Wenn Kirchen sich erneuern – Über die wechselseitige Bekehrung hin zur Mitte

In Predigten von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Am 31. Oktober feierte die evangelische Gemeinde in St. Matthäus in Passau ihren Gottesdienst aus Anlass des Reformationstages und zum Abschluss des Reformationsjubiläumsjahres. Eine Besonderheit gab es dabei freilich: Zum ersten Mal seit der Reformation hatten die evangelischen Geschwister einen katholischen Bischof zur Predigt eingeladen. Der evangelische Dekan Dr. Wolfgang Bub hatte zuvor im Januar in der katholischen Kirche St. Paul in Passau gepredigt – und freute sich, heute den Bischof in seiner Gemeinde zu begrüßen. Viele hundert Gläubige waren dazu in die Kirche gekommen, um zunächst im Wortgottesdienst die Predigt von Bischof Stefan zu hören. Anschließend feierten die evangelischen Christen das Abendmahl, auch viele anwesende katholische Christen blieben währenddessen in der Kirche und beteten mit ihren evangelischen Geschwistern. Die ganze Feier war nach Ansicht vieler Beteiligter ein bedeutsames Zeichen des ökumenischen Miteinanders. 

Hier der Link, um die Predigt nochmal anzusehen und zu hören https://www.youtube.com/watch?v=Ax4-NilbsqE&feature=youtu.be

Und im Folgenden der schriftliche Wortlaut der Predigt:

Predigt anlässlich des Abschlusses des Reformationsgedenkens am 31.10.2017, St. Matthäus Kirche in Passau

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

als Christusfest wurde das Erinnerungsjahr an den Beginn der Reformation begangen: möglichst oft in Gemeinschaft, auch in Gemeinschaft mit den Gläubigen anderer Konfessionen und zugleich möglichst oft in der Erinnerung daran, was das Gute war an diesem Ereignis vor 500 Jahren. Und freilich auch ohne zu vergessen, was problematisch ist und war und zwar – und das möchte ich deutlich sagen – auf beiden Seiten des konfessionellen Grabens, der sich damals nach dem Bruch gebildet hat.

War das Jubiläum ein Beitrag zur Evangelisierung?

Liebe Schwestern und Brüder, viele von Ihnen wissen, dass mein Herz intensiv schlägt für Evangelisierung und auch für die immer wieder neu zu stellende, dringliche Frage, was eigentlich Evangelisierung heißen kann im 21. Jahrhundert in der postmodernen, säkularen, bisweilen auch postfaktischen aber eben auch freien und demokratischen Gesellschaft wie der unseren? War das Reformationsgedenken ein Beitrag zur Evangelisierung? Ich glaube schon, weil wir vielfach auch miteinander deutlich gemacht haben, dass Christus die Mitte ist – und dass es um ihn geht und nicht zuerst um Martin Luther. Sondern wenn schon um Luther, dann um das, was sein erstes Anliegen war: die Rückkehr zur Mitte des Evangeliums Jesu Christi.

„Diakonisierung der Relevanz“

Sie, Herr Dekan Dr. Bub, haben bei Ihrer Predigt im Januar in unserer St. Pauls-Kirche im Blick auf die Kirchen der Reformation manches Selbstkritische geäußert: Man verliere als Kirche gesellschaftlich an Relevanz – und um dem zu begegnen neige man zur vermehrten Betonung der eigenen Relevanz. Und zwar über die organisierte Nächstenliebe, über die Werte, die man vertrete oder über das Sozialkapital, das man bereitstelle. „Diakonisierung der Relevanz“ nennt das der bekannte evangelische Theologe Thies Gundlach. Man versucht sich Bedeutung zu verschaffen, durch die Betonung dessen, was man alles leiste, vor allem auf diakonischem Feld. Lieber Dr. Bub, diese selbstkritische Analyse kann ich zutiefst nachvollziehen, weil wir Katholiken beständig in derselben Versuchung sind: Wir neigen zur Betonung unserer eigenen Leistung auf so vielen Feldern gesellschaftlichen Lebens – und tun uns gleichzeitig bisweilen richtig schwer, auf die Mitte von allem zu schauen und den zu bekennen, von dem alle Relevanz kommt und der der Relevanteste von allen ist: auf Christus. Wenn ich Sie zitieren darf. Sie sagten wörtlich: „Eine Diakonisierung der Relevanz führt nicht zur lebendigen Kirche. Der Weg geht nur über die gelebte Christusbeziehung und die Einladung dazu.“ Danke dafür, Dr. Bub.

 Wie hineinfinden in die tiefere Christusbeziehung?

Aber wie geht das nun, wie finden wir hinein, in diese Christusbeziehung? Wie finden wir hinein von der bloßen intellektuellen Auseinandersetzung um Christus in das authentische Bekenntnis? Wie geht der Weg vom Kopf ins Herz? Und um welchen Christus geht es eigentlich? Feiern und bekennen wir denselben? Oder wenn wir spüren sollten, dass wir auch über ihn noch ein unterschiedliches Verstehen haben: Wie finden wir in unserer Unterschiedenheit in ein gemeinsames und tiefer geeintes Christusbekenntnis? Papst Franziskus hat ja betont, dass wir der Einheit nicht dadurch entgegengehen, dass Ihr einfach zu uns kommt oder wir zu Euch. Der Papst sieht zutiefst, dass beide oder alle Seiten tiefer zu Christus kommen müssen. Weil er es ist, der uns eint.  Wir sind sein Leib – und Christus hat letztlich nur einen und nicht viele.

 Kirche des Wortes und Kirche des Sakramentes

Ich möchte mich dieser Frage mit einer etwas pauschalen, aber hoffentlich hilfreichen Beobachtung nähern: Die einen, die Evangelischen, sagt man, die sind stärker die Kirche des Wortes, des Wortes Gottes, der Hl. Schrift. Und wir anderen, wir Katholischen, sind stärker die Kirche des Sakramentes und damit zusammenhängend auch die Kirche der Betonung des Heiligen, der Heiligkeit. Bei den einen ist im Gottesdienst die Predigt zentral und viele Gottesdienste werden ohne Abendmahl gefeiert, bei den anderen ist ein Gottesdienst am Sonntag ohne Eucharistie und ohne das Gedenken der Heiligen nicht denkbar, ohne Predigt aber schon.

 Die Schrift und die Heiligung

Und wenn ich nun von dieser etwas plakativen Gegenüberstellung auf kirchliche Reformbemühungen in der Geschichte blicke, dann habe ich den Eindruck, dass da oft und immer wieder etwas Ähnliches passiert. Und zwar Folgendes: Ich denke, dass dort, wo sich die Katholische Kirche erneuert hat, immer wieder neu die Hl. Schrift in den Mittelpunkt gerückt wurde. Wenn auch nicht gleich sola scriptura, dann doch immerhin ganz intensiv wirklich: scriptura! Wie sehr hat etwa Franz von Assisi die Schrift geliebt oder Ignatius von Loyola und aus ihr gelebt. Und beide haben innerkirchlich in ihrer Zeit jeweils die größten Erneuerungsbewegungen in der katholischen Welt angestoßen. Oder denken wir an das II. Vatikanische Konzil und dort die herausragende Bedeutung des Wortes Gottes selbst und das Nachdenken über das Wesen der Offenbarung. Das ist die eine Seite: In katholischen Erneuerungsbewegungen wird die Schrift neu vertieft und erinnert. Übrigens dankenswerterweise auch durch Anstöße von Reformatoren.

Auf der anderen Seite meine ich wahrzunehmen, dass auch in den Kirchen der Reformation häufig dann, wenn es dort um Erneuerung ging, auf einmal nicht nur das Wort, die Predigt alleine, sondern auch die persönliche Erneuerung in den Blick kam, der Weg der konkreten eigenen Erneuerung, der Weg der Innerlichkeit durch Gebet, durch verbindliches persönliches und gemeinschaftliches Leben; durch ein Leben aus dem zeichenhaft die reale Gegenwart Gottes aufleuchten möge. Ein katholisches Wort dafür wäre eben die Heiligung. Dabei ist auch für uns längst ganz klar, dass es dabei nie zuerst um die eigene Leistung geht, sondern um Offenheit für den Geist und Antwort auf das Wirken seiner Gnade, um die Echtheit und Tiefe unseres Betens, jenseits vom bloßen Ritualismus. Ich denke da für den protestantischen Raum gerade an den Pietismus, an Graf Zinzendorf oder auch an die Erneuerungsbewegung John Wesleys, die dann ja weite Teile der protestantischen Welt beeinflusst hat. Oder eben an den großen Märtyrer Dietrich Bonhoeffer und seine Theologie in jüngerer Zeit. Persönliche Erneuerung durch persönliche und gemeinschaftliche Heiligung. Die Stichworte Mystik oder eben Sakramentalität könnte man auch dazu stellen.

Die Versuchungen: Ritualismus, Intellektualismus und bloße Anpassung

Und wenn ich eben sagte bloßer Ritualismus, dann ist das wieder eine Gefahr für uns Katholische: Wie ernst meinen wir es, mit unseren Sakramenten, wenn wir die zwar brav vollziehen würden- uns der konkrete Christus und sein konkretes Wort des Evangeliums aber gar nicht so sehr interessieren? Und wie ernst meinen es umgekehrt die Evangelischen, wenn sie sich vielleicht für das Wort interessieren, wenn sich aber damit im eigenen Leben noch gar nichts ändern würde und es bloß intellektuell oder ästhetisch interessant bliebe, aber nicht mehr? Oder wenn man sich das Wort Gottes am Ende vielleicht doch so passend machte, dass es jeder Gesellschaft schmeckt, aber genau dann eben nicht mehr nach seinem Ursprung schmeckt?

 Von Christus her denken und empfangen

Vermutlich ist diese Gegenüberstellung ein wenig zu einfach, aber ich glaube, beide geschilderten Bewegungen zielen gerade nicht hin auf die profilierte Abgrenzung gegen die jeweils anderen, sondern eben auf Vertiefung, auf die gemeinsame Mitte. Denn mehr und wahrhaftig das Wort Gottes zu schätzen einerseits und mehr um Heiligung des eigenen Lebens ringen andererseits, geht ja beides nur im ehrlichen Blick auf Christus. Und zwar so, dass wir unsere eigenen Vorstellungen und Vorlieben immer neu loslassen und lernen und vertrauen, wirklich von Ihm zu empfangen. Nämlich einerseits die Gnade, das Wort tiefer zu erfassen und andererseits die Gnade, im eigenen Leben mehr von Ihm durchscheinen zu lassen. Das wichtige Wort Luthers von der ständigen Buße bedeutet ja auch immer wieder: Hinwendung zu Ihm. Was sagst Du mir, Herr? Was sagt mir Dein Wort, Dein Geist für heute? Wer sich wirklich für Jesus interessiert und zwar mit Vertrauen, mit Glauben, mit Liebe – der kommt weder um das Wort, noch um das Gebet herum, und noch weniger um die konkrete Tat der Liebe, die aus seiner Liebe herausfließen möchte. So ein Mensch wird arm vor Gott oder „geistlich arm“ wie es in der neuen Lutherübersetzung heißt. „Selig sind, die da geistlich arm sind, den ihrer ist das Himmelreich.“ So haben wir im Evangelium eben gehört. Menschen, die in diesem Sinn arm sind vor Gott, die vertrauen, dass er zuerst handelt. Sie sind Empfänger, Hörende. Sie behandeln beides, das Wort Gottes und das Sakrament wie eine Gabe, die sie empfangen und die sie verantworten wollen – wie das Kostbarste, das sie haben.

 Dank für das Christusfest

Liebe Schwestern, liebe Brüder, es ist viel geschehen in diesem Jahr der Erinnerung an die Reformation, Versöhnendes, Heilendes, viel Annäherung auch auf der persönlichen und auf der kirchenpolitischen Ebene. So etwas gab es noch nicht. Dafür dürfen wir wirklich von Herzen dankbar sein. Freilich frage ich mich, ob unsere Inhalte dabei wirklich genug in den Blick gekommen sind. Denn wir erleben ja alle, bei Euch wie bei uns, eine Art Verlust der Inhalte bei vielen Menschen, auch bei vielen Gläubigen. Andererseits macht das Jubiläumsjahr auch richtig Hoffnung: Wir haben uns näher kennen gelernt, voneinander gelernt, aufeinander gehört. Und ich bin dankbar, dass die evangelischen Geschwister das Jubiläum nicht als eine Art Triumph der Reformation gefeiert haben. Denn natürlich gilt, dass zwar vieles Gutes aus der Reformation gewachsen ist, aber eben auch Vieles, was uns heute noch zu schaffen macht. Spaltung ist eben nichts, was man groß feiern könnte. Aber ein Christusfest zu feiern ist sehr schön. Danke von Herzen auch dafür.

 Es gibt eine Ökumene derer, die Sehnsucht nach mehr haben

Und neben all diesen Begegnungen und Debatten über das Jubiläum, möchte ich noch ein Hoffnungszeichen dazu legen. Ich erlebe so etwas wie eine Ökumene derjenigen, die Sehnsucht nach mehr Entschiedenheit und Verbindlichkeit haben, oder einfach nach mehr von Christus. Ich bin in diesem und im vergangenen Jahr auf mehreren geistlichen Zusammenkünften gewesen, auf denen sich mir dieses Phänomen überdeutlich gezeigt hat. Menschen, die ernsthaft mehr wollen, die sehnsüchtig sind und tiefer gehen wollen, Menschen, die sich wirklich für Jesus selbst interessieren, für die Schrift und für das Gebet, für die konkrete, persönliche Entscheidung zur Nachfolge und im Dienst der Liebe – solche Menschen finden sich auf einmal neu über die Konfessionen hinweg. Da sind plötzlich normale Evangelisch-Lutherische mit Freikirchlern vereint oder volkskirchlich geprägte Katholiken mit Pfingstlern oder alle miteinander. Und das Schöne ist: Sie erkennen sich in ihrer Verwandtschaft, sie erkennen sich wirklich als Schwestern und Brüder, die sich geeint wissen und im selben Geist unterwegs sind.

Bekehrung zu Ihm und zueinander

Freilich: Solche ökumenischen Familienzusammenführungen an der Basis fordern uns heute neu heraus. Sie lassen uns fragen: Wohin führt uns ernsthafte Bekehrung heute? Jeden von uns? Vor allem frage ich das mich selbst als Verantwortungsträger, aber die Frage richtet sich auch uns alle? Was heißt Bekehrung wirklich für mein und unser Denken und Leben und Glauben, für bestimmte Grundüberzeugungen? Verändert Christus wirklich, wenn er in die Tiefe führt? Ich bin überzeugt, dass es so ist. Und ich frage von dort: Führt uns Bekehrung zu Christus auch zur Bekehrung zueinander? Ja, ich denke schon. Ich denke, sie muss es, sonst wäre sie nicht echt. Sie wird uns nämlich helfen, nicht nur übereinander zu urteilen, sondern auch einander die Füße zu waschen. Und sie wird uns immer mehr helfen, mit einem Blick des Wohlwollens den Reichtum entdecken, der beim Gegenüber schon da ist. Dahin würde unsere Bekehrung führen. Aber ich denke, sie würde uns dann auch in das Wagnis eines authentischeren Profils führen. Vielleicht auch miteinander. Und authentisches Profil hieße beispielsweise ein noch ernsthafterer und nötiger Widerspruch zu manchem, was in unserer Gesellschaft so selbstverständlich nach Beifall verlangt? Ich denke etwa an so zentrale Themen wie den Einsatz für Europa und die Demokratie ebenso wie für konsequenten Lebensschutz; an den Einsatz für die Förderung der Familie wie für einen humanen Umgang mit Menschen auf der Flucht; an den Einsatz für die Bewahrung der Schöpfung wie für die Menschen am Rand der Gesellschaft und anderes mehr. Und müsste uns unsere Bekehrung zu Christus und zueinander nicht auch mehr dazu bewegen, unser oft allzu sehnsüchtiges Eifern um Relevanz im Diskurs der Gesellschaft auf den Prüfstand zu stellen? Und zwar, weil wir an den glauben, dem jede vordergründige Relevanz völlig egal war – wenn er nur den Willen des Vaters erfüllen konnte? Und dem es nach seinem Evangelium zuerst und vor allem um unsere Rettung ging, unser Heil. Geht es uns noch wirklich darum, dass Menschen durch den Dienst unserer Glaubensgemeinschaften zu einem Heil finden, das nur er geben kann? Zu einer Freude, die nur aus dem Evangelium kommt? Und geht es uns darum vor allem anderen Wichtigen, worum es uns sonst auch noch geht?

Das Wort und das Sakrament: Christus

Das Wort Gottes ist nicht nur ein Wort in der Verfügung unserer Gedanken, es will in uns Fleisch und Blut werden. Und das Gebet und die Sakramente sind nicht nur Vollzüge leerer Rituale, sie wollen lebendiges Leben werden. Fleisch und Blut, lebendiges Leben für uns ist Christus selbst. Er will wirklich in uns und unter uns lebendig sein, als Wahrheit und als Liebe, die eint. Und ja, er will, dass sein Leib, seine Kirche geeint ist. Und sie wird eins auf dem Weg unserer Bekehrung, unserer Hinwendung zu Ihm. Und so möchte ich abschließend beten:

Herr Jesus Christus, wir danken dir für das Geschenk unserer heutigen Zusammenkunft auf dem Weg der Ökumene. Wir danken dir, dass wir im vergangenen Jubiläumsjahr so viel gemeinsam erleben und teilen durften. Wir danken dir für die Erfahrung, dass wir über die Konfessionsgrenzen hinweg wirklich Geschwister in Dir sind. Wir bitten Dich: Lass uns weitergehen und nicht müde werden auf diesem Weg. Lass uns geistlich arm werden, bekehre uns immer neu zu Dir hin, damit wir von Dir und voneinander empfangen und lernen und wachsen im Geist. Schenke uns Liebe zu Dir und zueinander und zu ausnahmslos jedem Menschen, besonders zu denen am Rand. Und mache uns miteinander immer mehr zu geeinten Zeuginnen und Zeugen deines Heils, das nur durch Dich in die Welt kommt. Amen

 

 

Kommentieren