Eine Vision von Kirche – Bischof Dr. Stefan Oster SDB anlässlich seines 50. Geburtstages

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

50 ist die Zahl von Pfingsten: 50 Tage nach Ostern, 10 Tage nach der Himmelfahrt Jesu begehen wir einen Geburtstag der Kirche in der Kraft des Heiligen Geistes. Jesus ist am Tag nach dem Sabbat auferstanden, am Sonntag. Die Kirche hat gesagt, wenn der Sabbat der siebte Tag ist, der Tag an dem Gott sein Schöpfungswerk vollendet hat, dann ist der Sonntag gewissermaßen der 8. Tag. In der Auferstehung Jesu ist die neue, die wiederhergestellte Schöpfung sichtbar geworden, die neue Schöpfung, an der wir alle Anteil bekommen sollen. Und wir bekommen sie in der pfingstlichen Kirche, die symbolträchtig auch im achten Tag lebt. Denn fünfzig ist sieben mal sieben plus eins, also plus den Übergang in den achten Tag. Dieser achte Tag dauert bis zur Wiederkunft des Herrn. Wir leben in der pfingstlichen Kirche meine Lieben und daher möchte ich Euch und Ihnen an meinem Fünfziger ein tiefes Herzensanliegen als Bischof vermitteln. Einen Traum von der Zukunft der Kirche.

Viele Menschen und Medien hatten während und nach meiner so intensiv und euphorisch gefeierten Ernennung und Bischofsweihe im vergangenen Jahr hohe Erwartungen an mich. Und nicht wenige hatten wohl auch die Erwartung, endlich würde da ein Jüngerer diejenigen Themen anpacken, die von vielen Menschen und Medien immer neu als so genannte Reformanliegen geäußert werden. Und bei denen, die diese Erwartung hatten, wird nun häufig auch Enttäuschung artikuliert. Wenn diese Enttäuschung wohlwollend kommentiert wird, dann sagen sie zum Beispiel sowas über mich: „Er wirkt irgendwie nett, aber ein Reformer ist er nicht.“ Diese öffentlich angemahnten Reformthemen haben im Kern sehr häufig direkt oder indirekt in mit der Forderung nach Liberalisierung der Sexualmoral zu tun. Und ja, ich bin der Ansicht, dass die Kirche von dem, was sie von Gott empfangen hat, hier nur wenig Spielraum hat. Auch das habe ich oft genug öffentlich gesagt und auch begründet. Mich hat aber nun diese Zeile „ein Reformer ist er nicht“, wie ich sie über mich in mehreren Zeitungen lesen konnte, heute morgen beim Gebet sehr bewegt. Ich habe mich gefragt, was eigentlich Reform in der Kirche bedeutet und möchte Ihnen das kurz in einigen wenigen Punkten sagen – und ich formuliere es als eine von Herzen kommende Vision für unsere Kirche.

Ich träume von einer Kirche, in der die Menschen von neuem Jesus entdecken. Wirklich Jesus, unverstellt, aus dem schlichten Evangelium, so wie es zum Beispiel Franz von Assisi, wie es Don Bosco, wie es Therese von Lisieux gelesen, verstanden und gelebt haben. Sie haben mit Hilfe der Schrift Jesus im Herzen erkannt, direkt, und immer unmittelbarer, in seiner unfassbaren Majestät und Würde und Liebe und Hingabe und Schönheit und Güte. Ich träume von einer Kirche, in der die Menschen ernst nehmen, dass dieser Jesus in der Kraft seines Geistes gegenwärtig ist und eine persönliche Beziehung mit ihnen leben möchte. Ich träume von einer Kirche, in der andere spüren, dass wir Jesus persönlich kennen, in der wir uns als leidenschaftliche Jesus-Freunde immer neu mit vollem Herzen erzählen, wer er für uns ist und wie er ist und vor allem: wie er unser Leben verwandelt hat.

Ich träume von Menschen in der Kirche, denen die Sehnsucht Gottes nach unserer Heiligkeit nicht egal ist; die sich aufmachen und nach dem Himmel streben. Ich träume von Menschen der Kirche, die wissen, dass Heiligkeit nicht zuerst von ihnen selbst und ihrer Anstrengung kommt, sondern von der Gegenwart Gottes in ihrem Herzen, den sie leidenschaftlich lieben. Ich träume von Menschen, die neu verstehen lernen, was Reinheit des Herzens heißt, auch im Blick auf unser Beziehungsleben und die menschliche Sexualität, diese wunderbare Gabe Gottes.

Ich träume von Menschen in der Kirche, die erahnen, die glauben, die im Herzen wissen, was für ein unfassbares Mysterium auch die Kirche ist, die er uns geschenkt hat. Von Menschen, die die Kirche wirklich als Geheimnis Gottes, als Wohnort Gottes erspüren; als Wohnort, der sein schlagendes Herz in Maria hat, diesem einzigartigen Wohnort Gottes in der Welt. Ich träume davon, dass gläubige Menschen immer tiefer spüren, wie sehr diese Helferin der Christen als Urgestalt von Kirche wichtig ist für uns, damit wir immer näher in Gottes Gegenwart finden.

Ich träume deshalb von einer Kirche, die wie Maria voll seines Geistes ist; in der die Worte, die ihre Kinder im Gebet sagen, nicht nur Lippenbekenntnisse sind, sondern lebensvolles, ehrliches Ernstnehmen Gottes und seiner wunderbaren Gegenwart. Ich träume von einer Kirche, in der wir uns aus vollem Herzen umeinander sorgen und in besonderer Weise um die, die vom Leben benachteiligt oder verwundet oder verletzt wurden, und zwar egal ob sie zu uns gehören oder nicht. Wer weiß das schon. Als Menschenkinder gehören wir alle zusammen. Aber ich träume auch von Menschen in der Kirche, die spüren, dass es die reale Möglichkeit gibt, verlorenzugehen und die deshalb nicht aufhören andere Menschen hineinzulieben in die Kirche unseres Herrn, in unsere Mutter.

Ich träume von einer jungen Kirche, in der viele Jugendliche voll Freude wissen, zu welchem König sie gehören. Ich träume von einer jungen Kirche, in der auch die Alten ein junges, gottvolles Herz haben. Ich träume von einer Kirche, in der wieder ein Gespür dafür wächst, was für ein unfassbares Geschenk die Taufe ist, die Eucharistie und jedes Sakrament. Ich träume von einer Kirche, in der die Menschen immer wieder aus der Umkehr, aus der Vergebung leben, weil sie ahnen, dass sie berufen sind, in der Gegenwart des heiligen Gottes zu leben. Ich träume von einer Kirche, in der Menschen wieder bereit sind, mit dem Herrn ihr Kreuz zu tragen und wenn nötig, auch ihr Leben für ihn zu geben.

Meine Lieben, Reform in der Kirche – wir können in Geschichte und Gegenwart hinsehen, wohin wir wollen – wirkliche Reform in der Kirche war nie, niemals einfach nur ein Aufweichen von Regeln, damit sich der Glaube endlich einer Welt anpasst, die immer glaubensloser wird (vgl. Mt 5,17-18). Wirkliche Reform der Kirche lebt immer von Vertiefung, von Rückkehr an die lebendigen Wurzeln, also von recht verstandener Radikalität. Niemals auch kommt Reform von Fanatismus oder Borniertheit; aber immer von größerer Heiligkeit, die wirklich aus Gott kommt, der unser Herz brennen macht.

Liebe Schwestern und Brüder, wenn ich in meinem eigenen, 50jährigen Leben zurückschaue, dann kann ich von Herzen gerne ein Zeugnis davon geben, wie Gott wirkt, was er wirkt. Denn die wirklich großen Dinge, die wirkt er vor allem in uns, in unserer Seele. Und ich weiß mit großem Bedauern, dass ich für Ihn noch hätte viel fruchtbarer sein können, wenn ich ihm in meiner eigennützigen und trotzigen Natur weniger Widerstand entgegengesetzt hätte und immer noch und immer wieder entgegensetze. Aber ich will an diesem 50. Geburtstag dennoch von Herzen seine Großtaten bezeugen, Ihm von ganzem Herzen Dank sagen und versprechen, so gut es geht, meinen Beitrag zu leisten für die Reform der Kirche von Passau; ein Beitrag, der bewirken möge, dass wir als Gläubige in dieser Kirche niemals aufhören mögen, sein Lob zu singen und mit unserem ganzen Leben ein Zeugnis seiner Gegenwart für die Welt zu werden. Amen.

Bild: Pressestelle Bistum Passau