Mit Maria um den Geist des Aufbruchs beten – Predigt zur Ankündigung der Maria-Hilf-Woche

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben, liebe Gläubige unseres Bistums,

wir haben erst vor einigen Tagen das Pfingstfest gefeiert. Dieses Ereignis erzählt von der Geburt der Kirche, die ab da in der Kraft des Geistes Jesu durch die Zeit geht, die in Gestalt der Jünger Jesu hinaus geht in die Städte und Dörfer, durch die Geschichte hindurch. Es ist die Geburt der Kirche, die verkündigt, was ihr passiert ist. Der Herr, unser Herr Jesus Christus, ist den körperlichen Augen der Menschen nicht mehr sichtbar, aber die Jünger gehen jetzt in der Kraft seines Geistes, der sie trägt, der ihnen innerlich ist, der sie leidenschaftlich sein lässt bis zur Selbsthingabe. Und sie tun es im Bewusstsein, dass sie einen Auftrag haben, eine Aufgabe. Die Kirche ist ihre geistige und geistliche Heimat, weil dort Jesus wohnt, weil dort sein Geist gegenwärtig ist. Und der Auftrag ist: Holt alle Menschen hinein, lasst alle Menschen teilhaben an der großen Versöhnung mit Gott, an der großen Umkehr, an der neuen Hinwendung zu ihm, am Leben in seiner Gegenwart.

Denn es gab sie immer und gibt sie immer noch: diese große Abwendung der Menschen von Gott, es gibt Desinteresse, es gibt Sünde, es gibt Gleichgültigkeit, es gibt Flucht vor Gott, die in die Gier nach allem nur Weltlichen führt. Und wir spüren vermutlich fast alle in unserer Gesellschaft wie sich das heute anfühlt, wenn langsam, schleichend aber immer mehr bestimmte Werte verloren gehen, wenn irgendwie der innerlich tragende gemeinsame Grund einer Gesellschaft wegzubrechen droht, wenn der Glaube verlorengeht. Zum Beispiel der Glaube, dass es über diese Welt hinaus einen Vater gibt, der uns liebt und alles in seinen Händen hält, der wahr ist, gerecht und gut.

Vom Waisenkind zum Gotteskind

Und der ganze Sinn von Jesu Kommen, der ganze Sinn der Sendung der Apostel ist dieser Auftrag: Versöhnung der Menschen mit Gott, ihrem Vater. Heimkehr aus dem Zustand eines Waisenkindes in den Zustand des Gotteskindes. Ein Waisenkind ist jemand, der sich notgedrungen durchsetzen muss in dieser Welt, der seine Ellbogen ausfahren muss, der selber schauen muss, wo er bleibt, der alles an sich raffen muss, um zu etwas zu kommen, um sich Sicherheiten zu verschaffen, weil er ja niemanden hat, der ihn versorgt. Weil er nicht glaubt und vertraut, dass da jemand ist, der sich im Letzten um alles kümmert. Aber ein wirklicher Sohn, eine Tochter, die haben einen Vater, die wissen, dass es jemand gibt, der sich kümmert, der bleibt, der treu ist, egal wie schwierig die Situation ist. Hinausgehen, die Menschen mit Gott versöhnen helfen, das ist der Auftrag der Kirche. Und sie tut es, indem sie Menschen mit Jesus in Verbindung bringt, mit seinem Geist, mit seiner Freundschaft, mit seiner Liebe. Weil er der Sohn schlechthin ist und deshalb der Weg und das Leben. In ihm und durch ihn sind wir mit dem Vater versöhnt. Er macht uns, die Waisenkinder, zu seinen Brüdern und Schwestern, zu Kindern des Vaters.

Aber, liebe Schwestern und Brüder, ein solches inneres Bewusstsein der Zugehörigkeit, das darf wachsen, das darf immer wieder neu geboren und vertieft werden, das braucht Pflege und Reifung. Und wenn wir uns nun fragen: Was haben die Jünger eigentlich gemacht, ehe der Geist gekommen ist, ehe sie den Mut bekommen haben, die Türen zu öffnen, hinauszugehen, sogar ihr Leben aufs Spiel zu setzen? Die Antwort der Lesung, die wir gehört haben, ist die: Sie waren mit Maria, der Mutter Jesu, vereint im Gebet. Alle  Apostel und andere mehr. Warum ist sie so wichtig? Und warum sind wir heute hier bei ihr und bitten sie als Hilfe der Christen? Weil sie als allererste Person die Trägerin des Geistes Gottes schlechthin ist. Das, was die Jünger an Pfingsten erleben, das ist in ihr schon ganz da. „Der Heilige Geist wird dich überschatten und du wirst einen Sohn gebären“, hatte der Engel schon Jahrzehnte vor Pfingsten zu ihr gesagt und „Du bist voll der Gnade“. In ihr ist schon längst Pfingsten gewesen, von Anfang an. Sie war und ist und bleibt erfüllt vom Heiligen Geist.

 In Gegenwart der Geisterfüllten werden wir selbst vom Geist erfüllt

Und sicher, liebe Schwestern und Brüder, haben Sie das alle auch schon erlebt: Wenn Sie in der Gegenwart eines Menschen sein dürfen, der das hat, was wir eine gute Ausstrahlung nennen oder eine intensive Präsenz, dann macht das auch etwas mit Ihnen. Und wenn dieser Mensch Ihnen dann auch noch zugewandt ist, wenn er Sie mag, wenn er etwas von seinem Leben mit Ihnen teilt, und Ihr euch einander öffnet, dann bewegt das auch etwas in Ihnen. Dann springt manchmal der Funke über, wie man sagt, dann nehmen Sie auf einmal auch teil am Geist dieser Person. Und daher denke ich mir immer wieder, liebe Schwestern und Brüder, wie gerne wäre ich am Anfang dabei gewesen. Mit der Mutter Gottes vereint im Gebet darum, dass die Jünger alle Seinen Geist empfangen, so dass von unten im gemeinsamen Beten gewissermaßen der innere Boden, der Herzensboden bereitet wird, damit sie alle ebenso empfänglich werden wie Maria, wie die Mutter. Und wie gerne hätte ich dann dieses erste Pfingsten miterlebt, die große Öffnung, das große Feuer, die große Verständigung im Geist der Wahrheit und der Liebe über die Grenzen von Nationen hinweg. Das Erfüllt-sein mit dem Geist Jesu und mit der Erkenntnis: Diese Erfahrung, diese Begegnung ist wichtiger und größer als nur mein eigenes Leben.

Wir waren nicht dabei, leider, aber unser großer Trost ist, liebe Schwestern, liebe Brüder, wir leben in der pfingstlichen Kirche. In der Kirche, der Jesus seinen Geist, seine Gegenwart, seine Kraft zugesagt hat, bis zum Ende der Welt. Und wir wissen aus der Geschichte der Kirche, dass das mit den pfingstlichen Aufbrüchen nicht zu Ende ist, dass es immer wieder neu beginnt, immer wieder vor allem dort beginnt, wo Menschen sehnsüchtig sind nach seiner Gegenwart, sehnsüchtig sind nach seinem Kommen, sehnsüchtig nach Aufbruch, nach Hinausgehen, nach der Fähigkeit, selbstbewusst, frei und doch demütig erzählen zu können, welche großen Dinge der Herr an uns tut und vor allem in uns tut.

 Don Bosco und die Hilfe der Christen

Und das, liebe Schwestern und Brüder, das ist der Grund, warum wir heute hier sind, hier bei derjenigen, die von uns als die Hilfe der Christen verehrt wird. Mein Ordensvater Don Bosco hat sich diesen Titel im Laufe seines Lebens zu eigen gemacht, obwohl er Maria zunächst intensiv unter dem Titel der „Immaculata“ verehrt hatte. Aber irgendwann hat er von der Auxiliatrice gesprochen, von der Helferin oder Hilfe der Christen. Und ich vermute nicht ohne den Einfluss der Maria-Hilf-Verehrung aus Süddeutschland, die hier bei uns in dieser Kirche mit diesem Gnadenbild einen ihrer zentralen Ausgangspunkte hat. Und Don Boscos starke Betonung dieses Titels der Verehrung hat dazu geführt, dass Mariahilf im ganzen südeuropäischen und lateinamerikanischen Raum und an vielen Orten der Welt mit Don Bosco und uns Salesianern in Verbindung gebracht wird. Aus dieser Tradition feiert die ganze Don-Bosco-Familie, also alle Gemeinschafen und Gruppen, die sich auf diesen Heiligen beziehen, diesen 24. Mai heute als das Hochfest Maria hilf.

Und nun bin ich, liebe Schwestern und Brüder, wirklich durch himmlischen Zufall und nicht durch eigenes Drängen am 24. Mai zum Bischof geweiht worden, ausgerechnet als Salesianer Don Boscos und ausgerechnet in Passau, wo es dieses wichtige Maria-Hilf-Heiligtum gibt, bei dem wir heute versammelt sind. Mir scheint als wollte Don Bosco durch seine Verehrung die Mutter Gottes auch zur aktiven Hilfe bewegen. Der Titel Immaculata, „unbefleckte Empfängnis“ ist ja richtig, aber damit ist noch kein Tun Mariens angezeigt. Und Don Bosco war völlig überzeugt davon, dass Marias Hilfe, ihr Mitwirken darin besteht, unsere Herzen für Jesus zu öffnen. Sie ist die Mutter der Kirche, sie ist darin auch die Mutter aller Getauften und sie führt uns wie ihre Kinder und wie damals die Apostel so in die gemeinsame Innerlichkeit, dass wir lernen, immer tiefer Ja zu sagen zu Jesus, zu seinem Geist. Wir lernen immer mehr wie sie zu Gott zu sagen: „Mir geschehe nach deinem Wort“; wir lernen ernst zu nehmen, was wir im Vater Unser beten: „Dein Wille geschehe“, nicht meiner. Das tut Maria helfend in uns und für uns und führt uns so in der Gemeinschaft der Kirche ihrem Sohn entgegen, und öffnet uns für seinen Geist.

Und deshalb, liebe Schwestern, liebe Brüder, habe ich angeregt, ob wir nicht eine ganze Woche im Bistum begehen könnten, die sich ihrer Hilfe anvertraut, ihrem Beten mit uns und für uns um den Heiligen Geist. Die Bistümer ringsum haben solche Wochen, die sie in der Regel mit ihren Bistumsheiligen verbinden, in Regensburg etwa gibt es die Wolfgangswoche, in Augsburg die Ulrichswoche, in Eichstätt die Wilibaldswoche und anderes mehr – und bei uns nun die Maria-Hilf-Woche, in der wir natürlich auch unseres Bistumsheiligen mit hineinnehmen, Valentin, Maximilian und Bruder Konrad und auch um ihre Fürsprache bitten wollen.

Als pfingstliche Kirche vereint um den Geist bitten

Aber ich finde den Gedanken auch besonders schön, dass wir in dieser Maria-Hilf-Woche besonders die pfingstliche Kirche sein wollen, die Kirche, die um sie versammelt und in ihrer Nähe darum bittet, dass uns der Heilige Geist geschenkt wird, mit Feuer, mit Kraft, mit Leidenschaft für Jesus. Wir bitten darum, dass wir als Menschen der Kirche die Erfahrung machen dürfen, wirklich zu Christus zu gehören und zugleich zusammen zu gehören im Bistum.

Wir sind in der einen großen Weltkirche die Kirche von Passau und wir sehnen uns danach lebendig zu sein und wieder zu wachsen. Wir wollen nicht in das allgemeine Lamento vom Rückgang und vom Glaubensverlust einstimmen, wir wollen vielmehr voller Freude unserer eigenen Kirche und der Welt um uns sagen: Wir wissen, wohin wir gehören, wir haben einen Vater und in der Kirche in Maria eine Mutter. Wir haben einen Erlöser, der unser Bruder geworden ist. Und wenn Du von diesem Geist innerlich erfüllt wirst, dann darfst Du spüren: Du bist daheim. Und dann wirst Du auch befähigt, andere einzuladen, in dieses Daheim. Und so darf ich nun in dieser Maiandacht voller Freude unser ganzes Bistum der Helferin der Christen weihen. Und ich darf gleich auch die Maria-Hilf-Woche ausrufen, die wir in Zukunft immer in der Woche vor dem Termin der Priesterweihe feiern werden.

Wenn Sie sich fragen, warum erst dann und nicht gleich ab heute, dann schlicht deshalb, weil der heutige Tag sehr häufig mit den Pfingsttagen, mit Fronleichnam, mit Ferien und anderen Ereignissen umgeben sein wird, die eine Planung einer solchen Woche schwierig machen.

Deshalb heute diese Marienandacht mit Weihe und dann ab 24. Juni in einer ganzen festlichen Woche zu deren einzelnen Feiern und Veranstaltungen ich jetzt schon einladen möchte. Unser Heiliger Vater hat dieses Jahr zum Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen. Möge Maria, die Hilfe der Christen, auch unsere Helferin sein, dass die Menschen durch uns Gottes barmherzige Liebe erfahren können. Maria, Du Hilfe der Christen und Mutter der Barmherzigkeit, bitte für uns. Amen.