Wie wird man zur Karikatur seiner selbst? Durch falsche Anbetung!

In Predigten von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Predigt zum Fronleichnamsfest 2018

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

Karikaturzeichnungen von Menschen zeichnen sich dadurch aus, dass sie bestimmte Eigenschaften oder Merkmale besonders herausheben, überzeichnen. Und gute Karikaturisten schaffen es auch, Charaktereigenschaften besonders hervorzuheben. Und ich möchte Sie jetzt einladen, sich gewissermaßen Karikaturen von Menschen vorzustellen. Stellen Sie sich also beispielsweise die Karikatur von einem älteren Mann vor, dem es in seinem Leben vor allem anderen um Macht über andere gegangen ist und geht, und vielleicht auch noch darum, mit seiner Macht sagen wir Frauen sexuell auszunutzen. Wir haben ja eine aktuelle Debatte darum. Meine Beobachtung dazu wäre: Ist es nicht oft so (nicht immer aber oftmals), dass man so einem Menschen diese Form von beständiger Macht und Gier und Gier nach Macht und mehr, dass man ihm das irgendwann sogar äußerlich ansieht? An den Augen, am Blick, an den Gesichtszügen, am ganzen Verhalten? Und hätte nicht ein guter Karikaturist ein leichtes Spiel, diesen Charakterzug irgendwie hervorzuheben, so dass sofort klar wäre, was gemeint ist?

Werden Menschen selbst zur Karikatur?

Vielleicht noch eine zweite Vorstellung, die sich wohl noch leichter realisieren ließe, weil sie noch äußerlicher darstellbar ist: Stellen Sie sich eine ältere Frau vor, deren Hauptlebensinhalt immer war, besonders gut auszusehen, besonders schön zu sein, nach außen – und dem alles andere nachgeordnet war. Und deren Hauptlebensinhalt sich auch mit sagen wir 75 noch nicht gewandelt hat – mit dem Effekt, dass der Aufwand zur Herstellung des guten Aussehens immer größer wird. Auch so etwas können wir uns gut vorstellen – und kennen das Phänomen vielleicht auch aus unserer eigenen Umgebung. Und auch an sowas hätte ein guter Karikaturist seine Freude. Warum? Vermutlich weil so ein massiver Fokus eines Menschen tatsächlich auch dazu beiträgt, dass dieser sich auch nach außen zeigt. Aber nun eben so, dass der Mensch dadurch nicht schöner wird, sondern eigentlich hässlicher, vor allem innerlich hässlicher. Ist es nicht so, dass Menschen mit einem solchen permanenten Fokus allmählich selbst zu ihrer eigenen Karikatur werden? So offensichtlich, so berechenbar – und doch irgendwie auch so merkwürdig, weil letztlich so wenig menschlich im guten Sinn?

Was beherrscht mein Inneres?

Woran liegt das? Wieso zeigen sich solche inneren Entscheidungen, Lebenshaltungen, Lebensinhalte oft so deutlich? Nun, die Antwort unseres christlichen Verständnisses vom Menschen heißt: Weil die Menschenseele so gebaut ist, dass im Grunde jeder etwas hat, was ihm gerade am wichtigsten ist. Manchmal ändern sich die Dinge, manchmal bleiben sie über Jahre oder Jahrzehnte gleich. Aber tatsächlich ist es so, dass das, was einem am wichtigsten ist, natürlich genau deshalb am allermeisten Einfluss auf das eigene Leben hat. Mein wichtigster Wert bekommt Herrschaft über mein Leben. Und wenn es etwas ist, was dem Menschen nicht angemessen ist, und wenn es das auf Dauer bleibt, wird der Mensch davon so beherrscht, dass er am Ende nicht mehr der Herr, sondern der Sklave dieses Antriebs oder Wertes ist. Und als beständiger Sklave eines solchen inneren Antriebs wird man auf Dauer tatsächlich zur bloßen Karikatur seiner selbst.

Zeit mir was Du anbetest – und ich verstehe, wer Du bist?

Warum? Weil wir etwas für so wertvoll, für so einen zentralen Wert halten, dass wir es gewissermaßen anbeten, obwohl ihm keine Anbetung gebührt. Man kann sagen: Zeig mir, was Du anbetest – und ich verstehe dadurch am besten, wer Du bist! Aber was sind dann eigentlich Werte, liebe Schwestern und Brüder? Wir führen sie in den politischen und gesellschaftlichen Debatten fortwährend im Mund. Wir brauchen Werte, sagen unsere Politiker oft! Aber die entscheidende Frage liegt doch tiefer, es ist doch nicht einfach die Frage nach Werten, sondern die Frage ist: Woher kommt das, was wir für wertvoll halten? Entspringt es nicht allzu oft auch unserem eigenen Ehrgeiz, unserem eigenen Egoismus oder unserem Gruppenegoismus?  Erklären wir etwas für einen Wert, damit wir ihm umso ungehemmter frönen können? Nehmen wir das Beispiel Geld: Wir erklären Sparsamkeit zu einem Wert – und rechtfertigen damit vielleicht hintergründig doch nur den eigenen Geiz oder die eigene Anhäufung von Reichtum. Oder wir erklären Leistungsbereitschaft zum großen Wert – und rechtfertigen damit womöglich nur unseren rücksichtslosen Ehrgeiz und unser Machtstreben. Oder wir erklären Vaterlandsliebe zu einem Wert – und rechtfertigen damit Fremdenfeindlichkeit. Sind Werte also letztlich doch nur Ergebnisse von Wertungen, die wir selbst vornehmen, weil sie uns gerade passen? Oder brauchen wir nicht vielmehr Werte, die uns vorausliegen, die schon wichtig waren, bevor es uns gab und unsere Gesellschaft; und Werte, die verhindern oder korrigieren, dass von uns erzeugte Wertungen nur egoistisch wären; Werte, die nochmal dazu beitragen, dass also Sparsamkeit oder Leistungsbereitschaft oder Vaterlandsliebe nicht einfach missbraucht werden können, sondern echt wertvoll werden? Gibt es also Werte, die universal sind, urmenschlich? Auch Werte, die verhindern, dass wir bloß Karikaturen unserer selbst werden, weil sie nicht nur unserem eigenen Wunschdenken entspringen? Und weil sie uns als Menschen gemäß sind, weil sie uns entsprechen.

Der Ursprung aller Werte

Als Christ sage ich: Natürlich gibt es das, aber diese Werte können wir für mich erst dann wirklich relevant werden, wenn wir ins Zentrum unserer Anbetung nicht einen abstrakten Wert stellen, auch nicht unser eigenes Ego und auch nicht etwas in dieser Welt, auch nicht eine menschliche Person, sondern einen, der die Quelle von allem ist, was wertvoll ist. Als Christen glauben wir, dass in Jesus Gott selbst unter uns war und ist. In völliger Freiheit, Wahrhaftigkeit und Liebe für uns, gestorben für uns, auferstanden für uns. Wer Christus wahrhaftig anbetet, weil er Ihn liebt, der betet den einzig möglichen Ursprung an, der mich nicht zum Sklaven meines Egos macht, sondern freier, wahrhaftiger und liebesfähiger als ich aus eigenen Kräften sein könnte. Alles, was im Leben wirklich bleibend wertvoll ist, so glauben wir, ist in Ihm. Tut dies zu meinem Gedächtnis, hat er uns aufgetragen: Nährt Euch von mir, von meiner Gegenwart, von meiner Liebe, von meiner Wahrheit und Freiheit. Dann werdet Ihr niemals Karikaturen, sondern immer tiefer Ihr selbst.

Der Einzige, dem Anbetung gebührt

Liebe Schwestern und Brüder, wir ziehen heute mit dem Allerheiligsten durch die Straßen unserer wunderbaren Stadt. Wir geben damit selbst ein Zeichen und ein Bekenntnis. Es ist kein Bekenntnis der Verneinung der Welt, in der es so vieles Schönes und Gutes gibt, vor allem auch hier bei uns in Passau. Es ist aber ein Bekenntnis dafür, dass ich nichts in dieser Welt anbeten darf, nichts so wichtig nehmen darf, dass es mich versklaven könnte. Es ist ein Bekenntnis zu dem, der mitten in alledem, der höchste Wert schlechthin ist, der Einzige, dem Anbetung gebührt. Und überall, wo wir in diese innere Haltung hineinfinden, wo Er selbst der höchste Wert für mich ist, dort geraten alle anderen schönen und wertvollen Dinge an den rechten Platz in unserem Leben. In mir und unter uns allen. Das erhoffen wir und dafür beten wir heute hier und auf unseren Straßen, und dafür geben wir Ihm, unserem Herrn, alle Ehre. Amen.

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