Der Geist und die Umkehr – Pfingstpredigt 2017

In Predigten von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

wir feiern die Geburt der Kirche, wir feiern, wie der Geist Gottes machtvoll über die Apostel gekommen ist, die zusammen mit Maria tagelang und Tag und Nacht darum gebetet hatten. Jesus hatte es verheißen: „Der Geist wird euch gegeben und ihr werden meine Zeugen sein, bis ans Ende der Erde“, hatte er vor der Himmelfahrt gesagt. Und jetzt ist es soweit: Der Auferstandene, der Erhöhte gibt den Geist. Es ist zugleich der Geist der Neugeburt: Im Evangelium wird in einem sehr tiefen Text erzählt, wie Jesus die Jünger anhaucht und ihnen den Geist zusagt: „Empfangt den Heiligen Geist“. Der Evangelist erinnert damit an die Schöpfung: Gott hatte am Anfang der Schöpfung den Menschen den Lebensatem eingehaucht und ihn lebendig gemacht. Und der Auferstandene gibt den Jüngern jetzt neues Leben. Und es ist wirklich neues Leben. Sie sind anders, sie sind neu. Sie reden ab jetzt voller Freimut, voller Kraft und Klarheit. Sie nennen Jesus den Herrn und Messias, den Herrn über alle Welt, sie nennen auch Sünde beim Namen und rufen die Menschen zur Umkehr. Und sie sind jetzt selbst bereit, für den Namen und für das Zeugnis Jesu zu sterben. Vorher, unter dem Kreuz, waren sie fast alle noch feige geflohen oder haben bestenfalls aus sicherer Distanz zugesehen.

Ein Gründungsmythos oder mehr?

Liebe Schwerstern und Brüder, sind das nur alte Geschichten, legendenhaft? So wie man eben Gründungsmythen von Völkern, Ländern oder Städten erzählt? Heute, sagen manche, könne man mit dem Pfingstfest am wenigsten anfangen, denn der Heilige Geist ist ja wohl am wenigsten greifbar. Stimmt. Greifen kann man ihn nicht. Er weht, wo er will, sagt die Schrift. Aber wenn Sie wissen wollen, wo und wie er wirklich wirkt in der Geschichte bis heute, dann sollten wir am offensichtlichsten zum Beispiel die Christen in Ländern der Verfolgung fragen. Woher haben dort viele die Kraft, trotz allem zu ihrem Glauben zu stehen bis in den Tod. Woher hatte Pater Maximilian Kolbe die Kraft in Auschwitz in den Hungerbunker zu gehen? Woher haben die Familien der Märtyrer von Ägypten die Kraft, den IS-Mördern ihrer Ehemänner und ihrer Kinder wirklich zu vergeben? Woher, wenn nicht aus der Kraft, die Jesus schenkt, seinen Geist?

Oder hilflose Beschwörung?

Ok, denken wir vielleicht, aber was sagt es für uns, hier in Niederbayern, in Passau: Wir hören die Pfingsterzählung, eine Art machtvolle, kraftvolle Anfangswirkung des Glaubens mit einer unerhörten Wachstumsdynamik. Nach der ersten Predigt des Petrus bekehren sich 3000 Menschen! Und wir hören die Geschichte in einer Zeit, in der unsere Kirche scheinbar das Gegenteil erlebt! Wo ist hier das Wachstum? Ist die Wiedererzählung des Pfingstereignisses nicht eine hilflose Beschwörung in Zeiten, in denen das mit dem Geist Gottes längst vorbei ist?

Wie ist es mit unserem Vertrauen?

Liebe Schwestern und Brüder, ich bin tief überzeugt, dass eine solche Mutmaßung auch mit unserem eigenen Glauben, mit unserer eigenen Offenheit, mit unserer eigenen Tiefe zusammenhängt. Und auch damit, welches gemeinschaftliche gläubige Klima auch unter uns da ist. Sie alle wissen, dass eine Gruppe, wenn sie eine Gemeinschaft ist, auch das Herz der Außenstehenden öffnen, den Wunsch nach Zughörigkeit befördern kann. Christen leben auch als Gemeinschaft aus der Kraft des Geistes, aus der gemeinsamen Erfahrung, dass sie zu Jesus gehören, dass Jesus in ihrem Leben da ist, dass er wirklich der Herr ist – und dass sie diese Liebe zum Herrn auch teilen. Glauben wir auch miteinander, bei uns, dass Jesus Wandlung wirken will und kann, Wandlung unserer Herzen, weil er uns liebt, weil er jeden von uns abgründig liebt? Glauben wir es? Wir dürfen es jedenfalls glauben.

Beten, als ob es Gott wirklich gäbe!

Ich erzähle gerne die Geschichte eines Mitbruders bei uns im Kloster, als ich noch dort lebte. Dieser Pater war zur Aushilfe bei einer Gruppe von Menschen, die sich regelmäßig trafen, um sich auch intensiv über ihren Glauben auszutauschen, über Jesus auszutauschen. Und mein Mitbruder war dort, um die Hl. Messe mit dieser Gruppe zu feiern. Und er kam zurück ins Kloster und hat uns beim gemeinsamen Essen – natürlich mit ein wenig Schmunzeln – berichtet: „Stellt Euch vor: Heute habe ich mit Menschen Gottesdienst gefeiert, die haben gebetet, als ob es Gott wirklich gäbe.“

Der Geist liebt unsere Mitwirkung

Wie wirkt der Geist? Er befördert und stärkt den Glauben, den Glauben, dass Jesus da ist und mit uns geht. Aber der Geist liebt unsere Mitwirkung und weil er Liebe ist, zwingt er nie, er lädt ein, er umwirbt. Und er facht das Feuer an, er schenkt Kraft zum inneren Freimut, zum frohen, überzeugten Bekenntnis. Und weil uns Jesus das zugesagt hat, ist er seit der Taufe in unserer Seele verankert, er ist gegenwärtig tief in uns – und er wartet immer neu auf unsere Offenheit. Aber um es mit einem Bild zu sagen: Vielleicht ist in allzu vielen Kammern und Regionen unserer Seele nicht so sehr die Überzeugung, nicht so sehr die Klarheit, eher der Zweifel. Vielleicht ist dort auch die Sünde, die schlechte Angewohnheit, von der ich nicht lassen will, die Lüge, die Verwundung und vieles mehr. So was ist ja in allen von uns. Vielleicht ist also mancher Nebel da, manche schlechte Luft, manche Dunkelheit. Und der Heilige Geist will reinigen, will säubern, will die Kammern und Fenster unserer Seele aufmachen und Licht hineinfluten lassen. Und dazu braucht es oft Impulse von außen: Die Apostel haben an Pfingsten einen machtvollen Impuls bekommen, der offenbar auch äußerlich sichtbar war. Im Brausen des Sturmes, in einer Art Feuerzungen. Aber wahr ist zugleich, dass dieses Äußerliche etwas ist, was ihnen tief innerlich ist, was das Innerste anspricht und berührt. Vielleicht lässt sich das im Bild sagen: Das Licht, der Strom, das Feuer, das in mir ist, aber vielleicht verdeckt und verdunkelt durch alles das, was ich aufgezählt habe, das bekommt  einen kraftvollen Impuls von außen und auf einmal verbinden sich die beiden: das Äußere und Innere und werden zu einem Einzigen, Ganzen, zu einer Kraftquelle, die neu macht.

Der Geist macht lebendig

Liebe Schwestern, liebe Brüder, ich durfte das in meinem Leben immer wieder mal erleben: Dass der Geist Gottes wirklich über einen Menschen kommt, machtvoll und bestimmt. Manchmal mit einer leisen, stillen Mächtigkeit, unaufdringlich und allmählich von innen und auf einmal bricht sich das Licht Bahn und der Mensch wird neu und kommt neu zum Leben, zum neuen Blick auf die Welt und neu zum Leuchten. Oder manchmal auch wie eine plötzliche, intensive Erschütterung. Jemand hört eine Predigt, oder feiert Gottesdienst, oder hört ein bestimmtes Lied, oder hört einen anderen zu ihm sprechen, hat ein bestimmtes Erlebnis: Und auf einmal, auf einmal ist es klar: Gott ist da, er existiert. Jesus ist der Herr und er will es in meinem Leben sein. Und die Menschen haben plötzlich Glauben und fangen an, darin zu gehen und zu wachsen.

Authentisch mit Christus leben ist mit Sünde nicht vereinbar

Und solche Menschen spüren dann auch, liebe Schwestern und Brüder, und das ist der schwierige Punkt: ein wirklich authentisches Leben mit Christus im Vertrauen auf ihn, das ist im Grunde mit Sünde nicht vereinbar. Nicht mit Lüge, nicht mit Neid, mit Spaltung, mit Unsittlichkeit, mit Egozentrik, mit Bosheit und schlechter Rede über Andere und vielem mehr. Und manches oder vieles davon ist im Grunde in allen von uns. Aber haben wir Bewusstsein davon, dass das den Geist behindert, dass es unsere Klarheit behindert. Und haben wir Bewusstsein davon, dass der Geist wirklich will, dass wir reiner werden und klarer, und liebesfähiger und glaubensstärker. Haben wir Bewusstsein davon, dass er unsere Sünden wegräumen will, und dass er es kann – und nicht wir selbst?

Umkehr ist möglich

Liebe Schwestern, liebe Brüder, ich habe schwer Drogensüchtige erlebt, labile Menschen, die nach ihrer Bekehrung gelernt haben auf einem steinigen Weg ein treues, verantwortungsvolles und stabiles Familienleben führen dürfen. Und sie sagen: „Wir haben das nicht aus uns selbst. Wir wirken nur mit, mit Jesus und seinem Geist.“  Wer sich vom Geist berühren lässt, der fängt an umzukehren, wie die Schrift sagt: Manchmal spontan und radikal, manchmal allmählich, Schritt für Schritt. Aber es wächst das Gespür für die Kraft und die Gegenwart Gottes und es wächst das Bewusstsein für die Gemeinschaft derer, die wirklich zu Jesus gehören, für die Kirche, der er seinen Geist geschenkt und zugesagt hat.

Die Kooperation einüben

Der Geist will unsere Mitwirkung, unsere Kooperation. Dazu befähigt er uns. Und wenn der eine oder die andere jetzt vielleicht auch im Herzen hat, dass er sich mal wieder aufmachen und mit ihm mitgehen will, dann beginnen Sie einfach zu neu zu beten, ganz persönlich, in Stille, aber regelmäßig und treu. Oder beginnen Sie das Evangelium zu lesen und bitten Sie den Herrn, Sie verstehen zu lassen, was Er Ihnen sagen will. Oder suchen Sie eine Gruppe von Menschen, mit denen Sie beten und über Ihren Glauben sprechen können. Oder nehmen Sie wieder das Sakrament der Versöhnung war, diesen unglaublichen Schatz, den uns der Herr gegeben hat: die Möglichkeit der Sündenvergebung, der Reinigung, der Umkehr, immer neu.

Er will wiederkommen und die Braut heimführen

Ich bin sehr zuversichtlich, und darf das auch erleben, dass sich auch heute immer wieder Menschen aufmachen und ernsthaft Jesus suchen und ernsthaft auch erfahren dürfen, dass er wirklich die Herzen erneuert, dass er sie mit Freude erfüllt, mit Liebe und neuer Kraft. Er lässt seine Kirche nicht allein. Und Jesus will einmal in Herrlichkeit wiederkommen und seine Braut, die Kirche, in sein Reich führen. Bitten wir ihn, dass wir dann bereit sind für den Hochzeitssaal, dass unsere Seele eine Antwortende geworden ist, von seinem Geist geformt. Damit wir das Hochzeitsmahl des Lammes, das wir jetzt noch im Zeichen von Brot und Wein feiern, dann in der vollen Freude und Seligkeit mit ihm feiern dürfen. Weil wir uns haben von seinem Geist führen und bereiten lassen. Ein frohes Pfingstfest Ihnen allen.  Amen.

 

Kommentieren