Ein kurzer Gedanke heute morgen, weil immer wieder angemahnt wird, dass es doch um Liebe und nicht einfach ums Dogma gehe, und dass die Berufung auf das Dogma oft als unmenschlich, gar unchristlich wahrgenommen wird: Ja, es geht um Liebe. Aber ich bin überzeugt, dass dieses Wort das am meisten missverstandene Wort im Blick auf die Bibel und den Glauben ist. Gott will uns nicht einfach zu dem befähigen, was jeder Mensch ohnehin für Liebe hält, er will uns zu einer Liebe befähigen, die der Seinen ähnlich ist (Joh 15,12); mehr noch, er will, dass wir in seinem Geist lieben. Es geht letztlich um das Lernen einer Liebe, die hintergründig frei ist von Formen des Egoismus und der Besitzergreifung. Und das christliche Menschenbild geht davon aus, dass sie bei allen von uns nicht einfach heil oder frei davon ist. Wir brauchen alle (!) Erlösung von dem, was wir zwar Liebe nennen, was aber doch subtil eine Gestalt des Egoismus oder des Besitzanspruchs auf den anderen ist. Diese freigebende Liebe, diese Liebe umsonst meint das Neue Testament, sie heißt Agape. Und sie hängt in ihrer radikalen, göttlichen Gestalt sichtbar am Kreuz. Sie ist der wesentlichste Inhalt der Offenbarung – in der Gestalt der Person Jesu. Sie ist neu und aus allen Formen von Liebe, die es auch in dieser Welt gibt, nicht einfach ableitbar und schon gar nicht von uns machbar. Sie hat sich uns in Jesus geschenkt, damit wir darin neu werden, frei werden, froh werden, aber auch fähig, das Kreuz zu tragen. Und sie ist für uns im tieferen Erkennen und mehr noch im Einüben als Praxis- und Lebensform tatsächlich eine Lebensaufgabe, die an kein Ende kommt. Aber in der Diskussion, die wir hier führen, scheint dieser zentrale Inhalt unseres Glaubens im Grunde gar nicht mehr Thema zu sein. Jeder scheint zu wissen, was Liebe ist. Meine Perspektive: Ich brauche das Kreuz Jesu, seine Auferstehung und seinen Geist, um mich diesem Mysterium nähern zu können. Und ich tu es bisweilen nicht ohne Erschrecken – wenn ich vom Kreuz her auf meine eigene gebrochene Natur und Liebesfähigkeit blicke. Aber, Frage an die Christen unter uns: Glauben wir denn noch, dass uns Christus in unsrer Liebesfähigkeit wirklich neu machen will und kann? Und dass uns sein Geist schon in dieser Welt so bewegen kann, dass wir in dieser Fähigkeit, zu lieben wie er, wirklich real wachsen und in der Erkenntnis dieses Mysteriums wirklich tiefer werden können? Und glauben wir, dass diese Befähigung wirklich über die bloße Natur hinaus, also übernatürlich, von ihm her kommt? Wenn nicht, bleiben wir im bloß gesellschaftlich oder soziologisch fassbaren oder bloß natürlichen Bereich. Und von dort kann ich jeden einzelnen Post verstehen, der mir vorhält, ich würde mit meiner Position diejenigen missachten, die außerhalb einer Ehe ihre Sexualität leben wollen, weil sie sich doch lieben. Das will und tu ich nicht, sondern respektiere es. Aber der Glaube fügt dieser Debatte eben die entscheidend andere Dimension hinzu, die oft wenig gesehen wird. Denn christlich gesprochen: Gott weiß, dass wir gerade auch in unserer Sexualität nicht einfach nur heil sind, sondern ebenfalls erlösungsbedürftig. Denn Sexualität ist ja im Grunde eine der tiefsten Möglichkeiten, ganzheitlich (!), personal dem Anderen sein Sich-Verschenken in der Liebe zu zeigen. Aber sie ist in ihrer Gebrochenheit zugleich auch geeignet, zum Beispiel nur den Lustteil zur Befriedigung auszuleben und damit abzuspalten. Daher: wenn es Gott um den ganzen Menschen geht, dann ist auch die Ehe im gelingenden Fall Ausdruck dieses "Ganzen" und zugleich sein Schutz: Der Mensch ist in ihr ganz (!) offen auf den Partner, er verschließt dabei auch nicht seine Zeugungsfähigkeit und ist damit ganz (!) offen auf Nachkommenschaft und er ist es auf das ganze (!) Leben. Die Ehe ist also ein Weg, der deutlich macht und üben hilft, dass in der Liebe, die Gott meint, der ganze Mensch ganz herausgefordert ist. Und diesen Weg segnet er, wenn sich zwei Menschen in Freiheit darauf einlassen. Und wenn nun der Einwand kommen sollte, dass das dann aber dem Zölibat widersprechen würde: Der Zölibatäre müht sich um ein Leben, in dem er ganz (!) und zuerst (!) auf Gott bezogen leben übt, um von dieser Beziehung her auch neu den anderen Menschen dienen zu können, ihn lieben zu können, ohne Formen einer ausschließlichen Bezogenheit auf nur einen. Vielleicht klärt das ja wenigstens für den einen oder anderen, dass wir nicht immer vom selben sprechen, wenn wir von "Liebe" reden.

Liebe und Dogma

Ein kurzer Gedanke heute morgen, weil immer wieder angemahnt wird, dass es doch um Liebe und nicht einfach ums Dogma gehe, und dass die Berufung auf das Dogma oft als unmenschlich, gar unchristlich wahrgenommen wird:

Ja, es geht um Liebe. Aber ich bin überzeugt, dass dieses Wort das am meisten missverstandene Wort im Blick auf die Bibel und den Glauben ist. Gott will uns nicht einfach zu dem befähigen, was jeder Mensch ohnehin für Liebe hält, er will uns zu einer Liebe befähigen, die der Seinen ähnlich ist (Joh 15,12); mehr noch, er will, dass wir in seinem Geist lieben. Es geht letztlich um das Lernen einer Liebe, die hintergründig frei ist von Formen des Egoismus und der Besitzergreifung. Und das christliche Menschenbild geht davon aus, dass sie bei allen von uns nicht einfach heil oder frei davon ist. Wir brauchen alle (!) Erlösung von dem, was wir zwar Liebe nennen, was aber doch subtil eine Gestalt des Egoismus oder des Besitzanspruchs auf den anderen ist. Diese freigebende Liebe, diese Liebe umsonst meint das Neue Testament, sie heißt Agape. Und sie hängt in ihrer radikalen, göttlichen Gestalt sichtbar am Kreuz. Sie ist der wesentlichste Inhalt der Offenbarung – in der Gestalt der Person Jesu. Sie ist neu und aus allen Formen von Liebe, die es auch in dieser Welt gibt, nicht einfach ableitbar und schon gar nicht von uns machbar. Sie hat sich uns in Jesus geschenkt, damit wir darin neu werden, frei werden, froh werden, aber auch fähig, das Kreuz zu tragen. Und sie ist für uns im tieferen Erkennen und mehr noch im Einüben als Praxis- und Lebensform tatsächlich eine Lebensaufgabe, die an kein Ende kommt.

Aber in der Diskussion, die wir hier führen, scheint dieser zentrale Inhalt unseres Glaubens im Grunde gar nicht mehr Thema zu sein. Jeder scheint zu wissen, was Liebe ist. Meine Perspektive: Ich brauche das Kreuz Jesu, seine Auferstehung und seinen Geist, um mich diesem Mysterium nähern zu können. Und ich tu es bisweilen nicht ohne Erschrecken – wenn ich vom Kreuz her auf meine eigene gebrochene Natur und Liebesfähigkeit blicke. Aber, Frage an die Christen unter uns: Glauben wir denn noch, dass uns Christus in unsrer Liebesfähigkeit wirklich neu machen will und kann? Und dass uns sein Geist schon in dieser Welt so bewegen kann, dass wir in dieser Fähigkeit, zu lieben wie er, wirklich real wachsen und in der Erkenntnis dieses Mysteriums wirklich tiefer werden können? Und glauben wir, dass diese Befähigung wirklich über die bloße Natur hinaus, also übernatürlich, von ihm her kommt? Wenn nicht, bleiben wir im bloß gesellschaftlich oder soziologisch fassbaren oder bloß natürlichen Bereich. Und von dort kann ich jeden einzelnen Post verstehen, der mir vorhält, ich würde mit meiner Position diejenigen missachten, die außerhalb einer Ehe ihre Sexualität leben wollen, weil sie sich doch lieben. Das will und tu ich nicht, sondern respektiere es. Aber der Glaube fügt dieser Debatte eben die entscheidend andere Dimension hinzu, die oft wenig gesehen wird.

Denn christlich gesprochen: Gott weiß, dass wir gerade auch in unserer Sexualität nicht einfach nur heil sind, sondern ebenfalls erlösungsbedürftig. Denn Sexualität ist ja im Grunde eine der tiefsten Möglichkeiten, ganzheitlich (!), personal dem Anderen sein Sich-Verschenken in der Liebe zu zeigen. Aber sie ist in ihrer Gebrochenheit zugleich auch geeignet, zum Beispiel nur den Lustteil zur Befriedigung auszuleben und damit abzuspalten.

Daher: wenn es Gott um den ganzen Menschen geht, dann ist auch die Ehe im gelingenden Fall Ausdruck dieses „Ganzen“ und zugleich sein Schutz: Der Mensch ist in ihr ganz (!) offen auf den Partner, er verschließt dabei auch nicht seine Zeugungsfähigkeit und ist damit ganz (!) offen auf Nachkommenschaft und er ist es auf das ganze (!) Leben. Die Ehe ist also ein Weg, der deutlich macht und üben hilft, dass in der Liebe, die Gott meint, der ganze Mensch ganz herausgefordert ist. Und diesen Weg segnet er, wenn sich zwei Menschen in Freiheit darauf einlassen.

Und wenn nun der Einwand kommen sollte, dass das dann aber dem Zölibat widersprechen würde: Der Zölibatäre müht sich um ein Leben, in dem er ganz (!) und zuerst (!) auf Gott bezogen leben übt, um von dieser Beziehung her auch neu den anderen Menschen dienen zu können, ihn lieben zu können, ohne Formen einer ausschließlichen Bezogenheit auf nur einen.

Vielleicht klärt das ja wenigstens für den einen oder anderen, dass wir nicht immer vom selben sprechen, wenn wir von „Liebe“ reden.