Was ist wirklich? Fernsehen oder der Garten des neuen Lebens?

In Predigten von Bischof Stefan Oster SDBkommentieren

Predigt am Ostersonntag 2020 aus der Andreaskapelle am Passauer Dom

Liebe österliche Festgemeinde,

das ist ein so eigenartiges, aber auch so schönes Evangelium, das wir gehört haben. Maria von Magdala rahmt es ein, sie ist zuerst am Grab, findet den Stein weggenommen. Dann holt sie Petrus und Johannes, die hinlaufen und hineingehen und die Sache rätselhaft leer, aber doch geordnet vorfinden. Von Johannes heißt es, er sah und glaubte, obwohl beide, wie der Text sagt, noch nicht aus der Schrift verstanden hatten, dass er auferstehen müsse. Die beiden Jünger gehen wieder heim, Maria aber bleibt stehen, vor dem Grab. Sie traut sich offenbar gar nicht, hineinzugehen – wie es die Jünger taten. Aber immerhin, sie beugt sich hinein und sieht nun die zwei Engel sitzen, einen dort, wo der Kopf, den anderen dort, wo die Füße Jesu gelegen hatten. Warum sieht sie mehr als die Jünger? Warum dringt sie in die Wirklichkeit der geistlichen Welt vor und kann die Engel in ihren weißen Gewändern sehen?  Vermutlich weil sie mehr Sehnsucht hat und den mehr liebt, den sie sucht. Liebe sieht mehr. Liebe und Sehnsucht öffnen uns für Offenbarung, für die Offenbarung einer tieferen Wirklichkeit. Und Maria von Magdala tritt ein in diese Wirklichkeit, von der sie schon im Herzen berührt ist. Petrus und Johannes sind offenbar noch nicht ganz so weit.

Was ist wirklich?

Wir sehen also, es gibt unterschiedliche Weisen, sich auf das einzulassen, was wirklich ist – und was wir für wirklich halten. Schauen wir uns diese heutige österliche Feier an. Wie wirklich ist uns das, was wir hier feiern? Ist es nur eine Art liturgisches Theater, ein feierliches Spiel, das wir aufziehen. Und sind unsere Mitfeiernden an den Bildschirmen draußen doch nur Zuschauer in diesem Geschehen – Zuschauer in einem Fernsehspiel? Sie treten hinzu und sehen mit äußeren Augen, was sich hier in der Andreaskapelle abspielt. Wir haben hier ja auch Fernsehleute, die sehr professionell und sehr schön die Bilder zu Ihnen bringen. Und ich habe mich all die Tage gefragt, was filmen sie da eigentlich aus Ihrer eigenen Perspektive? Hat es für sie Bedeutung? Oder machen sie es vor allem als Berufstätige, die ihre Arbeit machen und filmen etwas vor allem als Service für Zuschauer und aus dem Wunsch, schöne Bilder für Zuschauer zu produzieren, die unterhalten werden wollen? Und ich habe mich auch selbst gefragt und auch ermahnt: Feiere ich hier Gottesdienst so, damit er besonders gut rüberkommt, wie man sagt. Feiere ich also fürs Fernsehen, zusammen mit unserem liturgischen Dienst und unserer wunderbaren Kirchenmusik? Die Versuchung ist zumindest groß, dass wir uns davon bestimmen lassen, dass auch wir zuerst so etwas wie Unterhaltung bieten wollen, für Sie draußen an den Bildschirmen. Und Fernsehunterhaltung ist dann zwar doch oft ganz nett, aber sie hat eben oft auch etwas Unwirkliches, Belangloses. Immer öfter läuft der Fernseher in unseren Haushalten ja nebenbei – und man ist noch mit anderen Dingen beschäftigt, denen wir auch noch Beachtung schenken wollen. In der Kirche jedenfalls macht man meist sein Handy aus? Aber zuhause auf dem Sofa auch? Ich täte mich wahrscheinlich auch nicht leicht damit. Und dabei wollen wir ja, dass Sie an den Bildschirmen hinüberwechseln können in eine Haltung, die die reine Konsumentenhaltung verlässt. Ich wünsche mir mitfeiernde Glaubensgemeinschaft und nicht nur Fernsehzuschauer, die sich unterhalten lassen, wie wir es sonst am Bildschirm gewohnt sind. Daher frage ich noch einmal: Wir wirklich ist also für uns alle das, was wir hier feiern?

Herzenshaltung und geistliche Kommunion

Immer wieder kommen wir bei der Suche nach Antworten auf diese Frage auf die Herzenshaltung, auf die innere Offenheit. Will ich etwas verstehen vom Evangelium der Auferstehung. Will ich es so hören, dass auch ich gemeint bin. Und glaube ich, dass ich dadurch neu sehen lernen kann, neu glauben lernen kann? Glaube ich, dass ich mich stärken lassen kann, vom Segen, der von hier ausgehen soll. Oder von der Kommunion, die ich auch geistlich empfangen kann! Geistlich meint: Dann, wenn hier Kommunion ausgeteilt würde, kann ich mich innerlich ausstrecken auf den Auferstandenen hin, kann mich im Gebet an ihn wenden, kann ihn bitten, mir nahe zu sein mit seiner Gegenwart. All das ist möglich und gut, liebe Schwestern und Brüder, aber es ist dennoch nicht so leicht. Virtuell und technisch dabei sein ist eben doch nicht leibhaftig dabei sein. Es ist ein Ersatz, kein schlechter und kein schlecht gemachter Ersatz, aber dennoch Ersatz. Die konkrete, lebendige Gemeinschaft der Glaubenden, versammelt in einem Ostergottesdienst, macht es uns allen leichter, sich hineinnehmen zu lassen in die Wirklichkeit, die wir hier feiern, nämlich in die Wirklichkeit der erneuerten Welt und der Gegenwart des Auferstandenen.

Im Garten des neuen Lebens

Die für mich schönste Auferstehungsszene überhaupt folgt im heutigen Evangelium als Maria sich vom Grab weg- und umwendet. Sie sieht Jesus dastehen und erkennt ihn nicht. Sie denkt es ist der Gärtner. Man hatte den Herrn ja in einem Garten, in einem neuen Grab beigesetzt. Der Evangelist spielt mit dieser Bemerkung ziemlich sicher auf den Garten des Paradieses an – und dass mit der Auferstehung Jesu der Eintritt des Menschen in diesen Garten wieder möglich ist. Und dass der Wiedereintritt dort beginnt, wo wir dem Auferstandenen wirklich begegnen, weil dort durch die Begegnung mit Ihm das neue Leben in uns beginnen kann. Der Evangelist schildert diese Begegnung nun zwischen Jesus und Maria stufenweise. Irgendwie sieht sie schon mit ihrer Sehnsucht und sieht doch noch nicht richtig. Irgendwie scheint sie auch die Engel im Grab noch als Teil ihrer gewohnten Wirklichkeit zu sehen, jedenfalls gibt es darum kein großes Aufsehen, sie wendet sich nach dem kurzen Dialog mit den Engeln auch gleich wieder ab und um – mit ihrer Frage: Wo hat man Jesus hingelegt? Vielleicht weiß es ja, dieser Gärtner, den sie da stehen sieht – und der sie fragt: Frau, warum weinst Du, wen suchst Du? Sie scheint ihn mit ihrer Frage gar nicht wirklich zu beachten, so sehr ist sie eingenommen von ihrer eigenen Erklärung: Man hat ihn weggenommen – und ich muss ihn suchen. Und in diesem Augenblick ereignet sich das Wunderbare. Er spricht sie namentlich an: Maria! Jetzt erst wendet sie sich noch einmal um, diesmal offenbar wirklich ernst gemeint. Sie erkennt ihn und ruft Rabbuni! Mein Meister!  Und man spürt fast, wie sie ruft: Endlich bist Du wieder da, endlich hab ich Dich wieder. Und irgendwie ist sie mit dem Herzen noch mehr in ihrer eigenen greifbaren Wirklichkeit, sie will anknüpfen an die vorherige Beziehung, will ihn womöglich festhalten – und er sagt deshalb: Halt mich nicht fest! Er geht hinauf zum Vater – und er sagt: Zu meinem Vater und zu eurem Vater. Durch diesen Tod und die Auferstehung ermöglicht er, dass der Vater im Himmel auch wieder unser Vater wird. Er geht zum Vater – er bereitet uns die Wohnung dort vor, wie er zuvor im Evangelium gesagt hatte. Er will, dass wir bei ihm und beim Vater wohnen. Er öffnet den Weg zum Paradies.

Er ruft uns beim Namen

Und Maria hat ihn genau da erkannt, als er unverwechselbar ihren Namen gesagt hat. Hier beginnt ihr neues Leben. Sie realisiert mit ihrem sehnsüchtigen Herzen: Ich bin gemeint. Er kennt mich wirklich, er liebt mich wirklich. Liebe Schwestern, liebe Brüder, vielleicht gehen Sie in diesen österlichen Tagen einmal in die Stille, ins Schweigen, vor eine Ikone oder ein Kreuz, oder vor den Tabernakel in einer Kirche. Werden Sie still und vergegenwärtigen Sie sich, wie Jesus Sie ansieht, wie er voller Liebe da ist und auf Sie schaut. Und wie er dann Ihren Namen sagt. Sie alle wissen ja, ein Liebender sagt Ihren Namen völlig anders als zum Beispiel der Mann im Einwohneramt, der einfach nur Ihren Namen ruft, wenn Sie dran sind. Wie würde Jesus Ihren Namen sagen? Und wie ließen Sie sich davon berühren?

Man muss es weitertragen

Wie reagiert Maria von Magdala? Die Erfahrung, dass Jesus sie meint, dass er mit ihr ist, führt nicht dazu, dass Sie alles für sich behält. Nein, ab diesem Moment wird eine Bewegung in der alten Welt losgetreten, die diese Welt aus den Angeln heben wird. Die Jesus-Bewegung, die die an den Christus, den Gesalbten glauben, den Christus. Maria muss es einfach weitertragen. Sie wird die Apostelin der Apostel. Und auch die anderen werden noch dem Herrn begegnen, auch die Jünger, denen Maria sogleich berichtet hat. Und in alledem ist gesagt: Ein Glaubender, der sich von der Wirklichkeit des Auferstandenen berühren lässt, der zu ahnen beginnt, dass diese Wirklichkeit größer und reicher ist als alles, was er sonst für Wirklichkeit hält, so ein Glaubender will auch mit anderen teilen, was er erfahren hat. So ein Glaubender will auch kleiner werden, damit Jesus groß sei. Und er will, dass Jesus groß sei und lebendig wird in anderen Menschen, in allen Menschen. Vor allem aber auch in denen, die vom Leben wenig privilegiert worden sind.

Liebe Schwestern und Brüder, von Herzen wünsche ich Ihnen, dass Sie sich anrühren lassen von der Wirklichkeit, die wir hier feiern, von dem neuen Leben, das Jesus in das Leben von uns allen bringt – und dass Sie so voller Freude und Dankbarkeit Ostern feiern können und selbst Osterbotschafter werden für andere. Weil er lebt und liebt, in uns und in der ganzen Welt. Halleluja.

Kommentieren