Gottesdienst für verwaiste Eltern in Spectrum Kirche

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Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

vor einigen Jahren schon bin ich als Seelsorger einmal mit einer sehr schwerwiegenden Frage konfrontiert worden. Junge Eltern kamen mit der Bitte um ein Gespräch. Die Frau war schwanger im fortgeschrittenen Stadium und beide waren mit der schockierenden Nachricht konfrontiert worden, dass das Kind sehr schwer krank auf die Welt kommen würde. Die Überlebenschancen wären sehr gering, vermutlich würde das Kind bei der Geburt sterben, es sei denn, je nach Stabilität, man könnte es vielleicht auch einer Serie von mehreren sehr schweren Operationen unterziehen, um dann auf diesem leidvollen Weg vielleicht ein paar Monate oder bestenfalls wenige Jahre herauszuholen für das Kind. Aber alles sei ohnehin sehr unsicher. Die Ärzte rieten daher eher zu einer Abtreibung des Kindes. Die beiden Eltern waren also wirklich in Not und zudem in einem gravierenden Gewissenskonflikt. Sie wogen alle Möglichkeiten ab. Ich möchte nicht sagen, wie die Sache letztlich ausgegangen ist, auch damit die Familie nicht irgendwie im Nachhinein identifiziert werden kann.

Ich möchte aber von einem Gespräch mit einem sehr tiefen geistlichen Menschen erzählen, den ich selbst für die Beratung in diesem Fall konsultiert hatte. Gefragt nach den verschiedenen Möglichkeiten sagte er sinngemäß folgendes. Wir alle, Sie und ich, gehen irgendwann durch das Tor des Todes hindurch. Keiner von uns kann letztlich sagen, wann das sein wird. Bei manchem erst spät, bei manchem früh, bei diesem Kind womöglich sehr bald. Aber das Kind ist jetzt schon da, im Leib der Mutter. Und in diesem Leben geht es für uns alle darum, berührt zu werden von der Liebe Gottes. Und Eltern sind für Kinder so etwas wie Repräsentanten dieser Liebe, Stellvertreter dieser Liebe. Eltern sind ja am Anfang eines Lebens für ein Kind gleichsam die verkörperte Allgüte und Allmacht und Allsorge um ihr Kind. Das Kind hat zumindest am Anfang seines Lebens keine andere Welt als diejenige, in der die Eltern leben und die sie dem Kind erschließen.

Und dann sagte der weise Mann zu diesem speziellen Fall: Die Eltern haben jetzt schon die Möglichkeit, dem Kind zu zeigen, dass es willkommen ist in dieser Welt, dass es geliebt ist, dass es bejaht wird. Die Mutter lebt ja schon in tiefer leib-seelischer Einheit mit ihm und auch der Vater kann durch Gesten der Zuneigung zu Mutter und Kind deutlich machen, dass er sein Kind im Mutterleib bejaht, auch wenn es jetzt schon schwer krank ist. Und dann könne man das Kind ja zur Welt bringen, es taufen und sich je nach der Schwere der Situation auch von ihm verabschieden und es in die Hände Gottes geben. Es gibt Situationen, in denen man nicht unter allen Umständen alles medizinisch oder mögliche und riskante machen muss. Es gibt Situationen, in denen man auch einfach loslassen kann oder vielleicht sogar soll. Und wenn das Kind die Liebe der Eltern wirklich spüren durfte, dann wird es auch hinüber gehen in die Liebe Gottes, in die Liebe, die ewig ist. So sagte der weise Mann.

Unser eigenes hiesiges Leben, ob es nur ein paar Wochen oder Monate oder über 90 Jahre lang dauert, ist jedenfalls im Vergleich zur Ewigkeit eine sehr kurze Zeitspanne. Aber es ist eine wichtige, es ist eine Zeitspanne, in der wir die Chance bekommen, etwas von dieser ewigen Liebe Gottes zu erfahren oder sogar durch uns hindurch strömen zu lassen.

Liebe Eltern, die Sie heute hier sind als Menschen, die um ein Kind trauern. Ich möchte Ihnen sagen: Sie haben Ihr Kind geliebt und lieben es noch. Und die Liebe ist das Band, das uns im Herzen und im Blick Gottes zusammenhält. Es gibt freilich Unterschiede: Es gibt Liebe, die festhalten will – das kennen wir alle. Wir wollen den anderen oftmals bei uns haben und für uns haben. Und es gibt Liebe, die loslassen kann, die freigeben kann auf Gott hin. Das ist eine Liebe, die uns allen gegeben ist als Aufgabe, als Weg. Wir können das nicht von Anfang an und tun uns oft sehr schwer damit. Eine Liebe, die loslassen kann, lernt den anderen Menschen auch dann zu bejahen, wenn er seinen eigenen Weg geht und dabei vielleicht gar nicht so sehr an unsere Bedürfnisse denkt. Wir spüren alle, liebe Eltern, dass der dramatische Verlust eines Kindes uns sehr tief mit dieser Aufgabe des Loslassens konfrontiert: Der Schmerz, die Trauer, manchmal auch die Wut oder die Verzweiflung über den Verlust sind einfach da und fordern ihr Recht ein. Und sie dürfen auch da sein. Sie haben das Recht sich zu melden in unserem Herzen. Und sie dürfen auch die Zeit bleiben, die sie brauchen. Aber wir spüren vielleicht auch, dass es irgendwann nicht mehr so gut ist, in der Trauer, im Schmerz, in der Verzweiflung zu bleiben. Es kommt dann eine Zeit, in der wir allmählich und Schritt für Schritt lernen können, neu ja zu sagen zum Leben, trotz der Verluste, die es uns abverlangt. Und wir dürfen über zwei Dinge voller Trost sein: Wenn ein junger Mensch von uns geht und sich hat wirklich berühren lassen von Liebe, von unserer Liebe und von Gottes Liebe, dann geht er auch in diese Liebe ein, dann ist er auf dem Weg in die ewige Freude, dann geht er in ein Leben, dessen Schönheit und Tiefe wir ihm auch von Herzen gerne gönnen dürfen. Und wir sind hier, weil wir uns gegenseitig in dem Glauben stärken wollen, dass Er wirklich hinübergeht und dass Gott uns den Geist und die Kraft zum Loslassen geben möge.

Und das Zweite ist: Es ist auch möglich, dass ein junger Mensch stirbt und wir vielleicht den Eindruck haben, sein Weggehen war nicht nur für uns zu früh, sondern auch für ihn selbst, einfach weil da noch etwas hätte reifen können, tiefer werden können, vielleicht weniger fremdbestimmt und von weniger Flausen im Kopf, ehe er seinem Schöpfer begegnet. Wenn so etwas der Fall ist, dann ist es auch gut, dass wir hier sind und miteinander beten. Unser Gebet, wenn es herzensvoll und liebevoll ist, kann unseren lieben Verstorbenen helfen, noch einmal zu reifen. Es kann ihnen helfen, gewissermaßen leichter hinüberzugehen. Das Gebet für einen Verstorbenen ist eine innere Verbundenheit, zwischen uns und Gott. Und es nimmt den Verstorbenen gewissermaßen in diese Verbindung mit hinein. Es trägt ihn gewissermaßen mit, lässt ihn leichter hinüber finden auf seinem Heimgang zum Herrn.

Und so danke ich Ihnen allen, dass Sie hier sind, dass Sie durch Ihr Hiersein auch einander tragen und trösten. Und ich bin mit Ihnen zusammen voller Hoffnung, dass Ihnen unser Herr auch die Kraft und das Vertrauen schenken will, dass er die Welt in Händen hält, wie ein liebender Vater, wie ein guter Hirt. Das Schwere, die Not der Welt, der Tod haben bei Ihm nie das letzte Wort und um dieses Vertrauen bitte ich für Sie unseren Herrn um Seinen reichen Segen. Amen.

 

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