Sag, wie hältst Du es mit dem Kreuz? Und mit Markus Söder?

In Verschiedenes, Wortmeldungen von Bischof Stefan Oster SDB2 Kommentare

Kürzlich bin ich auf einen Artikel gestoßen, der mir immer noch zu denken gibt: Unter einem Link, den ich unten angefügt habe, kommen 13 große Vordenker, Erfinder und Pioniere des Internet und der Social-Media-Welt zu Wort. Mit einem brutalen, sehr ernüchternden Fazit, das da sinngemäß lautet: Wir wollten eine bessere Welt erschaffen – und haben ein Monster kreiert, das uns süchtig macht, totalitär regiert und uns bis in unsere intimste Privatsphäre hinein ausspioniert. Das Internet ist, so bekennen sie, eine Waffe für Manipulation von Menschen und ganzen Gesellschaften geworden – und bedroht inzwischen Demokratie durch Fragmentierung, anstatt sie zu vertiefen. Die Pioniere hatten sich ursprünglich selbst als linke Sozialisten wahrgenommen, die die Welt und die Gesellschaften mit dem Internet verbessern wollten, mit Werten, die sich selbst geben wollten – und haben im Grunde das Gegenteil erreicht. Die schier unendlichen Möglichkeiten, mit dem Internet Geld zu verdienen, haben der Gier den Vorrang gegeben – und die anfänglichen Ideale verschwinden lassen. So kommt es, dass sich die einstigen Internet-Entwickler die ehrliche Frage stellen: Ist es eigentlich schon zu spät für eine Umkehr? Einfach weil die wenigen handelnden Internet-Riesen inzwischen so viel überstaatlichen Einfluss, Geld und Macht angehäuft haben, dass sie nicht mehr kontrollierbar sind? An einer Stelle des Artikels ist die Rede von einer Art Pseudo-Religion, die sie geschaffen hätten: mit messianischen Verheißungen – und mit der Ursünde, daraus zugleich ein Geschäftsmodell machen zu wollen.

„Christlich“ im weitesten Sinn des Wortes heißt fast immer „gut“ 

Warum diese Einleitung zu einer Frage, die unseren medialen Betrieb zur Zeit so umtreibt – die Frage nach dem Kreuz? Weil es Zeit ist, sich gemeinsam damit zu beschäftigen, was unsere Gesellschaft eigentlich im Inneren zusammenhält. Die These: Wenn eine freiheitliche, rechtsstaatliche Demokratie überleben und funktionieren will, braucht sie immer neu Erinnerung, Verinnerlichung und Vergegenwärtigung der historischen, kulturellen und sittlichen Grundlagen, aus denen sie hervorgegangen ist.

Es gibt wenig anderes, was die europäische Gesellschaft so geprägt hat wie das Christentum – und ich möchte das zunächst in einem möglichst weiten Bedeutungsspektrum verstanden wissen. „Christlich“ in diesem Sinne heißt im Grunde für die meisten Menschen bei uns – ob gläubig oder nicht – irgendwie „gut“. „Christlich handeln“ wird von den allermeisten verbunden mit „gut handeln“, „gerecht handeln“, „liebevoll sein“. Und das so genannte „christliche Menschenbild“ ist eben eines, in dem wir jedem Menschen Würde zusprechen, unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Hautfarbe, religiösem Bekenntnis, Grad der Behinderung, geschlechtlicher Orientierung und anderem mehr. Die Zugehörigkeit zur Gattung Mensch garantiert aus christlicher Sicht den Besitz einer unverlierbaren Würde. Die Väter unseres Grundgesetzes haben dies gewusst und bewusst zum Basisartikel allen staatlichen Handelns gemacht: Die Würde des Menschen ist unantastabar!

Der Ministerpräsident: Überzeugung oder Kalkül?

Von hier zum bayerischen Ministerpräsidenten. Ich freue mich über jedes Kreuz, das ich in Bayerns Ämtern, Behörden, staatlichen Stellen sehe – und zukünftig noch mehr sehe. Freilich mag man über die Motive des Politikers streiten. Ist Ministerpräsident Söder einer, der aus christlicher Überzeugung handelt und tatsächlich auch den Glauben, die christliche Identität der Menschen stärken will? Möchte er wirklich zeigen, dass das Kreuz tief hinein verwoben ist in das, was unsere Kultur und Geschichte, das Werden und Wachsen unseres Volkes und Freistaates ausmacht?

Oder ist da auch Kalkül dabei im Wahlkampf? Instrumentalisierung eines Symbols, das vielen heilig ist? Er selbst wolle das Kreuz in den staatlichen Einrichtungen verstanden wissen als Zeichen der Erinnerung an Menschenwürde, Nächstenliebe und Toleranz, sagt er. Als Kirchenmann verstehe ich das Kreuz ebenso, aber eben auch weiter und tiefer: Es steht auch für die Gottesliebe, für die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen, für den Sieg Jesu über Sünde und Tod, für den offenen Himmel, für die Gemeinschaft der Glaubenden, für das Zusammen von Himmel und Erde, von Menschheit und Gott, dem Vater aller Menschen.

Aber anders als bei den Utopie-Träumen der Internetsozialisten ist es mit dem Kreuz eben so: Es kann gar nicht in einem letzten Sinn nur benutzt werden. Es entstammt letztlich nicht unseren eigenen Ideen, Idealen und Wertvorstellungen – sondern selbst dann, wenn es benutzt und verfügt wird, bleibt immer ein Rest von Unverfügbarkeit. Eben weil ein Gekreuzigter für den nur menschlichen Blick noch kein Heilszeichen ist, sondern gut biblisch: Ärgernis oder Torheit (1 Kor 1,23). Das Kreuz kommt bleibend „von außen“, es kommt von Gott in die menschliche Welt, in unsere Welt, in der wir so gerne über alles verfügen und nicht selten auch alles zu Geld oder zum Wahlerfolg, zum Ruhm oder äußerem Wohlbefinden machen wollen. Es durchkreuzt solche letzten Ambitionen und verweist immer neu auf das Wesentliche, das weder der einzelne Mensch noch ein Staat letztlich nicht selbst herstellen, sondern nur empfangen kann.

Das Kreuz bleibt auch unbequem und verunmöglicht Totalitarismus

Wer aber das Kreuz wirklich anfängt ernst zu nehmen, der wird schnell begreifen, dass es auch unbequem ist, dass es herausfordert, dass es einlädt zur Demut, zur Gottes- und Nächstenliebe und zum Dienst am Anderen und am Gemeinwohl. Ich glaube, auch das kann man sehen: Wo das Kreuz in erster Linie machtpolitisch instrumentalisiert wurde, dort wendet es sich am Ende gegen den Instrumentalisierer: Kreuzzüge, Religions- und Konfessionskriege ließen sich hier anführen. Ein totalitäres gesellschaftliches Gebilde ist jedenfalls mit Berufung auf das Kreuz und den Gekreuzigten aus meiner Sicht radikal unmöglich. Ein Staat, der das Kreuz im tiefen Sinn des Wortes er-innert macht damit deutlich, dass er selbst keine totalitäre Organisation sein will, kann und darf, dass er sich auch als Staat nicht selbst quasi vergöttlichen darf, sondern dass er seine eigentlichen Grundlagen von woanders her empfängt.

„Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“ 

Ich kann natürlich nicht in das Herz von Markus Söder sehen. Aber ich frage: Wer von uns ist immer schon eindeutig in den Motiven seines Handelns? Oder anders: Welcher Politiker in einer Demokratie ist in seinem Handeln je frei vom Blick auf den Effekt auf potentielle Wähler?

Also will ich ihm unterstellen, dass er für das Land und seine Bewohner das Gute will, dass er die Bürgerinnen und Bürger wirklich an das erinnern will, was Bayern in herausragender Weise geprägt und geformt hat: seine christliche Geschichte. Und ich will dafürhalten, dass er die Bayern auch stärken will im Bewusstsein, dass das Christentum und sein Gottesverständnis ein modernes Verständnis von Staat und Religion erst mit ermöglicht und begünstigt hat – auch wenn dieses Verständnis erst errungen worden ist in der Geschichte und nicht wie selbstverständlich immer schon da war. Vielmehr gehören auch die Zeit und Erfahrung der Aufklärung und die Selbsterfahrung des Christentums darin ebenso tief in die Geschichte mit hinein, zusammen mit anderen Erscheinungsformen, die unser Leben und Denken geprägt haben.

Aber besonders das Wort Jesu „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört und Gott, was Gott gehört“ – eröffnet und ermöglicht das ergänzende und doch freie Ineinander dieser beiden maßgebenden, gesellschaftsprägenden Faktoren Kirche und Staat, wie das bei uns gelingend gelebt wird. Daher gibt mir in der Frage, wie ich es denn mit dem Ministerpräsidenten und seinem Kreuzaufruf halte, auch die folgende Bibelstelle Orientierung – wie gesagt, ohne irgendetwas über seine eigentlichen Motive sagen zu wollen oder zu können: Als Jesus von seinen Jüngern im Markus-Evangelium erzählt wird, dass da einer in seinem, in Jesu Namen Dämonen austreibe, und dass die Jünger ihn daran hindern wollten, weil er nicht bereit war, ihnen nachzufolgen – da antwortet ihnen Jesus: „Hindert ihn nicht. Keiner, der in meinem Namen Wunder tut, kann so leicht schlecht von mir reden“ (Mk 9,:39)

Der Wert jedes Menschen

Daher: Unser modernes Verstehen des Menschen als Person mit unverlierbarer Würde, Freiheit, Unwiederholbarkeit und Einzigartigkeit, mit seinen grundlegenden Menschenrechten – ein solches Menschenbild ist ohne den Beitrag des christlichen Glaubens in unserer Kultur nach meiner Überzeugung nicht denkbar – und damit eben nicht ohne das Kreuz. Der Glaube, dass vor Gott ein Mensch so viel wert ist, dass Gott beschließt Mensch zu werden, um für ihn aus Liebe zu sterben, dieser Glaube hat unser Verstehen von der unantastbaren Menschenwürde eines jeden erst ermöglicht und mit hervorgebracht – einschließlich der Freiheit des religiösen Bekenntnisses.

Bruder Konrad und der Blick aufs Kreuz

Eben dieses Menschenbild, der Mensch in seiner Würde und Freiheit, sollte Fundament allen politischen Handelns sein. Das Kreuz kann uns gerade in schwierigen Zeiten daran erinnern, dass das auch so bleiben soll. Und es kann darin Einheit stiften und gerade nicht Spaltung. Dass das politische Handeln nicht immer eindeutig am Kreuz zu messen ist, dass sich Interessen überschneiden, dass die Welt komplexer wird, ist evident. Aber die Frage: Wie würde der handeln, der sich hat ans Kreuz schlagen lassen?,  ist auch für Politiker und Staatsbedienstete in welcher Situation auch immer, tatsächlich eine bleibend wichtige Frage. Bruder Konrad, der bayerische Heilige aus Altötting, Patron des Bistums Passau, dessen 200. Geburtstag wir in diesem Jahr feiern dürfen, hat jedenfalls gesagt: „Nur ein Blick auf das Kreuz lehrt mich in jeder Gelegenheit, wie ich mich zu verhalten habe“. Und wenn sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unseres Staates bei den aufgehängten Kreuzen in unseren Ämtern und Einrichtungen zukünftig bei ihrem Handeln und Entscheiden ebenfalls immer wieder vom Blick auf das Kreuz leiten lassen – ist das für unser Land sicher eher zum Segen als zum Schaden.


Link zu den Internet-Pionieren: http://nymag.com/selectall/2018/04/an-apology-for-the-internet-from-the-people-who-built-it.html

 

Kommentare

  1. Susanne Moehring

    Verehrte Exzellenz,

    vielen Dank, daß Sie in eine aktuelle Debatte eingestiegen sind und Aspekte aufgegriffen haben, die zumeist in der gesellschaftlichen und politischen Debatte verloren gehen. De Betrachtungen über Sinn und Unsinn, Wert und Schaden, Gebrauch und Mißbrauch, Macht und Machtverlust seit dem Start des Internets vor 30 Jahren bis heute werfen eine uralte Frage auf, die mit der Technik an sich nichts zu tun hat : Alles dem Menschen an die Hand Gegebene kann dieser zum Nutzen und im Sinne Gottes für den Menschen einsetzen oder aber auch zum genauen Gegenteil und damit dem Gegenspieler ein Betätigungsfeld einräumen.

    Ich selbst habe seit Anbeginn der Online-Welt mich in dieser bewegt, diese mitentwickelt, darin Ausdruck und Beruf gefunden, aber eben auch mit wachem Auge und Sinnen die Schattenseiten und deren Entwicklung wahrgenommen. Idealisten und Freaks starteten eine kleine Welt für sich udn diese Welt hat über die Zeit sich zu einem Abbild auch der analogen Welt in der Verzahnung mit derselben entwickelt. Also liegt es an mündigen und verantwortungsbewußten, wie auch gottesfürchtigen Menschen sich dessen bewußt zu werden und danach zu handeln, online wie offline.

    Ihr weiterer Aspekt im politischen und gesellschaftlichen Raum das Kreuz und Jesus Christus sichtbar ins Alltagsbewußtsein der Menschen zu rücken, trifft voll und ganz meine Überzeugung, weshalb ich auch diesen Schritt und diese Entscheidung von Herrn Söder begrüße – ungeachtet möglich unterstellbarer sonstiger Motive.

    Oftmals läßt sich leichter FÜR eine Sache argumentieren, wenn man ihre Negation als Alternative ins Blickfeld nimmt :
    Also nehmen wir mal hypothetisch den Gedanken kurz auf, was unsere Reaktionen wären, wenn im öffentlichen, politischen und gesellschaftlichen Raum alle Kreuze und alle Wegkreuze, alle Standbildnisse Heiliger, alle roten Grableuchten entfernt würden, um bloß nicht jemanden daran Anstoß nehmen zu lassen, direkt mit dem Bild Christi, seinen Symbolen oder christlichen Gedanken und Traditionen konfrontiert zu werden. Ich meine mich zu erinnern, daß wir diese Debatte vor 20 Jahren schon einmal hattenm, als es darum ging in Schulen Kreuze abzuhängen, in Gerichten diesen keinen Raum mehr geben zu wollen etc.

    Ich lasse allen Lesern hier diese Vorstellung unkommentiert meinerseits offen stehen ….

    Aber neben allen treffenden und für mich wichtigen Aspekten, die Sie bereits genannt haben, weshalb es ein Segen sein wird, das Kreuz wieder mehr in den Blick zu nehmen, kann ich nur aus eigener Erfahrung sagen :
    Wann immer ich im Krankenhaus lag und dort Zeit verbringen mußte, war ich sehr dankbar an der Wand gegenüber meinem Bett das Kreuz und Jesus Christus in den Blick nehmen zu können und so auch visuell mit ihm in Kontakt zu treten und mich an ihm festhalten zu können. Wer ihn nicht ansprechen möchte, dem drängt er sich nicht auf. Aber für all jene, die ihn brauchen, ist es da !

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