Der Sklavendienst der Fußwaschung und die eigentliche Freiheit

In Predigten von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Feier des letzten Abendmahles – Gründonnerstag 2020 (live übertragen aus der Andreaskapelle)

Liebe Schwestern und Brüder,

die erste Lesung ist uns bekannt, der Auszug des Volkes Israel aus Ägypten unter ganz besonderen Umständen. Jeder jüdische Haushalt, so ließ Gott über Mose und Aaron mitteilen, möge ein besonders Lamm schlachten und mit dessen Blut die Türpfosten bestreichen. Man möge das Lamm auf bestimmte Weise essen, vor allem hastig, und man möge bereit sein, bereit zu gehen, bereit, sich von Gott befreien zu lassen aus dem Land der Sklaverei. In der Zwischenzeit geht in Ägypten der Todesengel um und tötet alle Erstgeborenen – außer in den Häusern, an deren Türpfosten er das Blut des Lammes findet. Das ist die letzte, dir furchtbarste Plage, die Gott nach Ägypten schickt. Und jetzt lässt der Pharao Israel ziehen. Und Juden feiern von jetzt an bis heute ihr Pascha-Fest, den Vorübergang des Herrn; es ist wie Ostern bei uns auch ein bewegliches Fest. Daher fallen sie nicht immer zusammen, aber in diesem Jahr beginnt auch heute in Israel dieses Pesach oder auch Pascha-Fest; der Vorübergang des Herrn.

Der neue Bund in Person

Und dieser Zusammenfall ist sehr schön, denn das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern, das wir heute feiern, ist rituell so überaus deutlich mit dem Pascha-Fest verbunden. Jesus greift an diesem Abend Rituale des Paschamahles auf, wie das Dankgebet, wie die Deuteworte über Brot und Wein und den so genannten Segensbecher. Er erinnert in seinen Worten zugleich an den Bundesschluss Gottes mit seinem Volk am Sinai und an den von den Propheten verheißenen neuen Bund. Und er lässt alle Symbolik dieses Abends gewissermaßen gipfeln in sich selbst, in seiner Person. Er ist der neue Bund in Person. In ihm wird dieser Bund geschlossen. Er ist selbst das geschlachtete Pascha-Lamm und er schenkt damit eine neue Freiheit, Auszug aus einer bestimmten Form von Sklaverei, für alle, die daran teilnehmen. Wiederum, liebe Schwestern und Brüder, läuft auch für uns alles auf die Frage hinaus: Wer ist dieser? Und wer ist er für mich? Und welche Form der Freiheit kann und will er mir schenken und uns gemeinsam als Volk Gottes?

Die tote Erstgeburt und das Opfer

Dazu noch einmal einen Blick auf Ägypten: Wie können wir heute, von Jesus her, diese erzählte Grausamkeit verstehen, die Gott über Ägypten kommen lässt? Nun zuerst gilt immer: Gott will das Gute, Gott will das Heil für die Menschen. Aber wo sich der Mensch diesem Heil widersetzt, wo er es aus sich selbst gewinnen will, wo er sich deshalb selbst vergötzt, dort macht er sich im tiefsten denkbaren Sinn unfruchtbar, dort wird sein Leben unfruchtbar aus der Sicht Gottes – denn er hat sich ja von ihm losgesagt. Dort kommt aus allem menschlichen Gemache am Ende doch nur Leere heraus – und oftmals Tod und Verwüstung. Der Mensch ohne Gott, sagt die Schrift, schneidet sich seine tiefste Lebenswurzel ab, alles, was er selbst hervorbringen und gebären will, ist todgeweiht – es stirbt gewissermaßen die Erstgeburt. Aber dort, wo der Mensch das Kostbare seines Lebens selbst Gott schenkt, im Bild Israels: wo er ihm das einjährige, fehlerfreie Lamm weiht, dort schenkt ihm Gott seine Lebensmöglichkeit zurück, dort wird er von Gott gesegnet. Deshalb ist später in Israel der Opferkult so zentral. Die Menschen, das Volk, schenken Gott etwas von dem, was ihnen wirklich kostbar ist – um zu sagen: Wir glauben, dass wir Dir gehören und dass wir das Kostbarste von Dir bekommen: Versöhnung mit Dir und untereinander, Vergebung, Freiheit, Segen. Das ist die Erfahrung Israels.

Die alte Selbstherrlichkeit bleibt

Und nun ist da bis zu Jesus das fundamentale Problem, das es – um in diesem Bild weiterzusprechen – den alten Ägypter, jetzt besser den alten Adam in mir und in jedem Angehörigen des Volkes Gottes immer noch gibt. Immer noch gibt es den in mir, der trotzdem nicht loslassen will von seiner Selbstherrlichkeit. Und das führt oft dazu, dass ich nur alibimäßig zu Gott gehören will. Und dass auch mein religiöses Tun, mein Opfer, so oft doch nicht wirklich aus dem Herzen kommt. Sondern am Ende doch nur Berechnung ist: Ich gebe Gott ein bisschen, spende was, geh sonntags mal in die Kirche, dann wird er mir schon nichts tun und mich in Ruhe lassen – und ich kann bleiben wie ich bin. Klammer auf: nämlich heimlich doch noch in meiner Selbstherrlichkeit, Klammer zu. Spüren Sie, dass es auch religiöse Inszenierung gibt? Wie Jesus in der Bergpredigt sagt: Unter dem Schein von Almosengeben, unter dem Schein von Gebet, unter dem Schein von Fasten meine ich am Ende doch wieder nur mich selbst: Hoffentlich sehen die anderen meine Frömmigkeit, hoffentlich stehe ich mit meinen guten Taten in der Zeitung, hoffentlich verliere ich durch mein Fasten viel Gewicht, damit ich besser aussehe. Spüren Sie: der Ägypter in mir oder besser: der alte, stolze, gottferne Adam in mir, will eigentlich mit Gott gar nicht wirklich zu tun haben. Und er bleibt so anfällig für die Sucht nach Ruhm und Anerkennung, Reichtum und Sicherheit und Vergnügen. Und andererseits ahnen wir ja trotzdem alle: Dieser alte Adam muss eigentlich ins Leere laufen, in die Unfruchtbarkeit. Aber bis wir es dann auch existenziell kapieren und leben, kann es echt dauern, braucht es oft Leiderfahrung, oder es kann auch leicht zu spät sein.

Liebe bis zur Vollendung

Also, welche Freiheit schenkt Christus? Der Johannes-Evangelist schenkt uns an diesem Abend die Erzählung von der Fußwaschung. Und er deutet die Szene mit dem Hinweis: Er liebte die Seinen bis zur Vollendung. Moment mal Jesus, die Seinen steht da! Gehört zu den Deinen auch Judas? Ja, natürlich, er hat ihn aus Liebe erwählt. Aber die Liebe zwingt nie, die Liebe kann nur werben und kann deshalb auch nur in Freiheit beantwortet werden – und Judas wählt in seiner Freiheit den Weg weg von der Lebensquelle, den Weg in die Selbstvernichtung, in die letzte Form der Unfreiheit. Aber an diesem Abend wäscht Jesus auch noch dem Judas die Füße. Er liebt die Seinen bis zur Vollendung! Und an Ihm scheiden sich genau deshalb die Geister.

Nur Sklaven waschen Füße und werden gekreuzigt

Was hat nun die Fußwaschung mit der späteren Kreuzigung gemeinsam? Beides kam eigentlich nur Sklaven zu! Menschen mit römischem Bürgerrecht wurden nicht gekreuzigt. Zu grausam, zu brutal, völlig unansehnlich. Gekreuzigt wurden nur Untermenschen, wie Sklaven oder Terroristen. Und Füße gewaschen haben auch nur Sklaven. Moment: Jesus macht sich zum Sklaven? Aber wir reden doch über Freiheit? Welche Freiheit meint Jesus? Nun stellen wir uns den alten Adam in dir und mir vor? Wie tief kann sich der bücken, aus Liebe und sich zum Diener machen?  Ehrlich gesagt: gar nicht. Will er auch nicht. Obwohl er vielleicht tief in sich, in seiner eigenen Leere realisiert: Liebe wäre es eigentlich schon. Liebe macht Sinn! Aber wenn, dann will ich darin dirigieren, will ich darin der Chef bleiben. Ich will selbst Liebe dosieren. Und als Petrus an der Reihe ist mit der Fußwaschung, ruft womöglich der alte Adam auch in ihm noch: Du willst mir die Füße waschen? Willst Dich vor mir zum Sklaven machen? Niemals! Und er sagt es womöglich aus Scheinfrömmigkeit, weil er ahnt: Wenn er das an mir tut, müsste ich es auch lernen, aber ich kann es nicht! Aber genau das meint der Meister: Sich bücken, sich verschenken, sich zum Diener machen. Und manchmal auch in den Augen der Welt: sich zum Deppen machen. Das meint er. Und genau das sind seine wirklichen Freunde, und Bundespartner, die Liebenden. Und die sind dann auch erst wirklich die Freien, die Befreiten.

Der Vater sieht in uns das, was der Sohn uns schenkt

Und vielleicht spüren wir jetzt, liebe Schwestern und Brüder, wie sehr wir den Herrn brauchen, wie sehr wir seine Nahrung brauchen! Stellen Sie sich den Vater vor, unseren Schöpfer, der uns gemacht hat, und der in unserem Herzen danach sucht, wo es die selbstlosen Liebesregungen gibt, zu Ihm hin und zu den Menschen? Er schaut in mir und sucht und findet so oft: erbärmlichen Egoismus. Egoismus, der sich manchmal auch ein bisschen als Liebe tarnt. Aber wenn wir das Opfermahl, das Mahl der neuen Freundschaft, des neuen Bundes mit Gott in uns aufnehmen, uns einverleiben und die große Danksagung feiern, wenn wir feiern, dass wir zurückgeholt werden, wenn wir gläubig anerkennen, dass wir zur Liebe berufen sind, die aus Gott geschenkt wird, dann sieht Gott in unseren Herzen mehr als nur unsere eigene Erbärmlichkeit. Dann sieht er wieder etwas von seinem Sohn. Dann sieht er wie sein Geist in uns arbeitet und uns helfen will, unsere Berufung als neue Menschen zu leben, als Kinder Gottes, die seinem Sohn wenigstens ein wenig ähnlich sind.

 Die große Danksagung

Und unsere Berufung, liebe Schwestern und Brüder, von jedem und jeder von uns, ist Liebe. Ist Liebe zu Gott und den Menschen – die bleibt. Und es ist die Liebe, die uns im Opfermahl Jesu geschenkt wird. Alles andere sagt uns Paulus im Korintherbrief, alles andere vergeht, aber die Liebe, die aus Gott kommt, die Liebe, die der Sohn Gottes in Person ist, die bleibt. Und wir bleiben deshalb auch, wenn Er in uns bleibt. Und deshalb hat er uns den heutigen Abend geschenkt, auf dass wir ihn immer und immer wieder feiern, ihn immer wieder neu vergegenwärtigen und in uns aufnehmen. Und deshalb ist er am morgigen Tag freiwillig in die grausamste Hinrichtungsart gegangen, die die Antike kannte: ans Kreuz. Und wenn wir ehrlich hinschauen, dann hängt da jeder alte Adam, jeder alte Ägypter in mir auch mit dran. Weil er ihn überwinden will, lässt er sich ihn geschehen bis in letzte Tiefen. Damit sein Vater auch in uns wieder etwas von seinen Kindern erkennt, die er geschaffen hat. Damit wir aus seiner Freiheit Liebende werden und so Ihm die Ehre geben und einander dienen. Das heißt Eucharistia, die große Danksagung. Amen.

Bild: Stift Heiligenkreuz ( Niederösterreich ). Kreuzgang – Figurengruppe „Christus wäscht dem heiligen Petrus die Füße ( 18.Jhdt. ), von Giovanni Giuliani.

 

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