Ein Krimi – in dem es um Dich selbst geht!

In Predigten von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Predigt bei der Feier von Leiden und Sterben Christi, Karfreitag 2020 in der Andreaskapelle am Passauer Dom

Liebe Schwestern und Brüder,

stellen Sie sich folgende Szene vor: Sie lesen gerne Krimis. Und ein mit Ihnen befreundeter Polizeibeamter schreibt gerne Kriminalgeschichten. Er verarbeitet so seine eigenen beruflichen Erfahrungen. Und für die Corona-geplagten Zeiten wie diese schickt er Ihnen eine neue Geschichte. Sie beginnen zu lesen.  Krimileser lieben die Spannung, den Nervenkitzel, eine Art angenehmes Grauen, denn man ist ja selbst nicht beteiligt, sondern versetzt sich nur in Gedanken da hinein. Man identifiziert sich vielleicht mit einer der handelnden Personen, aber man weiß auch, man könnte jederzeit diese Szene innerlich wieder verlassen. Sie lesen also diese Geschichte. Es geht darin um eine Mordserie, die noch nicht aufgeklärt wurde. Zufällig sind die Toten Menschen in Ihrem Alter und mit Ihrem Beruf, der Sie das gerade lesen – und die Geschichte spielt auch noch in Ihrer Gegend. Der Kommissar, der den Fall untersucht, erkennt das Muster der Morde, er grenzt die Personengruppe ein, die für den nächsten Mord in Frage käme. Und je länger Sie das lesen, desto mehr merken Sie: Es läuft tatsächlich auf Sie selbst hinaus. Ja, Sie könnten der nächste sein, das nächste Mordopfer.

Es geht um mich!

Und auf einmal kommt es in Ihrer eigenen Wahrnehmung der Geschichte zu einer entscheidenden Wende: Sie merken plötzlich, die Geschichte ist gar keine Fiktion. Es ist ein realer Polizeibericht und kein erfundener Krimi. Es geht tatsächlich um Sie, Sie könnten das nächste Mordopfer sein. Auf einmal ist das Grauen real, die Angst kommt dazu, Sie sind persönlich so betroffen, dass Sie spüren, der gedankliche Spielraum mit der Erzählung von der Mordserie umzugehen, hat sich auf einmal dramatisch verändert. Die Situation geht Ihnen durch Mark und Bein. Sie ist auf einmal radikal real und verändert auf einen Schlag alles in Ihrem Denken, Handeln, Leben. Sie sind gemeint, sie sind Teil dieser Geschichte, dieses Dramas.

Es geht um Leben und Tod!

Liebe Schwestern und Brüder, ich erzähle das deshalb, weil ich mich immer wieder frage, und auch zu vermitteln versuche, was denn Glauben bedeutet als ein existenzielles Phänomen. Als etwas, was Dich und mich persönlich angeht und in der Tiefe unseres Personseins berührt und ausmacht. Und ich glaube, es ist in jedem Fall etwas, wo ich aufhöre, nur noch gedanklich herumzuspielen. Sondern ich gehe innerlich von einer bloßen Zuschauerrolle in die Rolle des Betroffenen, in die Rolle des Teilnehmers an der Geschichte. Im Glauben geht es nicht um irgendeine Geschichte von damals, der ich interessiert zuhöre, sondern es geht wirklich um meine Geschichte. Und mehr noch: Die Bibel sagt es, der heutige Karfreitag sagt es, Jesus sagt es und tut es: Es geht nicht nur um meine Geschichte in einem oberflächlichen Sinn, es geht um Heil oder Verlust des Heils, es geht um Leben und Tod. Und das Seltsame ist – auch das sagt unser Glaube – wenn wir nur in der Zuschauerperspektive bleiben, also in der vermeintlichen Sicherheit – wie bei einem, der nur einen spannenden Krimi liest – dann bleiben wir eher im Tod als im neuen Leben. „Weck die tote Christenheit aus dem Schlaf der Sicherheit“, singen wir in einem bekannten Kirchenlied.

Es geht um IHN!

Glauben bedeutet also: Es geht um mich – und auch das ist für uns Christen wichtig: Es geht um uns! Es geht um die Gemeinschaft der Glaubenden, um die Kirche, und darum, dass möglichst viele da auch noch mit hineinfinden und Teilnehmer werden können. Und darum, dass Menschen, die sich draußen wähnen, durch unseren Dienst berührt werden von dieser Geschichte vom Heil. Darum, dass Jesus vor allem zu den Marginalisierten und Vergessenen gegangen ist; zu den Kranken, den Leidenden – und dass er auch heute zu ihnen geht. Zu denen vom Virus Betroffenen, zu den Betroffenen von Flucht und Vertreibung und Verfolgung, zu denen ohne Obdach und zu den Einsamen und vielen anderen mehr. Und deshalb ist der Glaube auch paradox: Denn ja, es geht wirklich um mich. Und je mehr ich das verstehe, desto mehr kapiere ich, dass es nie zuerst nur um mich geht, sondern zuerst um Ihn. Christlich glauben heißt, lernen sein ganzes Vertrauen, seine ganze Hoffnung auf den setzen können, der für mich persönlich und für uns alle ans Kreuz gegangen und auferstanden ist. Damit wir teilnehmen können an Seinem Leben. Und es heißt eben nicht: Die Passion hören wie eine interessante Kriminalgeschichte aus der Antike.

Es geht um Vertrauen

Ich nehme hier die Geschichte vom Anfang nochmal auf: Der befreundete Polizeibeamte hat Ihnen also die Geschichte von der Mordserie erzählt und Sie dann zugleich mit der Tatsache konfrontiert, dass Sie womöglich das nächste Opfer sind. Und Sie fühlen sich nun in Ihrer Angst völlig überfordert von dieser Bedrohung. Und nun stellen Sie sich vor, der befreundete Polizeibeamte kommt zu Ihnen nach Hause, beruhigt Sie und sagt vor allem: Ich bleib bei Dir, koste es, was es wolle. Er sagt: Ich kenn inzwischen den Täter, hab ihn studiert, ich weiß, wie er vorgeht, kenne seine Grausamkeit, seine Brutalität, seine Gerissenheit, seine Macht, sein Sich-einschleichen, seine Täuschungsmanöver: Ich kenne all das und ich stell mich dem entgegen. Und Du kannst Dich verlassen, dass ich wach bleibe. Vertrau mir. Es wird gut gehen. Leg Dich hin, ruh Dich aus. Und Sie spüren nun ungeheure Erleichterung. Und sie spüren auch, dass Sie eigentlich gar keine andere Wahl haben, als Ihrem Freund zu vertrauen, sich auf ihn zu verlassen. Er steht bereit, er kämpft für Sie – er ist sogar bereit, für Sie sein Leben zu riskieren.

ER führt ins größere Leben

Sie merken, Schwestern und Brüder, wie wir hier in der Nähe des Glaubens und in die Nähe von Jesus kommen. Mit dem entscheidenden Unterschied: Ihn kostet die Überwindung der tödlichen Bedrohung tatsächlich sein eigenes Leben. Aber gerade so überwindet er auch unsere letzte Angst vor allem, was in dieser Welt den Tod bringen kann – weil er uns eine Perspektive eröffnet, die so viel größer ist als der leibliche Tod. Und er schenkt uns die Zusage an alle, die glauben, die vertrauen: Ich bin bei euch und bleibe bei euch – bis ans Ende der Welt. Liebe Schwestern und Brüder, was auch immer mich in diesem Leben bedroht, was mir Angst macht, was mir Leid und Krankheit verursachen kann, auch das Corona-Virus, was mich in Schuld und Sünde verstrickt: der Tod des Herrn am Karfreitag bedeutet nicht sein Verschwinden. Es ist vielmehr das Siegel auf seine Zusage: Ganz egal, was passieren wird, ich bin bei Dir, ich bleib bei Dir und führe Dich ins neue Leben. Ins viel größere Leben, als Du es Dir jetzt vorstellen kannst. Wenn, ja wenn wir uns hineinnehmen lassen in diese Geschichte und lernen Ihm zu vertrauen und Ihm unser Leben anzuvertrauen.

Und deshalb, Liebe Schwestern und Brüder, ist dieser Tag, an dem wir über seinen Tod trauern, zugleich ein feierlicher Tag, eine Feier seines Leides und Todes. Weil in seinem Kreuz das Heil für uns alle aufgeht. Amen.

 

 

 

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