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Konzert oder Gottesdienst? Wozu die neue Orgel?

In Predigten von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Predigt anlässlich der Orgelweihe in der Stadtpfarrkirche Vilshofen (Texte: Lev 19,1-2.17-18; 1Kor 3,16-23; Mt 5, 38-48)

Liebe Fest- und Ehrengäste, liebe Schwester und Brüder im Glauben,

wie schön, dass wir uns das bei uns leisten können: 700 000 Euro für eine Orgel in einer Kirche, davon 400 000 Euro Eigenleistung. Und was das für eine Leistung ist:  Viereinhalb Jahre von den Planungen bis heute zur Fertigstellung durch die Firma Rensch, unermüdlicher Einsatz von Pfarrer Zerer und Kirchenpfleger Silbernagl und vieler anderer. Und jetzt haben Sie einen Ferrari unter den Orgeln, sagte Frau Fischer in der Zeitung. Und Herr Rücker spricht in derselben Zeitung von einem Wunder und ist überzeugt: Die Kirche lebt! Wie schön, dass sie lebt, liebe Schwestern und Brüder! Und wie schön, dass Sie alle da sind – und vor allem, dass so viele da sind, die mit beigetragen haben, dass es so weit kommt, die Haupt- und Ehrenamtlichen, die Spenderinnen und Spender, die Handwerker und viele mehr.

Konzert oder Gottesdienst?

Nun kann die Kirche mit dem neuen Instrument auch als großartiger Konzertraum verwendet werden! Und sie wird es auch. Aber so mancher Kulturbeflissene wird auch eine festliche Messe mit Chor und Orchester und mit dieser Orgel eher als Konzert, denn als Gläubiger wahrnehmen. Wir bekommen jedenfalls am Domplatz in Passau zum Beispiel vor Weihnachten schon mal die Anfrage, wann denn jetzt genau in der Weihnachtsnacht das Konzert losgeht – und die Anrufer meinen natürlich die Christmette. Aber, liebe Schwestern und Brüder, vor allem liebe Vilshofener, ich möchte mit Ihnen anhand der heutigen Texte aus der Bibel, die wir gehört haben, darüber nachdenken, was denn genauer der Unterschied zwischen einem schönen Kirchenkonzert und einem festlichen Gottesdienst ist.

Den Nächsten und den Feind lieben!

Im Buch Levitikus steht schon gleich am Anfang und sehr herausfordernd: „Seid heilig, denn ich der Herr, euer Gott, bin heilig.“ Und der Autor des Buches verdammt den Hass gegen den eigenen Bruder und fordert auf, den Nächsten zu lieben, wie sich selbst. Heiligkeit einerseits, das Erfüllt-sein von Gottes Gegenwart im eigenen Herzen, und der Umgang mit dem Nächsten andererseits hängen also zutiefst zusammen. Und im Evangelium haben wir gehört, wie Jesus in der Bergpredigt diesen Anspruch noch einmal radikalisiert: Wenn Dich einer auf die rechte Wange schlägt, halt ihm auch die andere hin. Vergilt nicht Böses mit Bösem. Gib dem, der Dich bittet, hilf dem, der Dich braucht und zwar mehr als er erwartet. Und schließlich sagt Jesus: Liebt eure Feinde, segnet die, die euch verfolgen. Warum? Weil auch Gott gut ist zu allen. Was tut ihr schon Besonderes, wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, sagt Jesus.

Überforderung oder Herzmitte des Christentums?

Liebe Schwestern, liebe Brüder, wie soll das denn bitteschön gehen? Wie soll ich mein Herz dem öffnen, der mich verneint, der mir Feind ist, vielleicht sogar gegen den, der mir Böses will? Das kann und tut doch kein Mensch! Ist Jesus hier wirklich realistisch? Oder überfordert er uns nicht einfach? Zunächst: das natürliche Empfinden ist richtig: das kann und das tut kein Mensch – denjenigen lieben, der ihn verfolgt. Wir tun uns ja schon schwer mit der Liebe zur komischen Nachbarin oder dem kauzigen Onkel aus der eigenen Verwandtschaft. Liebe Schwestern und Brüder, hier sind wir aber nicht bei der Überforderung, sondern am Kern dessen, was Christentum heißt: Im Kern geht es sehr massiv um die Frage: Bin ich überhaupt liebesfähig? Und zwar so, dass meine Liebe wirklich den anderen meint – und nicht doch wieder nur heimlicher Egoismus ist, heimlicher Besitzanspruch: Ich habe dich schon lieb, aber nur, wenn Du bist, wie ich es gerne hätte! Oder wenn du mir nützt! So lieben alle, Schwestern und Brüder, aber Jesus liebt anders.

Jesu liebt anders

Und hier sind wir wirklich am Kern des Ganzen: Jesus liebt anders, mehr, tiefer, größer. Und er will uns ein Herz geben, das mehr liebt, das weiter ist und tiefer und größer. Das Problem ist: Wir müssen ihm erst einmal glauben, dass er das will und kann. Wir müssen also wirklich in den Glauben, in das Vertrauen hineinfinden, dass er da ist, dass er wirkt, dass er mein Herz verändern will und kann. Und er fordert uns dazu auf, dass wir ihm unser eigenes Herz geben, dass wir es ihm hinhalten, dass er es bewohnen darf. Der Heilige Paulus hat in der zweiten Lesung heute darauf hingewiesen: „Wisst Ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid?, sagt er. Und dass der Geist Gottes, der Geist Jesu in euch wohnt?“

Der Mensch wird dem ähnlich, was er liebt!

Es ist nicht leicht, das zu glauben, liebe Schwestern, liebe Brüder, weil wir selbst oft nicht allzu glaubwürdig sind, weil wir selbst uns nicht leicht tun, den anderen, von denen wir nichts haben, die uns nichts nützen, die uns vielleicht sogar belasten, Liebe entgegen zu bringen oder wenigstens Achtung, Respekt, Wertschätzung, einfach weil sie Menschen sind, Gottes Geschöpfe. Jesus sagt nun: Aus euch selbst könnt Ihr das nicht. Wenn ihr aber mich sucht, wenn ihr mich liebt und mir vertraut, dann gebe ich euch ein neues Herz, das euch mehr und mehr meinem ähnlich macht. Der Mensch wird dem ähnlich, was oder wen er liebt: Wenn er wirklich Jesus liebt, dann strahlt Jesus nach und nach und mehr und mehr durch ihn durch.

Erhebet die Herzen – Wir haben sie beim Herrn! Wirklich?

Und hier, liebe Schwestern und Brüder, sind wir wieder beim Unterschied zwischen einem Konzert und einem Gottesdienst. Ich werde nachher sagen: Erhebet die Herzen. Und ihr werdet antworten: Wir haben sie beim Herrn. Und ich würde gerne mal nachfragen: Wirklich?! Denn natürlich ist das allzu oft nur schnell daher gesagt und oft ohne Bewusstsein, so gewohnt sind wir es. Aber heute wollen wir es mit Bewusstsein sagen, wir wollen ihm unser Herz öffnen. Und die neue, die prächtige Orgel, das Orchester, der Chor werden das Sanctus spielen und das Benedictus, zwei festliche Gesänge, die sich einerseits auf die himmlische Liturgie beziehen, auf das, was im Himmel immer gefeiert wird: der Lobpreis Gottes das fortwährende „Heilig, heilig, heilig!“, das die Geschöpfe dem Schöpfer darbringen; und andererseits auf den Einzug Jesu in Jerusalem, als die Menschen gerufen haben: Gesegnet sei, der da kommt im Namen des Herrn! Wir feiern also: Jetzt kommt Jesus, hier unter uns. Wir haben Teil an seiner himmlischen Gegenwart und Liturgie, wir huldigen ihm – und wir glauben, er zieht bei uns ein, er wird real gegenwärtig. Und wir singen, spielen und sagen es ihm, dass wir ihn preisen wollen, mit ganzem Herzen. Wir haben unsere Herzen nämlich beim Herrn.

Wir werden dem ähnlich, was wir lieben

Und genau hier, liebe Schwestern und Brüder, liegt auch der Anteil, den ein so großartiges Instrument wie das Ihre beitragen kann – mit einem Organisten wie dem Herrn Bender und natürlich auch anderen. Die Schönheit der Musik kann uns helfen, unsere Herzen zu öffnen, sie zu erheben, damit wir sie wirklich beim Herrn wissen, damit er wirklich unser Herz erobern und verwandeln kann. Ist es nicht so: Bei allem, was sie wirklich gern haben, lassen wir zu, dass es unser Leben tief bewegt und beeinflusst? Nichts beeinflusst, nichts verändert einen Menschen so sehr, wie das, was er liebt. Wir sind als Christinnen und Christen herausgefordert Jesus zu vertrauen und  ja, Jesus zu lieben. Und natürlich, allzu häufig tun wir uns auch richtig schwer damit: Wir wissen ja gar nicht, wie wir ihn lieben sollen, und wer er war. Aber, liebe Schwestern und Brüder, deshalb ist er ja gekommen, hat er sich uns geschenkt, hat uns sein Wort geschenkt, gibt sich uns zur Speise in der Eucharistie! Damit wir vertrauen, damit wir ihm unser Herz geben, damit er es weiten und wandeln kann.

Die große Kunst als Herzenszugang zum Glauben

Und vermutlich verhält es sich auch folgendermaßen: Neben dem, was ich genannt habe, das Wort Gottes, die Sakramente, die Gemeinschaft der Glaubenden, neben dem ist gerade heute womöglich ein anderer, ein erster Zugang zum Glauben noch wichtiger. Vielleicht kommen wir allzu schnell mit Moral oder mit dem, was theologisch wahr und richtig ist, aber vielleicht müssen wir heute zuerst einmal mit dem kommen, was richtig schön ist! Zum Beispiel mit der Musik. Die wirklich große Musik, auch die große Kunst, die große Architektur und Literatur in unserer Kirche, die wurde eben auch zumeist von wirklich gläubigen Menschen geschaffen. Von Menschen, die ihren Glauben, die das Innerste ihrer Seele in ein großartiges Kunstwerk gegossen haben! Und ihm so Ausdruck verleihen. Wenn heute manche Frage nach Moral und Wahrheit des Glaubens auch innerkirchlich in Frage steht, so ist doch unbezweifelbar, dass wir eine unglaublich großartige, weltweite Geschichte höchster Kultur, höchster Schönheit geschenkt bekommen haben in unserer Kirche: und alles von Frauen und Männern, die zumeist wirklich tief gläubig waren. Und womöglich entfaltet sich für viele von dort heute neu und glaubhafter die Frage, nach dem Wahren und dem Guten. Die Schönheit der Musik kann jedenfalls als Anweg in den Glauben Herzen öffnen.

… auf dass Gott verherrlicht werde

Und deshalb wünsche ich Ihnen und uns allen, liebe Schwestern und Brüder, dass sie die Schönheit der Musik, die von der neuen Orgel erklingt, wirklich auch beitragen möge, dass Gott verherrlicht werde und dass unsere Herzen zu Ihm emporgezogen werden. Damit immer mehr dieser neue Gesang, damit das neue Lied auch in unseren Herzen ertönt, damit unser ganzes Leben mehr und mehr ein Kunstwerk werde, sein Kunstwerk, ein Lied zu seiner Verherrlichung. Amen.

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