. Aber so einfach ist es natürlich nicht. Denn auch bis uns können dass natürlich schon viele. Aber ich weiß und bin dankbar, dass Ihnen das gläubige Leben und unser kirchlicher Rahmen wichtig sind, das Herz dessen, wovon unser Dienst in der Tiefe motiviert ist. Ich freue mich auch, wenn ich höre, dass unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gerne bei uns und mit Ihnen arbeiten; weil die Sorge für andere auch die Sorge für die eigenen Leute mit einschließt. Und ich möchte die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer Caritas ihrerseits auch bitten, auch unsere Leitungsverantwortlichen gut zu behandeln und sie mitzutragen. So wird deutlich, dass wir wirklich alle zusammen Dienstgemeinschaft sind: Menschen, die Gott und einander dienen und zwar unabhängig davon ob einer im Vorstand ist oder irgendwo die Toiletten reinigt.

Gott schaut auf das Herz

Das ist übrigens eine Lektion, die mir ein sehr verehrter Lehrer zu Beginn meines eigenen Ordensweges erteilt hat. Er sagte: Wenn Sie Ordensmann werden wollen, dann ist der Anfang, die Mitte und das Ziel Ihres Weges der lebendige Gott. Jesus ist der Maßstab. Und er fügte hinzu: Es kann sein, dass Sie irgendwann einmal ein angesehener Professor sind und es kann sein, dass es gleichzeitig in Ihrem Kloster eine fromme Küchenschwester gibt, die seit vielen Jahren vor allem die Küche putzt und Kartoffeln schält und ansonsten ganz verborgen ist. Wenn der Professor Ordensmann sich dabei vor allem selbst verwirklichen will, aber diese verborgene Schwester ihren Dienst vor allem aus Liebe zu Gott und den Menschen tut, dann wird sie in jedem Fall voller Freude das Leben haben – und für Sie Professor Selbstverwirklicher könnte es eng werden bei Gott. Denn Gott schaut auf unser Herz, oder bei der Caritas: Er schaut auf die, die das Flammenkreuz verinnerlicht haben, das wir an unseren Wänden hängen haben.

Der Segen

Ich wünsche Ihnen von Herzen, lieber Herr Endres, dass Sie als Leiter auch ein Diener Ihres Herrn und Ihrer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen bleiben. Ich wünsche Ihnen von Herzen eine gute, frohe und fruchtbare  Zeit in Passau und in unserem ganzen wunderschönen Bistum mit seinen vielen liebenswerten Menschen, alles Kinder Gottes. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Frau, dass Sie hier heimisch werden können, dass Sie unsere Kultur und Lebensart, unsere Landschaft und unsere Städte und Dörfer lieben lernen. Ich wünsche Ihnen Kolleginnen und Kollegen, die gut und ehrlich zu Ihnen sind. Und noch viel mehr wünsche ich Ihnen. Vor allem anderen aber wünsche ich Ihnen den Segen dessen, der für uns arm geworden ist, damit wir ein reiches, ein liebendes Herz gewinnen. Amen.

 

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