Petrus hat Jesus als den Messias erkannt

„Petrus, liebst du mich?“ Wie diese Frage den Apostelfürst verwandelte. Die Predigt zur Einweihung des Noviziats der Legionäre Christi in Alzgern bei Altötting.

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,
wir haben eben das berühmte Evangelium von Petrus dem Felsen gehört, von dem Mann, auf den der Herr seine Kirche gebaut hat. Der Mann mit der Schlüsselgewalt für den Himmel. Sehr beeindruckend und unsere Bilder, in denen Petrus als mächtige, große, bärtige Gestalt mit dem Schlüssel dargestellt wird, die kommen von solchen Schriftstellen, wie der eben gehörten. Aber warum hat ausgerechnet Petrus diese herausgehobene Position bekommen, der Erste in der Kirche zu sein, derjenige, der als Apostelfürst vorangeht?

Unser Herr antwortet sehr klar: Petrus hat ihn, Jesus, erkannt als den Messias Gottes und er hat ihn bekannt. „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Aber Jesus macht auch klar: Lieber Petrus, die Klarheit dieser Erkenntnis und dieses Bekenntnis, die hast du nicht einfach aus Dir selbst. Das ist kein natürliches Talent oder eine besondere Begabung deines tiefen Charakters. Vielmehr hast du es, weil dich Gott dazu erwählt hat. Er, der Vater im Himmel, hat dir die besondere Einsicht in den Glauben geschenkt und der Vater und ich, Jesus, statten dich deshalb nun aus mit dieser Aufgabe, der Felsen zu sein und fortan im Glauben der ganzen Kirche voranzugehen.

„Petrus hat das nicht aus sich selbst“

Liebe Schwestern und Brüder, Petrus hat das nicht aus sich selbst. Er hat etwas Großes, eine große Berufung geschenkt bekommen. Und wenn Gott schenkt, wenn Gott Gaben austeilt, dann sind diese in der Regel zugleich Aufgaben. Dann schenkt er uns mit den Gaben auch die Kraft und die Fähigkeit, sie zu entfalten und zu bewähren. Er schenkt uns die Möglichkeit zur Mitwirkung an seinem großen Heilsplan.

Ist es nun nicht besonders interessant, dass uns der Evangelist Matthäus, von dem wir eben diese berühmte Evangeliumsstelle gehört haben, im unmittelbaren Anschluss daran gleich eine Episode erzählt, in der derselbe von Jesus eben beförderte Petrus nun gleich mit dem schlimmstmöglichen Attribut belegt wird, das man sich denken kann? Worum geht es? Nun, gleich nachdem Jesus seine Kirche auf Petrus, den Felsen gebaut hat, erzählt er den Jüngern von dem Schicksal, das ihn alsbald in Jerusalem ereilen wird. Er werde vom religiösen Establishment vieles erleiden, er werde sogar getötet werden, aber am dritten Tag werde er auferstehen.

Im Sinn haben, was Gott will

Petrus scheint gar nicht zu verstehen, er scheint nur zu hören, dass auf den Meister und Freund Bedrohliches und Leidvolles zukommen wird. Und man kann sich das richtig vorstellen, wie er Jesus voller Entsetzen auf die Seite nimmt und vielleicht folgendes sagt: „Herr, das geht doch nicht. Das darf doch nicht sein. Jetzt läuft doch gerade noch alles so gut. Ganz viele Leute lieben Dich und eben noch hast du mich sogar befördert. Da kannst Du doch nicht vom Sterben sprechen. Wir brauchen dich doch noch so sehr.“

Und nun kommt das unglaublich Überraschende und Dramatische: Derselbe Petrus, der Fels, der eben noch die Zusage bekommen hatte, die Mächte der Unterwelt würden ihn nicht überwinden, eben dieser bekommt nun bescheinigt, dass ihn die Zentralmacht der Unterwelt quasi sofort überwunden hat. Jesus sagt zu ihm: „Satan, geh mir aus den Augen. Du willst mich zu Fall bringen, denn Du hast nicht im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.“

Der Felsenmann Petrus und sein Verrat

Der Satan arbeitet offenbar in Petrus daran, zu verhindern, dass er der Fels ist und er arbeitet daran, dass der Wille Gottes in der Herzenserkenntnis des Petrus eliminiert wird. Ist das nicht ein erstaunlicher Fortgang der Erzählung vom Felsenmann? Sie wird im Grunde noch viel erstaunlicher, wenn wir den Verrat bedenken, den der große Felsenmann Petrus genau dann begehen wird, als es für Jesus drauf ankam. Eine einfache Dienstmagd hat ihn den Apostelfürsten dazu gebracht, zu lügen und zu verleugnen: „Ich kenne ihn nicht.“

Und wie bereut er bitterlich weinend im Anschluss an diesen Verrat. Ja, Petrus, in dir und in uns allen ist diese Seite, die sich wirklich schwer tut, bei Jesus zu bleiben, wenn es schwer wird. Ja, Petrus, an dir sehen wir, wie wir alle, Felsenmänner hin oder her, dazu neigen, zu Verrätern des Glaubens, mehr noch zu Verrätern von Jesus als unserem Messias zu werden.

Wie sehr trägt unser Glaube?

Es geht in uns allem um die Frage: Wie sehr trägt unser Glaube, auch dann, wenn es ernst wird. Es geht um unsere Glaubwürdigkeit. Und es geht im speziellen Fall von Petrus noch zusätzlich das Verhältnis von dem Amt, das Gott schenkt, von dieser objektiven Berufung einerseits zu seinen persönlichen Anliegen, Wünschen, Bedürfnissen. Es geht hier also auch um die Spannung von Amt und Person, die die Hl. Schrift hier voll offen legt und austrägt.

Übrigens, fast keiner der Apostel, die in den Evangelien genannt werden, kommt als Träger seines Amtes in der Gegenwart Jesu besonders gut weg: Beständig werden sie uns als Kinder im Glauben, als Lernende oder gar als Versager geschildert. Erst in ihrem persönlichen Reifungsweg nach Ostern und Pfingsten, erst jetzt wird ihnen Jesus so innerlich, dass sie zu den Aposteln zu den tragenden Säulen werden, zu denen sie der Herr schon längst bestimmt hatte.

Sind wir noch auf dem Weg?

Auch das, liebe Schwestern und Brüder, ist eine Frage an uns alle: Sind wir noch auf dem Weg, auf dem Liebes- und Reifungsweg unseres Glaubens? Oder meinen wir, wir sind schon fertig damit, vor allem deshalb, weil wir halt Wissen haben. Das Beispiel des Petrus zeigt uns: Wissen alleine macht es noch längst nicht.

Liebe Mitglieder des Ordens der Legionäre Christi und der Gemeinschaft Regnum Christi. Sie sind mit ihren Gemeinschaften in den letzten Jahren durch eine sehr leidvolle Erfahrung gegangen. Als Angehöriger einer Ordensgemeinschaft weiß ich selbst, wie zentral das Charisma des Gründers für die Identität einer ganzen Gemeinschaft ist. Und es ist vor allem deshalb so zentral, weil wir sehen: Hier hat ein Mensch ein großes Charisma empfangen und er hat es im gelingenden Fall dann auch noch mit seinem ganzen Leben bewährt.

Gründergestalten kommen nicht als Heilige auf die Welt

Berufung, Amt und Person sind bei den großen Gründergestalten eine Einheit geworden. Und auch hier darf man sich keiner Illusion hingeben: Auch jede Gründungsgestalt eines Ordens, Mann oder Frau, geht durch leidvolle Erfahrungen, durch Versuchungen und Bewährungsproben und die Kirche bewertet erst vom Ende ihres Lebens her, wie diese Menschen ihr Charisma letztlich bewährt haben und ob und wie sie darin gereift sind, wie sie darin zu denen geworden sind, als die wir sie heute verehren. Keiner von ihnen ist schon als Heiliger auf die Welt gekommen! An Petrus sehen wir es vielleicht am deutlichsten.

Sie, liebe Legionäre Christi und liebe Mitglieder der Gemeinschaft Regnum Christi, haben unter der Führung von Papst Benedikt und Papst Franziskus, von der Kirche bestätigt bekommen, dass das Charisma Ihres Anfangs eine Gabe Gottes ist, und auch, dass Sie damit ganz in der Kirche stehen. Dieses Charisma war ihrem Gründer und den Weggefährten des Anfangs geschenkt worden und wir müssen und dürfen heute sagen: Der Gründer hat das Charisma nicht bewährt, er ist darin wohl auch nicht gereift.

Missbrauch und Klärung

Es scheint eher so zu sein, dass er es in dramatischer Weise missbraucht hat. Nicht nur das: er hat im Vergehen gegen dieses Charisma auch Menschen in dramatischer Weise missbraucht. All dies ist erst in den letzten Jahren ausdrücklich gemacht und bekannt geworden. Und es gereicht vielen von Ihnen, die Sie als Mitglieder der Legionäre und des Regnum Christi noch hier sind, zur Ehre, dass Sie nun unter der Begleitung durch einen päpstlichen Delegaten einen Weg der Erneuerung, der Transparenz, der Klärung, Reinigung und Vertiefung ihres Charismas begonnen haben.

Reinigung bedeutet auch: Sie haben versucht zu verstehen, was das originale Charisma ist, das Ihr Gründer und mit ihm die Gemeinschaft empfangen hat und Sie haben dann versucht, all das auch von dem zu reinigen und zu trennen, was durch die problematische Persönlichkeit des Gründers ebenfalls in ihre Gründungsdokumente und Konstitutionen Eingang gefunden hatte. Was also gehört zur objektiven Berufung und was gehört zur problematischen Person des Gründers? Und wie lässt sich beides voneinander trennen, um zu verstehen, wo der Weg der Gemeinschaft der Legionäre Christi, zusammen mit der Laiengemeinschaft Regnum Christi hingehen kann.

Kraft für den Erneuerungsprozess

In formaler Hinsicht ist dieser Erneuerungsprozess zu einem gewissen Abschluss gekommen: Sie haben Ihre Ordensregeln in einem längeren Generalkapitel neu geschrieben. Sie haben also gewissermaßen nun eine gedruckte Formulierung Ihres Charismas und Ihrer Lebensordnung in Händen. Auch das war bereits ein tiefgehender Prozess.

Aber nun geht es darum, diese neue Ordnung im konkreten Leben zu bewähren, vor allem auch in der Ausbildung der Novizen, die hier in unserem Bistum Passau einen neuen, zentralen Ort findet. Ich wünsche Ihnen allen dazu von ganzem Herzen den reichen Segen des Herrn und den Mut, die innere Kraft, die Einheit von Gehorsam und Freiheit, die allein aus der Liebe zu Ihm kommt. Viele in unserer Diözese und ich selbst eingeschlossen, begleiten Sie mit unserem Gebet.

Begegnung in der Pleite

Ich möchte aber zusammen mit diesen Wünschen die Geschichte von Petrus noch einmal aufgreifen, um deutlich zu machen, was aus meiner Sicht der Kern dieser Erneuerung ist: Im Evangelium nach Johannes begegnet Petrus dem Auferstandenen am See von Tiberias. Die Jünger waren zuvor eigentlich zum Fischen gegangen, also nach der Enttäuschung und Verzweiflung des Karfreitags in ihr altes Leben zurück gekehrt. Auch hier ist Petrus der Anführer. Aber diese Rückkehr erweist sich als Pleite. Sie fangen nichts.

Erst mit der rätselhaften Erscheinung und Begegnung mit Jesus am Ufer und auf seine Weisung hin werden die Netze voll. Petrus darf dann zusammen mit dem Liebesjünger Johannes erkennen: Es ist der Herr. Und nun, liebe Schwestern und Brüder, nun folgt die dramatische Begegnung unter vier Augen zwischen dem ehemaligen Großsprecher und dann erbärmlichen Verräter Petrus und seinem Herrn.

„Petrus, liebst du mich?“

Wir haben schon gehört, dass Petrus weinend bitterlich bereut hatte. Er hatte wirklich versagt. Und nach alledem, was Jesus seitdem erlitten hat, hätte dieser wirklich alle Gründe in der Hand, um dem Petrus Vorwürfe zu machen, ihn anzuklagen, ihn abzuurteilen. Wie viel hatte Jesus in seinen Felsen investiert und wie unfassbar viel hatte er nun in Folter und Kreuzestod erdulden müssen – erbärmlich verlassen und verraten von Petrus und den anderen.

Mit welchen Zornesausbrüchen und Anklagen also würde so eine Begegnung danach unter menschlichen Gesichtspunkten ausfallen – und zwar völlig zurecht? Aber wie unfassbar klar und voller Liebe findet sie nun statt. Dreimal hatte Petrus Jesus geleugnet und dreimal fragt ihn der Herr schlicht: Petrus, liebst du mich.

Im Herzen berührt

Und in den drei Antworten spüren wir förmlich, wie Petrus ringt, wie er dem Herrn erklärt, dass er ihn liebt, wie er aber auch um die Begrenztheit dieser Liebe weiß. Aber er bleibt stehen, er lässt sich von Jesus anschauen – und das Entscheidende ist wohl: Er lässt sich im Herzen berühren von dieser Frage, diesem Blick, dieser Zuwendung.

Und was sagt Jesus nun diesem so unvollkommenen Freund: Er sagt schlicht: Du bist wieder im Amt. Weide meine Schafe. Du gehörst wieder dazu. Ich setz Dich wieder ein, weil es in diesem Dienst um Liebe geht, um Versöhnung, und darum aus der Erfahrung der vergebenden Liebe Gottes mitzuwirken am Aufbau des Reiches. Erst jetzt, Schwestern und Brüder, erst jetzt kann Petrus wirklich gestärkt, verwandelt als Felsenmann hinausgehen und sein Charisma bewähren. Und wie er es schließlich bewährt hat als Petrus, der Fels, bis in den Tod.

Es geht um die Liebe Christi

Liebe Mitglieder der Regnum Christi Familie, liebe Legionäre Christi. Das ist der Kern und das haben Sie auch in der Erneuerung Ihrer Statuten herausgestellt: Es geht um die Liebe Christi und darum, dass wir alle von ihr mehr und mehr berührt, erfasst und verwandelt werden. Wir sind nicht die Macher. Wir sind Antwortende auf den, der uns zutraut, dass wir am Aufbau seines Reiches mitwirken.

Lassen Sie sich immer neu davon berühren und antworten Sie immer mehr mit Ihrem ganzen Leben auf diese Liebe. Dann wird der Weg gut und dann wird auch dieses Noviziat hier und werden die Aktivitäten Ihrer Gemeinschaften Segen und Frucht bringen. Gott gebe es. Amen.