Die Lieder sind schon da! Von der Revolution der schöpferischen Liebe

In Maria-Hilf-Woche 2018, Predigten von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

50 Jahre Referat für Kirchenmusik im Bistum Passau – Predigt in der Maria-Hilf-Woche

Liebe Schwestern und Brüder,

der österreichische Liedermacher Reinhard Fendrich hat ein Lied geschrieben, in dem er sehr viel Schönes in seinem Leben beschreibt, seinen Erfolg auf der Bühne, seine Partnerschaft mit einer lieben Frau, sein gutes Leben mit Haus und Garten und anderes Schönes mehr. Aber dann zwischen den Strophen kommt jedes Mal der Refrain, in dem er davon singt, dass noch viel schöner als alles das das Gefühl ist, wenn er in sich ein Lied spürt: „vüi schener ist des gfüi wann i a liad gspia in mia“. Das singt er immerfort, wenn er alles aufgezählt hat, was schön ist. Hier singt eine Künstlerseele über das, was ihn am meisten beglückt. Für mich ist diese Erfahrung eher im übertragenen Sinn nachvollziehbar, weil ich leider nicht so eine Musikerseele habe, wie Reinhard Fendrich und wie so viele Musikerinnen und Musiker von Ihnen hier und heute im Dom. Aber was ich nachvollziehen kann, ist dass es in der Menschenseele, und ich glaube wirklich in jeder, etwas sehr Tiefes und Schönes gibt, was den Charakter des „von selbst“ hat. Fendrich singt von der Erfahrung, dass ihm ein Lied gewissermaßen geschenkt wird, dass es ihm aufgeht. Er macht zunächst nichts dazu, er ist einfach gerne und mit Leidenschaft Musiker – und immer wieder merkt er, wächst ihm ein Lied zu, eine Melodie, vielleicht schon verbunden mit einer schönen Liedzeile. Und freilich gibt er diesem Lied dann Form und Gestalt, in Text und Noten. Aber es ist dann eher wie ein Bearbeiten von der Fülle, die schon da ist, die in ihm aufgeht. Ich kann das gut nachvollziehen für Einsicht oder Erkenntnis, mir geht etwas auf, ich verstehe etwas – und das bekommt natürlich seine Gestalt in den Gedanken und Worten, in die man es gießt. Aber es ist schon da! Und es ist schön, ja es kann tief beglückend sein, sich davon beschenken und bewegen zu lassen. Ähnlich mag es einer Schriftstellerin gehen oder einem Maler. Da ist eine Geschichte in mir oder ein Bild, das gewissermaßen ans Licht drängt, das hervorgebracht werden will, das geboren werden will. Aber in mir ist es im Grunde schon da.

Das Reich Gottes ist schon da

Liebe Schwestern und Brüder, mich interessiert dieses Phänomen, weil es im Evangelium von heute auch sehr existenziell darum geht, dass das Reich Gottes, von dem Jesus immer wieder erzählt, geheimnisvoll schon da ist, schon angebrochen ist. Und ich bin auch überzeugt davon, dass das, wovon Jesus da spricht im Grunde die Quelle von allem ist, was in uns als wahr, gut und schön erwächst, was sich zeigt. Und was ans Licht will. Wir haben in uns den Ort der schöpferischen Gegenwart, der Liebe, der Hingabe, der Musik.

Die Revolution der Liebe

Aber im Grunde leben wir sehr oft an unserer Oberfläche, wir leben oft im Modus: „Du musst und Du sollst und Du darfst nicht und Du musst Leistung bringen, sonst giltst du nichts und genügen wirst Du eh nie. Und Du musst erst einmal dies und jenes alles leisten, dann kannst Du vielleicht mal Ruhe geben und in Dich hören, ob da ein Lied da ist.“ Aber Jesus sagt: Es ist im Grunde umgekehrt: Das Lied, das Schöne, die Wahrheit, die Liebe, die sind schon da. Nur wir sind so oft weit weg davon. „Sorgt Euch nicht um euer Leben und dass ihr etwas zu essen habt oder um euren Leib und die Kleidung. Der Vater weiß, was ihr alles braucht, aber wenn es euch zuerst um ihn und sein Reich geht, dann wird euch alles hinzugegeben werden.“ Liebe Schwestern, liebe Brüder, wenn wir darin leben könnten, dann wäre das eine Revolution, eine Revolution der Liebe, der Wahrhaftigkeit, der Schönheit, eine Revolution des Lebens in der Gegenwart, das nicht dauernd sorgen muss: „Was muss ich morgen alles leisten und warum bin ich mit dem gestrigen noch nicht fertig?“

Leben im Modus der Waisenkinder

Was ist es, liebe Schwestern und Brüder, das uns hindert, in der Gegenwart zu leben – und wie es in der Lesung heißt, in unserem Herzen Psalmen, Hymnen und Lieder erklingen zu lassen, wie der Geist sie eingibt? Warum ist unser Leben so oft nicht einfach ein Lied oder ein Tanz, oder liebevoll oder wahrhaftig oder einfach nur gelassen gegenwärtig im Hier und Heute? Was hindert uns? Die Antwort Jesu ist: Uns fehlt das Vertrauen, dass der Vater wirklich für uns sorgt. Uns fehlt das Vertrauen, dass der Vater wirklich da ist. Im Grund sind wir auf Gott bezogen so oft Waisenkinder. Und ein Waisenkind kann nicht einfach singen, es muss schauen, wo es bleibt. Es muss sich absichern gegen Bedrohung und muss sich durchsetzen, damit es nicht zu kurz kommt. Ein Waisenkind kann nicht gut gönnen, weil es zuerst auf sich selbst schauen muss. Es ist ja im Grunde letztverantwortlich für das eigene Leben, es hat niemanden, der es trägt. Aber, sagt Jesus: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt Ihr nicht in das Himmelreich kommen“- Und er könnte auch sagen: Wenn ihr nicht werdet wie ich, wie Jesus. Wie war er? Er ist trotz aller Herausforderung und Bedrohung jeden Tag, jede Sekunde im vollen Bewusstsein durch die Welt gezogen, dass der Vater bei Ihm ist, dass der Vater ihn hält und trägt. Er hat gelebt wie ein Kind, das sich verschenken kann, weil es sich nicht festhalten muss. Er hat gelebt wie ein Kind, das laufen und springen und singen und spielen kann, weil es sich keine großen Sorgen machen muss, weil es getragen ist. Und weil es keine Rolle spielt, was wohl die anderen denken, was die anderen erwarten, welche Rolle ich in der Gesellschaft spielen will.

Die Fähigkeit zum Schönen – und zum Tragen des Kreuzes

In Jesus beginnt die Revolution der schöpferischen Liebe, die Revolution, dass ich mir meine Lieder nicht erst erarbeiten muss, damit sie dann kommen. Sondern umgekehrt: Wir sind schon Beschenkte, wir dürfen sein, einfach da sein und dürfen das Schöne, Wahre und Gute in uns vom Vater her empfangen und verdanken. Und wir dürfen auch die Vergebung für unsere verkrampfte Egozentrik empfangen und annehmen, und uns daraus die Liebe und die schöpferische Kraft zuwachsen lassen. Und uns wächst dann auch die Fähigkeit zu ertragen zu, die Fähigkeit, das Kreuz zu tragen – weil so vieles in der Welt sich gegen die Ankunft des Reiches Gottes sperrt, dessen Zeuginnen und Zeugen wir sein wollen. Aber vor allem wächst die Freude, die von Jesus kommt.

Mit Maria, der Lobpreiserin

Liebe Schwestern, liebe Brüder, wenn wir heute hier in unserem Bistum die Kirchenmusik feiern, dann feiern wir dankbar, was uns darin alles Schöne und Wunderbare geschenkt worden ist, ganz besonders hier in unserem Dom aber darüber hinaus natürlich auch in unserem ganzen Bistum. Und wir feiern mit der Musik und ihren vielen Musikerinnen und Musikern auch den, auf den unsere Kirchenmusik hinzielt. Wir feiern mit Maria, die schon als Schwangere ein Loblied in sich empfängt und ihrem Schöpfer das Magnificat singt. Wir feiern, dass uns die Musik so eine wunderbare Hilfe sein kann auf dem Weg zu Gott und seinem Reich. Musik kann hörbar und erfahrbar machen, was Worte allein nicht können. Sie eröffnet Horizonte in uns und um uns. Sie eint im gemeinsamen Hören und Mitsingen, sie vereint uns im Stehen und Beten vor Gott.

Einschwingen in den inneren Gehalt der Musik

Freilich: Wenn wir dankbar in unserem Dom großartige Chöre, Orchester und Solisten hören, dann ist es nicht immer genau so, wie bei Reinhard Fendrich, dem aus seiner schöpferischen Quelle ein Lied zuwächst. Es ist eher so, dass es schon Lieder gibt, die wir gewissermaßen nachsingen oder Lieder, die Chöre und Orchester einüben und für uns oder mit uns singen und spielen. Aber jeder von Ihnen weiß, dass es einen Unterschied gibt, ob ich einfach nur da stehe und ein Lied singe, oder ob ich singend und betend in das Lied hineinfinde, gewissermaßen in seinen Geist, in die Quelle, aus der es entstanden ist. Wo immer das gelingt, da berühren wir das Geheimnis dieser schöpferischen Quelle. Und wir treten ein in den Gesang der Kirche durch die Jahrtausende, die im Himmel wie auf Erden vor ihrem Gott steht und ihm staunend und überfließend vor Freude ihren Lobpreis singt.

Wo man singt, da lass dich nieder….

„Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder“ – sagt ein altes Sprichwort, das dem Dichter Johann Gottfried Seume zugeschrieben wird. Ich weiß nicht, ob das immer und überall gilt, denn es gibt ja auch Kriegslieder und Schlachtgesänge, es gibt martialischen Lärm, der sich als Musik ausgibt und anderes mehr. Aber in diesem Sinn, wie ich von Reinhard Fendrich gesprochen habe: Eine innere Quelle berühren, aus der man dann ein Lied hat, weil man es bekommen hat; eine innere Haltung einnehmen können, aus der einem die Lieder geschenkt werden, in diesem Sinn hat Seume recht. In diesem Sinn haben böse Menschen keine Lieder.

Gott singt uns alle hinein in diese Welt

Und so danke ich von Herzen, dass wir hier in unserem Bistum Lieder haben, Kirchenmusik haben, mal mächtig und groß, mal leise und tief, mal ganz alt, mal ganz modern, so vielfältig und so reich und immer wieder so, dass sie uns hilft hineinzufinden in das Geheimnis, aus dem die Kirche ihrem großen Gott dankbar ihre Lieder singt. Und übrigens bin ich tief überzeugt davon, dass jeder einzelne von uns ein Gedanke Gottes ist – und ich glaube, dass Gott uns geschaffen hat, indem er dieses Gedanken in die Welt hinein gesprochen hat. Aber nach allem, was ich versucht habe zu sagen, ist es wohl noch viel wahrscheinlicher, dass er uns nicht nur in die Welt gesprochen, sondern, dass er uns hinein gesungen hat. Und ich wünsche Ihnen allen sehr, dass sie jeden Tag neu dankbar in sich diese wundervolle Melodie ihres eigenen Lebens spüren dürfen. Und möge ihnen dieser schöne Tag dabei helfen. Amen.

Bild: 50 Jahre Kirchenmusikreferat im Bistum Passau: Aus diesem Anlass wurden Kirchenchormitglieder für 70-,60- und 50jährige Mitgliedschaft geehrt – und der Kirchenchor von Pleinting für über 100jähriges fortwährendes Bestehen. Rechts: Seelsorgeamtsleiter Domdekan Dr. Bauernfeind, 3. von re.: Diözesanmusikdirektor Dr. Marius Schwemmer.

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