Ist die klassische Familie heute noch das Normale?

Predigt am Fest der Heiligen Familie 2020 im Passauer Dom – zunächst im Text, weiter unten als Video.

Liebe Schwestern und Brüder,

wir begehen den Sonntag der Heiligen Familie. Für die meisten von uns, die wir katholisch sozialisiert sind, klingt diese Bezeichnung sehr selbstverständlich „die Heilige Familie“. Aber wer sich heute nur ein wenig in der Gesellschaft umhört und umsieht, der weiß, dass das in den Ohren von nicht wenigen Menschen anstößig klingt. „Die Heilige Familie“, die noch dazu als Vorbild für die christlichen Familien dargestellt wird – das klingt in den Ohren von vielen Menschen, die heute die politische und mediale Debatte bestimmen, als reaktionär. Maria, Josef und Jesus bieten die Projektionsfläche für ein Bild von einer Familie, die zuerst fromm ist und wie im heutigen Evangelium geschildert, gleich in den Tempel geht, um religiöse Vorschriften zu erfüllen. Und dann ist es eine Familie in der klassischen Zusammensetzung von Mama, Papa, Kind, in dem es scheint, dass der Papa als Zimmermann arbeitet und die Mama brav daheim bleibt und das Kind großzieht. Und das Ganze wird dann also als „heilig“ dargestellt, daher auch als unantastbar.

Ist nur das Normale heute normal – oder noch viel mehr?

Dabei, so das Argument von vielen, zeige doch die Entwicklung unserer Gesellschaft, dass wir das alles längst hinter uns haben. Sehr viele Familien seien erstens längst nicht mehr fromm und zweitens gebe es das klassische Bild von Mama, Papa, Kind oder Kindern immer weniger. Dafür gibt es Patchwork, Kinder als Geschwister verschiedener Elternpaare, die sich in verschiedenen Variationen zusammen finden. Es gibt viele Alleinerziehende, auch viele Singles, es gibt schwule und lesbische Paare, mit und ohne Kinder. Es gibt auch Familien, in denen mehr als zwei Erwachsene die Elternrolle übernehmen. Und all das, so sagt man, stehe doch mindestens gleichberechtigt neben dem klassischen und vor allem noch religiös geprägten Bild von der ach so heiligen Familie. All dieses andere sei inzwischen ebenso normal, deshalb soll nicht ein einziges Modell die Norm sein für alles andere.

Gibt es nur Mann und Frau?

Dazu kommt: Ist es heute überhaupt eindeutig, wer Mann oder Frau ist. Gibt es nicht in der Gesellschaft eine einflussreiche Gender-Bewegung, die uns verstehen lassen will, dass es längst nicht mehr nur Männer und Frauen gibt. Vielmehr gibt es jetzt auch in unserem Land vom Verfassungsgericht bestätigt, die Möglichkeit, sich im Geburtenregister weder als männlich noch als weiblich, sondern als „divers“ eintragen zu lassen. Und auch deswegen so sagt man, sei das überlieferte Bild einer traditionellen Familie heute überholt und deshalb solle man damit auch nicht Druck ausüben auf Menschen, die anders sind und anders leben wollen. Wir sehen, liebe Schwestern und Brüder, wie sehr sich in wenigen Jahren die Welt verändert hat, wie sich unsere Gesellschaft verändert hat – im Blick auf das, was Familie und Zusammenleben heißt. Und viele erfahren, dass sie ins Abseits geraten, wenn sie einfach nur an ihrem katholischen Glauben festhalten wollen – mit dem auch vom Glauben her gewohnten und uns überlieferten Blick auf Familie. Nicht wenige von uns fühlen sich mit diesem Blick inzwischen auch politisch eher heimatlos. Weil sie erleben, wie das, was von ihnen als gewohnt oder normal empfunden wird, inzwischen von solchen politischen Kräften vereinnahmt wird, die andererseits nicht automatisch mit christlicher Menschenfreundlichkeit gegenüber jedem Menschen glänzen. Viele Gläubige fühlen sich dann im Dilemma, weil sie im politischen Diskurs schnell in eine Ecke gestellt werden, in der sie sich selber gar nicht sehen.

Ein drittes Geschlecht?

Wie gehen wir mit dieser Situation um, wenn wir an dem festhalten wollen, was andere dann schnell mit Begriffen belegen wie eben „ewig gestrig“, „reaktionär“, „fundamentalistisch“ oder ähnlich. Vielleicht zunächst ein Wort zu der Sache mit dem Normalen und der Norm. Liebe Schwestern und Brüder, es ist eine ganz einfach einzusehende Tatsache, dass im Grunde jeder lebende Mensch aus der geschlechtlichen Begegnung zwischen einem Mann und einer Frau hervorgegangen ist. Deshalb ist jeder von uns schon von Grund auf Teil des Normalen, Teil des Konzeptes: Mama, Papa Kind. Und selbst wenn die Erzeugung eines Kindes im Labor war, dann braucht man dazu immer noch zwei Formen von Geschlechtszellen, nämlich Samenzellen, die von einem Mann hervorgebracht werden, und Eizellen, die von einer Frau kommen. Soweit ich informiert bin, gibt es damit biologisch nur diese zwei Geschlechter, Männer und Frauen. Und dort, wo es tatsächlich so genannte Intersexualität gibt, dort hat die Natur die Variante eines Menschen hervorgebracht, dem etwas fehlt, nämlich die klare Zugehörigkeit zu einem der beiden Geschlechter. Und damit fehlt so einem Menschen fast immer auch die Fähigkeit sich fortzupflanzen. All das liegt wohl einfach daran, dass auch unsere Schöpfung nicht vorhersehbar fehlerlos wirkt. Und so wie ausnahmslos jeder Mensch, so ist auch die ganze Schöpfung nicht mehr ganz heil, ist mit dem Menschen auch der Vergänglichkeit unterworfen. Und in ihr ereignen sich Abweichungen von normalen Prozessen, die uns fragend zurücklassen. Und so kommt es vor, dass Menschen geboren werden, die einen Mangel leiden, etwa wenn jemand blind geboren wird oder mit einem Herzfehler, oder mit einer anderen Beeinträchtigung. Und so wie solche Beeinträchtigungen nicht einfach zum gewöhnlichen Verlauf natürlicher Prozesse gehören, die wir kennen und erwarten, so erwarten wir bei einer Geburt auch nicht Menschen, die biologisch keine klare Zuordnung zu einem der beiden Geschlechter haben – auch wenn es das in seltenen Fällen tatsächlich gibt. Solche Menschen sind damit aber aus meiner Sicht nicht ein eigenes drittes Geschlecht. Sondern es sind Menschen, denen schlicht diese Zuordnung zu einem der beiden Geschlechter fehlt. Und selbstverständlich bedeutet das keinerlei Beeinträchtigung ihrer Würde als Menschen und ihrer Personrechte.

Was ist mit Transpersonen?

Und dann gibt es weiterhin Menschen, die biologisch klar als männlich oder weiblich aufwachsen, die sich aber in dieser geschlechtlichen Identität falsch fühlen. Und die deshalb gerne eine Veränderung in der Geschlechtszugehörigkeit wünschen. Sie werden Transpersonen genannt oder nennen sich selbst so. Die Fragen, Entwicklungen, Entscheidungen, die hinter solchen Prozessen stehen, sind sehr komplex, sehr individuell, oft auch leidvoll. Und weil ich nur ganz geringe persönliche Erfahrung mit solchen Menschen habe, kann und will ich hier nicht urteilen. Was ich aber aus der Sicht des Glaubens und der natürlichen Prozesse zu bedenken geben möchte, ist folgendes: Ich habe noch von keinem Fall gehört, dass durch Operation oder Hormontherapien, wirklich eine ganze Umwandlung des Geschlechtes stattgefunden hätte. Also so, dass vormals eine biologisch weibliche Person, die eine Gebärmutter hat und Eizellen produziert hat, nun ein Mann würde, der nun Samenzellen produziert – und umgekehrt. Das heißt, auch eine äußere Angleichung an das neue, gewünschte Geschlecht, etwa durch Operation wird im Grunde immer mit der Schwierigkeit belegt bleiben, dass das nie vollständig gelingen kann. Und dass es daher in einer gewissen Weise auch unvollständig bleiben muss. Was das dann aber für die Ausgangsfrage – Bin ich richtig in meinem Körper? – bleibend bedeutet, das kann ich bestenfalls erahnen.

Was ist mit Homosexuellen?

Und außerdem gibt es drittens Menschen, die sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlen – und die deshalb auch nicht einfach das aus unserer Sicht gewöhnliche Familienmodell leben wollen oder können. Ich durfte in meinem Leben sehr beeindruckende Menschen kennenlernen, die homosexuell empfinden – auch sehr gläubige. Und darunter sind solche, die in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften leben – und die zutiefst unter dem leiden, was die Lehre der Kirche zu Homosexualität sagt. Ihre Neigung ist ja in der Regel einfach da. Menschen finden sich in dieser Neigung und haben sie normalerweise nicht gewählt. Und dennoch sagt die Kirche auch, dass nicht die Neigung selbst, aber das Ausleben dieser Neigung im sexuellen Akt nicht richtig ist, dass es Sünde ist. Dass das schwer zu verstehen ist, kann ich ehrlich nachempfinden. Ich kenne aber auch Menschen, die obgleich sie homosexuell empfinden, in sich spüren, dass die Kirche mit ihrer Lehre trotzdem recht hat. Sie spüren, dass bei diesem Akt für sie etwas nicht passt. Und sie bemühen sich deshalb um ein Leben in Enthaltsamkeit – und gleichzeitig um die intensive geistliche Verbindung mit Christus. Auch davor habe ich tiefen Respekt und halte es für richtig. Aber zugleich sehe ich, dass andere Homosexuelle so etwas weder verstehen können, noch wollen; oder sie fühlen sich mit der Forderung der Lehre schlicht überfordert.

Notwendig: Mit jedem Menschen mitgehen….

Liebe Schwestern und Brüder, ich hab das alles so entfaltet, weil ich deutlich machen will, dass ich einerseits der Lehre der Kirche über Familie, über Mann-sein und Frau-sein und Sexualität glaube und vertraue. Ich halte sie für wahr und glaube, dass das was ich oben als das Normale benannt habe, dass sich das auch in unserer Schöpfungsordnung eingezeichnet findet, die normale Familie von Mann, Frau und Kind(ern). Aber ich glaube auch, dass wir die Größe und Komplexität der Fragen und Probleme, denen wir heute in unserer Kultur begegnen, schon lange nicht mehr einfach ganz schnell auf die Seite wischen können. Und schon gar nicht können wir auf die Schnelle sagen: „Sünde, Todsünde – mit dir will ich nichts zu tun haben!“ Das wäre zu schnell, zu einfach, zu verletzend. Ich glaube und halte dafür, dass wir in der Begegnung mit Menschen, die über diese Dinge anders denken und anders leben als der Katechismus oder die Bibel sagen, zunächst einmal Hörende sein müssen, Offene, Mitgehende, Annehmende, Menschen, die verstehen wollen – im besten Fall wirklich Liebende. Ich glaube nämlich zutiefst, dass Gott für jeden Menschen, ob er schwul, lesbisch, trans-, inter- oder einfach heterosexuell ist, für  jeden Menschen hat Gott Pläne des Heils und will dessen Heil. Und zugleich ist jeder von uns allen heilsbedürftig, erlösungsbedürftig. Und jeder, der meint, er ist schon im Heil, nur weil er in einer normalen Familie lebt und sonntags zur Kirche geht, der darf auch genauer hinschauen, um zu sehen, dass letztlich in keiner Familie alles immer nur in Ordnung wäre.

Der Sieg der Wahrheit ist die Liebe

Deshalb, liebe Schwestern und Brüder: Die Wahrheit, der wir glauben, die ist an Weihnachten für uns in eine Familie hineingeboren worden. Und ja, auch um unsere Familien zu heiligen und zu stärken. Damit Familien Orte der heilen Beziehungen werden, in denen Paare die Liebe lernen und Kinder in einer liebevollen Umgebung heranwachsen und leben und glauben lernen. Aber dieser Jesus, der ist zugleich aus seiner heiligen Familie ganz, ganz weit hinaus gegangen. Sein Ort war immer wieder draußen, draußen bei denen am Rand, den Ausgestoßenen, den Zöllnern, den Huren, den Leprakranken – eigentlich bei uns allen, uns Sündern, die wir so oft lieblos sind. Er hat mit Sündern Feste gefeiert, er ist am Ende zwischen zwei Verbrechern gestorben. Sein Platz war bei den Sündern! Warum? Damit sie durch die Begegnung mit Ihm von Gottes Liebe berührt werden und von Gottes Vergebung und Gottes Heil. Er hat sie eingeladen in das Reich des Vaters. Er hat sie hineingeliebt, ist selbst für sie hineingestorben, damit sie durch ihn hindurch gehen können in dieses Reich. Liebe Schwestern und Brüder, daher ist mein Vorschlag für all diese Fragen rund um die heilige Familie: Ich glaube die Wahrheit unserer Lehre, aber ich glaube auch, dass diese Wahrheit nicht zuerst eine Lehre ist, sondern zuerst eine lebendige, göttliche Person ist, die aus Liebe zu allen Menschen Mensch geworden ist, für sie gestorben ist, vor allem für die Sünder, für uns Sünder. Und wer von dieser Liebe berührt wird, so meine Erfahrung, dem kann es möglich werden, nach und nach auch seine Wahrheit von innen her zu sehen – und hoffentlich auch in Freiheit anzunehmen. Einstweilen bleibt uns – so gut es geht allen Menschen Weggefährten zu sein, wenn sie es wollen, was auch immer sie über unsere Lehre denken. Und wenn wir gefragt werden, warum wir leben wie wir leben, dann können wir auf den Herrn verweisen und auf sein Evangelium. Und darauf, dass es die Begegnung mit Jesus ist, die Leben verändern kann – und die dann auch besser sehen lässt, warum die Kirche das Evangelium von der Familie lehrt. Und warum dieses Evangelium zugleich eine Einladung ist in die große Gottesfamilie aller Kinder des einen Vaters. Denn die Wahrheit der Kirche siegt letztlich nur als Liebe. Amen.

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