confessional-1527821_1920

Verlust der Beichte – Verlust des Evangeliums?

In Glauben erklärt, Wortmeldungen von Bischof Stefan Oster SDB13 Kommentare

Das Beichtsakrament erlebt seit Jahren einen kontinuierlichen Niedergang. Zumindest quantitativ ist dies den allermeisten bewusst. Aber der Befund ist aufs Ganze auch für die Qualität des geistlichen Lebens der Kirche dramatisch. Ein ehrlicher und schonungsloser Blick auf die Ursachen für diesen Befund wird uns helfen, Wege zur Erneuerung des geistlichen Lebens zu entdecken.

Was sollen wir eigentlich bekennen?

Vordergründig betrachtet geht es bei der Beichte vor allem um ein Sündenbekenntnis, das weiß jeder Katholik. Aber längst nicht mehr jeder weiß, was Sünde ist, genauer, wie sich Sünde existenziell in seinem Leben auswirkt – und was er am Ende beichten sollte. Weiterhin weiß aber auch längst nicht mehr jeder Katholik, warum er seine Sünden in Gegenwart eines Priesters bekennen soll; womöglich noch in einer muffigen, dunklen und engen Kammer. In vielen Gesprächen erzählen mir gestandene, langjährige und oft engagierte Gläubige auch von seltsamen Erfahrungen, die sie vor Jahrzehnten als Kommunionkinder oder Firmlinge im Beichtstuhl hatten – und dass sie deswegen seitdem auch nicht mehr hingehen würden. Andere erzählen, dass sich schon seit Jahren in der Gemeinde die Praxis eines Bußgottesdienstes eingebürgert habe – und das würde ja wohl die Beichte erübrigen; wenngleich auch bei diesen Gottesdienstformen die Zahl der Gläubigen ebenso nicht selten dramatisch abnimmt. Wieder andere verdächtigen Priester generell der Indiskretion, entweder mit unanständigen Fragen im Beichtstuhl selbst oder nach außen – und deswegen würden sie erst gar nicht hingehen. Zudem gibt es wohl auch nicht wenige Gläubige, die untergründig womöglich um einen Restsinn der Beichte für sich wüssten, aber schnell geneigt sind, allerhand Gründe zusammenzusuchen und vorzuschieben, um sich dieses Unangenehme vom Leib halten zu können.

Was aber im Grunde bei der Ursachensuche für die verlorene Beichtpraxis bei den Befragten so gut wie nie zur Sprache kommt, ist das reale Verhältnis des einzelnen Gläubigen zu Gott selbst. Dass die Beichte ein Geschenk der Barmherzigkeit von Gott selbst ist. Dass er uns immer neu anbietet, vermittels des Sakraments unsere Beziehung zu Ihm zu heilen, zu erneuern, zu vertiefen, ist im Normalfall jenseits des gläubigen Bewusstseins. Und natürlich damit auch die Erfahrung, dass sich das Heilende und Befreiende der Beichte auch real auswirken könnte im Leben des Einzelnen, besonders in seinem geistlichen Leben.

Ein abstrakter, nur gedachter Gott?

Und dies hat wiederum wohl damit zu tun, dass der „liebe Gott“ von den meisten als irgendwie abstrakt Geglaubter über allem schwebt, alles duldet, alles verzeiht und den Menschen vor allem so liebt, wie er ist – den Menschen in seiner liebenswerten Durchschnittlichkeit, aber auch in seinem alltäglichen Kampf, den er ohnehin zu bestehen hat in Familie und Arbeitswelt. Der Mensch hat genug zu tun, fühlt sich moralisch ganz passabel und der liebe Gott wird schon auf ihn aufpassen. Und um sich als Mensch von heute allzu sehr um Gott zu kümmern, da fehlt jedenfalls die Zeit. Aber das wird Gott eh schon wissen. Also was soll’s.

Ist damit – wenn auch knapp, zugespitzt und sehr verkürzt – ein allgemeines, auch innerkirchlich verbreitetes religiöses Bewusstsein recht beschrieben, dann wird daran zugleich deutlich, was fehlt. Es fehlt ein Bewusstsein von der Größe, der Heiligkeit und Herrlichkeit Gottes, von seiner abgründigen Majestät, von seiner schöpferischen Macht, von seiner radikalen Unverfügbarkeit. Gott ist in einem dramatischen Sinn der ganz Andere, der dem Menschen Ehrfurcht gebietet, dem der Mensch Gehorsam schuldet und dem gegenüber er anbetend in die Knie fällt. Zugleich mit diesem Bewusstsein schwindet zweitens die christliche Grunderfahrung, dass es eben dieser abgründig majestätische Gott ist, der sich in Christus in einer unauslotbaren Herablassung aus Liebe verschenkt hat, der sich in Christus hat foltern und töten lassen – um den Menschen, und zwar jeden einzelnen, in eine geheilte und versöhnte Beziehung zu Gott als dem über alles barmherzigen Vater zurückzuführen.

Das Kreuz offenbart beides: Die Größe der Liebe Gottes und die Abgründigkeit der Sünde

Die Dramatik des Kreuzes Christi macht zudem drittens offenbar, wie es tatsächlich um den Menschen bestellt ist, in seiner Not und Erlösungsbedürftigkeit, in seiner Sünde, in seiner Egozentrik und Gottvergessenheit. Es stimmt schon, Gott nimmt den Menschen liebend an – so wie er ist. Aber die Annahme durch Gott soll den Menschen ja gerade in die Lage versetzen, nicht bleiben zu müssen, wie er ist, sondern sich von dieser Liebe verwandeln zu lassen in ein Kind Gottes, in eine neue Schöpfung, in einen neuen Menschen, der real in Kopf und Herz weiß und vertrauen kann, wer sein Vater ist – und der als Kind Gottes auch neu weiß, wer die Gemeinschaft der Gotteskinder ist, zu der er gehören darf – die Gemeinschaft der Kirche. Als Sünder aber bleibe ich draußen, als Sünder bin ich zuerst und vor allem bei mir selbst, der von Gott und der Hingabe an ihn und die Menschen nicht viel wissen will. Als Sünder setze ich selbst die Maßstäbe für das, was in meinem Leben gut, wahr und nützlich ist, als Sünder richte ich mich zuerst einmal nach mir selbst und vielleicht noch nach denen, die das Herrschaftssystem meines Egos stützen. Sünde ist daher beides: der Zustand der Ichverhaftetheit und die daraus folgende sündige Tat, sie ist damit letztlich die strukturelle und konkrete Unfähigkeit, wirklich barmherzig wie Jesus zu lieben und zu vertrauen.

Jeder Christ lebt im Hin und Her

Nun lebt aber jeder Christ, jeder Katholik, in eben dieser Welt von heute, mit all ihren Gaben und Schönheiten, aber auch mit all ihren Herausforderungen, Versuchungen und Kämpfen mit seinem Hin und Her zwischen Ego und Gottes Liebe. Als Glieder der Kirche glauben wir, dass wir in der Eucharistiefeier hinzutreten zu eben dieser gläubigen Gemeinschaft, in der sich immer neu der Himmel öffnet, in der wir das Angenommen-sein durch Christus vom Vater an Kindes statt immer neu dankbar in seiner realen Gegenwart feiern und vollziehen. Wir vergewissern uns dankbar als Einzelne und als Gemeinschaft, zu wem wir eigentlich gehören – um dann eben diese Erfahrung auch in der alltäglichen Lebenswelt durchzutragen, um in Christus bleiben zu können, um seine Gegenwart und die Durchsichtigkeit der Welt auf Ihn hin auch vertrauend bewahren zu können, um in der Beziehung zu ihm zu wachsen und zu reifen. Reich Gottes ist das Reich, in dem Christus regiert in den Herzen der Seinen.

Reich des Ego – Königreich Gottes

Nun spüren wir gleichzeitig, wenn wir in diesem Licht wirklich ehrlich mit uns sind, wie wenig uns das Bleiben-bei-Ihm gelingt, wir spüren, wie sehr uns andere Dinge in Beschlag nehmen, wie sehr wir uns gefangen nehmen lassen von dem, was vermeintlich wichtiger ist als er. Wir realisieren, wie unsere Egozentrik viel stärker dazu neigt, ein inneres Reich des Ego um mich selbst aufzurichten, als im Königreich Gottes zu dessen König zu gehören und ihm aus Liebe zu gehorchen. Wenn wir uns dann fragen, wann, wo und wie diese Seite die Oberhand in uns behält, mit ihren Folgen von Neid und Gier und übler Nachrede und Zorn und Geiz und schlechten Gedanken, schlechten Angewohnheiten und Unzucht und Trägheit und so vielem anderen mehr, dann werden die allermeisten wissen, wovon ich rede. Und angesichts dieses Befundes ist es ein völlig unverdientes und unangemessenes Gnadengeschenk, immer neu im Sakrament der Versöhnung alles vor den barmherzigen Vater hinlegen zu können – um durch seine maßlose Vergebungsbereitschaft die Zugehörigkeit zu Ihm und seinem Reich immer wieder neu empfangen und dankbar feiern zu können.

Heimkehr zum Vater  oder Verlust des Evangeliums?

Christen leben aus der Tiefe des Geheimnisses der Zugehörigkeit zu Jesus – und durch ihn zum Vater. Diese Zusicherung Gottes ist niemals einfach nur gedacht, niemals einfach nur ein gläubiger gedanklicher Überbau, Ausgeburt unseres Kopfes. Sie ist im Laufe eines Weges mit Jesus immer neu real erfahrbar, sie wird tiefer und fester. Eine davon geprägte Glaubenshaltung wird nach und nach gewahr, wie groß die Liebe ist, die der Vater uns in der Versöhnung durch Christus geschenkt hat. Und der so berührte Mensch drängt von selbst immer neu zu dieser Versöhnung hin, zur Versöhnung, die immer neu Heimkehr bedeutet, Rückkehr in das „Land der Ruhe“ (Hebräer 4), das allen verheißen ist, die den Vater lieben in Christus. So gesehen bedeutet Verlust der Beichte im Grunde Verlust des Evangeliums vom Reich Gottes.

Erneuerung der Beichte braucht Erneuerung der Verkündigung

Eine Erneuerung des Beichtsakraments setzt daher eine Erneuerung der Verkündigung vom Reich Gottes voraus: das Evangelium von der Größe Gottes, von der Abgründigkeit seiner Liebe, von der dramatischen Erlösungsbedürftigkeit des Menschen, von seiner Heimholung durch das Kreuz Christi, vom Weg des Menschen in der Kirche, in der das Reich Gottes schon angebrochen ist! Neben vielen anderen Ursachen, die die Glaubens- und Beichtpraxis in einer säkularen Gesellschaft bedrohen, ist kirchenintern eine der Hauptursachen der Mangel an einer Katechese und Verkündigung, die sich wirklich aus Schrift und Tradition speist und die genannten Kernthemen unseres Glaubens immer neu so in Erinnerung ruft, dass die Menschen existenziell erfahren, dass es dabei wirklich um etwas geht, nämlich um ihr Heil – und um die reale Möglichkeit, dessen verlustig zu gehen.

Kommentare

  1. Gudrun Wasserfaller

    Lieber Herr Bischof,ich glaube auch dass die hl.Schrift durch Gnade und der innigen Beziehung zum Herrn die Überführung an sich ist.Die hl Schrift stellt jedoch auch vielerorts nicht mehr den Mittelpunkt der Verkündigung dar sodaß Menschen nicht mehr durch die Wahrheit überführt werden.“Das Wort der Wahrheit , kommt nie leer zurück“
    Wo die hl Schrift nicht mehr das Zentrum der Verkündigung darstellt sondern die Auslegung , verliert es an Kraft.Es fehlt dir Zeit der Stille,des Nachdenkens nach dem Evangelium.Vieles ist so sehr den Bedürfnissen des Menschen ausgerichtet.
    Die Frage die ich bitte bei aller Achtung und Dankbarkeit vor den Heiligen Dienern Gottes in den Raum stellen darf’Ist die Buße nicht doch durch das Anflehen der Geheilgten Gottes ersetzt worden“?Ich sehe dass die Gläubigen das Vertrauen intensiv in die Fürsprache der Hl.Gottes setzen anstatt direkt ihre Schuld mit dem Herrn zu bereden.
    „Anstatt Christus“

    Mit Gottes Segen ,
    GW

  2. Johannes Schäfer

    Freut mich sehr Sie wieder erleben zu dürfen!
    Sie sprechen wieder mir aus der Seele, sehr geehrter Herr Bischof, weil vermisse die Beichte, weil fühle – etwas stimmt mit mir nicht so ganz. Doch wo kann ich einen Geistlichen finden, der ähnliche Glaubenseinstellung hat, wie Ihre? Andernfalls könnte ich bei einem Beichtgespräch eine psychologische Hilfe finden, doch ich brauche eine Geistige.
    Aber alleine die Tatsache, dass Sie dieses Thema ansprechen und dazu noch auf so
    einem Niveau – macht mir schon Hoffnung auf baldige Änderung der Lage in unserer Kirche.
    Übrigens, ich finde die gegenwärtige Lage mit der Beichte als: Verlust der Beichte –
    Verlust der Hilfe für das Evangelium. Denn das Evangelium bleibt unvermindert Brot vom Himmel, das mich am Leben hält.
    Mit Dankbarkeit und Hoffnung
    Johannes Schäfer

  3. Gudrun Wasserfaller

    Ich finde dass die Unbußfertigkeit mit Gottesferne zu tun hat.Je intensiver die Beziehung und Liebe zum Herrn ist umso trauriger und reumütiger wird der Gläubige über seine Sünden.Man will doch jemanden den man liebt nicht Sünde antun.Je mehr der Gläubige Gott näher kommt und die Wahrheit erkennt durch Gnade, umso mehr erschüttert ihn die Sünde gegen Gott.Ein tägliches Überwinden.
    Deshalb ist es wichtig die Barmherzigkeit Gottes richtig zu verstehen.Doch wir dürfen bitten ,wie unser Herr am Kreuz“Vater vergibt..!Es ist so traurig zu sehen dass getaufte Christen nicht mal mehr bewust gemacht wird ,was Sünde ist.Es gibt Menschen die gehen zur Kirche mit schrecklichen Sünden wie Abtreibung Ehebruch usw.und selten spricht jemand zu ihnen was Sünde ist.?In den Predigten wird hauptsächlich das „Wohltuende“hervor gehoben.
    Es ist zum Weinen.
    Umkehr ist Gnade,hat sich der Mensch abgewandt oder Gott?
    Wir können nur um Gnade bitten ,in einer Gesellschaft wo es „keine Sünde“mehr gibt.

  4. Gerhard Luetzow

    Sehr geehrter Herr Bischof!

    Als einfacher Gläubiger sehe ich das so. Ich versöhne mich mit Gott. Theologisch vielleicht nicht optimal ausgedrückt aber dafür fühle ich mich auch nicht berufen. Der 2. Aspekt ist die Seelenhygiene. Ich bin der festen Überzeugung das viele Neurosen u.ä. durch regelmässiges Beichten vermieden werden können.

    Vielen dank für Ihre unermüdliche Arbeit!

  5. Gudrun Wasserfaller

    Sehr geehrter Herr Bischof,in Krakau haben Sie eime wunderbare Botschaft /Katechese vermittelt ,die mein Christenleben ganz gewendet hat.
    Dafür werde ich ein Leben lang dankbar sein.

    JESUS sagt“Euer Ja sei ein Ja ,euer Nein sei ein Nein,alles andere kommt vom Bösen!!!

    „Gott zeigt uns deutlich wozu er Ja sagt.Gott zeigt uns deutlich dass er zur Sünde Nein sagt,vielmehr noch er zeigt wovon wir uns distanzieren müssen.Gott sagt uns sogar wen er im Himmel haben will und wen nicht und warum er es nicht will.
    Gott zeigt sogar ,dass Unbußfertige aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden Paulus überläst sie sogar dem Teufel zur Besserung und dem Erkennen von Sünde.
    Wie auch der barmherzige Vater.
    Das bedeutet begleitet von Ermahnung und Zucht kann erlebte Sünde sogar Umkehr und Buße bewirken.
    Gott zeigt dass es klare Grenzen gibt zwischen Gutem und Bösem.
    Wo das Wort verwässert wird, verliert es an Kraft da fehlt es dann an Bekenntnis ,Reue und Umkehr.

    Diese Wahrheit aus der hl.Schrift ,dieses Zugeständnis Gottes oder aber Seine Absage möge in der Christenheit wieder präsent sein, möge wieder zur Buße geleiten.

    Ja oder Nein ,es gibt kein Dazwischen ,das zum Heil führt.
    Gott hat eine deutliche Grenze zwischen Himmel und Hölle dargestellt wie zB im Gleichnis vom armen Lazarus.Vater Abraham spricht „Mein Kind „zum Reichen in der Unterwelt das Gleichnis zeigt aber auch dass durch die Sünde eine Kluft entstanden ist,und dass in diesem Fall die Reue sehr spät oder vll sogar zu spät gekommen ist.
    Amen

  6. Lucia Huber

    Bitte jetzt meine Gedanken oder Fragen nicht falsch verstehen, ich möchte der Kirche die Sakramente auch nicht absprechen. Ich möchte auch keinen vor der Beichte abhalten.
    Aber warum benötige ich einen Priester wenn ich doch von Gott die Vergebung erhalten kann, wenn ich es wirklich ehrlich mein und bin.
    Kann ich nicht wenn ich im Gebet bin, sei es im Gottesdienst oder draußen in der Natur oder zu Hause nicht in meinem Tempel mich zurück ziehen und alle Sünden auf dem Altar legen? Kann ich nicht sagen: Herr, vergib mir bitte weil ich Zweifel habe, ich habe Angst vor diesem oder jenem? Kann ich nicht sagen: Jesus vergib mir bitte weil ich sauer auf dies oder dem war? Wird mir da keine Vergebung geschenkt?
    Brauche ich dazu einen Priester? Auch wenn ich Gottes Liebe so sehr spüre und in diesem Augenblick weiß Vater hat mir vergeben. Bin ich dann im Sinne der Kirche nur so ein Lauwarmer Mensch, wird mir im Sinne der Kirche dann Jesus irgendwann mal sagen ich kenn Dich nicht?

    1. Thomas Schaedlich

      Sehr geehrte Lucia Huber,

      ich möchte es mal aus meiner Sicht schildern, warum ich denke, dass ein Pfarrer die Beichte abnehmen sollte:
      die Beichte bei einem Pfarrer (Priester) abzulegen bringt Gewissheit, dass mir wirklich vergeben ist.
      Ein älterer Mitbruder sagte mir einmal, „wenn dich die konkrete Sünde trotz, dass du sie Jesus bekannt hast, immer noch drückt, spätestens dann ist es Zeit die Einzelbeichte zu suchen.“
      Im Amt, dass den Pfarrern gegeben ist (durch Christus), habe ich Gewissheit, dass durch den Pfarrer meine Schuld von mir abgelöst wird und die Sünde vergeben ist.
      Diese Gewissheit habe ich so in der allgemeinen Beichte manchmal nicht.
      Ich kann aber sagen, dass die Dinge, die ich in der Einzelbeichte vor einem Pfarrer gebeichtet habe, wirklich weg sind, gelöst. Ich bin frei geworden davon.
      Der Priester ist ja nicht der eigentliche Bezugspunkt, sondern Christus. Nach meinem Verständnis agiert der Pfarrer stellvertretend und an Stelle Christi. (vice et loco)
      Diese Verheißung liegt aber auf dem Amt, (Vgl. Joh. 20).
      So viel mal aus meiner (ev.-luth.) Sicht zu ihrer Frage.
      Herzlichst
      Th. Schädlich

      1. Lucia Huber

        Sehr geehrter Herr Schaedlich,
        danke für Ihre Antwort.
        Sicher kann es hilfreich sein zu einem Priester zu gehen, für die Menschen, die Gott nicht oder nur wenig spüren können. Aber ist das nicht schon wieder ein Zweifel an Christus wenn ich mir nicht sicher bin, zu wenig Vertrauen, Gott und Christus liebt uns Menschen so sehr, er vergibt wenn ich direkt mit Christus rede und ihn bitte. Wollt halt grad wissen, was die Kirche z.B. von meiner Art von Beichte hält. Auch wenn ich zugeben muss dass ich hin und wieder ein Gespräch suche, wenn ich nicht weiß wie ich meine Vergangenheit bearbeiten soll, weil ich diese Menschen nicht vergeben kann, weil der Schmerz so tief und fest sitzt. Vielleicht ist das eine Beichte, ich weiß es nicht, mir hilft das Gebet, ich spüre wie die Worte in mein Herz wandern und zu arbeiten beginnen, im positiven Sinne. Nicht sofort und gleich, aber nach ein paar Wochen, spüre ich wie die Wut immer weniger wird, die Handlung verurteile ich immer noch, aber ich kann alles Erlebte jetzt mal von außen betrachten, die Umstände warum diese Menschen ihr Herz verloren und menschlich gesehen, furchtbar grausam wurden.
        Allerdings ist hier wieder mal ein offenes Herz gefragt und das Wissen dass Christus einen gerne hilft wenn er darf.
        Aber ich weiß auch die andere Seite, die Seite ohne Christus an meiner Seite, wenn man Gott verlassen hat, weil man die Meinung hat er hat einen in Stich gelassen. Die Beichte kann man da nicht annehmen, nicht die Kirche, die Bibel, die wie ein Märchenbuch einem erscheint. Gott? Gibt es ihn, warum lässt er es zu wenn er angeblich einen liebt, alles Schmarrn und Märchen. Und da kommt noch einer von der Kirche und redet von Heil durch Christus. Ich habe den Mönch der damals mir das gesagt hat, voll ausgelacht. Ich habe ihn weitergeschickt mit den Worten Du möchtest ja nur die Kirche auffüllen, damit der Klingelbeutel wieder voll ist, weil sie ja so arm ist. Dabei hat sie ein immenses Vermögen und redet von Bescheidenheit und Demut. Weil sie ja die Weisheit ist. Ich weiß das schmerzt Euch wenn Ihr das liest, aber diese Gedanken hat man, hatte ich und haben viele heute, wenn ich die Worte im Facebook auf manchen Seiten lese oder bei anderen Webseiten. Mir ging es nicht gut über die Jahre und irgendwie habe ich gesucht, bin auf der Esoterischen Schiene gelandet, trotzdem habe ich gesucht, irgendwas fehlte mir. Ich spürte wohl dass eine Macht hier ist die sehr Liebevoll ist, das lernt man auch im Esoterischen Bereich, suchte aber trotzdem weiter. Die Kirche habe ich weiterhin abgelehnt, das Bodenpersonal, mit ihnen hab ich kein Wort geredet. Bis mein Priester vor mir stand. Zuerst mal sehr misstrauisch beäugt, dachte mir wenn er jetzt gleich von der Beichte und die Kirche ist wichtig usw. beginnt, dann kann er was hören. Nein hat er nicht, kein Wort über Kirche, Beichte, Sünde usw. Er hat vorsichtig angefangen, er hat erzählt dass er, wenn er am Abend betet, immer einen Impuls spürt, da bin ich dann neugierig geworden und hab ihn ausgefragt, was er mit dem Impuls meint und so. Irgendwann hat er mich gefragt ob ich nicht mal in den Gottesdienst gehen mag, ich begehrte auf, von wegen das ist nur ein Ritual. Da meinte er, dann geh einfach mal so rein, ohne Denken und Misstrauen. Hab ich gemacht, einfach mal so, kostet ja nichts. Den Verstand draußen gelassen, wow, hatte ein sehr schönes Erlebnis. Später meinte er ich soll die Bibel mal in die Hand nehmen, ich lachte und meinte, ist eh nur verfälscht und ein Märchen. Er sagte wenn ich Grimm´s Märchen gelesen hab, kann ich die Bibel auch mal so lesen, dauerte wohl noch eine Zeitlang, aber dann habe ich doch einen Blick reingeworfen, der Blick hat dann über drei Stunden am Stück gedauert, so spannend war das Märchen. Dann kam er mit der Beichte, ich wieder abgelehnt, weil ich dem Priester alles erzähle, genau, was geht ihm das an, nichts. Bis ich dann doch kapitulierte und fragte ob er mal Zeit hätte. Hab in dem Sinne nicht gebeichtet, hab ihm kurz erklärt was so in mir frisst. Dann hat er ein Gebet gesprochen, das werde ich lange Zeit nicht vergessen, diese Kraft die dahinter war. Sicher kann ich jetzt nur von mir sprechen, wie ich „gefischt“ wurde, mein Herz war nicht ganz zu, somit konnte er mich erreichen und hinführen. Und jetzt? Arbeite mit ihm zusammen, gestalte den Familiengottesdienst, lese für Kinder die Liturgie. Wenn mir das einer vor zwei Jahren gesagt hätte, ich glaub dann wären meine Nachbarshühner gestorben vor lauter lachen. Verstehen Sie was ich meine, nicht gleich mit der Kirche kommen, vorsichtig beginnen dass Christus einen helfen kann, wenn man ihn lässt. Erzählen wie es einem selber geht, wenn man betet, oder im Gottesdienst ist, nicht auf die Rituale schauen, sondern einfach mal spüren, fühlen. Wenn der Mensch nicht ganz zu ist, dann fühlt er irgendwas und darauf kann man aufbauen. Der Mensch muss sehen dass der Priester von Christus zu 100% überzeugt ist, das ist ansteckend. Man sieht im die Freude an wenn er von Christus spricht. Und man hört es auch, weil sich die Stimme verändert, sie wird weicher. Das sind Sichtbare Zeichen, die unsichtbaren die Sie evtl. spüren, können Sie erzählen. Die Menschen die suchen, diese werden Sie erreichen, ob die anderen erreicht werden können, ist echt schwierig. Vielleicht hilft es Ihnen ein wenig weiter, die Erzählung, wie mein Priester mich fangen konnte. Und ich kann sagen ich war keine leichte Nuss..
        Ihnen viel Erfolg und viel Kraft dazu
        Huber Lucia

        1. Thomas Schaedlich

          Liebe Frau Huber,
          danke für ihre Zeilen, die mir auch auf meine weiter unten gestelle Frage ein paar Antworten gegeben haben.

          Ich glaube ihr Priester hat einfach das getan, was ich oben versucht habe auszudrücken. Er hat Christus durch sich wirken lassen und Christus wirkte durch ihn.
          So wie es eben auch bei Beichte und Absolution sein sollte. So, wie es priesterlicher Auftrage in meinen Augen ist.

          Danke sei Gott dem Vater, Sohn und Hl. Geist.

  7. Thomas Schaedlich

    Sehr geehrte Bischof Oster,

    vielen Dank für diese Zeilen. Sie sprechen mir aus dem Herzen.

    Dennoch bleibt die für mich entscheidende Frage nicht beantwortet, eine Frage die mich auch in meinem Dienst drängt und die ich nicht zu beantworten vermag.

    Ich sehe nicht, dass Menschen sich als erlösungsbedürftig erkennen. Ich sehe zwar, dass viele Menschen meinen, es sei etwas nicht i.O. in ihrem Leben, doch dass sie sich deshalb als erlösungsbedürftig wahrnehmen, kann ich nicht erkennen.

    Deshalb ist das Wort vom Kreuz auch nicht relevant in den Gedankengängen. Das mag in Passau etwas anders sein als im säkularisierten Sachsen, ich weiß es nicht.
    Mein Eindruck jedenfalls ist, dass den Menschen ein „Gottesgedanke“ und noch viel mehr der Dreifaltige Gott vollkommen egal ist. Erlösung von anderen annehmen – nein.

    Meine Frage ist: Was kann ich beitragen, damit Menschen in Christus wirklich ihr Heil erkennen können – ganz konkret im Bezug auf die Beichte? Ich meine jetzt Menschen, die von Gott nichts mehr erwarten.

    Denn ich bin gewiss, weiß ein Mensch, dass Christus der Weg, die Wahrheit und das Leben ist, sucht er ihn, im Sakrament des Altares und in Beichte+Absolution.

    Herzlichst
    Th. Schädlich

    1. Susanne Moehring

      Sehr geehrter Herr Pfarrer Schädlich,

      ich hoffe Sie sehen es mir nach aus meiner Sicht eine Antwort auf die Ihrerseits an S.E. Bischof Oster gerichtete Frage zu beantworten. Ihe Frage lautete weshalb die Menschen auf den Gedanken der Notwendigkeit der Beichte, des Sakraments der Versöhnung, kommen sollten, wenn ihnen ihre „Erlösungsbedürftigkeit“ gar nicht bewußt wird.

      Ich hoffe diese Ausführungen helfen Ihnen aus Sicht einer Gläubigen auch bereits etwas weiter, auch wenn ich selbst auf die Antwort S.E. auf Ihre Frage gespannt bin.

      Hochachtungsvoll

      Susanne Möhring

      Ich denke in gewisser Weise hat S.E. Bischof Oster dei Antwort am Ende seiner Ausführungen vorweggenommen:

      „Neben vielen anderen Ursachen, die die Glaubens- und Beichtpraxis in einer säkularen Gesellschaft bedrohen, ist kirchenintern eine der Hauptursachen der Mangel an einer Katechese und Verkündigung, die sich wirklich aus Schrift und Tradition speist und die genannten Kernthemen unseres Glaubens immer neu so in Erinnerung ruft, dass die Menschen existenziell erfahren, dass es dabei wirklich um etwas geht, nämlich um ihr Heil – und um die reale Möglichkeit, dessen verlustig zu gehen.“

      In Deutschland, anders als in anderen Ländern, haben wir uns immer darauf verlassen, daß durch „Volkskirche“ – also gelebte Glaubenspraxis in Gemeinschaft -, durch den Religionsunterricht in den Schulen und nicht zuletzt durch die Eltern das Bewußtsein mit Gott im Alltag verbunden zu sein und in einer Beziehung zu stehen auch weiterhin fortleben würde.

      Aber leider mußten wir erleben, daß seit mehr als einer Generation diese ehemals selbstverständlichen Bereiche der „gelebten Katechese“ durch Vorbilder in der Kirchengemeinschaft, der Familie und den Schulen die Verkündigung des Evangeiums im Kern, vor allem das gelebte Christsein aus eigener Beziehung zu Christus sich vielfach nur noch in „Traditionshülsen“ verloren haben. Viele Worte – wenig Substanz, viele Gesten – wenig Klarheit, viel WIR – wenig ER bezogen auf Gott, Christus und den Geist. Der Blick aller auf das Kreuz hat sich gedreht zum Blick des Menschen auf die vielen Mitmenschen. Im Sinne der Caritas ist das nur begrüßenswert, aber um im Bild zu bleiben, hat Christus am Kreuz die Rolle des Boebachters erhalten und nicht mehr dessen, dem man sich zuwendet.

      Die Kinder Gottes haben ihre eigene „Spielgruppe“ gegründet und eigene Regeln, Werte und Formeln entwickelt ohne dabei Gott und Christus noch eine führende oder auch regelnde Rolle aktiv zuzuteilen.

      S.E. Bischof Oster nimmt das Wort der Katechese und der Verkündigung am Ende seiner Ausführungen wieder auf. Beides Begriffe, die für theologisch gebildete und sich mit dem Glauben auseinandersetzende Menschen mit sehr viel Inhalt, Wert und Verpflichtungscharakter verbunden sind. Für mehr Außenstehende haben beide Begriffe den Beigeschmack es falsch verstandenen Missionscharakter, der immer noch als Beschränkung der persönlichen Freiheit und Entwicklung angesehen wird. Heute am Missionssonntag rufen viele wieder vorwurfsvoll in Erinnerung, wie „falsche Missionare“ mit Gewalt den Glauben in Kolonien getragen und verbreitet haben. Daß es aber ebenso Missionare wie Paulus, Petrus, Thomas oder Bonifatius in unseren Breiten waren, die es erst ermöglicht haben, daß wir heute überhaupt vom Glauben erfahren durften und uns den Wert der Taten Gottes und seiner Liebe bewußt sein können, das wird gerne im Streben nach Freiheit von Regeln und Normen – auch wenn sie hilfreich sind – vergessen.

      Die Erlösungsbedürftigkeit als Geschenk zu verstehen, aus der Eigenzentriertheit und dem damit selbst aus eigener Unzulänglichkeit um sich herum gebauten Käfig von Gott freigelassen zu werden, um seinem Licht nach seinem Rat und seiner Hilfe zu folgen, das fehlt.

      In vormals „tief katholischen Gemeinden“ erzählen mir viele 25-40-Jährige, daß sie mit Gott und dem Glauben kein Problem haben, aber die Großmutter einen solchen Druck ausgeübt habe, weil sie so oder so nicht richtig beteten, beichteten etc., daß sie keinen Bedarf nach Maßregelung durch die Kirche mehr hätten.

      Auch hier bedarf es einer Katechese und Verkündigung, die gleichsam Gottes Liebe und Gottes Opfer in Christus, als auch die eigene Beziehung zu Gott und die Mittlerrolle des Priesters wieder neu erklären. Da fehlt es „himmelweit“, denn weder aktuell in Kommunion- oder Firmvorbereitungsstunden, noch im Religionsunterricht bestehen derzeit die zeitlichen Räume oder fehlen oftmals die charismatischen Vorbilder, die diese Aussage glaubhaft und als sinnstiftend vermitteln könnten oder würden.

  8. Gudrun Wasserfaller

    Lieber Herr Bischof , eine neue große Herausforderung diese hl Schriftstelle zu betrachten.

    In Joh.20,23 bezeugt die hl Schrift die Vergebung durch die Jünger .Jesus hat sie mit dem hl.Geist gesegnet und gesandt Sünden zu vergeben. Die Sendung Sünden zu vergeben.
    Ein Aufrag an die Jünger Jesu.Im hl Geist Gesegneten da waren auch Frauen anwesend?
    Ist jeder im hl Geist geborener Christ gesandt Sünden zu vergeben?

    Das Vaterunser Gebet wiederum beinhaltet die Bitte um Vergebung der Schuld.

    Wo liegt der Unterschied.
    Einmal ist es an Vergebung von Außen gebunden und das andete Mal an die Botschaft gleichzeitig den Schuldigern zu vergeben .
    Ein ander Mal sagt Jesus“Wer viel vergibt., dem wird viel vergeben werden.“

    Dann bietet der Herr am Kreuz noch die Möglichkeit für die Schuldner zu bitten.
    „Vater vergib ihnen“
    Die gesamte hl Schrift ist von der Botschaft durchzogen.

    Was bedeuten diese vielen Angebote ?
    Wäre sehr dankbar wenn Sie die Zeit finden würden dies aufzuklären.

    Mit Gottes Segen

  9. Dieter Mittermeier

    8. Oktober 2016
    Dieter Mittermeier
    Die Beichte – Das ungeliebte Sakrament

    „Ich beichte alle 15 Tage. Und der Beichtvater hört die Dinge, die ich ihm sage.
    Er rät mir und er vergibt mir, denn wir alle brauchen diese Vergebung“, so Papst Franziskus bei einer Generalaudienz im letzten November. Die Beichte, so fügte
    er hinzu, sei eine Gabe Gottes und Gott werde nicht müde, zu vergeben.
    Auch für Generationen von Gläubigen war die Beichte, dieses Sakrament der Versöhnung mit Gott, der Kirche, mit sich und seiner Umwelt, ganz sicher eine Befreiung, ein Versuch, die Seele zu reinigen, Schuld und Verfehlungen zu tilgen. „Die Absolution durch die Beichte fiel wie sanfter Regen auf sein bebendes, brennendes Herz“, schrieb etwa der irische Schriftsteller James Joyce über einen seiner Protagonisten. Und doch ist die Beichte aus der Mode gekommen.
    Gesündigt wird zwar immer noch – doch gebeichtet immer weniger.
    Warum ist das so?

    Bischof Oster nennt einige Gründe selbst:
    Längst nicht mehr jeder weiß, was Sünde ist, genauer, wie sich Sünde existenziell
    in seinem Leben auswirkt – und was er am Ende beichten sollte. Weiterhin weiß
    aber auch längst nicht mehr jeder Katholik, warum er seine Sünden in Gegenwart
    eines Priesters bekennen soll; womöglich noch in einer muffeligen, dunklen und
    engen Kammer. Andere erzählen, dass sich schon seit Jahren in der Gemeinde die Praxis eines Bußgottesdienstes eingebürgert habe – und das würde ja wohl die
    Beichte erübrigen; wenngleich auch bei diesen Gottesdienstformen die Zahl der Gläubigen ebenso nicht selten dramatisch abnimmt. Wieder andere verdächtigen Priester generell der Indiskretion, entweder mit unanständigen Fragen im Beichtstuhl selbst oder nach außen – und deswegen würden sie erst gar nicht hingehen.

    In seinem Buch “Die Beichte – Eine dunkle Geschichte” nennt der britische
    Religionswissenschaftler John Cornwell einen weiteren Grund, warum die Beichte
    aus der Mode gekommen ist – die Angst. „Denn die Geschichte der Beichte”,
    schreibt Cornwell, “ist auch von ihrem Missbrauch als Instrument der Angst
    und Kontrolle geprägt; von der Drohung ewiger Bestrafung in der Hölle…”
    Und er folgert: “Die Beichte förderte eher die Angst als die Liebe zu Gott.“
    Speziell die Beichte für Kinder bezeichnet Cornwell als „Sündenfall“ der Kirche. Papst Pius X., der von 1903 bis 1914 auf dem Stuhl Petri saß, legte fest, dass Kinder fortan an bereits mit sieben Jahren erstmals beichten sollten und nicht mehr wie bis dahin üblich erst mit 13 Jahren. Für Cornwell eine Versündigung an der kindlichen Psyche. Er prangert die völlige Überforderung der Kinder und die so gezüchtete Angst vor Sünden, vor Hölle und Fegefeuer an: „Minderjährige, die fast noch im Kleinkind-alter waren, wurden in die Lehre von der ‚Todsünde‘ eingeführt, die angeblich die Seele tötete und in ewiger Verdammnis endete. Viel zu intensiv wurden die Gedanken der Kinder auf ‚Reinheit‘ von sexuellen Verfehlungen geprüft. Viel zu früh haben Priester ohne Ausbildung in Pädagogik oder Kinderpsychologie unkontrollierten Zugang zu Kindern bekommen. Zahllose Kinder hat die Kirche mit einem Bild vom grausamen Gott traumatisiert. Beichtvätern, die sich sexuell an Kindern vergangen haben, hat jedes Unrechtsbewusstsein gefehlt, weil ihnen die Institution Kirche die moralische Autonomie des Gewissens geraubt hat…”

    “Beichten ist altmodisch“, sagen Pfarrer und Gläubige gleichermaßen und glauben
    zu wissen: „Heute regeln die Menschen ihre Probleme anders.” Tatsächlich sind die Sprechzimmer der Psychotherapeuten voll und wer keinen Therapeuten hat, bekennt im Internet, Promis gleich im Fernsehen. Viele Gläubige sehen sich zudem bei der Beichte in einem Hierarchieverhältnis – ein Priester bewertet ihr Tun. Wie kann das sein?, fragen sie sich und beschließen für sich: “Das mache ich dann doch lieber mit meinem Gott selbst aus.” Dabei ist die therapeutische Wirkung einer Beichte, verbunden mit einer Lossprechung, selbst unter Psychologen unumstritten. Denn Therapeuten können nicht einfach wie ein Priester sagen: “So spreche ich dich los von deinen Sünden. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.” Doch genau in diesem Vergebungsversprechen kann eine ungeheuer befreiende und belebende Wirkung liegen.

    Wie aber lässt sich dieses “vergessene” Sakrament wieder in das Bewusstsein der Gläubigen bringen? Durch geschicktes Marketing? Durch Gesprächsforen im Internet? Sollten die Pfarrer in den Sonntagsgottesdiensten darüber predigen,
    also sozusagen Werbung für die Beichte machen? Doch sind die modernen Menschen überhaupt noch ansprechbar für die klassischen und traditionellen Beichten?

    Meine letzte Beichte war vor ca. 20 Jahren. Es fand auf meinen Wunsch in einem Beichtzimmer statt und ich stellte mir ein offenes Gespräch vor. Doch ich merkte deutlich, wie unwohl sich der Pfarrer bei dieser “Beichte“ fühlte, die nicht dem traditionellen Muster entsprach. Ich war jedenfalls eher irritiert, als befreit und
    belebt und verzichtete in der Folge auf einen weiteren Versuch.
    Ich würde mich selbst als spirituell orientierten Menschen bezeichnen. Darunter verstehe ich eine geistige Haltung des Suchens, des Scheiterns und immer wieder Neubeginnens. Ich glaube, dass der Mensch eine unsterbliche Seele besitzt und ich glaube an einen Schöpfergott für alle Menschen. Und ich will gerne glauben, dass
    uns Jesus von Gott erzählt und dass sein Weg zum Leben führt. Ob ich auf diesem Weg regelmäßig beichten sollte, wage ich zu bezweifeln.

    Herzlichst
    Dieter Mittermeier

Kommentieren