Lichtdurchflutetes Seelenhaus – Oder: Was der Glaube an den Auferstanden bewirken kann

In Predigten, Verschiedenes von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Predigt in der Osternacht 2020 – live übertragen aus der Andreaskapelle am Passauer Dom

Liebe Schwestern und Brüder,

lassen Sie sich von mir mitnehmen auf eine kleine Seelenreise, um zu erkunden, was der Auferstandene in uns bewirken kann oder will. Jeder von uns hat als Person einen einzigartigen Blick auf die Welt. So wie Sie die Welt sehen und die anderen Menschen, so sieht sie niemand anderer auf der Welt. Das hat zwei Ursachen: Die erste ist, dass wir Geschöpfe Gottes sind, einzigartige Wesen, weil Gott ein unglaublicher Künstler ist. Und ein Künstler wie Gott erschafft nur Originale, nie einfach nur Kopien. Nicht einmal auf der Ebene der Grashalme oder der Sandkörner gibt es zwei absolut identische Exemplare.  Geschweige denn auf der Ebene des Lebendigen! Wir sind, vor allem als Menschen, einzigartig. Die zweite Ursache, dass jeder von uns die Welt anders sieht, ist die Konsequenz unsrer Geschichte und unserer Gebrochenheit: Wir haben jeder unzählige Erfahrungen auf unserem Lebensweg gemacht oder machen müssen, die haben in uns oft tiefe Erinnerungen hinterlassen, schöne und weniger schöne, manche haben uns innere Wunden geschlagen, manche haben uns Visionen träumen lassen. Manchen Mist haben wir selbst verursacht, manche Erfahrungen haben dazu geführt, dass wir uns bestimmte Überzeugungen und Verhaltensweisen angeeignet haben; manches ist uns anerzogen worden, Ehrgeiz zum Beispiel oder dass ein Junge nicht weint, oder dass ein Mädchen nicht vorlaut sein soll, solche Sachen. Ganz, ganz viel ist in unserer inneren Einzigartigkeit von außen angeregt ganz oft durch andere Menschen in uns eingegangen und hat dazu geführt, dass wir nun von innen her so in die Welt hineinschauen, wahrnehmen und urteilen, wie wir es eben tun – und auch wie wir uns selbst sehen und beurteilen. Manches davon ist richtig und gut und schön, manches davon ist aber auch schief und einseitig oder gar ungerecht.

Die offene Kinderseele

Und wenn Sie nun eine einigermaßen normale Kindheit haben durften, dann erinnern Sie sich sicher alle, dass damals ganz viele Dinge schön waren, faszinierend, zum Entdecken, zum Staunen, zum Aufgehen im Spiel, zum Lernen und vieles mehr. Ein Kind hat eine ursprüngliche Freude am Leben, ein Ja zu dem, was kommt, ein Vertrauen, das trägt, eine Sorglosigkeit im Dasein und im Umgang mit den Menschen. Und normalerweise weiß es sich ja auch beschützt von Mama und Papa. Es lebt normalerweise im guten Sinn spielerisch, heiter und doch tief, weil es tiefe und oft mitten in scheinbaren Kleinigkeiten sehr bedeutsame Erlebnisse für sich macht – mit seiner offenen Kinderseele.

Verlust der Unschuld

Und natürlich ist ein Kind genau deshalb auch verwundbar, natürlich wird heile Welt häufig und bald gestört – durch die Erfahrung, dass es auch Leid gibt und Treulosigkeit und Verführung und vieles mehr – auch wieder oftmals verursacht durch andere Menschen. Wir sagen, dass wir im Erwachsenwerden unsere Unschuld verlieren – und ich meine das jetzt nicht sexuell, sondern eher im Sinn von einem Verlust von Arglosigkeit. Wir haben schon manches gesehen, was uns verletzt hat. Oder wir haben auch in uns selbst Dinge entdeckt oder wachsen lassen, die nicht schön sind, manche ungute Eigenschaft ist da vielleicht gewuchert. Und wir sind insgesamt mehr auf der Hut, wir kontrollieren mehr. Wir ziehen uns auf eine Art von Ich-sein zurück, die selbst ihre Welt organisieren, besitzen und gestalten will. Ich will auch selbst kontrollieren, wie ich mich zeige und was ich von mir zeige. Und manchmal ist das auch nicht ehrlich. Aber all das ist natürlich nicht nur schlecht, es wächst im Erwachsenwerden zum Beispiel auch manch richtige Welterkenntnis, Naivität geht verloren und das Gefühl, Verantwortung übernehmen zu sollen wächst – oft auch gerade deshalb, weil die Welt nicht nur heil ist. Aber insgesamt kommt doch mit dieser Veränderung ein anderer Blick auf die Welt, unsere innere Welt hat sich verändert. Wir berechnen Kosten und Nutzen und fragen viel mehr, was uns dieses oder jenes jetzt bringt. Und sehr häufig, fast immer, ist einer solchen Haltung dann die kindliche Unmittelbarkeit abhanden gekommen. Und damit auch etwas von der Fähigkeit zum Zauber des Neuen, auch des Neuen im Kleinen. Und wenn wir dann versuchen, unsere Seele vor das innere Auge zu bekommen, dann spüren wir: Mit dem Wunsch nach Ich-sein, dem Wunsch nach Schutz und Kontrolle verlieren wir manche innere Tiefe und manche Quelle von Freude und manche Fähigkeit zur unmittelbaren Hingabe. So der Versuch, einen durchschnittlichen Weg ins Erwachsenwerden von innen her zu beschreiben.

Was ist der Glaube? Erkenntnis und Vertrauen

Und jetzt kommt Jesus dazu, jetzt kommt der Glaube an ihn. Was ist dieser Glaube und wie wird er von außen und von innen her in uns relevant? Was macht er mit unserem inneren Leben? Zunächst spüren Sie vielleicht, dass der Glaube eine innere Haltung ist, eine Überzeugung, ein Vertrauen verbunden mit Erkenntnis. Wie beim kleinen Kind: Das Kind weiß etwas über Mama, wie sie ist und reagiert. Aber das Kind vertraut zuerst und zutiefst, dass Mama da ist, wenn es sie braucht. Und wenn das eine Analogie zum Glauben ist, dann spüren Sie auch, dass ein Mensch tiefer oder oberflächlicher glauben kann. Und dass mancher vielleicht nur im Wissen hängenbleibt. Er weiß was über Jesus und aus der Bibel – aber wirkliches Vertrauen ist noch wenig da. Oder umgekehrt: Es gibt bei manchen das einfache und tiefe Vertrauen in Jesus, vielleicht nur deshalb weil man eine sehr gläubige Großmutter hatte und sehr berührt war davon und weil man von ihr beten gelernt hat und gut zu sein zu Menschen, vor allem zu den wenig Angesehenen. Und dann vertraut man vielleicht einfach und weiß gar nicht so viel über Jesus. Aber so ein Glaube ist wenn auch schlichter so doch oft tiefer, fester. Und so gibt es Glauben in vielen Variationen, aber doch als dynamisches Geschehen, als etwas was wachsen und was verdunsten kann.

Was macht der Glaube in mir?

Und was macht nun dieser Glaube mit dem ganzen anderen Innenleben in mir, das schon da ist und mit welchem Blick lerne ich dann als Glaubender in die Welt zu sehen? Ich lade Sie ein, stellen Sie sich Ihre innere Welt, ihre Seele als ein Haus mit vielen Zimmern vor, mit mehreren Stockwerken und einem Keller. Und in den verschiedenen Zimmern wohnen verschiedene innere Regungen, Fähigkeiten, Überzeugungen, Gedanken, Gefühle, Beziehungsqualitäten zu anderen Menschen und so fort; Ihr ganzes Innenleben eben. Manches Zimmer ist dunkler, weniger gemütlich, manches ist heller und strahlender. Und vielleicht gibt es da auch zum Beispiel im Dachboden oder im ersten Stock ein Zimmer mit Gedanken und Gefühlen über Religion oder gar über Jesus. Und Sie spüren vielleicht, das ist noch nicht sonderlich tief verankert, hängt vielleicht ein wenig in der Luft. Und Sie wissen gar nicht recht, was damit anfangen. Aber stellen Sie sich nun zugleich vor, Sie haben wirklich Sehnsucht nach Wahrheit, nach Tiefe, nach Liebe, nach Hoffnung und mehr. Sie sehnen sich nach dem, was größer ist, als nur Ihr eigenes Seelenhaus.

Das lichtdurchflutete Haus

Die gläubige Erfahrung von so vielen Christen aus zwei Jahrtausenden sagt nun: Wenn Sie sich wirklich danach sehnen, wenn Sie Gott suchen und nicht am Ende doch wieder nur sich selbst – dann wird sich der, der in Ihnen schon da ist, auch zeigen. Und wenn Sie getauft sind, ist er ohnehin schon im Fundament Ihres inneren Hauses eingezogen. Aber wenn Sie nun wahrnehmen lernen und glauben lernen, dass der Auferstandene tatsächlich lebt, dass Er geheimnisvoll da ist und unter uns und in Ihnen da sein will, dann nehmen Sie innerlich diese Spur auf. Sprechen Sie mit ihm im Gebet, feiern Sie die Sakramente, spüren Sie hin, wo Sie vielleicht umkehren müssten, wo Sie Vergebung und Veränderung brauchen. Wenn Sie in dieser Weise Ihrer Sehnsucht Raum geben, dann wird Er Ihnen auch von außen Menschen und Erlebnisse schicken, die Ihnen diese Tür innerlich immer weiter öffnen können. Und manchmal kann es auch eine Not sein, wie diese Corona-Krise, die Ihnen dazu hilft; eine Not, die er zulässt, damit wir uns neu besinnen, oder eine Not der anderen, die uns wirklich mit dem Herzen sehen lehrt. Und wenn Sie sich auf diesen Weg einlassen, werden sich nach und nach die Türen Ihres inneren Hauses öffnen, die einzelnen Herzensräume werden auch innerlich verbunden werden und sie werden sich nach außen öffnen. Das innere Haus wird lichtdurchflutet, manche dunkle Seite in Ihnen wird sich wehren, manchmal auch sehr lange, manches Kellerloch wird vielleicht auch noch länger geschlossen bleiben. Aber die Erfahrung so vieler Gläubiger ist: Nach und nach gewinnen Sie einen neuen Herzensblick auf die Welt, auf die Menschen und sich selbst. Nach und nach lernen Sie ein staunender Mensch zu werden und hoffnungsvoller und liebesfähiger. Nach und nach lernen Sie Ihre Brüder und Schwestern kennen, in deren Herzen eine ähnliche Herzensverwandtschaft lebt. Und nach und nach lernen Sie, in den Menschen, besonders auch in den Armen, in den Notleidenden und in der Schöpfung das Gesicht dessen erkennen und lieben, der in Ihnen auferstanden ist. Ein Glaube in uns, der tiefer wird und reifer, wird uns alle zu österlichen Menschen machen – die Wirklichkeit des Auferstandenen verändert unser Leben, unsere Überzeugungen, unsere Beziehungen, unseren Herzensblick auf alles. Wir werden wie neu geboren. Oder besser: Es beginnt ein innerer Geburtsvorgang, der in diesem Leben an keine Ende kommt. Der Auferstandene wird auch die Sonne genannt, nicht weil ich dauernd nur in die Sonne schauen müsste, sondern weil ich im Licht der Sonne alles, jedes Ding und jedes Geschöpf, anders sehen kann als im Dunkel der Nacht. Lumen Christi….

Werden wie die Kinder – und hinausgehen in den Dienst

Und vielleicht verstehen wir jetzt, warum der Herr Jesus uns so herausfordernd sagen kann: Wenn Ihr nicht werdet, wie die Kinder, könnt Ihr nicht in das Himmelreich kommen. Werden wie die Kinder heißt vertrauen lernen, dass er da ist und da bleibt, trotz allem. Heißt sehen lernen mit den Augen des Herzens, welches Hoffnungspotenzial auch noch in Corona-Zeiten da ist oder gerade jetzt da ist. Gerade jetzt ist die Zeit derer, die aus vollem Herzen sagen können: Der Herr ist auferstanden. Er lebt, er liebt – mitten hinein in die Dunkelheit der Welt. Hier und heute, mitten unter uns und in uns. Und wir sind heute Nacht hier, um uns in dieser Überzeugung von ihm einmal mehr stärken zu lassen und uns gegenseitig zu stärken. Und um zu danken all denen, die sich sorgen und kümmern und ihre Gesundheit riskieren, damit anderen geholfen wird und dass das, was notwendig ist, weitergeht in unserem Land. Und wir sind hier, um dann wieder hinauszugehen und zu leben, zu zeigen und zu sagen, welche Hoffnung uns beseelt – und wir wollen es besonders auch den Kranken, den Leidenden, den Einsamen, all denen in Not zeigen. Und wir wollen es auch dann noch zu leben versuchen, wenn wir selbst in Not sind. Es ist die Hoffnung, dass der Herr wahrhaft auferstanden ist, dass er immerfort uns und die Welt erneuern will – und dass er will, dass niemand ausgeschlossen wird. Jesus lebt. Hallelujah.

 

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