Fertig werden – oder schöpferisch werden!? Pflege als Herausforderung für unser Menschsein

In Maria-Hilf-Woche 2019, Predigten von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Predigt beim Tag für Menschen in der Pflege – beruflich und privat – im Rahmen der Maria-Hilf-Woche 2019

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben, vor allem diejenigen unter Ihnen, die Menschen pflegen, die ihnen beistehen, oft täglich, manchmal fast rund um die Uhr,

Persönlich war ich die letzten zwanzig Jahre bis in den letzten Februar der Sohn einer pflegebedürftigen Mutter. Zwanzig Jahre lang hat sich ganz besonders mein Vater um sie gesorgt; die ersten zwölf Jahre davon zuhause im Elternhaus, die letzten acht Jahre, als bei meinem Vater eine Parkinson-Erkrankung festgestellt wurde, war meine Mutter im Pflegeheim. Mein Vater war dennoch jeden Tag mehrere Stunden bei ihr. Er wüsste also jetzt viel besser als ich zu erzählen, was Pflege bedeutet. Aber inzwischen ist er selbst pflegebedürftig.

Zwei Typen von Pflegenden

Liebe Schwestern und Brüder, ich habe gerade am Beispiel meines Vaters sehr viel gelernt über die Situation der Pflege, vor allem auch viel über uns Menschen, über unsere Kräfte und unsere Grenzen, über Vertrauen und Optimismus, über die Dynamiken, die sich in Beziehungen abspielen und vieles mehr. Einen Unterschied habe ich ganz besonders festgestellt zwischen Menschen, die sozusagen fachlich gut aber sagen wir mal nur professionell pflegen – und den Menschen, die mit dem Herzen dabei sind. Und beide Typen von Pflegenden gibt es sowohl dort, wo man beruflich in der Pflege ist, wie im privaten Bereich. Und etwas von beiden Haltungen zieht sich vermutlich durch das Herz von jedem Pflegenden. Trotzdem beschreibe ich den Unterschied: Irgendwie hatte ich den Eindruck, dass die rein professionellen ihre Sache selbst, nämlich die Pflege, zwar gut machen, aber immer auch bemüht sind, sich auch abzugrenzen, den Pflegebedürftigen nicht allzu nah an sich heranzulassen. Sicher ist eine solche innere Abgrenzung für viele auch nötig, um sich zu schützen, um Kräfte einzuteilen. Daher möchte ich auch gar nicht in ein tieferes Urteil gehen – und bin auch grundsätzlich dankbar für jeden Menschen, der sich professionell in der Pflege engagiert.

Fertig werden!

Einen wichtigen Unterschied gibt es dennoch: die einen wollen gewissermaßen immer fertig werden – die Arbeit so bald als möglich abschließen, so effizient wie möglich sein, soviel Automatismen wie möglich einbauen, oft nur das Nötigste tun. Sie sehen auch stärker die negativen Folgen der Krankheit und haben oft schon den inneren nächsten Schritt in der Abwärtsspirale vor Augen, der kommen wird. Sie wägen daher auch aufwändige, neue Pflegemaßnahmen eher zum Negativen hin ab, mit der Frage: Lohnt sich das noch – und ähnliches mehr. Man will fertig werden – und hofft vielleicht auch innerlich, mit dem Patienten irgendwann abschließen zu können; die Arbeit irgendwie hinter sich zu bringen. Ich glaube, liebe Schwestern und Brüder, das es so etwas gar nicht so selten gibt, vor allem, wenn man sehr belastet ist als Mensch oder eben auch als Pflegender.

Kreativität der Liebe

Und dann gibt es Menschen, wie meinen Vater, bei dem ich folgendes erlebt habe: Obgleich die Krankheit meiner Mutter tatsächlich schleichend ihren Gesamtzustand verschlechtert hat, hat er fortwährend und unermüdlich nach Möglichkeiten der Verbesserung gesucht, nach neuen Unterstützungsmethoden, neuen Behandlungsmethoden, neuen Trainingsmethoden. Ich war immer wieder sehr erstaunt, wenn ich bei den Eltern war, wie sehr er sich mit ihrem Zustand identifizierte und immer neue Vorschläge für die Verbesserung der psychischen oder physischen Situation beigebracht hat. Ich bin auch erstens sicher, dass mein Vater meiner Mutter vor allem in den sehr kritischen Anfangszeiten ihrer Krankheit das Leben gerettet hat – und zweitens, dass er trotz dieser immensen Dauerbelastung nie mit meiner Mutter fertig werden wollte – im buchstäblichen und im übertragenen Sinn. Vielmehr wollte er ihr so lange als möglich ein menschenwürdiges Leben ermöglichen, ja erkämpfen. Er hat sie getragen, und mitgetragen, immer voller Hoffnung und Glauben, dass er einen Beitrag zum Guten leisten kann.

Jemanden lieben heißt ihm sagen: Du wirst nicht sterben

Liebe Schwestern und Brüder, ich bin ziemlich sicher, dass ich auch hier, aus der konkreten Praxis eines Pflegenden etwas gelernt habe über den Glauben, die Hoffnung und die Liebe. Der Glaube ist das Vertrauen, dass die Welt und die Menschen in sich gut sind, dass sie aus der guten Hand des guten Vatergottes kommen – auch dann, wenn wir mit dem Unheil, der Krankheit und dem Bösen konfrontiert sind. In der Tiefe ist die Welt, ist das Leben, ist jeder Mensch gut und es geht darum, das Gute zu verwirklichen. Das tut die Liebe, die im anderen Menschen die Perspektiven sieht, die sieht und sehen will, was noch möglich ist. Die Liebe traut zu, sie ermutigt, sie ist ganz konkret da im Hier und Jetzt – und sie zielt doch ins Offene, ins Neue  – und sie ist deshalb auch voller Hoffnung. Auch dann noch, wenn das irdische Leben zu Ende geht. Wenn wir als Christen von Liebe sprechen, dann meinen wir eine innere Haltung, die sagt: Ich will, dass du bist. Und zwar nicht einfach: ich will, dass du für mich bist. Sondern ich will, dass du du bist und immer mehr der Mensch wirst, als der du von Gott gedacht bist. Und deshalb gibt es für uns gerade auch im Angesicht des Todes eine Öffnung darüber hinaus. Christen lieben den Menschen gewissermaßen ins tiefere und größere Leben hinein! Von dem französischen Philosophen Gabriel Marcel gibt es das berühmte Wort: „Einen Menschen lieben heißt ihm sagen: du wirst nicht sterben“.

Jesus reagiert auf den Glauben der anderen

Das führt uns nun zum heutigen Evangelium: Es steht bei Markus noch ganz am Anfang seines Evangeliums, aber Jesus ist schon bekannt als einer, der predigt, der Dämonen austreibt und der heilt. Und er kommt zurück in die Stadt Kafarnaum, wo er hauptsächlich gewohnt hat, und sie kommen in Scharen zu ihm. Vier Männer wollen einen Gelähmten zu ihm bringen, kommen aber gegen die Menschenmassen nicht durch mit ihrer Trage. So steigen sie kurzerhand aufs Dach, decken es ab und lassen den Gelähmten vor Jesus hinunter. Und dann heißt es sonderbar und wunderbar: „Als er ihren Glauben sah, sagte er zu dem Gelähmten: Deine Sünden sind dir vergeben.“ Das erste Sonderbare: Er sieht nicht den Glauben des Gelähmten, sondern ihren Glauben! Den Glauben derer, die ihn bringen – und darauf reagiert er! Liebe Schwestern und Brüder, wissen, Sie, dass Sie mit Ihrem Glauben und Ihrem Vertrauen dazu beitragen können, dass der Mensch, den Sie pflegen, heiler wird?! Und zwar nicht nur heiler in leiblichen, pflegerischen Dingen, sondern auch in seelischen Dingen. Und noch tiefer: In den inneren Vollzügen, die ihn von Gott trennen. Jesus zielt nicht sofort auf die Lähmung des Kranken. Jesus zielt auf sein Herz, auf die Heilung eines Herzens, das sich von Gott entfernt hat. Denn die innere Haltung, von Gott entfernt zu leben, heißt Sünde und die einzelnen Sünden der Lüge, des Neids, der bösen Tat die folgen aus der Entfernung von Gott.

Die Krankheit der Welt

Zudem: Ist es nicht sonderbar, dass Jesus so sehr und so oft die Nähe zu den Kranken sucht im Evangelium? Zu den Aussätzigen, den Blinden, den Taubstummen, den Gelähmten, den Geisteskranken? Warum ist das so? Weil die Welt als Ganze krank ist, weil sie gottentfernt lebt – und weil das umfassende Heil darin besteht, dass die Menschen wieder ganz mit Gott versöhnt leben. Ich will nicht falsch verstanden werden, liebe Schwestern und Brüder, natürlich ist nicht jede unserer Krankheiten auf individuelle Sünden zurückzuführen. Manche schon, das weiß zum Beispiel jeder Suchtkranke. Aber viele Krankheiten sind einfach die Folge davon, dass die Welt insgesamt nicht gesund ist – und wir Teil einer kranken Welt sind. Und „Sünde“ ist auch Ausdruck für eine Welt, die in Gottesentfernung lebt. Deshalb werden wir alle immer wieder krank und deshalb erleben wir den Tod so oft als Katastrophe, als Fall ins Nichts – weil uns Gott fehlt. Aber, liebe Schwestern und Brüder, genau dahin zielt Jesus: Er will den Gelähmten von innen her heilen – und zwar weil er so beeindruckt ist vom Glauben der Männer, die ihn bringen. Und diese Geschichte ist für uns aufgeschrieben. Unser Vertrauen, unser Glaube, unser Liebesdienst am Anderen kann dem Anderen wirklich mit in den Himmel helfen.

Einer ist dem anderen Kranker und Krankenpfleger zugleich

Und noch ein Aspekt ist mir wichtig. Sicher haben viele von Ihnen immer mal wieder gemerkt, dass der Pflegebedürftige Sie sehr herausfordert, vielleicht weil er ungeduldig ist oder unverschämt oder undankbar oder einfach boshaft. Und vielleicht ist Ihnen dabei auch schon einmal widerfahren, dass Sie gespürt haben: Sie reifen in den Fähigkeiten Geduld zu haben, gelassen zu werden, freundlich und liebevoll zu bleiben. Und Sie kommen vielleicht dann auch noch zu der Einsicht: „Dieser kranke Mensch, auch wenn er vielleicht gerade nicht liebevoll ist, so hilft er mir doch zu reifen in den wesentlichen Eigenschaften, die ein Mensch haben kann.“ Und so ist der Kranke manches mal und ohne es zu wissen auch Ihr Helfer geworden; Helfer, ein besserer Mensch zu werden. Ein alter weiser Priester hat einmal in diesem Sinn gesagt: „Jeder Mensch ist dem anderen immer zugleich Kranker und Krankenpfleger.“ Auch das kann uns Trost sein.

Die rechte Sorge um sich selbst

Und  ja, Sie dürfen auch einmal schwach sein, ihre eigenen Grenzen annehmen, Erholung suchen. Das ist immer wieder wichtig und kein Egoismus. Die rechte Sorge um sich selbst ist überlebenswichtig für Pflegende.

Pflegende sind Edelsteine für die Gesellschaft

Liebe Schwestern und Brüder, die Sie andere pflegen: Sie spüren und wissen alle, dass uns dieses Thema sehr tief mit den Abgründen unserer eigenen Existenz konfrontiert. Und ich darf Ihnen sagen, ich gehe sehr, sehr gerne in Häuser oder Einrichtungen, in denen kranke oder behinderte Menschen gut und gerne gepflegt werden. Denn obwohl manches darin gerade bei den Pflegebedürftigen so ohne Perspektive erscheint und ohne Hoffnung, so spüre ich doch dass gerade von den Pflegenden eine solche Hoffnung ausgeht. Deshalb sind Sie, die Sie andere pflegen, wirklich kostbare, funkelnde Edelsteine für unsere Zeit und unsere Gesellschaft.  Denn die Zeit und die Gesellschaft, in der wir leben, ist doch sehr häufig sehr am rechnerischen Nutzen orientiert, an der Frage, was mir das bringt, an der Frage, was mir das nützt, was ich davon habe? Und wir spüren, dass das unser gesellschaftliches Klima eben deshalb auch rauer wird: Weil so viele Menschen denken und handeln nach dem Motto: Zuallererst ICH. Und daher sind Sie, die Sie heute hier sind, so beispielhaft für uns alle. Und ja, ich wünsche mir von der Politik, dass mehr gesehen und belohnt wird, was Sie leisten, zuhause, im Privaten und in den Einrichtungen. Ich wünsche mir, dass wir insgesamt als Zivilgesellschaft und als Kirche anerkennen, was so viele von Ihnen für einen großartigen Dienst tun. Ich wünsche mir, dass verstanden wird, dass Sie einen unglaublich kostbaren und oft so wenig sichtbaren Beitrag leisten für die Menschlichkeit unserer Gesellschaft, für unseren Zusammenhalt und für den Glauben an das Gute in uns Menschen.

Ich bitte unseren Herrn Jesus Christus, dass er Sie segnen möge, dass er auf Sie schauen möge und auf die, die Ihnen anvertraut sind. Und ich bitte Maria, die Hilfe der Christen, dass sie Ihnen immer neu den Beistand, die Kraft des Heiligen Geistes erbittet, die Sie jeden Tag brauchen. Amen.

 

 

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